Projektseite   Bibliothek Alles Briefe © Heinrich Bullinger-Stiftung
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Inhalt Band 1
1 Bullinger an Werner Steiner, Kappel, 24. Juni 1524 45
2 [Bullinger] an Rudolf Weingartner, Kappel, 15. Oktober 1524 47
3 [Bullinger] an Wolfgang Joner und Peter Simler, Kappel, [Oktober /November?] 1524 53
4 Leo Jud an Bullinger, Zürich, 15. November 1524 55
5 Bullinger an Marx Rosen, Kappel, 5. Februar 1525 57
6 Leo Jud an Bullinger, Zürich, 2. März 1525 67
7 [Bullinger] an [Bartholomäus Stocker]bzw. Leo Jud, [Kappel], 17. April 1525 71
8 Leo Jud an Bullinger, Zürich, 20. April 1525 75
9 Leo Jud an Bullinger, Zürich, 6. Juli 1525 77
10 Bullinger an Wolfgang Joner, Peter Simler, Andreas Hoffmann u.a., Kappel, 31. August 1525 79
11 Leo Jud an Bullinger, Zürich, 1. Dezember 1525 81
12 Bullinger an Michael [Wüst], Kappel, 16. Dezember 1525 83
13 [Bullinger] im Namen von Johannes Enzlin an Christoph Stiltz, Hausen [Kappel], 21. Januar 1526 85
14 Bullinger an Johannes Burchard, Kappel, 26. Januar 1526 90
15 Bullinger an Mathias [Schmid], Kappel, 8. Februar 1526. 92
16 Bullinger und Johannes Enzlin an Christoph Stiltz, Kappel, 27. Februar 1526 100
17 [Bullinger] an Peter Homphäus, Kappel, 2. Mai 1526 113
18 [Bullinger] an Leo [Jud], Kappel, 11. Mai 1526 115
19 Leo Jud an Bullinger, [Zürich, Mai /Juni 1526] 117
20 [Bullinger] an Wolfgang Joner, [Kappel, Mai /Juni? 1526] 119
21 [Bullinger] an Rudolf Weingartner, [Kappel], 25. Juni 1526 121
22 Bullinger an Huldrych Zwingli, [Kappel, Herbst 1526?] 123
23 Bullinger an Heinrich Buchter, Kappel, 3. April 1527 124
24 Bullinger an Anna Adlischwyler, [Zürich], 30. September 1527 126
25 Bullinger an Unbekannt, Zürich, 4. Oktober 1527 142
26 [Bullinger an Anna Adlischwyler], [Kappel?, Ende 1527 oder 1. Hälfte 1528] 145
27 [Bullinger] an Anna Adlischwyler, [Kappel], 24. Februar 1528 150
28 Bullinger an Werner Steiner, Kappel, 1. Mai 1528 177
29 Bullinger an Ambrosius Blarer, Kappel, 4. Juni 1528 179
30 Ambrosius Blarer an Bullinger, Konstanz, 1. September 1528 181
31 [Bullinger an Barbara May], [Ende 1528 oder Anfang 1529] 183
32 Ambrosius Blarer an Bullinger, Konstanz, 11. August 1529 190
33 Bullinger an Huldrych Zwingli, [Bremgarten], 24. November 1529 192
34 Huldrych Zwingli an Bullinger, Zürich, 22. Juni 1530 193
35 Leo Jud an Bullinger, Zürich, 11. Juli 1530 195
36 Johannes Oekolampad an Bullinger, Basel, 4. Oktober [1530] 197
37 Bullinger an Werner [Steiner], Bremgarten, 31. Oktober 1530 200
38 [Ulrich Stoll] an Bullinger, Rheineck, 30. Juni 1531 203
39 Bullinger an Berchtold Haller, Bremgarten, 6. Juli 1531 205
40 Wolfgang Joner an Bullinger, Kappel, 3. Oktober 1531 217
41 Marcus Bersius an Bullinger, [Basel], 27. November 1531 219
42 Bürgermeister und Rat von Basel an Bullinger, Basel, 28. November 1531 221
43 Bullinger an Ambrosius Blarer, Zürich, 30. November 1531 222
44 Bullinger an Bürgermeister und Rat von Basel, Zürich, 2. Dezember 1531 223
45 Johannes Rhellikan an Bullinger, Bern, 3. Dezember 1531 225
46 Berchtold Haller an Bullinger, [Bern], 6. Dezember 1531 229
47 [Bullinger an Bürgermeister und Rat von Basel], [Zürich, nach dem 9. Dezember 1531] 231
48 Schultheiss und Rat von Bern an Bullinger, Bern, 11. Dezember 1531 232
49 Berchtold Haller an Bullinger, [Bern], 11. Dezember [1531] 234
50 Bullinger an Schultheiss und Rat von Bern, Zürich, 14. Dezember 1531 238
51 Gervasius Schuler an Bullinger, [Basel], 18. Dezember 1531 240
52 Berchtold Haller an Bullinger, [Bern], 28. Dezember [1531] 242
53 Heinrich Lüthi an Bullinger, [Winterthur], 31. Dezember 1531 245
Anhang I
I.1 Christoph Stiltz an Johannes Enzlin, Wildberg, 31. Januar 1526 251
Anhang II
II.1 Bullinger im Namen von Wolfgang Joner an Rudolf Asper, Kappel, 30. November 1523 257
II.2 Bullinger an Jakob [Frey?], [Kappel], 16. November 1524 257
II.3 Bullinger an Verena Huser und Anna Kolin, [Kappel], 13. März 1525 257
II.4 Bullinger an Anna Suider, Kappel, 15. Juli 1525 258
II.5 Bullinger an Werner Steiner und Bartholomäus Stocker, [Kappel], 10. Dezember 1525 258
II.6 Bullinger an Heinrich Simler, Kappel. [Herbst 1525] 258
II.7 Bullinger an Paul Beck, Kappel, 1526 258
II.8 Bullinger an Rudolf [Weingartner], [Kappel, Ende 1526?] 259
II.9 Bullinger an Peter Simler, [Kappel], 18. Januar 1527 259
II.10 Bullinger an Wolfgang Joner, Peter Simler und Andreas Hoffmann, Kappel, 27. Dezember 1527 259
II.11 Bullinger an Johannes Bullinger, [Bremgarten, Sommer? 1530] 259
HEINRICH BULLINGER WERKE BRIEFWECHSEL

HEINRICH BULLINGER BRIEFWECHSEL BAND 1

BRIEFE DER JAHRE 1524-1531

BEARBEITET VON
ULRICH GÄBLER ENDRE ZSINDELY
MIT EINER EINFÜHRUNG VON FRITZ BÜSSER:
DIE ÜBERLIEFERUNG
VON HEINRICH BULLINGERS BRIEFWECHSEL
THEOLOGISCHER VERLAG ZÜRICH
© 1973
Theologischer Verlag Zürich
Auflagenhöhe: 770 Ex.
Printed in Switzerland by Meier & Cie AG Schaffhausen
ISBN 3290113345

DIE ÜBERLIEFERUNG VON HEINRICH BULLINGERS BRIEFWECHSEL

von Fritz Büsser

Ungefähr zur selben Zeit, aus der die ersten Dokumente von Bullingers Briefwechsel stammen, gab Erasmus einen von langer Hand vorbereiteten Traktat «De conscribendis epistolis» heraus (1522) 1 . Unter reichlicher Berufung auf antike Theorien und Vorbilder 2 stellte er die Kunst des Briefeschreibens dar: Er forderte in einem Kapitel «De habitu espistolae», daß ein Brief, der diesen Namen verdient, sich «aus ausgesuchtesten Sentenzen, gewähltesten, doch zugleich geeigneten Worten» zusammenzusetzen und im Stil nach der Sache, aber auch nach den Personen auszurichten habe 3 ; er zeigte, sich an die klassische Rhetorik anlehnend, die wichtigsten Arten der Briefe auf: die «epistola exhortatoria» 4 , die «epistola suasoria» 5 , die «epistola demonstrativa» 6 , die «epistola judicialis» 7 , und äußerte sich auch zu Gruß, Titel der Adressaten, Ort und Datum sowie vielen weiteren scheinbaren Äußerlichkeiten.

I

Wir wissen nicht, wieweit die Epistolographie des Erasmus Bullinger und seinen zahlreichen Briefpartnern bekannt gewesen ist und sie bestimmt hat. Seine Theorie, vielleicht sogar noch deutlicher die Praxis läßt sich allerdings weitherum nachweisen 8 . Zum Verständnis irgendeines Briefwechsels aus dem 16. Jahrhundert ist sie ohne Zweifel hilfreich. Man schrieb im 16. Jahrhundert ganz allgemein den Brief als notgedrungenen Ersatz für eine Mitteilung, die nicht mündlich überbracht werden konnte. Die Briefe jenes Jahrhunderts sind dementsprechend individuelle Äußerungen konkreter, unmittelbar situationsbedingter menschlicher Aktivität und darum erstklassige Quellen.

Oft waren die Briefe schon bei der Abfassung für weitere Kreise und eine spätere Veröffentlichung bestimmt; das mochte ihre Ursprünglichkeit zwar gelegentlich etwas bedrohen, förderte anderseits aber Willen und Möglichkeit, Briefe zu sammeln und zu publizieren. Auf diese Weise sind von Humanisten und Reformatoren gedruckte Briefsammlungen entstanden, schon im 16. Jahrhundert von Erasmus, Luther, Melanchthon, Zwingli, Calvin, dann von diesen und vielen andern, in immer größerem Umfang und mit wissenschaftlich verfeinerten Methoden, im 19. und 20. Jahrhundert. Auch Bullingers Korrespondenz besteht aus diesen beiden Briefarten. Er selbst schrieb neben «gewöhnlichen» Briefen (nuntii) zahlreiche eigentliche Abhandlungen, häufig mit paränetischem

1 Erasmus 1/2 205-579.
2 Ebenda 184ff.
3 Ebenda 222,11-223,17.
4 Ebenda 324ff.
5 Ebenda 365ff.
6 Ebenda 513ff.
7 Ebenda 516.
8 Johan Huizinga, Erasmus. Deutsch von Werner Kaegi, Basel [1941 3 ], S. 118: «Es gab kaum einen so gesuchten Artikel auf dem Buchmarkt wie Briefe von Erasmus.»

Charakter, die an einen oder mehrere Empfänger, meist auf deren Wunsch verfaßt, gerichtet sind.

Wenn diese erst heute in ihrem ganzen Umfang herausgegeben werden soll, ist das allerdings mehr als verständlich. Einmal geht sie in ihrem Umfang weit über die anderen Briefsammlungen des 16. Jahrhunderts hinaus, zum andern gilt noch heute, was Emil Egli anläßlich der 400-Jahr-Feier von Bullingers Geburtstag 1904 festgestellt hat: «Heinrich Bullinger, Zwinglis Nachfolger im Pfarramt Großmünster, hat um die Kirche und das geistige Leben Zürichs, ja der ganzen reformierten Welt, hohe Verdienste erworben, ist aber im Verhältnis dazu viel zu wenig bekannt und gewürdigt» 9 . Das gilt nicht zuletzt für die «ökumenische Opferbereitschaft, mit der Bullinger Stadt und Gemeinde Zürich zu einem europäischen Zentrum der Freiheit und Gastfreundschaft für Glaubensflüchtlinge aus allen Ländern gemacht hat» 10 .

Was den Umfang der Bullinger-Korrespondenzsammlung betrifft, so ist die bis heute bekannte, die Briefe von und an Bullinger umfassende Korrespondenz allein umfangreicher als diejenige Luthers, Zwinglis, Calvins und Vadians zusammen. Während nämlich der Briefwechsel Luthers und Calvins je etwa 4200, derjenige Zwinglis etwa 1300 Nummern umfaßt, sind von Bullingers Briefwechsel heute ungefähr 12000 Nummern bekannt, doch dürfte diese Zahl noch um einige Tausend höher sein 11 . Der Umfang hält ebenso den Vergleich mit Erasmus (etwa 3100) oder Melanchthon (etwa 10000) aus. Diese Überlegenheit ist sicher zum Teil darauf zurückzuführen, daß Bullingers Briefwechsel sich über einen beträchtlich längeren Zeitraum erstreckt; zum größeren Teil beruht sie aber auf der Tatsache, daß in Zürich diese Dokumente mit größter Sorgfalt aufbewahrt worden sind, wie Traugott Schieß vor vierzig Jahren feststellte 12 .

Das ist in erster Linie Bullingers persönliches Verdienst. Obwohl Bullinger wie Vadian einiges vernichtet hat, sammelte er doch nicht nur die ihm zukommenden Briefe, sondern suchte auch seine eigenen an verstorbene Freunde wieder an sich zu bringen. «Seinem Beispiel und wohl auch ausdrücklicher Weisung darf man es zuschreiben, daß auch die Korrespondenz seiner Mitarbeiter und Nachfolger zum guten Teil erhalten blieb und so der einzigartige Schatz von Briefen aus der Reformationszeit zustande kam, der in den Briefbänden des Staatsarchivs und der Hottingersammlung der Zentralbibliothek Zürich enthalten ist und in den Abschriften der Simmlersammlung auf der Zentralbibliothek, um einzelne Originale, auch Druckwerke und Kopien aus den Sammlungen in Genf, Straßburg, St. Gallen usw. bereichert, allein für das 16. Jahrhundert rund 200 Bände füllt.» 13 . Und um nochmals Egli zu zitieren: «Aber es ist beinahe die gesamte reformierte Welt, welche mit den Jahren zu Zürich in Beziehung trat. Bullinger ist neben Calvin und dann - was nicht zu übersehen ist - noch zwölf Jahre nach ihm der vornehmste Name unter den Glaubensgenossen aller Länder geworden. Wie ein Patriarch steht er nach allen Seiten da, überallhin reformiertes Wesen pflanzend und schützend mit Rat und Tat. Es ist eine wahre reformierte Mission fast durch das ganze Europa. Es wird in der Welt kaum eine reichere Sammlung zur Reformationsgeschichte geben, als sie Zürich im Briefwechsel Bullingers besitzt» 14 .

9 Emil Egli, Zur Erinnerung an Zwinglis Nachfolger Heinrich Bullinger, geboren 1504, in: Zwa I 419.
10 Joachim Staedtke, Bullingers Bedeutung für die protestantische Welt, in: Zwa XI 381.
11 Siehe unten S. 19.
12 Traugott Schieß, Der Briefwechsel Heinrich Bullingers, in: Zwa V 396-409, bes. 397f.
13 Ebenda 398.
14 Egli, aaO, S. 430.

Was heißt das konkret?

Dieser Briefwechsel setzte 1523 ein und endete im Herbst 1575. Er diente vor allem der Verbreitung und Erhaltung der Reformation in Zürich und in der Schweizerischen Eidgenossenschaft (Bern, Basel, Schaffhausen, St. Gallen, Glarus, Graubünden, Neuenburg, Genf, um nur die wichtigsten Orte zu nennen), dehnte sich in zunehmendem Maße auf Süd- und Norddeutschland (Bayern, Württemberg, Pfalz, Hessen, Niederrhein, Schlesien, Sachsen, Friesland, die Hanse-Städte), dann auch auf Frankreich (das Elsaß eingeschlossen), England, Italien, Polen, Österreich, Ungarn, Siebenbürgen und Dänemark aus. Unter Bullingers Briefpartnern stehen Pfarrer, Theologen und andere Gelehrte natürlich im Vordergrund, doch fehlen weltliche Große, Fürsten, Minister, Behörden sowenig wie Studenten, einfache Männer und Frauen. Ein Blick in die vorhandenen Register zeigt Hunderte von bekannten und weniger bekannten Zeitgenossen: Luther und Melanchthon, Calvin, Farel, Beza, Myconius und Grynäus, Berchtold und Johannes Haller, Bonifacius Amerbach, Thomas und Felix Platter, Vadian, Ägidius Tschudi, die Gebrüder Blarer, Bucer und Capito, die Herzoge Ulrich und Christoph von Württemberg, Landgraf Philipp von Hessen, Herzog Albrecht von Preußen, Erzbischof Cranmer, Jane Grey, König Eduard VI. von England, König Sigismund von Polen, die Prinzen von Condé und Admiral Coligny.

In inhaltlicher Beziehung spiegelt sich in diesem Briefwechsel natürlich die gesamte Zeitgeschichte: die großen theologischen Auseinandersetzungen zwischen Wittenberg, Zürich, Genf und Rom (Abendmahlsstreit, Tridentinum, Heidelberger Katechismus, Zweites Helvetisches Bekenntnis), das kirchliche Leben im allgemeinen und im besonderen vieler einzelner Gemeinden, ja ungezählter Einzelner, die durch ihren reformierten Glauben und ihr Bekennen sich untereinander verbunden fühlten; die innere und äußere Entwicklung vor allem natürlich der reformierten Kirchen, nicht weniger aber die große Politik (Schmalkaldischer Krieg, Anfänge der Hugenottenkriege, Türkengefahr) und große Persönlichkeiten, das Erziehungs- und Schulwesen, und neben dieser Zeitgeschichte erst noch die ganze weitere Welt der sogenannten kleinen Sorgen, persönlichen Nöte und familiären Angelegenheiten.

Leo Weisz konnte nachweisen 15 , daß Bullinger als einer der ersten um Notwendigkeit und Nutzen eines gut funktionierenden Nachrichtendienstes wußte; wohl aus dem gleichen Interesse, das den Theologen und Kirchenmann zum bedeutenden Chronisten gemacht hat, sammelte er auf dem Korrespondenzweg «Neue Zeitungen», die wie heute Großes und Kleines, Ernstes und Lächerliches nahe zusammenrücken und wohl oft viel besser als andere, berühmtere Quellen die Grundlagen bilden für jenes Gewebe, das wir Geschichte nennen.

II

Heute liegen ungefähr 12000 Briefe in Abschriften bzw. Photokopien von Emil Egli und Traugott Schieß in der Zentralbibliothek Zürich; zum Teil gibt es schon Abdrucke oder gedruckte Regesten. Es ist unmöglich, die Überlieferung dieses Materials hier im einzelnen darzustellen. Wollten wir die Schicksale der einzelnen Briefe oder nur vereinzelter Briefgruppen - etwa einzelner nach Personen oder Orten geordneter Korrespondenzen

15 Leo Weisz, Die Bullinger Zeitungen, Zürich 1933, S. 3.65f; Leo Weisz, Der Zürcher Nachrichtenverkehr vor 1780, Zürich 1954, S. 22.

-nachzeichnen, müßten wir unsere ganze Ausgabe gewissermaßen in Form eines Registers vorwegnehmen. Immerhin soll hier wenigstens auf die wichtigsten handschriftlichen und gedruckten Sammlungen zum Bullinger-Briefwechsel hingewiesen werden, die in den vergangenen vier Jahrhunderten angelegt worden sind.

Hinsichtlich der handschriftlichen Sammlungen stellten wir schon oben fest, daß die gute Überlieferung von Bullingers Korrespondenz der Sorgfalt und dem Interesse zu verdanken ist, welche man in Zürich selber seit je dem Erbe der Väter entgegengebracht hat. Die weitaus größte Zahl der Briefe von und an Bullinger liegt seit Jahrhunderten zum Teil im Original, zum Teil in einer oder mehrfacher Abschrift im Staatsarchiv Zürich und in der Zentralbibliothek Zürich. Die meisten Originale beider Institute hatten ursprünglich zum Antistitialarchiv oder Stiftsarchiv Zürich gehört. Weitaus am bedeutendsten für die Überlieferung war das heute im Staatsarchiv untergebrachte Antistitialarchiv Zürich, das heißt das Archiv der zentralen Kirchenbehörden Zürichs, welches Antistes Johann Jakob Breitinger (1575-1645) gegründet und mit folgenden Worten seinen Nachfolgern im Amt zur Weiterführung ans Herz gelegt hatte: «Zur Zeit, als die göttliche Gnade mich geringen zum Nachfolger jener ausgezeichneten Männer bestimmte, durch welche dieselbe die Zürcherische Kirche reformierte, zierte und erhielt, fand ich so viel als kein Archiv vor. Ich glaube wohl darum, weil die Söhne, Tochtermänner und übrigen Erben Bullingers und Gwalters herrlichen Andenkens beinahe Alle entweder Diener unserer Kirche oder doch Gelehrte waren, welche die Schriften und Acten ihrer Väter als zur Bibliothek und Erbschaft gehörigen Geräthe, als ihnen zugehörig betrachteten. Daher kam es auch, daß die kirchlichen Acten unter den frommen Vorstehern Stumpf und Leemann von den Erben nicht als öffentliche, sondern als Privat-Schriften angesehen wurden. Ich glaubte der Armuth einer so berühmten Kirche begegnen zu sollen, daher ich theils das Wenige, das übrig war, theils das allmählig aus Privat-Bibliotheken Hervorgesuchte nicht sowohl ordnete, als in Eine Masse sammelte. Nun hat mein Hausgenosse Caspar von Schennis, den ich lieber Sohn als Verwandten nenne, die Inhaltsanzeige dieser Materialien aufs fleißigste zusammengeschrieben. Dieses Register, dieses neue Archiv, das ich mit möglichster Treue und Sorgfalt eingerichtet, empfehle ich dir, Bruder, aufs angelegentlichste. Führe fort und mehre, was ich angefangen, und lade durch dein Beispiel deine künftigen Nachfolger zur Nachahmung ein. Das ist eine Gott, der Kirche, dem Vaterland, den Nachkommen schuldige Pflicht, deren treue Befolgung belohnt wird» 16 .

Wie Anton Largiadèr in seiner Geschichte des Staatsarchivs dargelegt hat, umfaßt dieses Antistitialarchiv, im 19. Jahrhundert vorübergehend zwischen Staatsarchiv und Kantonsbibliothek aufgeteilt, seit 1890 «die Akten der Synode, des Examinatorenkonvents (Kirchenrats), die Visitationsakten über die einzelnen Pfarrstellen, Pfrund- und Stiftungsakten, Bevölkerungsverzeichnisse, Exulantenakten und, was den größten Wert des Kirchenarchivs ausmacht, die Briefsammlungen von Zwingli, Bullinger und den späteren Inhabern der Antisteswürde, zusammen etwa 400 Bände! Von diesen sind es heute namentlich die Bände E I 25,8; E II 106; 335-378; 437 u a.; 441-443; 453, welche Bullingers Briefwechsel enthalten: alles in allem eine in Quantität und Qualität absolut einmalige Quellensammlung zur Reformationsgeschichte» 17 .

16 Zürich StA, Kat. 245 [Vorwort]; zit. nach der deutschen Übersetzung bei Johann Caspar Mörikofer, J. J. Breitinger und Zürich, Leipzig 1874, S. 50f.
17 Anton Largiadèr, Das Staatsarchiv Zürich 1837-1937, Zürich 1937, S. 24.

Neben dem Staatsarchiv enthält auch die aus der ehemaligen Stadt-, Kantons-, Stifts- und Universitätsbibliothek sowie weiteren Instituten zusammengewachsene Zentralbibliothek Originale und Abschriften von Bullingers Briefwechsel. Den Reichtum ihrer entsprechenden Bestände zeigt schon ein Blick in den Handschriftenkatalog 18 , erst recht aber dessen genaueres Studium. Es läßt sich nämlich erkennen, daß in jedem Jahrhundert mindestens einmal ein größerer Versuch unternommen wurde, Bullingers Briefe systematisch zu sammeln.

Wie schon Gagliardi aufgrund von Vermerken festgestellt hat, dürften mindestens die Manuskriptbände A 43f; 65 (Sammelbände zur kirchlichen und politischen Geschichte des 16. Jahrhunderts); A 82 (Bullingers Kopialbuch); A 84 (Sammelband zur Geschichte des Konzils von Trient); Ms Car I 155 und 166 aus dem Besitze Bullingers stammen, doch müssen neben dem Reformator selber noch im 16. Jahrhundert auch der Chronist Johann Stumpf und dessen Sohn Johann Rudolf Stumpf (A 69, 70; L 47; S 313), der Kyburger Landvogt und Zürcher Bürgermeister Hans Rudolf Lavater (A 81), schließlich Johann Jakob Wick (F 17.19.21) Akten und Briefe Bullingers gesammelt haben. Im 17. Jahrhundert hat der Polyhistor Johann Heinrich Hottinger (1620-1677) nicht nur neun Bände «Historiae ecclesiasticae novi testamenti» und einen «Methodus legendi historias Helveticas» herausgegeben, sondern sich vor allem als Quellensammler betätigt 19 . Die Frucht seiner lebenslangen Tätigkeit ist der sogenannte «Thesaurus Hottingerianus» der Zentralbibliothek Zürich, der in den Manuskriptbänden F 36-87 Schriftstücke, besonders Briefe, zur Reformationsgeschichte und zur schweizerischen sowie allgemeinen Kirchengeschichte, unter diesen natürlich zahlreiche Originale oder Abschriften von Briefen von und an Bullinger, enthält (u. a. die Bände Ms F 36.37.43.46.59.62.63.80)20 . Eine kleinere Sammlung, die auch eine stattliche Anzahl Bullingerbriefe aufweist, stammt von Hans Rudolf Steiner 21 bzw. Ratsherr Johann Kaspar Steiner 22 .

Noch wichtiger als das 16. und 17. Jahrhundert sollte indes für die Erhaltung der Bullinger-Briefsammlung das 18. Jahrhundert werden. Weitaus der erfolgreichste Zürcher Sammler dieser Zeit war Johann Jakob Simler (1716-1788), ein Nachkomme von Peter Simler, Prior in Kappel zur Zeit Bullingers, und des Josias Simler, Professor an der Stiftsschule und Alumnatsinspektor. Er hat, wie Salomon Vögeli erzählt, die Mußezeit seines ganzen Lebens auf das Studium der vaterländischen Kirchen-, besonders der Reformationsgeschichte verwandt und «eine in diesem Fache sehr reiche Bibliothek, namentlich aber eine höchst umfassende Sammlung kirchengeschichtlicher Urkunden, vornämlich

18 Gagliardi nennt folgende Manuskriptbände, die Autographen und Abschriften aus Bullingers Briefwechsel enthalten: A 40, 43, 44, 63-66, 69, 70, 81, 82, 127; B 86, 171, 211; C 50a, 86a; D 197 d; E 28; F 17, 19, 21, 36-87, 95, 106, 107, 154, 178, 182, 213; H 221; J 53, 59, 290, 304; K 40; L 47, 87, 530; P 2013; S 4-196, bzw. 1-266, 313, 340; T 406; W 26; Car I 108 b, 152-167 (bes. 158), XV 20; Z I 625, V 351, XI 309. Das noch nicht gedruckte Register zu Gagliardi wird diese Liste noch erweitern.
19 Siehe Gustav Adolf Benrath, Reformierte Kirchengeschichtsschreibung an der Universität Heidelberg im 16. und 17. Jahrhundert, Speyer a. Rh. 1963. —Veröffentlichungen des Vereins für pfälzische Kirchengeschichte, Bd. IX, S. 79-104.
20 Über Geschichte und Aufbau des Thesaurus Hottingerianus s. Gagliardi 516. In der Zentralbibliothek Zürich befindet sich ein alphabetisches Verzeichnis der im Thesaurus Hottingerianus enthaltenen Briefe.
21 Ms J 53: Collectanea ecclesiastica et politica, s. Gagliardi 777. Ms J 290: Kopienband: Schriften von Heinrich Bullinger, s. Gagliardi 859. Ms J 304: Collectanea ecclesiastica et politica Tigurina, s. Gagliardi 863. Über Hans Rudolf Steiner s. HBLS VI 534f.
22 Ms W 26: Lebensbeschreibungen der Geistlichen an Großmünster, St. Peter und Fraumünster von Zwingli bis auf Joh. Kaspar Waser sowie anderer Geistlicher und Gelehrter, s. Gagliardi 1482.

Briefe, von der Reformationszeit bis auf die Gegenwart, in meist von ihm selbst vorgenommenen Abschriften» 23 hinterlassen. Diese Sammlung, welche dank der Aufmerksamkeit von Junker Ratsherr Blarer sofort nach Simlers Tod für die Zürcher Stadtbibliothek aufgekauft werden konnte, umfaßt heute die Bände Ms S 1-266 der Zentralbibliothek, wobei Ms S 4-196 die Simlersche Sammlung im engern Sinn bilden, während Ms S 205-266 vorwiegend Register und Regesten enthalten und Ms S 197-204 (a-s) ursprünglich wohl überhaupt nicht zur Sammlung gehört haben 24 . Daß Bullinger für Simler eine zentrale Gestalt war, ist eindeutig: Nicht nur finden sich Tausende von Briefen und Aktenstücken, größtenteils in Abschriften, doch auch im Original, in rund 120 der chronologisch angeordneten Bände; wie man weiß, kopierten Johann Heinrich Escher und Leonhard Usteri für Simler zahlreiche Bullinger-Originale in Genf, Gottlieb Emanuel von Haller in Paris 25 .

Simler versuchte den geplanten Druck seiner ganzen Sammlung durch eine 1780 gedruckte Einladungsschrift «De Reformationis Ecclesiae Anglicanae Annalibus e Chartis diplomaticis anectotis edendis Consilium» zu propagieren, welcher als Probe der erste der drei Briefe von Jane Grey an Bullinger nebst einem Faksimile beigegeben war 26 .

Die Bedeutung der Simlerschen Sammlung geht vor allem aus der Tatsache hervor, daß alle bedeutenden gedruckten Briefsammlungen zur Geschichte des 16. Jahrhunderts von ihr profitierten, ganz zu schweigen von den wenigen Arbeiten über Bullinger selbst. Pestalozzi unterstreicht in den Erläuterungen zu den Quellen seiner Bullinger-Biographie, daß sich alle ungedruckten Briefe und Aktenstücke, über die er nichts anderes vermerkt habe, bei Simler fänden 27 .

Neben diesem fleißigsten aller Sammler und Abschreiber nehmen sich die andern zwar eher klein aus, doch haben sie zur Überlieferung ebenfalls wertvolle Beiträge geliefert, etwa Hans Konrad Füssli 28 , Erhard Dürsteler 29 , Johann Esslinger 30 , Hans Wilpert Zoller 31 ,

23 Salomon Vögeli, Geschichte der Wasserkirche, 7 Hefte, in: Njbl., hg. v. der Stadtbibliothek Zürich auf die Jahre 1842-1848, S. 110.
24 Siehe Gagliardi 1255-1276.
25 Siehe Gagliardi 1298 und Correspondance de Theodore de Bèze, recueillie par Hippolyte Aubert, publiée par Fernand Aubert et Henri Meylan, t. I, Genf 1960, S. 13. Vgl. die Notiz in dem unten S. 14, Anm. 54 erwähnten Scrinium antiquarium, Bd. IV/I, S. 446: ... «bene se habet, quod Rev. Simlerus, quem modo laudabam, optimum cepit consilium, ejus Epistolas omnes publicandi, cui consilio ... eas ipsas Bullingeri Epistolas ex Archivo Londinensi depromptas, huic Scrinio Antiquario inserere voluimus.»
26 Vögeli, aaO, S. 110, Anm. 35.
27 Pestalozzi 626.
28 Ms B 171: Kopienband, enthaltend Briefe, größtenteils an Heinrich Bullinger, etwa 1533 bis 1557, s. Gagliardi 250f. Ms B 211: Sammelband zur Schweizergeschichte, vorwiegend des 16. und 17. Jahrhunderts, s. Gagliardi 278 f. Zu Füssli s. HBLS III 358.
29 Ms E 28: = Bd. IV von Erhard Dürstelers «Anhang der Beschreibung der Geschlechteren einer loblichen Statt Zürich», s. Gagliardi 470f. Zu Dürsteler s. HBLS II 758.
30 Ms F 106/107: Acta ecclesiastica intermixtis politicis et politicoecclesiasticis manuscripta ex ipsis fontibus hausta, in variis fol. tomis chronologice pro administratione antistitii Turicensis in ordinem redacta, s. Gagliardi 539. Über den Inhalt sowie die Geschichte von Ms F 106 berichtet Attilo Bonomo, Ein Beitrag zu Bullingers Lebensaufzeichnungen, in: Zwa IV 90-92. Zu Esslinger s. Pfarrerbuch 262.
31 Ms J 59: Sammelband: Schriftstücke meist zur schweizerischen Kirchengeschichte des 16. und 17. Jahrhunderts. Angelegt von Hans Wilpert Zoller, s. Gagliardi 779-783. Zu Zoller s. HBLS VII 675.

Johannes Leu 32 und schließlich ein unbekannter Sammler von Schriften Heinrich Bullingers, Rudolf Gwalthers und Huldrych Zwinglis 33 .

Der Bullinger-Briefwechsel setzt sich nun freilich nicht bloß aus den in Zürich befindlichen bzw. in Zürich bis heute bekannten Stücken zusammen. Wie nicht zuletzt die im nächsten Abschnitt aufgezählten gedruckten Ausgaben größerer oder kleinerer Teile des Bullinger-Briefwechsels zeigen, sind im Laufe der Zeit auch in der übrigen Schweiz und im Ausland verschiedene Sammlungen von Bullinger-Briefen entstanden.

Zu den wichtigsten gehören im Ausland Straßburg mit dem Thesaurus Baumianus 34 ; in der Schweiz Basel 35 , Bern 36 , Chur 37 , St. Gallen 38 , Genf 39 , Neuenburg 40 und Zofingen 41 . Wie viele unbekannte Stücke jedoch im In- und Ausland darüber hinaus noch vorhanden sind, ist im Augenblick überhaupt nicht zu bestimmen.

III

Carl Pestalozzi wies schon in seiner 1858 erschienenen Bullinger-Biographie auf die gedruckte Überlieferung von Bullinger-Briefen hin 42 . Allerdings konnte man bereits aufgrund der ersten Biographien von Bullingers Schwiegersöhnen Josias Simler und Ludwig Lavater 43 sowie der Leichenrede von Johann Wilhelm Stucki 44 um die Bedeutung derselben wissen. In teilweiser Ergänzung zu Pestalozzis Angaben handelt es sich vor allem um folgende Werke: Die ersten Briefsammlungen Bezas 45 , und Calvins 46 , die Briefe des Hieronymus Zanchi 47 , Gabbemas «Epistolae virorum illustrium» 48 , Johann Heinrich Hottingers

32 Ms L 530: Collectanea Tigurina, s. Gagliardi 1081 f. Zu Leu s. HBLS IV 664f.
33 Ms T 406: Sammelmappe: Schriften Heinrich Bullingers, Rudolf Gwalthers und Ulrich Zwinglis, s. Gagliardi 1397-1399.
34 Thesaurus Baumianus. Verzeichnis der Briefe und Aktenstücke, hg. v. Johannes Ficker, Straßburg 1905.
35 Siehe den Zettelkatalog der Universitätsbibliothek Basel.
36 Hier vor allem die Burgerbibliothek, s. Catalogus codicum MSS Bibliothecae Bernensis annotationibus criticis illustratus ... curante J. R. Sinner, 3 Bde., Bern 1772, S. 249f, 258ff.
37 Über die Chur und Graubünden betreffenden Sammlungen unterrichtet Traugott Schieß in der Einleitung zu Graubünden Korr. I, S. V f. Vor allem wird auf das Archiv der Familie Salis-Zizers und von Pfarrer Petrus Dominicus Rosius de Porta aufmerksam gemacht, der schon im 18. Jahrhundert «die ganze irgendwie die Reformationsgeschichte Graubündens betreffende Korrespondenz zusammenzubringen» trachtete.
38 Siehe unten S. 16, Anm. 81.
39 Vgl. dazu die Einleitung zum Thesaurus Epistolicus Calvinianus, in: CO X/2 XXXI—XXXV.
40 Ebenda XXXIX.
41 Vgl. Emil Egli, Aus Zofingen, in: Zwa II 152f.
42 Pestalozzi 626.
43 Narratio de ortu, vita et obitu reverendi viri, D. Henrici Bullingeri, Tigurinae Ecclesiae pastoris; inserta mentione praecipuarum rerum quae in Ecclesiis Helvetiae contigerunt & Appendice addita, qua postrema responsio Jacobi Andreae confutatur, auctore Iosia Simlero Tigurino, Zürich 1575; Lavater.
44 Oratio funebris loannis Guilelmi Stukii, in obitum clarissimi viri Domini Henrici Bullingeri pastoris Ecclesiae Tigurinae fidelissimi, Zürich 1575.
45 Epistolarum theologicarum Theodori Bezae Vezelii liber unus, Genf 1573, Hannover 1597 3 .
46 Joannis Calvini epistolae et responsa, quibus interiectae sunt insignium in Ecclesia Dei virorum aliquot epistolae, Genf 1575; Nachdruck: Lausanne 1576 (9 Briefe Bullingers, 2 Briefe Calvins aus den Jahren 1550-1558).
47 Clariss. viri D. Hie. Zanchii Omnium operum Theologicorum Tomus VIII: Epistolarum Theologicarum libri duo, Genf 1619 (14 Briefe).
48 Epistolarum ab illustribus et claris viris scripturarum centuriae tres, quas passim ex autographis collegit ac ed. Simon Gabbema, Harlingen 1663 (5 Briefe an Johannes à Lasco und Calvin).

Kirchengeschichte 49 , den Briefwechsel von Franz und Johannes Hotman 50 , die sogenannten «Miscellanea Tigurina» 51 , Johann Conrad Füsslis Briefe der Schweizer Reformatoren 52 , Johann Jakob Breitingers «Museum Helveticum» 53 und das «Scrinium antiquarium» des Holländers Daniel Gerdes 54 .

Aber noch mehr: seit dem 18. Jahrhundert taucht immer deutlicher der Wunsch, der auch Simler zu seiner Sammlung bewegt hat, auf, es möchten Bullingers Briefe in einer umfassenderen Sammlung gedruckt werden. So stellen schon die «Miscellanea Tigurina» 1722 fest, daß Bullingers Briefe «nicht bey hunderten, sonder bey tausenden zu rechnen» seien. «Und so sie jemals in ein Corpus wären zusamen gebracht worden, wie etwann anderer Reformatorum, als eines Zvvinglii, Oecolampadii, Calvini, Melanchtonis, Bezae, etc, auch Hr. Bullinger die Zeit gehabt oder genommen hätte, sie zu dem End hin zu copiren, oder copiren zu lassen, (das wol zu wünschen wäre,) so miechen sie nicht bloß etwann einen Band in Quarto, oder auch in Folio, sonder verschiedene Folianten auß» 55 . An derselben Stelle wird an die Aussagen Johann Wilhelm Stuckis erinnert, «daß wann Hr. Bullinger sein gantz Leben lang nichts anders gethan als nur alle jhme zugekommene Brieff beantworten, so müßte doch jedermann summam illius industriam, laborem, ingenii celeritatem, seinen erstaunlichen Fleiß, Arbeitsamkeit und Fertigkeit seines Ingenii bewundern» 56 . Schließlich versuchen die «Miscellanea Tigurina» noch einen ersten Überblick über den Umfang von Bullingers Briefwechsel zu vermitteln, meinen jedoch, daß «alle seine Correspondenten hier außzusetzen, wurde zu lang werden» 57 .

Auch Füssli stellt 20 Jahre später fest, daß Bullingers Briefe von vielen gewünscht würden, und wunderte sich, daß bisher bei der Bedeutung, Bildung, Frömmigkeit und Liebenswürdigkeit Bullingers noch niemand auf die Idee gekommen sei, dieselben herauszugeben. 58 Um so größer war dementsprechend die Freude J. J. Breitingers, als er im «Museum helveticum» auf den Beginn der Sammlertätigkeit Johann Jakob Simlers hinweisen durfte 59 .

49 Johann Heinrich Hottinger, Historiae ecclesiasticae novi testamenti, 9 Bde., Hannover 1655-1667 (bes. die Bände 6, 8 und 9 enthalten zahlreiche, z. T. allerdings fehlerhafte Briefauszüge).
50 Francisci et Joannis Hotomanorum patris ac filii et clarorum virorum ad eos epistolae, Amsterdam 1700 (23 Briefe Hotmans).
51 Misc. Tig. I/1-4.6; II/2.
52 Epistolae ab Ecclesiae Helveticae reformatoribus vel ad eos scriptae ... ex autographis recensuit ac ed. Johannes Conradus Fueslinus, 2 Bde., Zürich 1742 (zahlreiche Briefe von und an Bullinger mit Regesten; oft nur in Auszügen).
53 Museum Helveticum ad juvandas literas in publicos usus apertum, 8 Bde., Zürich 1746-1753.
54 Scrinium antiquarium sive Miscellanea Groningana nova ad historiam reformationis ecclesiasticam praecipue spectantia, hg. v. Daniel Gerdes, 8 Bde., Groningen-Bremen 1748-1765 (enthält in Band IV 431 ff 25 Briefe Bullingers an Jan Utenhove und à Lascos an Bullinger).
55 Misc. Tig. 1/4 67.
56 Ebenda, vgl. Misc. Tig. 1/2 88: «Sonsten finde widerum im Diario ad hunc annum 69. [HBD)97,24f] eine merkwürdige Passage, woraus von Hrn. Bull. weitläuffiger und entsetzlicher Correspondenz leicht zuurtheilen ist. Es schreibet namlich Hr. Bull. p. 102. a. also: Plurimas &varias, ad diversa &plurima loca Epistolas hoc anno scripsi. Verbrucht darzu bey einem Rysen Pappyr.»
57 Misc. Tig. IV/1 68; die erwähnte Liste füllt dann doch zwei Seiten.
58 Füssli I, S. XXV f: «Bullingeri epistolae a multis desideratae sunt. Miror sane, quod hactenus nemini in mentem venerit, eas emittere. Is ob eruditionem, & pietatem, animique mansuetudinem multis charus fuit, in rebus alicujus momenti consilia ejus maxime valuerunt, omnium afflictorum, exulum, aut aliqua parte haesitantium confugium ad ipsum fuit, Principes, Magistratus, Doctores publici & privati ab ipso adjuvari cupiverunt. Ex quo intelligi potest, quantum intersit, ut ejus tandem epistolae in publicum prodeant.»
59 Museum Helveticum, Bd. 3, S. 79, Anm.: «Hosce Annales ecclesiasticos ex greek transcriptos amice nobiscum communicavit Vir praeclariss. J. Jac. Simlerus, V. D. M. qui laudabili prorsus conatu in colligendis Magni Bullingeri nostri Literis ac Responsis Theologicis, maximam partem ineditis, per plures jam annos strenue occupatur.»

Der Wunsch nach einer Veröffentlichung von Bullingers Korrespondenz blieb auch im 19. Jahrhundert wach - und unerfüllt. Zwar unterstrichen ihn die beiden Bullinger-Biographen deutlich: Hess, indem er 1829 im Vorwort zu seiner «Lebensgeschichte Heinrich Bullingers» Antistes Jakob Hess zitierte: «Ganz besonders frappierte mich auch immerhin, so wie ich ihn des Nähern kannte und seine Handschriften durchsah, seine Reinlichkeit und Ordnungsliebe im Kleinen wie im Großen, die Fruchtbarkeit seiner weitläufigen Correspondenz, und besonders, was er, ganz im Stillen, und ohne Geräusch und Aufsehen, im gläubigen Aufblick auf den Vater im Verborgenen, Gutes that. Es wäre wohl der Mühe werth, diese Correspondenz, die wir in unsern Archiven so vollständig als möglich besitzen, freylich mit Auswahl, durch den Druck gemeinnützig zu machen, wie die von Zwingli, Luther, Melanchthon; unsere jüngern und ältern Minister und alle Freunde praktischer Literatur könnten sich daran erbauen» 60 ; Carl Pestalozzi, indem er nach einem Hinweis auf Hess eher resigniert wünschte, daß es vielleicht «unserer Zeit aufbehalten ist, den Gedanken zur Ausführung zu bringen» 61 , zu etwas grundsätzlich anderem als dem Abdruck weniger Stücke der Bullinger-Korrespondenz kam es auch jetzt kaum. So finden sich Bullinger-Briefe in Schlossers «Leben» Bezas und Vermiglis 62 , bei Hundeshagen 63 , in Henrys Calvin-Biographie 64 , in Baums Beza-Biographie 65 , bei Trechsel 66 , Sudhoff 67 . in der Johann-a-Lasco-Edition 68 , der Briefwechselausgabe Dryanders 69 , bei Bonnard 70 und etwas zahlreicher dann in den wenigen Schriften, die sich, wie schon Heß und Pestalozzi, im besonderen mit Bullinger befaßten wie bei Johann Friedrich Franz 71 , Gottlieb Friedländer 72 , Carl Krafft 73 , Ferdinand Meyer 74 oder Theodor Elze 75 . Ein eigentlicher Durchbruch zu umfassenderem Druck von Bullinger-Briefen erfolgte erst im Zusammenhang mit den größeren Quellensammlungen zur Reformationsgeschichte des 19. Jahrhunderts. Hier ist nun allerdings zuerst an eine Briefsammlung zu erinnern, die Bullinger sogar in die Mitte rückte, die sich aus sechs Bänden zusammensetzende Publikation von Briefen

60 Heß II, S. VIII f.
61 Pestalozzi 626.
62 Friedrich Christoph Schlosser, Leben des Theodor de Beza und des Peter Martyr Vermili. Ein Beytrag zur Geschichte der Zeiten der Kirchen-Reformation. Mit einem Anhang bisher ungedruckter Briefe Calvins und Bezas und andrer Urkunden ihrer Zeit; aus den Schätzen der Herzogl. Bibliothek zu Gotha, Heidelberg 1809.
63 Carolus Bernardus Hundeshagen, Die Conflikte des Zwinglianismus, Luthertums und Calvinismus in der Bernischen Landeskirche von 1532-1558, Bern 1842.
64 Paul Henry, Das Leben Johann Calvins des großen Reformators, 3 Bde., Hamburg 1835-1844.
65 Johann Wilhelm Baum, Theodor Beza nach handschriftlichen Quellen dargestellt, 2 Theile und ein separater Anhang, Leipzig 1843-1852.
66 Friedrich Trechsel, Lelio Sozini und die Antitrinitarier seiner Zeit, Heidelberg 1844.
67 Karl Sudhoff, C. Olevianus und Z. Ursinus, Elberfeld 1857. — LSRK VIII.
68 Johannis a Lasco Opera tam edita quam inedita. Duobus voluminibus comprehensa, ed. Abr. Kuyper, Frankfurt 1866.
69 Francisci Dryandri, Hispani, epistolae quinquaginta, ed. Böhmer, in: Zeitschrift für Historische Theologie 40. Bd., 1870, S. 387-442.
70 Auguste Bonnard, Thomas Eraste (1524-1583) et la discipline ecclésiastique, Thèse théol. Lausanne, 1894.
71 Johann Friedrich Franz, Merkwürdige Züge aus dem Leben des Zürcherischen Antistes Heinrich Bullinger, nebst dessen Reiseinstruction und Briefen an seinen ältesten Sohn Heinrich, auf den Lehranstalten zu Straßburg und Wittenberg, Bern 1828.
72 Gottlieb Friedländer, Beiträge zur Reformationsgeschichte. Sammlung ungedruckter Briefe des Reuchlin, Beza und Bullinger nebst einem Anhange zur Geschichte der Jesuiten, Berlin 1837.
73 Krafft.
74 Ferdinand Meyer, Die evangelische Gemeinde in Locarno, ihre Auswanderung nach Zürich und ihre weitern Schicksale. Ein Beitrag zur Geschichte der Schweiz im 16. Jahrhundert, 2 Bde., Zürich 1836.
75 Primus Trubers Briefe. Mit den dazugehörigen Schriftstücken gesammelt und erläutert von Theodor Elze, Tübingen 1897. — Bibliothek des litterarischen Vereins in Stuttgart, Bd. CCXV.

der schweizerischen und englischen Reformatoren der Parker Society 76 . Dieser, an Bedeutung für Bullinger kaum nachstehend, folgten im «Corpus Reformatorum» die Briefwechsel Melanchthons 77 und Calvins 78 , im Rahmen der Veröffentlichungen der Wodrow Society derjenige von John Knox 79 , Herminjards leider unvollständig gebliebene Ausgabe der «Correspondance des Réformateurs dans les pays de langue française» 80 , schließlich die Vadianische Briefsammlung 81 und «Der Briefwechsel der Schweizer mit den Polen» 82 .

IV

Damit setzte nun freilich schon die moderne, neueste, zu unserer Ausgabe unmittelbar hinführende Registrierung und Abschreibearbeit von Bullinger-Briefen ein, wie sie mit der 1897 gegründeten Vereinigung für ein Zwinglimuseum, dem späteren Zwingliverein in Zürich und dessen erstem Präsidenten Emil Egli, vor allem aber mit dem Namen von Traugott Schieß verbunden ist. Aus den Akten des Zwinglivereins geht hervor, daß der verdiente Erforscher der Zürcher Reformation Emil Egli (1848-1908), um die Jahrhundertwende die Herausgabe von Bullingers Briefwechsel sogar vor die Edition der Werke Zwinglis im Corpus Reformatorum stellte: «Wichtiger schien ihm, da Zwinglis Werke in immer noch brauchbarer Ausgabe vorhanden seien, das Augenmerk auf Bullinger und auf Herausgabe seines Briefwechsels zu wenden. Aber Finslers Beredsamkeit siegte. Egli erklärte sich bereit, Bullinger hinter Zwingli zurückzustellen» 83 . Das hinderte ihn allerdings nicht, neben seiner umfangreichen schriftstellerischen und editorischen Arbeit an der Neuausgabe von Zwinglis Werken, an den «Analecta reformatoria», den «Quellen zur schweizerischen Reformationsgeschichte», an der Neuausgabe von Keßlers «Sabbata» sich mit der ihm eigenen Energie für das Andenken Bullingers einzusetzen. Wenn Gerold

76 Original Letters relative to the English reformation, written during the reigns of king Henry VIII., king Edward VI., and queen Mary: chiefly from the archives of Zurich. Translated... and edited... by the Rev. Hastings Robinson. 2 Bde., Cambridge 1846-1847. Ausgabe derselben Briefe im lateinischen Originaltext unter dem Titel: Epistolae Tigurinae... 1531-1558, Cambridge 1848. The Zurich Letters, comprising the correspondence of several English bishops and others, with some of the Helvetian reformers, during the early part of the reign of queen Elizabeth. Translated.., and edited... by the Rev. Hastings Robinson. 2 Bde., Cambridge 1842-1845 (Briefe im lateinischen Originaltext am Schluß jedes Bandes). Gekürzte Ausgabe (ohne lateinische Originaltexte) in einem Band: Cambridge 1846.
77 CR I—X; s. Heinz Scheible, Überlieferung und Editionen der Briefe Melanchthons, in: Heidelberger Jahrbücher, XII, 1968, S. 135-161.
78 CR X/2—XX; über die Bedeutung dieser Werke s. Henri Meylan in: Correspondance de Théodore de Bèze, t. I, Genf 1960, S. 161.
79 The Works of John Knox, collected and edited by David Laing, 6 Bde., Edinburgh 1864-1895 (Nachdruck: New York 1966); Index betreffend Bullinger Bd. VI, S. 694 und 719.
80 Correspondance des Réformateurs dans les pays dec langue française. Recueillie et publiée avec d'autres lettres relatives à la réforme et de notes historiques et biographiques par A. L. Herminjard, 9 Bde., Genf und Paris 1866-1897 (enthält in den Bänden III—IX etwa 50 Briefe von und an Bullinger).
81 Vadian BW; Register betreffend Bullinger Bd. VII 157.170; s. dazu Werner Näf, Vadian und seine Stadt St. Gallen, Bd. I, St. Gallen 1944, S. 328ff; über die Bedeutung Bullingers im Vadianischen Briefwechsel vgl. Traugott Schieß, Bullingers Briefwechsel mit Vadian, in: Jahrbuch für schweizerische Geschichte, Bd. XXXI, 1906, S. 23-68.
82 Der Briefwechsel der Schweizer mit den Polen, hg. v. Theodor Wotschke, Leipzig 1908. — ARG, Erg. Bd. III.
83 H[ermann] E[scher], Entstehung und Entwicklung des Zwinglivereins, in: Zwa V 388, vgl. dazu den XII. Jahresbericht des Zwingli-Vereins über das Jahr 1908, in: Zwa II 286: «Nur mit Überwindung ließ er von diesem Gedanken ab, als die Neuausgabe der Werke Zwinglis auf den Plan trat.»

Meyer von Knonau in einem Nachruf auf Egli meinte, es dürfe «wohl ohne Übertreibung gesagt werden, daß seit dem 16. Jahrhundert, seit den Tagen des großen Bullinger, von keiner Seite mit einer solchen Hingabe, einer solchen Liebe zur Sache, einer solchen Gewissenhaftigkeit auf dem Boden der Geschichte Zwinglis gearbeitet worden ist, wie das durch Egli geschah» 84 , so gilt dieses Lob jedenfalls in besonderem Maß für Eglis Arbeit an Bullinger: Er erinnerte nicht nur anläßlich des 400. Geburtstages Bullingers durch die Herausgabe des Diariums und durch einen akademischen Rathausvortrag 85 nachdrücklich an die Bedeutung Bullingers; er vermachte nicht bloß testamentarisch 5000 Franken für das am 2. November 1941 endlich eingeweihte Bullinger-Denkmal am Großmünster in Zürich und machte damit den Anfang «zur Abzahlung einer Ehrenpflicht, die Zürich einem seiner edelsten Söhne schuldet» 86 , sondern er legte auch durch die Anfertigung von etwa 500 Briefabschriften den Grundstock für unsere Ausgabe.

Auf diesem Grundstock konnte der St. Galler Stadtarchivar Traugott Schieß (gest. 1935) weiterbauen, der mittlerweile neben Egli sich in noch viel größerem Maße mit dem brieflichen Nachlaß Bullingers zu beschäftigen begonnen hatte. Ursprünglich Altphilologe, Lehrer für klassische Sprachen an der Kantonsschule in Chur, war Schieß schon früh von der Geschichte, im besonderen der Reformation, in den Bann gezogen worden. Wie Hermann Escher in seinem Nachruf schrieb, «waren es nicht die politischen Bewegungen und die auch ins folgende Jahrhundert hinübergreifenden schweren Stürme, die ihn beschäftigten, sein stiller, nicht nur kriegerischem Treiben, sondern jedem lauten Auftreten abgeneigter Sinn wandte sich lieber den humanistischen Auswirkungen der bewegten Zeit zu. Und vor allem fesselten ihn, der sich, ohne davon Worte zu machen, als Kind der Reformation fühlte, die religiöse Bewegung und die Männer, die lehrend, ratend und helfend im Lande selber und von außen für die Glaubenserneuerung eintraten. Vor allem wandte er sich der warmen, mitfühlenden, hilfreichen Persönlichkeit Bullingers zu. Seiner jeglichen Polemik abholden Natur entsprach das Wesen des Nachfolgers Zwinglis, dessen Aufgabe nicht war, kämpferisch neuen Boden zu gewinnen, sondern ratend, ermunternd, aufrichtend und tröstend den bereits gewonnenen, aber bedrohten Boden zu behaupten. So galt, da der ursprüngliche klassische Philologe sich besonders zu editorischer Tätigkeit gedrängt fühlte, eine erste große Arbeit der Sammlung und Herausgabe von Bullingers Korrespondenz mit den Trägern der Reformation in Graubünden, die 1904 bis 1908 in drei Bänden erschien. Die Arbeit brachte Schieß, der inzwischen an die Stadtbibliothek und das Stadtarchiv St. Gallen gewählt worden war, einen Auftrag aus dem Nachbarlande seitens der Badischen historischen Kommission zur Herausgabe des Briefwechsels des Konstanzer Brüderpaares Ambrosius und Thomas Blaurer (od. Blarer), die einst tatkräftig in die Reformation Süddeutschlands und der Schweiz eingegriffen hatten. 1908 bis 1912 erschien, ebenfalls in drei Bänden, mit Unterstützung des Zwingli-Vereins auch diese Frucht sorgfältigster und liebevollster Arbeit, an der ihn wiederum das rein Menschliche angezogen hatte» 87 . Schieß hat in diesen beiden großen Briefsammlungen zusammen etwa 2500 Stücke aus dem Briefwechsel Bullingers teils in extenso, teils in Auszügen beziehungsweise Regesten veröffentlicht. Was Wunder, daß er nach deren Abschluß dem Zwingliverein schließlich die Herausgabe der gesamten Korrespondenz Bullingers vorschlug.

84 Gerold Meyer von Knonau, Emil Egli, in: Zwa II 261.
85 HBD; s. oben S. 8, Anm. 9.
86 In dem in Anm. 83 zitierten Bericht des Zwingli-Vereins, S. 286.
87 in: Zwa VI 129f.

In Anbetracht der Tatsache, daß Egli schon mit Abschriften begonnen hatte, vor allem daß sich kein geeigneter Bearbeiter finden ließ, trat dieser 1911 «mit größter Freude auf die Anregung ein, beschloß, vorerst das Material in möglichst weitem Umfang zu sammeln, indem man alle Fragen redaktioneller Art (ob alle Briefe mit vollem Wortlaut oder z. T. nur in Auszügen zu drucken, ob bereits veröffentlichte wieder aufzunehmen oder nur durch Verweise zu erledigen seien und dergleichen) vorderhand zurücklegte, und traf mit Schieß eine Abrede, indem man gleichzeitig einen engeren Kreis von Freunden um finanzielle Mithülfe bat» 88 .

Es entstanden nebeneinander ein «Fonds zur Herausgabe des Bullingerschen Briefwechsels» (Anfangskapital Fr. 5805.—) und ein «Fonds für Drucklegung von Bullingers Briefwechsel» (Legat von Traugott Schieß im Betrag von Fr. 1000.—). Man rechnete, daß Schieß ab 1913 bis zu dem auf das Zwingli-Jubiläum 1919 erhofften Abschluß der kritischen Zwingli-Ausgabe das Material sammeln würde und daß dann mit dem Druck sofort begonnen werden könnte. Leider verzögerte sich die Realisierung dieser Pläne immer mehr. Nicht, daß etwa Schieß selber sich nicht an die Arbeit gemacht hätte! Im Gegenteil: «Unermüdlich hat der Verstorbene», nach dem schon oben zitierten Nachruf H. Eschers, «seither unter ausgedehntester Verwendung auch seiner Abendstunden das Material gesammelt, hat die großenteils in Zürich liegenden Vorlagen photographiert und in seiner klaren Handschrift abgeschrieben. Und wenn in einzelnen Jahren andere Arbeiten ihn von Bullinger fern hielten, so kehrte er nach deren Abschluß um so lieber wieder zu ihm zurück, in der Stimmung, der der Redaktor unserer Zeitschrift [Leonhard von Muralt] in seinem Gratulationsartikel der <NZZ> zum 30. Oktober 1934 so hübschen Ausdruck verliehen hatte: <Gegen Abend empfindet jeder Geschäftsmann das Bedürfnis nach Ausspannung, nach dem Verkehr mit vertrauten Menschen und Freunden. Da versammelt Schieß die Korrespondenten Bullingers aus aller Welt um sich, sympathische und unsympathische, Fürsten und Räte, Kirchenmänner und Theologen, und nimmt teil an ihren politischen, kirchlichen, religiösen und besonders an ihren persönlichen Nöten und Sorgen>» 89.

Schieß begann seine Abschriftensammlung in den Jahren 1914/15 mit ungefähr 4000 Briefausschnitten aus gedruckten Werken und rund 4500 Photokopien, die etwa 2500 Briefen entsprachen; dazu kamen die etwa 500 Briefabschriften, die noch Emil Egli angelegt hatte 90 . Dieses Material hat er in wahrhaft gedenkwürdiger, beispielhafter Weise im Laufe von rund 20 Jahren weiter gemehrt:

88 Ebenda 130.
89 Ebenda 130f.
90 XIX. Jahresbericht des Zwingli-Vereins über das Jahr 1915, in: Zwa III 225.

STATISTIK ÜBER DIE ARBEIT VON TRAUGOTT SCHIESS AM BULLINGER-BRIEFWECHSEL 91

Briefe von und an Bullinger:

fertige Abschriften kollationierte
                 Druckausschnitte
             unkollationierte Abschriften
und Drucke
                 Photographien Abschriften
                       von Prof.
Egli
              Total
Ende 1915 1000 502 1728 1688 259 5177
     1916 1280 641 1507 2208+700 341 6477
1917 1761 749 1381 2904 359 7154
1918 1978 777 1279 4173 433 8640
1919 2279 1141 824 4791 524 9559
1920 2388 1204 761 4809 524 9686
1921 2588 1425 540 5203 524 10280
1922 2832 1493 472 5424 524 10745
1923 3179 1593 372 5322 524 10990
1924 3421 1596 369 5277 524 11187
1925 3620 1597 368 5201 524 11310
1926 3958 1658 303 4927 528 11374
1927 4362 1658 303 4525 528 11376
1928 4764 1661 300 4124 528 11377
1929 5302 1663 298 3588 528 11379
1930 5721 1664 297 3170 528 11380

1931-1933 «Herr Dr. T. Schieß konnte zu seinem Bedauern im Berichtsjahr die Arbeit am Bullinger-Briefwechsel nur ganz wenig fördern, sodaß die Statistik kein neues Bild ergibt.»

Schieß hat am Ende seines Lebens über den Stand seiner Beschäftigung mit Bullinger mit folgenden Worten Rechenschaft abgelegt: «Die unentbehrliche Grundlage für die geplante Ausgabe bildet eine möglichst vollständige Sammlung der erreichbaren Materialien. Von diesen lagen etwa 500 Briefe in Abschrift von Prof. Emil Egli vor; für rund 2000 konnten Ausschnitte aus neueren Drucken angefertigt werden. Alles übrige, gegen 9000 Briefe, wurde zunächst in Photographien (Schwarz-weiß-Kopien) gesammelt; davon sind bis jetzt fast 6000 abgeschrieben, von etwas über 3000 ist die Abschrift noch anzufertigen. Mit diesen insgesamt etwa 11400 bisher gesammelten Stücken ist aber noch nicht einmal das in Zürich liegende Material völlig ausgeschöpft; was anderwärts in der Schweiz (außer in St. Gallen und Chur) und im Ausland liegt, muß erst noch beigebracht werden. Die Gesamtzahl der Briefe wird damit auf 12000 und mehr ansteigen» 92 .

91 Die Statistik beruht auf den Angaben im Jahresbericht des Zwingli-Vereins, der jeweils in der ersten Nummer eines Jahrganges der Zeitschrift Zwingliana erschien.
92 Traugott Schieß, Der Briefwechsel Heinrich Bullingers, in: Zwa V 396f.

Beim Tod von Schieß war Entscheidendes erreicht: Nun war wenigstens das in der Schweiz liegende Quellenmaterial im wesentlichen gesammelt, ungefähr zur Hälfte auch für den Druck vorbereitet. Gewaltige Aufgaben bleiben aber noch: Vor allem die Sammlung des noch im Ausland befindlichen Materials, die Herstellung weiterer bereinigter Texte, schließlich der Druck selber. Wenn der Zwingliverein diese Aufgaben in den folgenden Jahren neben der großen Arbeit an der Zwingli-Ausgabe auch nie ganz aus den Augen verloren hat, dauerte es doch wieder Jahre, bis an Bullingers Briefwechsel wieder weitergearbeitet wurde. Nicht zuletzt die rege Benützung des von Schieß gesammelten Materials führte dazu, daß man 1938 ein Briefschreiber- und Briefempfängerregister herstellte und auch das noch von T. Schieß angelegte chronologische Verzeichnis der Briefe photokopierte. 1940 unterstützte der Zwingliverein die Arbeit von André Bouvier, «Henri Bullinger, réformateur et conseiller oecuménique d'après sa correspondance avec les réformés et les humanistes de langue française» 93 , mit der Begründung, «daß dieses Werk in gewissem Sinne als Teilpublikation des Bullinger-Briefwechsels betrachtet werden könne» 94 . Während des Zweiten Weltkrieges wurde sodann mit Mitteln, die das Eidgenössische Departement des Innern für arbeitslose Akademiker zur Verfügung stellte, mit Unterstützung von Kanton, Stadt und Kirchenrat Zürich, die Herstellung eines genauen Registers in Angriff genommen. Bis Ende 1947 stellte dessen Bearbeiter, Max Niehans, für rund 3500 Briefe ein Register, dann für die bis Ende 1554 reichenden rund 3000 Briefe auch kurze Inhaltsangaben zusammen. Von etlichen kleineren und größeren Aufsätzen über Bullinger und seinen Briefwechsel abgesehen schlief dann aber die Arbeit am Bullinger-Briefwechsel ein weiteres Mal ein. Erst 1958 berichtete Fritz Blanke (1900-1967)95 wieder über Vorarbeiten für eine Bullinger-Ausgabe. Seit 1961 trug der Schweizerische Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung auf Initiative des Zwinglivereins die Kosten zur Besoldung von Joachim Staedtke zwecks Herstellung einer Bibliographie der Werke von und über Heinrich Bullinger sowie der Registrierung noch nicht bekannten Briefmaterials. Nach der Gründung des Instituts für Schweizerische Reformationsgeschichte und der Anstellung Dr. Joachim Staedtkes durch den Kanton Zürich trat 1964 Dr. Endre Zsindely in die Vorbereitungsarbeiten zur Edition des Briefwechsels ein. Als Dr. Staedtke 1965 den Lehrstuhl für reformierte Systematik in Erlangen übernahm, kam Prof. Fritz Büsser an dessen Stelle und übernahm die Leitung des Instituts für Schweizerische Reformationsgeschichte, zu dessen Hauptaufgabe die Vorbereitung der Briefedition gehört. Als weitere Mitarbeiter wirkten vorübergehend Albert-Jean Chenou und Maria-Grazia Huber-Ravazzi, seit 1970 Dr. Ulrich Gäbler und Dr. Kurt Maeder, seit 1971 lic. phil. Kurt Rüetschi an der Arbeit zur Herausgabe des Briefwechsels mit.

Dabei stellte sich leider bald heraus, daß die riesige Arbeit von Schieß quantitativ und qualitativ noch in erheblichem Maße ergänzt werden muß, einmal durch die Registrierung der noch fehlenden Briefe in Zürich selbst, vor allem aber in auswärtigen Archiven und Bibliotheken, zum anderen aber sind die Abschriften an präzisere Editionsgrundsätze anzugleichen und mit einem textkritischen Apparat zu versehen, auf den Schieß gänzlich verzichtet hatte.

Vor allem ist ein vollständiges, nach modernen wissenschaftlichen Prinzipien konzipiertes Register zum gesamten Briefwechsel zu erstellen. Wobei vom Kommentar zu den einzelnen Briefen noch gar nicht gesprochen worden ist.

93 Neuchâtel-Paris 1940.
94 44. Jahresbericht des Zwinglivereins über das Jahr 1940, in: Zwa VII 335.
95 62. Jahresbericht des Zwinglivereins über das Jahr 1958, in: Zwa XI 63.

Daß jetzt, rund 400 Jahre nach Bullingers Tod endlich der erste Band der Bullinger-Briefsammlung erscheinen darf, erfüllt alle Mitarbeiter mit Freude. Diese ist gemischt mit tiefem Dank an die Instanzen von Bund, Kanton und Kirche, welche unsere Arbeit finanziell unterstützten, vor allem aber an die vielen Männer, welche gewaltige Vorarbeit geleistet haben: von Hottinger und Breitinger über Simler, Pestalozzi, Egli, Schieß bis hin zu Fritz Blanke und Leonhard von Muralt, die in den letzten Jahren die Verwirklichung der Bullinger-Ausgabe nicht nur ideell, sondern durch tatkräftigen Einsatz maßgeblich gefördert haben.

EINLEITUNG

Der vorliegende Band enthält Heinrich Bullingers Briefwechsel zwischen 1524 1 und 1531, eine Zeitspanne, die sowohl für den Werdegang der schweizerischen Reformation wie auch für Bullingers eigene Entwicklung von entscheidender Bedeutung war. Während dieses Zeitabschnittes, der vom ersten Jahr nach dem Durchbruch der Reformation in Zürich bis zur Katastrophe von Kappel, ja etwas darüber reicht 2 , wird der junge Bullinger zu einem der bedeutendsten Theologen der schweizerischen Reformation, um dann schließlich 27 jährig die Nachfolge Zwinglis in Zürich anzutreten.

Die uns aus dieser Zeit erhalten gebliebenen 54 Briefe 3 bilden nur einen lückenhaften Bestandteil der ursprünglichen Korrespondenz. Vieles ging verloren 4 , einiges hat Bullinger selbst vernichtet 5 . Immerhin geben diese Briefe manchen Aufschluß über Leben und Entwicklung Bullingers wie auch über einzelne Zeitereignisse, vor allem in Zürich und Bern. Nichteidgenössisches Gebiet bleibt in diesen frühen Briefen noch fast völlig unberücksichtigt 6 .

Der Lebensweg Bullingers zwischen 1524 und 1531 gliedert sich in drei Abschnitte: die Kappeler Zeit, das Pfarramt in Bremgarten und der Aufenthalt in Zürich unmittelbar vor und nach seiner Wahl zum Leutpriester.

Seit dem 3. Februar 1523 amtete Bullinger als Klosterschullehrer in der von Abt Wolfgang Joner 7 gleichzeitig gegründeten Schule des Zisterzienserklosters Kappel am Albis (Kt. Zürich)8 . Das 1185 gegründete Kloster 9 zählte zu dieser Zeit zwölf Konventherren 10 und durfte nach dem großen Brand von 1493 und der Pest von 1519 offenbar eine letzte Blütezeit erleben; allerdings war es nicht voll besetzt 11 . Der vom Studium 12 im April 1522 als Magister heimgekehrte Priestersohn aus Bremgarten (Kt. Aargau) war, als er diese Stelle antrat, bereits ein evangelischer Christ. Durch das Studium der Kirchenväter, der Humanisten und der Hauptschriften Luthers war er zur Hl. Schrift selber vorgestoßen und nahm

1 Eigentlich setzt Bullingers Korrespondenz mit seinem Schreiben an Rudolf Asper vom 30. November 1523 ein, das hier jedoch nur in Regestform mitgeteilt werden kann (Anhang II, Nr. 1), Näheres dazu s. Editionsgrundsätze S. 29, Abs. 2.
2 Für diesen Zeitraum vgl. HBRG I-III; Emil Egli, Schweizerische Reformationsgeschichte, hg. v. Georg Finsler, Bd. I, Zürich 1910, S. 243-409; Farner II-IV. Bullingers Jugendzeit bis 1531 ist der am gründlichsten erforschte Abschnitt seines Lebens, s. Pestalozzi 9-79; Blanke; Staedtke, Hausammann; zur älteren Lit. s. Walser 9-21.
3 Zusammen mit den regestartig mitgeteilten Schriftstücken sind es 65 Briefe.
4 Vgl. HBD 16; Zimmermann 220-239; Staedtke 296.
5 Vgl. Staedtke 297.
6 Vgl. immerhin die Briefe Bullingers an Stiltz und Homphäus (Nr. 13.16.17).
7 Seine Lebensbeschreibung s. unten S. 481, Anm. 4.
8 Zur Kappeler Zeit s. HBRG I 91f; HBD 7,19-16,31; Pestalozzi 20-55; Blanke 55-74; Hausammann 11-60.
9 Zur Geschichte des Klosters s. u. a. HBAC; Clavadetscher; Hausammann 11-22.
10 HBRG I 91.
11 Vgl. Blanke 59; Hausammann 12f.
12 Siehe die beiden Kapitel «Lateinschüler in Emmerich» und «Student in Köln», Blanke 21-53.

die Berufung nach Kappel nur unter der Bedingung an, daß er vom Besuch der Messe und von den Mönchsregeln dispensiert bleibe. Im Herbst 1523 lernte er Zwingli und dessen Mitarbeiter, vor allem Leo Jud in Zürich persönlich kennen und kam dann in eine immer engere Beziehung zur Zürcher Reformation, wie das nicht nur in seinen theologischen Werken 13 , sondern auch in seinem Briefwechsel aus dieser Zeit zum Ausdruck kommt 14 . In Kappel hielt er neben dem üblichen Trivial- oder Lateinschulunterricht öffentliche theologische Vorlesungen und Bibelauslegungen - zwei Jahre vor der von Zwingli in Zürich 1525 gegründeten «Prophezei» 15 ! — zu denen sich außer den Mönchen und dem Abt auch Laien und auswärtige Besucher versammelten. Der junge Klosterschullehrer setzte sich literarisch ganz für die Sache der Reformation ein, er verfaßte zahlreiche Aufsätze über theologische Einzelfragen für Freunde 16 und Bekannte wie auch einige Streitschriften. Manches ist auch im Druck erschienen. Mehrere dieser theologischen Schriften, die vornehmlich der Verbreitung der Reformation in der näheren Umgebung von Kappel, im Zuger Gebiet und im Freiamt dienten, werden, sofern sie als Briefe gelten können 17 , im vorliegenden Band mitgeteilt. Diese Bemühungen Bullingers bereiteten den Weg für die Reformation des Klosters: 1525 wurden Bilder und Statuen aus der Kirche entfernt und die Messe abgeschafft, am Gründonnerstag, den 29. März 1526 wurde das evangelische Abendmahl zum ersten Mal gefeiert; mehrere Mönche heirateten, einige wurden Pfarrer oder lernten ein Handwerk. Schließlich erfolgte die Übergabe des Klosters an die Stadt Zürich, Kappel wurde unter der Leitung Joners eine Schule für Knaben, die für den Dienst in Kirche oder Staat ausgebildet werden sollten. Bullinger unterrichtete weiter in Kappel bis zu seiner Amtsübernahme in Bremgarten am 1. Juni 1529. Inzwischen hielt er sich vom 23. Juni bis 14. November 1527 zum weiteren Studium in Zürich auf, wo er u. a. die Vorlesungen der «Prophezei» besuchte 18 . Im Januar 1528 nahm er mit der Zürcher Delegation an der Berner Disputation teil; hier begegnete er mehreren bekannten Persönlichkeiten, mit denen er dann in briefliche Verbindung trat. 1528 leistete er der Zürcher Synode den Prädikanteneid 19 und amtete neben seiner Lehrtätigkeit in Kappel als Prediger der benachbarten kleinen Gemeinde Hausen. Seit dem 29. Oktober 1527 war er verlobt mit Anna Adlischwyler, einer ehemaligen Dominikanerin des Klosters Oetenbach in Zürich, die er dann, als Pfarrer von Bremgarten, heiratete 20 . Die in diesem Band mitgeteilten, z. T. recht ausführlichen Eheschriften bzw. Briefe an seine Braut stammen aber noch aus der Kappeler Zeit.

Trotz Gefahren, denen das an der Zuger Grenze liegende Kloster seit der Reformation dauernd ausgesetzt war, bezeichnete Bullinger später die Jahre in Kappel als die angenehmste

13 Vgl. Staedtke 49-51.
14 Vgl. vor allem seinen Briefwechsel mit Zwingli und Jud im vorliegenden Band; s. noch Hausammann 46-49.
15 Blanke 64; Hausammann 14; vgl. Farner III 554ff.
16 Als seine vertrautesten Freunde aus der Kappeler Zeit zählt Bullinger in seinem Diarium (HBD 8,20-22) neben seinem väterlichen Gönner Joner noch Prior Peter Simler (s. unten S. 53, Anm. 2) und den Zuger Werner Steiner (s. unten S. 45, Anm. 1) auf; die meisten seiner oben erwähnten Schriften sind an diese gerichtet oder ihnen gewidmet.
17 Vgl. oben S. 7f und unten S. 29, Abs. 2.
18 HBD 11,8-13; Blanke 79f.
19 HBD 12,14-23 und Anm. 2; Blanke 83. Es ist nicht ganz klar, ob Bullinger, aaO, die erste Zürcher Synode vom 21. April oder die vom 19. Mai meint: er datierte sie fälschlich auf Juni. Sein Name wird jedenfalls erst in den Akten der Synode vom 19. Mai genannt, AZürcherRef 1414, S. 620.
20 Ausführlicher s. unten S. 126, Anm. 1.

und glücklichste Zeit seines Lebens 21 . Die reiche literarische Produktion und ein Brief aus der Kappeler Zeit 22 bestätigen das.

Bullinger wurde am 22. Mai 1529 zum Pfarrer in Bremgarten gewählt und trat sein Amt am 1. Juni an 23 . Das an der Reuß gelegene Städtchen genoß als gemeinsame Untertanenstadt der Eidgenössischen Orte eine relative Eigenständigkeit 24 . Es war Sitz eines Ruralkapitels, dem bis zum Februar 1529 der Leutpriester von Bremgarten, Heinrich Bullinger, der Vater des Reformators, als Dekan vorstand. Dekan Bullinger trat Anfang Februar 1529 so mutig für die Reformation ein, daß er seine Stelle in Bremgarten zwar verlor 25 , aber den Weg für die Reformation der Stadt ebnete. Sein Nachfolger wurde nämlich der reformierte Prediger Gervasius Schuler 26 . Bullinger erhielt die zweite Pfarrstelle, nachdem er zu Pfingsten 1529 überzeugend für die Reformation eingetreten war. Am 17. August heiratete er; seine beiden ersten Kinder, Anna und Margareta, kamen in Bremgarten zur Welt 27 . Während der Zusammenkünfte der Tagsatzung im Sommer 1531 wurden seine zum Frieden mahnenden Predigten von den Abgeordneten gerne gehört 28 . In der Nacht vom 10. August 1531 verhandelte Zwingli mit zwei bernischen Abgesandten in Bullingers Haus. Anschließend kam es zum bekannten letzten Abschied des Zürcher Reformators von Bullinger. Infolge der Niederlage der Reformierten im Zweiten Kappeler Krieg mußten die beiden Prediger von Bremgarten, Schuler und Bullinger, wie auch Bullingers Vater die Stadt verlassen; sie begaben sich nach Zürich. In Bremgarten wurde der Katholizismus bald wieder eingeführt.

Bullingers Wirksamkeit in Bremgarten dauerte nur knapp zweieinhalb Jahre. In dieser kurzen Zeit hat er seiner Gemeinde fast das ganze Neue Testament ausgelegt, stritt im Januar 1531 an einer großen Disputation in Bremgarten mit den Täufern 29 und verfasste mehrere Werke, u. a. sein grundlegendes Buch «Von dem unverschämten Frevel der Wiedertäufer» 30 . Vielleicht lag es an dieser großen Arbeitslast, daß aus der Bremgartener Zeit verhältnismäßig wenig Briefe und nur zwei ausführlichere Schreiben theologischen Inhaltes erhalten sind 31 . Die letzten an Bullinger gerichteten Briefe stehen bereits im Zeichen des nahenden Krieges.

Seit dem 21. November 1531 lebte Bullinger als Glaubensflüchtling und Heimatvertriebener in Zürich. Er predigte mit großem Erfolg, erhielt Berufungen nach Basel und Bern, mußte jedoch «uff die Statt Zürych, deren geschworner er were, warten» 32 , und wurde am 9. Dezember von beiden Räten zum Nachfolger Zwinglis als Vorsteher der Zürcher Kirche gewählt. Da jedoch seine Wahl mit Bedingungen verbunden war, die u. a. die freie Verkündigung beschränken sollten (Art. 4 des sog. Meilener Verkommnisses), bat er um Bedenkzeit, lehnte dann am 13. Dezember im Namen der Pfarrerschaft diese Forderung ab, versprach jedoch, gemäß der zweiten Forderung des genannten Artikels, daß sich die

21 Lavater 14; Blanke 731.
22 Siehe unten Nr. 17.
23 Zu Bullingers Amtszeit in Bremgarten s. Pestalozzi 55-67 und Blanke 117-132.
24 Siehe unten S. 90, Anm. 2.
25 Blanke 117f.
26 Siehe unten S. 1931, Anm. 5.
27 Blanke 111.
28 HBRG III 292; Blanke 150f.
29 HBD 19, 17-19; Fast 30.
30 HBBibl 28-32; s. noch Fast 22-31.77f.
31 Möglich ist freilich, daß etliche verlorengingen.
32 HBRG III 293. Gemeint ist der Synodaleid von 1528, s. oben.

Pfarrer künftig nicht mehr in politische Angelegenheiten einmischen würden. Schließlich willigten die Räte ein, die Freiheit der Predigt nicht einzuschränken, und Bullinger konnte seine Wahl annehmen 33 .

Der Briefwechsel Bullingers aus diesem kurzen Zeitraum von den letzten Tagen des November bis zum Ende des Jahres 1531 ist überaus reich. Die Briefe stehen größtenteils im Zusammenhang mit Bullingers Berufungen und der schwierigen Lage der reformierten Städte. Die letzten Briefe lassen bereits etwas von den Sorgen und der schweren Verantwortung des neu gewählten Antistes erahnen.

Zusammenfassend kann man feststellen, daß der Briefwechsel des jungen Bullinger äußerst mannigfaltig ist. Er enthält ganze theologische Abhandlungen, zur Veröffentlichung bestimmte Widmungsepisteln, Briefe mit Nachrichten und solche mit persönlichem, ja intimem Charakter 34 . Manche Briefe geben Aufschluß über Bullingers Theologie 35 , in einigen wird bereits der künftige große Seelsorger sichtbar, andere wiederum zeigen seine Verbundenheit mit namhaften Reformatoren wie Zwingli, Oekolampad, Ambrosius Blarer 36 und Berchtold Haller 37 , die er in diesen Jugendjahren kennengelernt hat.

Die Brieftexte stammen, mit einer Ausnahme, aus handschriftlichen Beständen, zum größten Teil des Staatsarchivs und der Zentralbibliothek Zürich 38 . Eine besondere Aufmerksamkeit verdient Bullingers Kopialbuch, das die meisten seiner im vorliegenden Band mitgeteilten Briefe enthält 39 . Diese sind in Abschriften erhalten geblieben, die teils von Bullinger selbst, teils von seinen Kappeler Freunden und Schülern verfertigt wurden. Bekanntlich sammelte ja Bullinger seine Briefe und Schriften bereits in seinen jungen Jahren mit großer Gewissenhaftigkeit und nach systematischen Gesichtspunkten 40 . Das Kopialbuch endet mit dem Jahr 1530. Bullinger strebte nach einer chronologischen Ordnung der Handschriften, was eine zeitliche Festlegung undatierter Stücke mit großer Wahrscheinlichkeit ermöglicht. Anderseits ist eine Datierung aufgrund der Reihenfolge in diesem Band nicht absolut zuverlässig 41 , weil sich manche Abweichungen zeigen 42 . Wie die einzelnen Schriften zu einem Band vereinigt worden sind, könnte nur durch Auftrennung des Bandes festgestellt werden, was zur Zeit unmöglich ist. Soviel steht jedenfalls fest, daß die Briefe und anderen Schriften nicht in einen gebundenen leeren Band nach und nach eingetragen

33 Siehe Pestalozzi 68-79; Blanke 135-161; Zsindely 668-676.
34 Zu den Briefarten vgl. oben S. 7 f.
35 Vgl. Staedtke.
36 Siehe unten S. 179, Anm. 1.
37 Siehe unten S. 205, Anm. 1.
38 Zu diesen für die Bullinger-Korrespondenz wichtigen Handschriftenbeständen s. oben S. 10ff.
39 Zürich ZB, Msc A 82, Folioband mit 237 von Bullinger eigenhändig numerierten Blättern, Größe 32 X 22 cm, in einem beschriebenen Pergamentfragment gebunden; s. Gagliardi 72-74.
40 Ausführlicher s. Zimmermann 220-239 und Staedtke 293-297.
41 Gegen Zimmermann 223; Staedtke 269.274 u. ö.
42 Das Schreiben «De scripturae negotio» vom 30. November 1523 (fol. 45r. -50r.) folgt nach dem Werk «De propheta» von 1525 (fol. 2r. -42r., das wird auch von Zimmermann, aaO, als Ausnahme erwähnt); «Von dem touff» vom November/Dezember 1525 (fol. 75r. -81r.) steht nach der zweifellos 1526 verfaßten «Uff D. Johansen Burckardi predigers ze Bremgartten gesprächbüchlin, antwurt» (fol. 56v. - 73v.); der Brief von Christoph Stiltz an Johannes Enzlin vom 31. Januar 1526 (fol. 98v. —100r.) steht nach der darauf erfolgten Antwort vom 27. Februar 1526 (fol. 93v. -98v.); die Abschrift des Werkes «Vergleichung der uralten und unserer Zeiten Ketzereien» (HBBibl 1) vom 23. April 1526 (fol. 101 r. — 106r.) steht nach Bullingers Brief an Peter Homphäus vom 2. Mai 1526 (fol. 100v. -101r.) offenbar darum, weil die Abschrift erst auf Grund des fertigen Druckes erfolgt ist. — Zur Datierung von Bullingers oben erwähnten «Antwurt» an Burchard wie auch zum Problem der chronologischen Reihenfolge in Msc A 82 s. noch Endre Zsindely, Aus der Arbeit an der Bullinger-Edition. Zum Abendmahlsstreit zwischen Heinrich Bullinger und Johannes Burchard, 1525/1526, in: Zwa XIII 473-480.

worden sind. Wahrscheinlich gab es zunächst nur kleinere Einheiten, einzelne Schriften oder Schriftengruppen auf zusammengehefteten Foliobogen, die gesondert aufbewahrt oder vielleicht auch ausgeliehen wurden, wie es z. B. die stark abgegriffene Titelseite des Schreibens «Von dem touff» (fol. 75r.) vermuten läßt. Wann das Kopialbuch in seiner heutigen Form entstanden ist, läßt sich nicht genau sagen, wahrscheinlich zu Anfang der Zürcher Zeit.

In den vorliegenden ersten Band von Bullingers Briefwechsel wurden folgende Schriften nicht aufgenommen:

1. Ein Brief von Abt Wolfgang Joner an Bürgermeister und Rat von Zürich, [Kappel] 21. Juli 1525, Abschrift in der Simlerschen Sammlung (Zürich ZB, Msc S 11, Nr. 31), mit einer Bemerkung, wonach sich der Brief, ein Autograph Bullingers, im Zürcher Staatsarchiv in der «Hochobr. Register in Zürich, Tr[ucke]392, B. 1, n. 24» befindet. Das Autograph ist jedoch unauffindbar 43 . Jedenfalls ist durch das Autograph Bullingers noch nicht erwiesen, daß er auch der Verfasser des Briefes war: es könnte sich auch um eine Abschrift oder ein Diktat handeln.

2. Ein Brief von Wolfgang Joner an Vadian, Kappel, 4. Januar 1526, Autograph Bullingers, St. Gallen, Stadtbibliothek (Vadiana), Ep. Msc. fol. II, p. 249 (gedruckt: Vadian BW IV 1f). Auch hier läßt sich die Autorschaft Bullingers nicht nachweisen.

3. Heinrich Bullinger, Früntliche Ermanung zur Grechtigheit wider alles verfelschen rychtigen gerychtes, Zürich 1526, 24 S. 10 x 15 cm (vgl. HBBibl 2). Das gedruckte Büchlein enthält eine Untersuchung über das Verhältnis von Staat und Kirche, nennt keinen Adressaten und entbehrt auch sonst der Merkmale eines Briefes. Es ist zwar auf Grund von Bullingers Bemerkung zu einer Abschrift des Werkes (Zürich ZB, Msc A 82, 116) bekannt, daß das Werk an den Zuger Wolfgang Kolin gerichtet (oder ihm gewidmet) war 44 , trotzdem kann dieses Büchlein nicht zu den Briefen gezählt werden.

4. «Ein zwei Seiten langer Brief ohne Adresse, Absender und Datum» 45 , Zürich StA, E II 342, Nr. 2, Autograph Bullingers. Im Staatsarchiv ist der Brief auf die Zeit vor 1528 datiert. Staedtke hält diese Datierung zu Recht für zweifelhaft und vermutet Zürich als Entstehungsort 46 . Das aber müßte bedeuten, daß Bullinger, der sich nach 1528 bis Ende 1531, von gelegentlichen kurzen Besuchen abgesehen, nicht in Zürich aufhielt, diesen fragmentarischen Brief (falls er überhaupt der Verfasser ist) erst nach 1531 geschrieben hat.

5. Bullingers «Praefatio in evangelium loannis ad Wolphgangum lonerum», November 1530, Zürich ZB, Msc F 11, 151r. -152r. Dieses recht unpersönliche Vorwort vor seinen Scholien zum Johannesevangelium kann nicht als Brief betrachtet werden.

6. [Rudolf Weingartner] an M[eister?]H[einrich?]B[ullinger?], «dien [er der] kilchen Zürich», Zug, 10. September 1531[?], Zürich StA, E II 335, 2015. Bullinger war zur angegebenen Zeit noch Pfarrer in Bremgarten, der Brief ist also entweder nicht an ihn gerichtet oder, wenn doch, dann ist die Datierung falsch bzw. könnte 1537 heißen. Jedenfalls gehört der Brief nicht in diesen Band.

43 Im Verzeichnis der «392. Trucken» (weißes Register, Katalog 35) wird der Brief nicht erwähnt; zwischen Register- und Briefnumerierung der «392. Trucken» bestehen Differenzen, die auf eine frühere Neuordnung zurückzuführen sind.
44 Vgl. Willy Brändly, Peter Kolin von Zug, in: Zwa IX 151; Staedtke 281 f.
45 Staedtke 293.
46 Ebenda.

Zur Entstehung dieses Bandes sei noch folgendes angemerkt: Die Brieftexte sowie den textkritischen Apparat bearbeitete Endre Zsindely, für die sachlichen Anmerkungen zeichnen beide Bearbeiter verantwortlich. Die Bearbeiter sind allen, die diese Edition in mancher Hinsicht gefördert haben, zu tiefem Dank verpflichtet, besonders dem Personal von Staatsarchiv und Zentralbibliothek Zürich; Herrn Dr. Kurt Maeder, Zürich, der sich um die Bereinigung und Kontrolle des Anmerkungsapparates verdient machte; Herrn Dr. Hans Wanner, Zürich, der alle deutschen Texte überprüfte und Worterklärungen beisteuerte; Herrn Professor Dr. Paul Pachlatko, Winterthur, der alle griechischen und lateinischen Texte überprüfte. Für mannigfache Hilfe sei schließlich den Herren Dr. phil. Erland Herkenrath, lic. phil. Karl-Heinz Wyss und lic. phil. Kurt Rüetschi gedankt.

Endre Zsindely

Ulrich Gäbler

EDITIONSGRUNDSÄTZE

1. Die Ausgabe der Bullinger-Briefe gibt die Briefe von und an Bullinger als Vollabdruck in der Originalsprache wieder. Die Sprache des Verfassers wird nicht geglättet.

2. Als «Briefe» aufgenommen werden Schriftstücke, bei denen Heinrich Bullinger allein oder mit mehreren zusammen Absender bzw. Empfänger ist, und die - um als Briefe angesprochen werden zu können - an einen bestimmten Empfänger oder Empfängerkreis gerichtet sind (vgl. oben S. 7f). Stücke, die zwar Briefcharakter haben, aber in der Abteilung «Theologische Schriften» ediert werden, sind - um einen Doppelabdruck zu vermeiden -in die vorliegende Edition nicht aufgenommen, werden jedoch im entsprechenden Briefband anhangsweise in Regestform verzeichnet.

3. Der Ausgabe liegt nach Möglichkeit der Text des Verfassers zugrunde. Ist das Autograph unbekannt, gelangt die mutmaßlich älteste Abschrift zum Abdruck. Liegt für ein Stück außer dem durch Siegelspuren erkennbaren Brieforiginal eine Vorarbeit oder Abschrift des Verfassers vor, so folgt die Edition dem abgesandten Brief, berücksichtigt aber die Abweichungen in den textkritischen Anmerkungen. Ist neben dem Autograph auch ein zeitgenössischer Druck des betreffenden Stückes vorhanden, der unter Aufsicht oder auf Anordnung des Verfassers herausgegeben worden ist, und enthalten beide Vorlagen Varianten, so folgt die Edition dem Text des Druckes, berücksichtigt aber die Abweichungen des Autographs in den textkritischen Anmerkungen.

4. Marginalien des Verfassers oder von fremder Hand sowie Streichungen oder Zusätze werden am Rande bzw. in den textkritischen Anmerkungen wiedergegeben. Spätere Randbemerkungen werden, sofern sie zum besseren Verständnis der Vorlage nichts beitragen, nicht wiedergegeben, sondern nur im textkritischen Apparat vermerkt.

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9. Lateinische Texte folgen in der Wiedergabe grundsätzlich dem Manuskript, wobei u/v nach den heute üblichen Lautwerten wiedergegeben werden; i und j werden stets als i, e wird als solches wiedergegeben.

10. Deutsche Texte folgen in der Wiedergabe grundsätzlich dem Manuskript. U/v und i/j werden ihren heutigen Lautwerten entsprechend wiedergegeben. Für die Transkription der in der Vorlage vorkommenden Vokale und Konsonanten gilt im übrigen die beiliegende Tabelle, welche auf den Editionsgrundsätzen für die Tschudi-Edition (Verfasser Prof. Dr. S. Sonderegger) beruht. Ist die Sprache bei der Angabe biblischer Bücher wegen der Benutzung von Abkürzungen (zum Beispiel in Marginalien) nicht feststellbar, folgt die Wiedergabe den Regeln für die Sprache des umgebenden Textes.

Beispiel: Vorlage Wiedergabe
                       Ioan. Ioan.
Joh. Joh.
Marginal: Io. Text deutsch: Jo.
                       latein.: Io.

11. Die Interpunktion folgt den heute geltenden Regeln und dient als Lesehilfe.

12. Trennung und Verbindung von Wörtern und Wortteilen werden nach der Vorlage wiedergegeben, sofern diese dadurch nicht unverständlich werden.

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TRANSSKRIPTIONSTABELLE FÜR DEUTSCHE TEXTE

ABKÜRZUNGSVERZEICHNIS Die Abkürzungen biblischer Bücher, außerkanonischer Schriften sowie allgemeiner Art richten sich nach RGG, außerdem noch: aaO = am angegebenen Ort; aRvB = am Rande von Heinrich Bullingers Hand; Kt. = Kanton; Njbl. = Neujahrsblatt; StA = Staatsarchiv; ZB = Zentralbibliothek. ABaslerRef Aktensammlung zur Geschichte der Basler Reformation in den Jahren 1519 bis Anfang 1534, hg. y. Emil Dürr und Paul Roth, 6 Bde., Basel 1921-1950. ABernerRef Aktensammlung zur Geschichte der Berner Reformation 1521-1532, hg. y. Rudolf Steck und Gustav Tobler, 2 Bde., Bern 1923. ADB Allgemeine deutsche Biographie, 55 Bde., Leipzig 1875-1910; Registerband, München-Leipzig 1912. AHVB Archiv des Historischen Vereins des Kantons Bern, Bern 1855ff. Anshelm Die Berner Chronik des Valerius Anshelm, hg. y. Historischen Verein des Kantons Bern, 6 Bde., Bern 1884-1901. Arbusow Leonid Arbusow, Colores Rhetorici. Eine Auswahl rhetorischer Figuren und Gemeinplätze als Hilfsmittel für akademische Übungen an mittelalterlichen Texten, hg. y. Helmut Peter, Göttingen 19632. ASchweizerRef Actensammiung zur Schweizerischen Reformationsgeschichte in den Jahren 1521-1532, im Anschluß an die gleichzeitigen eidgenössischen Abschiede bearb. und hg. y. Joh. Strickler, 5 Bde., Zürich 1878-1884. ASG Anzeiger für schweizerische Geschichte, Bern 1870-1920. AZürcherRef Actensammiung zur Geschichte der Zürcher Reformation in den Jahren 1519-1533, hg. y. Emil Egli, Zürich 1879. Basel, Matrikel Die Matrikel der Universität Basel, hg. y. Hans Georg Wackernagel, Basel 1951 if. Benzing Josef Benzing, Lutherbibliographie. Verzeichnis der gedruckten Schriften Martin Luthers bis zu dessen Tod. Bearb. in Verbindung mit der Weimarer Ausgabe unter Mitarbeit von Helmut Claus, Baden-Baden 1966. — Bibliotheca Bibliographica Aureliana, X. XVI. XIX. Bibliographia Bucerana Bibliographia Bucerana, unter Mitwirkung von Erwin Steinborn zusammengestellt und bearb. y. Robert Stup perich, in: SVRG LVIII/2 (Nr. 169), Gütersloh 1952, S. 37-96. Bibliotheca Erasmiana Bibliotheca Erasmiana. Répertoire des OEuvres d'Erasme, 3 séries, Gent 1893 (Nachdruck: Nieuwkoop 1961). Biaise Albert Biaise, Dictionnaire Latin-Français des auteurs chrétiens. Revu spécialement pour le vocabulaire théologique par Henri Chirat, Turnhout (1954). Blanke Fritz Blanke, Der junge Bullinger, 1504-1531. Mit Bilderbeilage bearb. y. Leo Weisz, Zürich (1942). —Zwingli-Bücherei 22. Blarer BW Briefwechsel der Brüder Ambrosius und Thomas Blaurer, 1509-1548, bearb. y. Traugott Schieß, 3 Bde., Freiburg i. Br. 1908-1912. Bopp Marie-Joseph Bopp, Die evangelischen Geistlichen und Theologen in Elsaß und Lothringen von der Reformation bis zur Gegenwart, Neustadt a. d. Aisch 1959.—Genealogie und Landesgeschichte, Bd. I ( Bibliothek familiengeschichtlicher Quellen, Bd. XIV). 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1

BULLINGER AN
WERNER STEINER
Kappel,
24. Juni 1524

Autographe Abschrift: Zürich ZB, Msc K 40, 1r. 1 S. 4°, sehr gut erhalten Ungedruckt

Begleitbrief zu den drei Schulreden Bullingers, die er Steiner auf dessen Wunsch zuschickt.

Wernhero a suo gratiam precatur et pacem.

a Oben als Titel des ganzen Werkes von Bullingers Hand: Ad Magistrum Wernherum Steiner Tuginum, de cruce et patientia, charitate et pace ac de contemptu mundi orationes tres.
1 Werner Steiner (Lithonius), 1492-1542, Sohn des Ammanns von Zug, erhielt seine Ausbildung in Zürich und Paris, kehrte nach 1513 als Magister heim, wurde Priester und spätestens 1517 Helfer in Schwyz. Am 8. September 1515, vor der Schlacht von Marignano, war er Ohrenzeuge von Zwinglis Predigt in Monza. 1518 wurde er päpstlicher Protonotar, 1519 nahm er an einer Pilgerfahrt nach Jerusalem teil. Nach seiner Rückkehr erhielt er ein Kanonikat in Beromünster. Spätestens seit 1519 stand er mit Zwingli in brieflicher Verbindung. Am 24. März 1521 predigte er beim Kreuzgang auf der Musegg in Luzern wohl zum ersten Mal öffentlich evangelisch «vom ewigen Wort Gottes», am 2. Juli 1522 unterschrieb auch er die Supplikation um Freigabe der evangelischen Predigt und Priesterehe (Z I 208, 21). Bald galt er als Führer der evangelisch Gesinnten in Zug. Bullinger, der am 3. Februar 1523 nach Kappel kam und sich vor allem durch zahlreiche Schriften für den Durchbruch der Reformation in Zug einsetzte, nennt Steiner in seinem Diarium (HBD 8,20 f) unter den engsten Freunden aus dieser Zeit. Mehrere Schreiben Bullingers an ihn sind erhalten (vgl. Nr. 28, 37 und Anhang II, Nr. 5). Seit 1525 wurden Steiner und sein Freund Pfarrer Bartholomäus Stocker (s. S. 71, Anm. 1) öfters vor den Rat zitiert und als «Lutheraner» ermahnt oder verhört. Bis zum Jahr 1528 hat man gegen Steiner trotzdem nicht hart durchgegriffen. Nach dem Tode seines Onkels, des Ammanns Leonhard Steiner, 1527, und infolge der verschärften politischen Gegensätze wurde jedoch seine Lage allmählich unhaltbar. Aber auch seinerseits scheint er damals aus der Reserve herausgetreten zu sein: seit 1528 las er die Messe nicht mehr, kritisierte das Bündnis der V Orte mit Österreich, bekannte sich nach Entdeckung seiner evangelischen Bücher offen zu seinem Glauben und siedelte am 26. August 1529 nach Zürich über. Hier setzte er sich als reicher und unabhängiger Mann für die Sache der Reformation ein: Bullinger z. B. wohnte nach seiner Flucht aus Bremgarten vorübergehend bei ihm. Am 30. Oktober 1529 bestätigte Steiner seine Ehe mit Anna Rustin durch öffentlichen Kirchgang; aus der Ehe stammten 13 Kinder. Steiners Leben entbehrte nicht der Tragik: eine homosexuelle Verirrung aus der Jugendzeit, die 1541 durch einen Erpresser ans Licht kam, brachte ihm Gefangennahme und lebenslänglichen Hausarrest in Zürich ein. Er starb am 6. Oktober 1542 an der Pest. Die literarischen Arbeiten Steiners (Autobiographie, Liederchronik, Chronik über die Mailänder Kriege und Reformationschronik) sind wichtige Quellen zur Zeitgeschichte; außerdem schrieb er einen Kommentar zum Pentateuch. — Lit.: Steiners autobiographische Aufzeichnungen, Zürich StA, W 18, Steiner-Archiv 49; z. T. hg. v. Theodor von Liebenau, Aus Werner Steiner's Leben und Schriften, in: ASG IV, 1885, 432-441; Melchior Kirchhofer, Wernher Steiner, Bürger von Zug und Zürich, Winterthur 1818; Wilhelm Meyer, Der Chronist Werner Steiner 1492-1542. Ein Beitrag zur Reformationsgeschichte von Zug, Diss. phil. Freiburg/Schweiz, Stans 1910; Diethelm Fretz, «Steineri fata», in: Zwa IV 377-384; Rudolf Hess, Die zugerischen Geschichtsschreiber des 16. Jahrhunderts, Zug 1951, S. 19-49; Iten 399f; Hans Erb, Die Steiner von Zug und Zürich, Gerichtsherren von Uitikon. Ein Beitrag zur Sozial- und Personengeschichte des alten Zürich, Zürich 1954. — MAGZ XXXVIII/2, S. 11-23; Staedtke, Zug; Staedtke 267; Feller-Bonjour I 177-180; Jean-Pierre Bodmer, Werner Steiners Pilgerführer, in: Zwa XII 69-73; ders., Werner Steiner und die Schlacht bei Marignano, in: Zwa XII 241-247.

Mitto tibi, mi Wernhere, declamationes meas 2 elapsas venus quam diligenter conscriptas. Dedico eas nomini tuo, liberum relinquens, num velis opus hoc, quod tu mihi quasi vi extorsisti, boni consulere. Quod ad me pertinet, non potui quicquam amico tam syncero ac bene faventi denegare; imo animus quidem maiora dedisset, modo licuisset per inopiam. Ceterum quod habemus, id damus. Vale in Christo. Salvum te volunt fratres universi, et tu omnes vicissim salutabis, quotquot Christi nomen induerunt.

Ex academia nostra Cappell, 8. calendas iulii anno ab incarnato Christo 1524.

Henrichus Bull[ingerus],

tuus ex omni parte.

2 Vgl. Schriftenverzeichnis, HBD 14, Nr. 17-19; Staedtke 267 f. — Von den drei in Kappel gehaltenen Reden ist nur die erste vollständig erhalten, sie folgt in Abschrift gleich nach dem Briefmanuskript auf fol. 1v.; die zweite bricht bereits am Anfang ab (fol. 8v.).

2

[BULLINGER] AN
RUDOLF WEINGARTNER
Kappel,
15. Oktober 1524

Autographe Abschrift: Zürich ZB, Msc A 82, 50r. -52v. 5 fol. S., sehr gut erhalten Ungedruckt

Freut sich über Weingartners Neigung zur Reformation, erinnert ihn an seine Pflichten als Hirte und Verkünder des Gotteswortes, und beschwört ihn, im begonnenen Werk mutig fortzufahren.

1 Rudolf Weingartner, gest. ca. 16. Oktober 1541, aus alter in Bremgarten niedergelassener Zürcher Familie, ist als Knabe im Kloster Kappel erzogen worden (HBRG III 120) und wurde dort Konventherr; als solcher nahm er 1504 mit seiner Mutter am Zürcher Freischießen teil (Glückshafenrodel I 121,33-36). Am 20. September 1510 wurde er Pfarrer in Merenschwand (Kt. Aargau). 1523/24 hat er diese Pfarrstelle noch selbst verwaltet, bis er dann spätestens im Frühjahr 1526 eine Kaplanei in Zug erhielt (s. Bullingers autographe Notiz über sein Verhältnis zu Weingartner, wahrscheinlich vom Frühjahr 1528, Zürich StA, E II 342,10b, und Weingärtners Bittschrift an Zürich, vor 3. Dezember 1532, Zürich StA, E II 355,47). Nachher ließ er sich in Merenschwand vertreten und residierte in Zug (s. Bucher 44). Nach Bullingers Notiz (aaO) besuchte Weingartner von Merenschwand aus öfters Kappel und zeigte sich der Reformation gegenüber so aufgeschlossen, daß er Bullinger darum bat, ein Schreiben über die Messe an den Pfarrer in Wohlen zu richten, was dann am 16. November 1524 auch geschah (s. Anhang II, Nr. 2). Angeregt durch Joner und Bullinger, neigte Weingartner zur Zeit des hier mitgeteilten Schreibens offenbar zur evangelischen Sache. Bullinger setzte große Hoffnungen auf ihn. Auf Weingärtners Wunsch schrieb Bullinger für ihn bis Ende 1526 wenigstens eine Auslegung von zwei Evangelienstellen und eine Abhandlung (s. unten Nr. 21 und Anhang II, Nr. 8), vom 5. August 1526 bis 18. August 1527 verfaßte er 84 Evangelienauslegungen «Summae evangeliorum de tempore ac sanctis ita conscriptae, ut sylvarum loco haberi possint, unde homeliarum desumatur materia» (Zürich ZB, Msc D 149, 107r. -148r.), die Weingartner als Predigthilfe dienen sollten (s. Bullingers Notiz, aaO; vgl. Staedtke 286). In Zug wandte sich jedoch Weingartner, offenbar aus Opportunismus, immer mehr der herrschenden katholischen Partei zu. Er geriet mit Bullinger über das Abendmahl in Streit, jedoch kaum im Zusammenhang mit der Kontroverse zwischen Bullinger und Burchard 1526 (s. unten Nr. 14), sondern wahrscheinlich erst Anfang 1528, wie Bullingers Notiz (aaO) zeigt: «1528 in feb. Ego de eucharistia quasi antea solebam, ille 11. martii apologiam.» Die in Bullingers Verzeichnis der eigenen Werke bis 1528 unter den deutschen Schriften aufgeführte «Apologia ad librum Rod. Vuingarteri Tugini super eucharistiae negotio» (HBD 15,17 f; heute nicht mehr vorhanden) gehört zweifellos in diesen Zusammenhang und ist wahrscheinlich sogar identisch mit der in der Notiz angegebenen Gegenschrift Bullingers. Es erscheint darum eher unwahrscheinlich, daß Bullinger in seinem Werkverzeichnis die Namen verwechselt und mit seiner oben zitierten «Apologia» irrtümlicherweise seine Antwort auf Dr. Burchards «Gesprächbüchlin» gemeint haben sollte, wie Zimmermann 229 vermutet. Schon im Jahre 1527, nach der Übergabe des Klosters Kappel an die Stadt Zürich, beschwerte sich Weingartner in Zürich und verlangte eine Abfindung, worauf ihm jedoch am 23. November mitgeteilt wurde, daß er eine Entschädigung wie die anderen Mönche nur erwarten könne, wenn er innert Monatsfrist in das Kloster zurückkehre (AZürcherRef 1322). Weingartner blieb in Zug und hielt mit öffentlichen Schmähungen gegen seine frühere Heimat nicht zurück. Der Untervogt von Hausen bei Kappel, Uli Brüder, meldete am 17. September 1528 in Zürich, daß «der lúppriester Wingarter zu Zug min herren und die iren söl ketzern» (UBZug II 2536). Die Bezeichnung «Leutpriester» könnte zeigen, daß Weingartner nicht erst 1531 zum Stadtpfarrer von Zug berufen wurde (vgl. Iten 546); Bullinger nennt ihn sogar schon im Juni 1526 «Tuginorum episcopus» (s. unten S. 121,8). Im Zweiten Kappeler Krieg zog er als Feldprediger der Zuger mit. Der ehemalige Mönch von Kappel spielte dabei eine für sein Kloster und seine früheren Freunde verhängnisvolle Rolle: nach Bullingers Aussage (HBRG III 120) zeigte er als Ortskundiger dem katholischen Heer die günstigsten Wege nach Kappel und trug die Hauptschuld an der Plünderung des Klosters. 1532 wurde er zum Kammerer des Kapitels Zug/Bremgarten gewählt, als dessen Dekan er 1541 starb. Nach Aussage eines Zeitgenossen war er äußerst tolerant und nicht gerade einer der Gelehrtesten; immerhin

Rodolpho Wingartero suo in Christo fratri dilectissimo. Benedictio filli dei et domini nostri Jesu Christi sit super te, frater in Christo charissime.

Effari non possum, quantis gaudiorum cumulis tum me, tum omnis pectoris mei sinus gaudio referserit pulcherrimus iste, qui nuper apud nos spargi de te coepit, rumor de christiano tui animi genio. Macte ergo virtute dei, sic itur ad astra! 2 Evangelion predicas, egregie facis: spetiosissima tuae tuorumque 3 salutis iacta sunt fundamenta. Quid autem hortari incipiam, ut rem divino spiritu inchoatam absolvas, qui id animo moribusque tuis de te spondeas, nihil recusaturum, quod faciat et ad gloriam Christi et ad tuarum ovium salutem? Sic enim ab ineunte juventute seminaria que-50v. dama exhibuisti, quod dei gloriam et proximi compendium spires, atque ob eam rem mirum, quoties te mecaenas [!] noster Volcatius 4 pie quidem laudibus vehat; proinde non erat, quod calcaria tibi

a oben aRvB als fortlaufende Überschrift: Exhortatio, ut fidelem pastorem agat Wingarterus.
verfaßte er die erwähnte Abendmahlsschrift gegen Bullinger. Merkwürdigerweise wandte sich Weingartner nach 1531 noch brieflich an Bullinger. — Lit.: Pestalozzi 35; Bucher 70; Staedtke, Zug 34.36.46; Staedtke 268 f; Iten 546 f mit älterer Lit.
2 Vgl. Otto 43, Nr. 197.
3 nämlich seiner Gemeinde.
4 Wolfgang Joner (Rüplin, Rüppli), ca. 1471-1531, aus alter Thurgauer Familie, Sohn des Schultheißen von Frauenfeld, gehörte bereits vor dem großen Brand vom 15. Januar 1493 dem Zisterzienserkloster Kappel an (HBAC 443), wahrscheinlich sogar schon seit 1490/91 (AZürcherRef 1735), wurde später Großkellner, 1509 war er Prior (UBZug II 1939), 1519 wurde er an Stelle des an der Pest gestorbenen Ulrich Wüst zum Abt gewählt. Anfang 1521 erscheint er als Mitglied des pazifistischen Humanistenkreises um Zwingli. Die «Querela pacis» des Erasmus wurde auf seinen Wunsch von Leo Jud übersetzt (s. Z VII 439 f; Emil Egli, Leo Jud und seine Propagandaschriften, in: Zwa II 165). Auf der Ersten Zürcher Disputation stellte sich Joner entschieden auf Zwinglis Seite (vgl. Z I 568, 13-16), auf der Zweiten erklärte er sich mit der reformatorischen Lehre «der götzen und bilden halb» und «die meß betreffend ..., das es nit ein opffer ist» völlig einverstanden (Z II 734, 15-32). Zusammen mit Konrad Schmid und Heinrich Brennwald wurde er vom Zürcher Rat mehrmals zu Beratungen bei der Durchführung der Reformation beigezogen (AZürcherRef 456. 532.567; HBRG I 142. 162.295f) und beauftragt, auf der Landschaft zu predigen (s. Z VIII 129f). Ein entscheidender Schritt des Abtes war die Gründung der Klosterschule. Er berief Bullinger am 17. Januar 1523 zum Schulmeister, hielt die Mönche zum Studium der Hl. Schrift und zum züchtigen, frommen Leben an und lud auch andere Schüler zum Studium in Kappel ein, einige sogar aus seiner Heimatstadt Frauenfeld (HBAC 453). An den öffentlichen Vorlesungen, die nicht wenig zur Reformation des Klosters beitrugen, nahm Joner selbst teil und tat alles, um «die guten Kunst und das Heilige Evangelion ze fürdern» (HBAC 452). Vorsichtig und schrittweise führte er die Reformation durch: Am 9. März 1525 wurden die Bilder aus der Klosterkirche entfernt, am 4. September 1525 die Messe abgeschafft und am 29. März 1526 das Abendmahl nach zürcherisch-reformierter Art gefeiert (HBD 10, 16f). Mehrere Mönche heirateten, Joner selbst am 25. Februar 1527, wurden Pfarrer oder erlernten ein Handwerk. Im Jahre 1527 erfolgte die freiwillige Übergabe des Klosters an die Stadt Zürich. In der Urkunde der Übergabe (Zürich StA, C II 4, Nr. 609; auszugsweise gedruckt bei Hausammann 19f) verlangte Joner u. a. weitere Verpflegung und Kleidung für seine Frau im Kloster; sonst bat er um keinen Lohn für sich, bis es mit den Finanzen des Klosters besser stünde, für später stellte er die Lohnfrage dem Zürcher Rat anheim. Das Kloster wurde zu einer Schule für Knaben, die zu Pfarrern oder für den Staatsdienst ausgebildet werden sollten, umgestaltet. Joner behielt die Leitung als Prediger und Verwalter, zusammen mit Prior Peter Simler (s. unten S. 53, Anm. 2; HBRG II 164). Joner predigte viel und kann als eigentlicher Reformator der Gegend gelten. Seine Rechte als Visitator der Frauenklöster Tänikon (Kt. Thurgau) und Frauental (Kt. Zug) stellte er ebenfalls in den Dienst der evangelischen Sache (s. unten S. 57, Anm. 1; Hausammann 33; ASchweizerRef II 855). An der Reformation des Zisterzienserstiftes Wettingen (Kt. Aargau) hatte er persönlich Anteil und richtete dort eine Schule nach dem Muster Kappels ein. In

admovere 5 necessarium ducerem. Facit tamen incredibilis quidam erga te ardor meus, ut currentem, quod aiunt, incitare 6 compellar. I bone, quo virtus dei te vocat, i pede fausto! Ea certe te nunc aetas tenet, ut possis judicare extincto calore et praecipitantia iuvenili, quae vera piaque doctrina et quid ovibus tuis aut comodo sit aut incomodo.

Esto, proclametur a mundo dei evangelion blasphemum! Verum quid mundus cum evangelio commune habet, quid cum carne spiritus, aut veritas cum hypocrisi? An non ipse Christus, dei filius, cum universa fidelium congregatione hac ignominia deturpatus fuit? Et quid aliud ei obiiciunt impii quam: «demonium habes», quid apostolis, nisi: «musto pleni sunt»? Et quid monet Christus aliud per integra loannis capita quam hoc, quod videmus, nempe evangelion male audire apud homines? Quid aliud docet Paulus, quid Lucas in Actis? [Apg 4,1 ff; 5, 17ff u. ö.] Imo in hoc, quod adeo persequtionem patitur evangelion, se ex deo esse palam ostendit. Malorum quidem procellis sic occurrit beatitudinis fons, Christus: «Beati, cum probra in vos iecerint homines» etc. Proinde, cum eorum persequtio seu famae deturpatio, qui verbo dei herent, nihil sit neque novi, fortuiti, neque insperati aut desperati, adeo te persequtio reselire [!] non faciat, ut multo magis attrahat. Ignoras Pauli vocem? «Si adhuc hominibus placerem, Christi servus non essem». Navitae vel aurigae tempestatuum [!] violentiam adeo non verentur, ut certo sciant se non posse nisi sub aeris intemperie negotiari. Iam tu quoque eam subiisti provinciam, in qua non potes non tonitrua atque hominum expectare fulmina. Episcopus es, oeconomus «et dispensator misteriorum [!] dei».

Hic omnino necessum est aut hanc rem cum summa peragere laude, aut cum aeterna defatigari b damnatione. Certum enim verbum domini, quod nobis hoc pacto ab Ezechiele prolatum est: «Fili hominis, speculatorem te dedi domui Izrael; et audies de ore meo verbum et anunciabis eis de me. Si, dicente me ad impium: <morte morieris>, non anunciaveris ei, neque loqutus fueris, ut avertatur a via sua impia et vivat, ipse impius in iniquitate sua morietur, sanguinem autem eius de manu || 51r. tua requiram. Si autem tu anunciaveris impio, et ille non

b ti von defatigari übergeschrieben.
recht exponierter Lage an der zugerischen Grenze leistete er Zürich gute Dienste durch Informationen über die Stimmung oder Kriegsvorbereitungen in der feindlichen Nachbarschaft. Seine Verdienste um Zürich wurden am 11. Januar 1531 in einem Leibdingbrief ausdrücklich gewürdigt (AZürcherRef 1735); hier wie auch schon in Gerichtsakten vom 11. Juni 1527 (UBZug II 2360) wird er als Zürcher Bürger bezeichnet. Joner fiel in der Schlacht bei Kappel. Bullinger gegenüber war Joner ein väterlicher Freund (HBD 8,21f), 1530 wurde er Taufpate von dessen Tochter Anna (HBD 19,15); Bullinger verfaßte mehrere Schriften für oder an ihn (s. unten Nr. 3.10.20; Anhang II, Nr. 1.10; vgl. auch Einleitung S. 27); Joner schrieb vertraulich an Bullinger kurz vor dem Zweiten Kappeler Krieg (s. unten Nr. 40). — Lit.: Z X 314f; ASchweizerRef III 264.1522; HBRG I 91f; III 87.104.151; Pestalozzi 21. 49f; Egli, Affoltern, mit älterer Lit.; Wyss 80; Pfarrerbuch 367; LL X 585; HBLS V 744.
5 Vgl. Otto 103, Nr. 486.
6 Vgl. Otto 102, Nr. 486. 7 Bullinger gebraucht hier einen Ausdruck der klassischen Rhetorik; die Hauptpunkte der rhetorischen Einteilung notierte er am Rand des Schreibens (s. auch unten). Ein rhetorisch exakt aufgebautes Werk gliedert sich in: 1. principium oder exordium, 2. narratio, 3. argumentatio, 4. peroratio oder epilogus. Die argumentatio zerfällt häufig in zwei Teile: probatio oder confirmatio, und refutatio oder confutatio, d. h. Nachweis der Nichtigkeit der gegnerischen Meinung (Lausberg 262; vgl. Hausammann 163f).

fuerit conversus ab impietate sua et a via sua impia, ipse quidem in impietate sua morietur, tu autem animam tuam liberasti.» Hic iam veterum horrendissima damnationum exempla intuere: Nadab et Abiu ignem alienum offerentes in conspectu sanctuarii miserabiliter pereunt; et cui iam dubium, quin omnes simili mortis genere perimantur c , quotquot alienum ignem praeter Christi salvatoris in cordibus fidelium deum glorificantem accendere tentant. Animadversionem vero dei sevissimam in Chore, Dathan, Abyron et Hon silentio iam transiliam, quod alias copiose in Numeris Mosaicis descripta sit. Quanto autem verborum pondere, quanta spiritus numerosa verborum turba peccatum filiorum Hell describitur? Quod scilicet deum ignorarent, «dormirentque cum mulieribus, quae observabant ad ostium d tabernaculi». Ceterum illud, queso, quid aliud est quam verbum dei negligere, — quo neglecto necesse est, ut omnis cadat pietas et dei cognitio - stuprare item animas deum querentes, quas polluunt et a deo abducunt imundo sacrilego et adulterino semine, quotquot aliam doctrinam praeter verbum dei predicant? Prophetes quoque alius, eo, quod non obedisset sermonibus domini dei, a leone discerpitur, neque adminiculatur refugium, quod alius eum prophetes edere iusserat. Procul dubio neque tibi aliorum episcoporum exemplum, mores et vita in hac re patrocinari poterunt, quicquid tandem illi sive predicent sive dicant. Te constituit pastorem super oves suas altissimus, te vult esse pastorem fidelem, in hoc, ut aquam non lutulentam pedibusque turbatam, pascua item non conculcata pedibus, sed viridem herbam proponas sitientibusque aquas adaperias quovis cristallo translucidiores. Tibi luditur ista fabula: beatus, qui intelligit. 8

Prophetae Baal, eo, quod populum dei verbo fraudassent, sevissime et crudelissime ab Helia iugulantur; extat eius rei testimonium 3. Reg. 18 [1 Kön 18, 21 ff]. Sed et Jesaias clamat: «Quod si non dixerint iuxta verbum hoc, non erit eis matutina lux. Et transibit per eam et corruet et esuriet, et cum esurierit, irascetur et maledicet regi suo et deo suo; et suspiciet sursum et ad terram intuebitur: et ecce tribulatio et tenebrae et dissolutio et angustia et caligo persequens, et non poterit avolare de angustia sua.» Subsequitur Hiere-||51v. mias: «A minore quippe usque ad maiorem omnes avaritiae student et a propheta usque ad sacerdotem cuncti faciunt dolum. Et curabant contritionem filiae populi mei cum ignominia, dicentes: <pax, pax, pax!> — et non erat pax. Confusi sunt, quia abominationem fecerunt; quin potius confusione non sunt confusi et erubescere nescierunt. Quamobrem cadent inter ruentes; in tempore visitationis suae corruent, dicit dominus.» Adiicit et Ezechiel: «Quia loquti estis vana et vidistis mendatium, ideo ecce ego ad vos, ait dominus deus. Et erit manus mea super prophetas, qui vident vana et divinant mendatium. In consilio populi mei non erunt» etc. Acclamat et Micheas: «Haec dicit dominus deus super prophetas, qui seducunt populum meum, qui mordent dentibus suis et praedicant pacem, et si quis non dederit in ore eorum quidpiam, sanctificant super eum praelium: Propterea nox vobis pro visione erit et tenebrae vobis pro divinatione; et occumbet sol super prophetas et obtenebrabitur super eos dies» etc. c

aus perimur korrigiert.
d das h vom ursprünglichen hostium ausgekratzt.
e 21 aus 20 korrigiert.
8 vielleicht ein Hinweis auf Ps 41,2.

Quare, cum his et clarissimis et certissimis dei verbis certo certius poenam intentatam habeas, si ab ipsius verbo desciscas, summa ope adnitendum, ut, quam purissime fieri potest, ovibus tuis verbi dei purissimum pabulum proponas. Cogita te unum esse, e quo omnium tuorum spes pendet et doctrina; perpende te non modo animarum dei esse ductorem, verum et fratrum charissimorum. Sanguineus, profecto sanguinarius, neque lupus modo, sed et latro omnium sevissimus, quos terra tulit, fores, si post agnitam veritatem dulcissimo pabulo tuos illos defraudares; non homo, sed tyrannus truculentissimus f , si etiamnum veritatem illis occluderes! An non tum quidem in te quadraret truculentissima domini vox, ita intonans: «Vae vobis, quia clauditis regnum coelorum ante homines. Vos enim non intratis, nec advenientes sinitis intrare». Aut ut Lucas refert clarius: «Vae vobis legisperitis, quia tulistis clavem scientiae; ipsi non introistis, et eos, qui introibant, vetuistis.» Apertus est et apostoli textus: «Propterea quod, cum deum cognoverunt, non ut deum glorificaverunt neque grati fuerunt, sed frustrati sunt per cogitationes suas et obtenebratum est insciens cor eorum. Cum se crederent esse sapientes, stulti facti sunt» etc. —Nescio, quid magis probum virum movere || 52r. possit. Intuere vel hoc etiam, quot habeas quotidie piarum animarum centurias, quas ceu derelictas cernis coram te assistere ac ardenter salutem spirare 13 .

Quid, si hedos aliquot habeas? 14 Ergo ne pastor es? Ergo ne oves perdende omnes, quia hedi aliquot recalcitrant? Et quid dubitas adhuc? Ecce adsunt praesidia, quibus provinciam delegatam regas. Res est nedum facilis, sed et utilitatis plena; dominus enim clamat per Hieremiam et dicit: «Tu ergo accinge lumbos tuos et surge et loquere ad eos omnia, quae ego praecipio tibi. Ne formides a facie eorum, nec enim timere te faciam vultum eorum. Ego quippe dedi te hodie in civitatem munitam et in columnam ferream et in murum aereum super omnem terram, regibus, principibus et sacerdotibus et omni populo terrae. Et bellabunt adversum te, et non praevalebunt, quia ego tecum sum, ait dominus, ut liberem te.» — Neque est, quod dubites ad te ista pertinere; certe ad te spectant. Nam D[ivus] Paulus ait: «Non scriptum est autem propter Abraham tantum, sed propter nos etiam»; item: «Quecumque scripta sunt, ad nostram doctrinam scripta sunt, ut per consolationem scripturarum spem habeamus». Saltem apostolo fide: «Iam si deus nobiscum, quis contra nos?» Persequi [!], capi, puniri, aut etiam occidi

f trucul-aRvB nachgetragen.
9 Der Schluß (epilogus, peroratio, conclusio) soll «in der Rede die Hauptpunkte nochmals zusammenfassen und durch Appell an die Gefühle des Hörers diesen zum Mitleid rühren...», Arbusow 106. Im allgemeinen gilt die Feststellung, daß der epilogus zwei Ziele hat: «Gedächtnisauffrischung und Affektbeeinflussung», Lausberg 431. Hier handelt es sich um den abschließenden, ermahnenden Teil und den eigentlichen Höhepunkt der vorangegangenen Abschnitte.
10 Vgl. die «argumenta a persona» (Lausberg 376) und den «affectus a persona» (Lausberg 257).
11 Ein rhetorisches Verfahren, das im Altertum als Steigerung oder «Erhöhung», im Mittelalter nur als «Erweiterung» verstanden wurde (Arbusow 21).
12 Siehe oben Anm. 10.
13 Vgl. Mt 9,36.
14 Vgl. Mt 25,32.
15 Wahrscheinlich im Sinne von «occupare contraria verba»: einem gegnerischen Einwand zuvorkommen (s. Lausberg 855).

possumus, vinci non possumus, quia «vicit leo de tribu Iuda» g [Apk 5,5]. Et quid durum, quid difficile reputares, quod mollit et levigat spiritus ille dei corda nostra renovans et fortificans? 16 Clamat Paulus: «Omnia possum in eo, qui me confortat». Quid vero praemium describere pergam, cum «oculus non viderit nec auris audierit, quae dominus praeparaverit diligentibus se»? Et si non plura, certe vel hoc prestat diligens ovium custodia et digna verbi dei tractatio, ut cum Paulo possimus in ultima illa necessitate, quando mundus nutat, amici ad auxilium torpent, divitiae evanescunt et omnia mundana pereunt 18 , interim sola et misera anima nunquam moriens 19 et tamen morti destinata ei sistitur iudici, qui unicuique retribuit iuxta sua studia; ut, inquam, tum possimus dicere: «Mihi vita Christus est et mors lucrum», «cupio dissolvi et esse cum Christo». Nam «bonum certamen certavi, cursum consumavi, fidem servavi. Quod superest, reposita est mihi iustitiae corona, quam reddet mihi dominus II 52v. in h illa die, qui est iustus iudex, non solum autem mihi, sed et omnibus, qui diligunt adventum ipsius».

Proinde te, charissime frater, per sanctam dei persequtionem et salubrem eius crucem, quam electis suis imittit 21 [!], per sacrosanctum episcopale offitium et per terrorem minarum et iuditii dei, per sanguinem domini nostri Jesu Christi, quem copiose pro suis ovibus fudit 22 , quas tibi tradidit pascendas, per auxilium et inflammationem spiritussancti 23 et illam nunquam marcessibilem [!] vitae aeterne [!] gloriam, perque salutem misere [!]animae tuae et omnium tuarum ovium: obsecro et obtestor, ut coeptum negotium absolvas, in veritate dei praedicanda crescas 24 , sic, ut gloria dei et salus ovium verbo et doctrinae tuae dent testimonium. Deus pacis, misericordiae et infinitae gratiae corroboret te et instituat iuxta ipsius sanctissimam voluntatem 25 .

Cappellae, 15. octobris anno ab orbe redempto 1524.

Salvum te volunt fratres in Christo omnes.

g aus iuda korrigiert.
h oben aRvB als Überschrift: Epistola paranetica [!] ad Wingarterum.
16 Vgl. Joh 14,16ff u. ö.
17 Bullinger verwendet hier eines der «Amplifikationsmittel». Nach Quintilian bestehen die Mittel der amplificatio (s. oben Anm. 11) aus «incremento, comparatione, ratiocinatione, congerie»; congeries oder greek ist «der die koordinierende Häufung bezeichnende Terminus» (Lausberg 259.667).
18 Vgl. Mt 24,5ff u. par.
19 Zur Lehre von der Unsterblichkeit der Seele bei Bullinger s. Staedtke 258 f.
20 Siehe oben Anm. 9.
21 Vgl. Mt 16,24 u. ö.
22 Vgl. Joh 10,11.
23 Vgl. u. a. Joh 14,16; Apg 1,8; 2,1ff.
24 Vgl. Kol 1,10.
25 Vgl. Hebr 13,20f; 1 Petr 5, 10.

3

[BULLINGER] AN
WOLFGANG JONER
UND PETER SIMLER
Kappel,
[Oktober /November?] 1524

Autographe Abschrift: Zürich ZB, Msc A 82, 52 v. 1/2 fol. S., Fragment Ungedruckt

Anfang des Widmungsbriefes zur Schrift über die göttliche Vorsehung.

Reverendissimis a dominis d. Volcatio lonero abbati et Petro Simlero priori Cappellae sit gratia et pax a deo patre et domino nostro Jesu Christo.

Quae hic de divina providentia congessimus vobis, viri ornatissimi, duximus dedicanda, partim ut currentes vos in via do [mini] — — —b .

a Darüber als Titel des ganzen Werkes, von Bullingers Hand: De dei erga nos providentia, contra impium carnis iuditium liber. Jesus Christus. «Hic est filius meus dilectus, in quo placata est anima mea; ipsum audite!» [Mt 17,5.] 1524.
b Das Ganze ist nachträglich durchgestrichen und die nachfolgenden 12 Folioblätter des Kopialbuches sind herausgeschnitten 4 .
1 Siehe oben S. 48f, Anm. 4.
2 Peter Simler, 1486-1557, Sohn des Schultheißen Hans Rudolf Simler in Rheinau (Kt. Zürich), trat früh in das Zisterzienserkloster Kappel ein, war bereits 1511 Subprior (UBZug II 1979) und nach Joners Abtwahl 1519 wahrscheinlich dessen Nachfolger als Prior. Zusammen mit dem ihm eng verbundenen Abt Joner (s. Joner an Simler, 9. Oktober 1531, ASchweizerRef III 1522) zeigte sich Simler der evangelischen Botschaft gegenüber bereits in den Anfangsjahren der Zürcher Reformation sehr aufgeschlossen und wurde darin von Bullinger in Kappel immer mehr bestärkt und belehrt. Simler heiratete im Frühjahr 1527 und wurde nach der Übergabe des Klosters an die Stadt Zürich im selben Jahr Pfarrer der neu geschaffenen Kirchgemeinde Kappel. Zugleich amtete er als Verwalter des Klostergutes und der Schule; bis 1531 galten sowohl Abt Joner als auch Simler als «predicanten und verwalter des klosters» (H BRG II 164). 1528 nahm Simler in Vertretung Joners an der Berner Disputation teil (ABernerRef I 1466). Nach dem Tode des Abtes brachte er das im Krieg 1531 ausgeplünderte ehemalige Kloster und dessen Güter wieder in Ordnung, ja zur wirtschaftlichen Blüte, so daß die Schule 1533 wieder eröffnet werden konnte. 1540 fertigte Simler ein Urbar des Klosters an (Zürich StA, F IIa 58; s. dazu Clavadetscher 22 u. ö.). Von der Verwaltung trat er 1541 zurück, das Pfarramt Kappel behielt er aber bis zu seinem Tode. Seit 1532 war er Dekan des Kapitels Freiamt; an der Synode vom 21. Oktober 1533 wurde ihm die Zensur erteilt: «Visitiert nit flyssig, ist aber mit gschäften dermass beladen, dass er es nit mag.» Er selbst betonte darauf hin, das Amt (des Dekans) wegen seiner sonstigen Belastungen nur ungern übernommen zu haben, und bat um Dispensierung; schließlich wurde beschlossen, er solle im Amt bleiben, aber für die Visitation einen Helfer zugeteilt bekommen (AZürcher Ref 1988). In Anerkennung seiner Treue und Verdienste schenkte ihm die Stadt Zürich 1534 das Bürgerrecht. Zu Bullingers «Annales sive Chronicon coenobii Capell», 1526, schrieb er eine Fortsetzung (Zürich StA, E II 437, 147r. -149av.; gedr. HBAC 451-455). Bullinger hielt Simler für seinen besten Freund in Kappel (HBD 8, 20); er widmete ihm mehrere Schriften (außer dieser s. noch unten Nr. 10 und Anhang II, 9.10) und ein gedrucktes Exemplar seiner «Vergleichung der uralten und unserer Zeiten Ketzereien»: s. Staedtke 280; HBBibl 1. Einige Werke Bullingers sind in Simlers Abschrift erhalten geblieben: Nr. 15, die «Vergleichung ...» (s. Staedtke 280) und die «Freundliche Ermahnung zur Gerechtigkeit» (s. Staedtke 281; HBBibl 2). Simler trat 1528 als Bullingers Zeuge vor dem Ehegericht in Zürich auf (s. unten S. 126, Anm. 1) und traute ihn dann mit Anna Adlischwyler am 17. August 1529 (HBD 18,17f). Bullinger wurde Taufpate von Simlers erstem Sohn Josias (1530 bis 1576, Theologe und Historiker, Schwiegersohn und erster Biograph Bullingers) und nahm diesen mit 14 Jahren zum weitern Studium in sein Haus auf. Einige Briefe von Peter

Simler an Bullinger aus den Jahren 1530-1540 sind erhalten geblieben. — Lit.: HBD 51, 5; HBRG I 92. 94ff. 428; Pestalozzi 49; Pfarrerbuch 46.533; LL XVII 136 f; HBLS VI 372.
3 Der Widmungsbrief beginnt auf der letzten Seite von Bullingers Schreiben an Weingartner vom 15. Oktober 1524 (s. oben Nr. 2); die nächste darauf folgende Schrift ist die vom 15. November 1524 (s. unten Anhang II, Nr. 2). Demnach dürfte die Abfassung und die wohl gleichzeitig erfolgte Abschrift dieses Werkes in die Zwischenzeit fallen (s. Staedtke 269). —Allerdings ist die chronologische Ordnung des Kopialbuches nicht überall zuverlässig (ausführlicher s. Einleitung S. 26).
4 Bullinger scheint diese Arbeit aus theologischen Gründen vernichtet zu haben; die Foliierung des Bandes, die von ihm selbst stammt, geht ohne Lücke weiter. «Die Arbeit fällt in die Zeit vor der Auseinandersetzung zwischen Erasmus und Luther über den Freien Willen, an der Bullinger regen Anteil nahm und die ihn zu einer ganz eindeutigen Stellungnahme gegen Erasmus veranlaßte. Bullinger hat sich vermutlich nach der Lektüre von Luthers 'De servo arbitrio' nicht mehr zu seinem eigenen Werk bekennen wollen und darum die Arbeit vernichtet» (Staedtke 269).

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LEO JUD AN
BULLINGER
Zürich,
15. November 1524

Autograph: Zürich ZB, Msc F 62, 343 1 S. 4°, sehr gut erhalten, mit Siegelabdruck Ungedruckt

Wehrt sich gegen Bullingers Drängen, die von ihm angegebenen Werke Tertullians bald zu lesen und einige darauf bezügliche Fragen zu entscheiden, verspricht jedoch, es später zu tun.

Gratia et pax a deo patre per Christum.

Quod me tam amice hortaris, imo urges 2 , frater in Christo charissime, ut libellos quosdam Tertuliani [!]3 a te versos a 4 pellegam, non gravabor tibi morem gerere, siquidem cum tempore id fieri patiaris, nam illico non licet. Quamquam quis ego, mi frater, quem in re tanta iudicem eligis? Tu videris, quid agas, nam officium christiani hominis ego haud detrecto. Quare tibi persuade me nihil tibi

a Am Rande eine Bemerkung von J. H. Hottinger zum Inhalt.
1 Leo Jud, 1482-1542, geb. in Gemar (Elsaß), studierte mit Bucer in Schlettstadt, mit Zwingli in Basel, wurde 1507 in Rom zum Priester geweiht, 1507-1512 Diakon zu St. Theodor in Basel, 1512-1518 Pfarrer in St. Pilt (Elsaß), dann 1519-1522 in Einsiedeln (Kt. Schwyz) als Zwinglis Nachfolger. Am 1. Juni 1522 wurde er auf Zwinglis Empfehlung als Pfarrer zu St. Peter in Zürich gewählt, wo er vom 2. Februar 1523 bis zu seinem Tode tätig war. Hauptmitarbeiter und treuer Kampfgenosse Zwinglis und später Bullingers, Verfasser von Gottesdienstordnungen, Katechismen, Streitschriften, Liedern usw., Übersetzer zahlreicher Schriften, u. a. von Augustin, Erasmus, Luther, Zwingli, Calvin und Bullinger; Bibelübersetzer, Herausgeber von Zwinglis Kommentaren zur HI. Schrift. Theologisch stand er ganz unter Zwinglis Einfluß, nur 1532/33 neigte er vorübergehend Kaspar von Schwenckfeld zu. — Laut Diarium (HBD 8,23f) lernte Bullinger Zwingli und Jud 1523 kennen; es steht auf Grund einer späteren Bemerkung Bullingers fest, daß er Zwinglis Bekanntschaft erst gegen Ende dieses Jahres gemacht hat (s. HBD 8, Anm. 4). Dies gilt wahrscheinlich auch für seine erste Begegnung mit Jud. — Mit dem vorliegenden Brief setzte eine vertraute und bedeutsame Korrespondenz ein: Jud wurde zum wichtigsten Vermittler zwinglischer Gedanken nach Kappel (s. unten Nr. 6.8 und 11). — Lit.: Carl Pestalozzi, Leo Judä, Elberfeld 1860. — LSRK IX; Leo Weisz, Leo Jud, Ulrich Zwinglis Kampfgenosse, 1482-1542, Zürich (1942); Emil Egli, Leo Jud und seine Propagandaschriften, in: Zwa II 161-166.198—208; Oskar Farner, Leo Jud, Zwinglis treuester Helfer, in: Zwa X 201-209; Bernhard Riggenbach /Emil Egli, Art. Jud, in: RE IX 550-553; Georg von Wyss, Art. Judä, in: ADB XIV 651-654; HBLS IV 417; Oskar Farner, Art. Jud, in: RGG III 962f; Oskar Vasella, Art. Jud, in: LThK V 1149f; Schl. 9530f. 9534. 55341-55347.
2 Bullingers Brief ist nicht erhalten.
3 Quintus Septimius Florens Tertullianus, etwa 160 bis etwa 230. — Auf Bullingers theologisches Denken übte er einen bedeutenden Einfluß aus (s. Staedtke 42f. 280; über Bullingers Handexemplar des Tertullian s. Anm. 4).
4 Mit welchen Tertullianschriften sich Bullinger zu dieser Zeit so intensiv beschäftigte und was für Probleme er Jud in diesem Zusammenhang vorlegte, ist nicht bekannt. Sein Handexemplar der Werke Tertullians, das er Jud möglicherweise bei dieser Gelegenheit zugeschickt hatte, ist erhalten geblieben: Opera Q. Septimii Florentis Tertulliani ... per Beatum Rhenanum Seletstadiensem e tenebris eruta ..., Basel 1521. Diese Edition enthält mit Ausnahme von 11 weniger wichtigen Schriften sämtliche Werke Tertullians. Bullinger erhielt sie vom Kappeler Konventherrn Andreas Hoffmann (s. unten S. 79, Anm. 3) zum Geschenk. Das Buch befindet sich in der Zentralbibliothek Luzern, s. J. Pfister, Bullingers Handexemplar des Tertullian, in: Zwa III 486-494.

denegaturum, quod vel ad tuam vel publicam christianorum omnium utilitatem prodesse sensero.

Vale.

Ex Tyguro, 15. novembris 1524.

Tuus Leo Jud.

[Adresse auf der Rückseite:] Optimae spei adulescenti Henrico Bullingero, fratri suo in Christo charissimo.

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BULLINGER AN
MARX ROSEN
Kappel,
5. Februar 1525

Abschrift 2 : Zürich StA, E II 441, 380-389 9 1/2 S. 4°, sehr gut erhalten Ungedruckt

Bullinger gibt eine Zusammenfassung der evangelischen Botschaft, gefolgt von einer in paränetischer Form gehaltenen Abhandlung über die Christenpflichten, besonders im Ehestand.

1 Marx Rosen stammte wahrscheinlich aus Frauenfeld (Kt. Thurgau), wie u. a. die am Schluß des Briefes ihm aufgetragenen Grüße an Schultheß Rüplin, Sigmund [Rüplin] und [Hans] Mörikofer in Frauenfeld (ihre Lebensdaten s. unten Anm. 161-163) zeigen. Über seine Person ließ sich nichts ermitteln, doch war die Familie Rosen um diese Zeit in Frauenfeld bekannt: ein Rosen besaß 1514/15 ein Haus «im Gassli». Er starb wohl noch 1515, da in den Steuerbüchern der Jahre 1515-1526 des «Rosen seligen frow» aufgeführt ist; von 1527 an erscheint ihr Name nicht mehr (Bürgerarchiv Frauenfeld, Steuerbücher 1514-1530, Theke 15.17; freundliche Mitteilung von Dr. V. Jacobi, Adjunktin des Staatsarchivs des Kantons Thurgau). Wie man aus den Einleitungsworten von Bullingers Brief entnehmen kann, hielt sich Marx Rosen um die Jahreswende 1524/25 in Kappel auf, wo Schüler aus Frauenfeld nachgewiesen sind (s. HBAC 453). Die lobenden Worte lassen auf einen Schüler in jüngeren Jahren schließen, mit dem Bullinger freundschaftlich verbunden, ja dem er sogar zu Dank verpflichtet war. Rosen muß kurz vor (oder nach) der Heirat gestanden, über ein gewisses Vermögen verfügt und gute Beziehungen zu angesehenen Persönlichkeiten in Frauenfeld gehabt haben, vor allem zur Familie des Abtes Wolfgang Joner (Rüplin; s. oben S. 48 f, Anm. 4). Abt Joner selbst stand in enger Verbindung zu seiner thurgauischen Heimat. Er war Visitator und Seelsorger des Zisterzienserinnenklosters Tänikon, was die Möglichkeit einer reformatorischen Einflußnahme auf das Kloster eröffnete. Bald zeigten sich denn auch gewisse Auflösungserscheinungen. 1523/24 sollen insgesamt drei Nonnen Kappeler Mönche geheiratet haben (Knittel 52-56). Im Rahmen dieser Beziehungen zwischen Kappel und dem Thurgau sind denn auch die Bemühungen Bullingers um Rosen zu sehen. Rosen stand der Reformation zweifellos positiv gegenüber. Von seinem weiteren Schicksal oder einer späteren Verbindung mit Bullinger ist nichts bekannt. Sicher ist jedenfalls, daß Marx Rosen nicht Hofmeister des Klosters Königsfelden (s. unten Anm. 166) war, wie mehrfach behauptet wurde (s. Zürich ZB, Msc S 222, 13b; Heß I 32: «Marx Hofmann»; Pestalozzi 54; Staedtke 271). Dieser Fehler ist auf zwei weitere Irrtümer zurückzuführen: 1. Am Schluß der vorliegenden Kopie des Briefes steht ein von Bullingers eigener Hand stammendes Titelblatt (den Text s. in Anm. d), welches als Titelblatt zu dem vorliegenden Schreiben betrachtet wurde. Auf diesem Titelblatt erscheint der Hofmeister des Klosters Königsfelden als Adressat, woraus die fälschliche Gleichsetzung mit Marx Rosen entsprang. 2. In seinem am 24. Februar 1528 an Anna Adlischwyler gerichteten Schreiben «Von wyblicher zucht» (s. unten Nr. 27) entschuldigt sich Bullinger dafür, daß ein guter Teil seines Schreibens wegen Zeitmangel nichts anderes als eine Abschrift seiner vor anderthalb Jahren dem Hofmeister des Klosters zugeschickten Schrift, nämlich einer Auslegung des 128. Psalmes sei; diese macht tatsächlich fast die Hälfte jenes Schreibens aus. Ungeachtet dessen, daß diese Bemerkung Bullingers eine recht zuverlässige Datierung der nach Königsfelden geschickten Schrift auf die zweite Hälfte 1526 erlaubt, nahm man gerade auf Grund von Bullingers Hinweis an, daß diese Schrift mit dem Brief an Rosen identisch sei; dieser wurde somit als «Hofmeister» wiederum bestätigt (vgl. Staedtke 291). — Tatsache dagegen ist: 1. daß das Titelblatt am Schluß nicht zu diesem Brief an Rosen gehört, 2. daß die von Bullinger in seinem Schreiben «Von wyblicher zucht» übernommene Schrift mit diesem Brief an Rosen nicht identisch ist, sondern es sich vielmehr um jenes Werk handelt, von dem hier nur das Titelblatt am Ende des Briefes steht, und 3. daß der Hofmeister des Klosters Königsfelden nicht Marx Rosen, sondern Bendicht Mattstetter (s. unten Anm. 167) war. — Allerdings bestehen zwischen den beiden Schriften gewisse Zusammenhänge. Beide behandeln das Problem der Ehe (der Brief an Rosen freilich nicht ausschließlich). Am Schluß dieses Briefes wird Ps 128 wörtlich zitiert, die dem Hofmeister zugeschickte Schrift hingegen ist eine Auslegung desselben Psalmes, wie bereits das Titelblatt ankündigt. Bei diesem einzigen uns zur Verfügung stehenden Manuskript handelt es sich also wahrscheinlich um ein Exemplar,

Dem ersamen frommen Marxen Rosen sye «gnad und frid von gott dem vatter und unserem heiland Jesu Christo» [Tit 1,4].

Nach dem und du dich by uns erlich, redlich und christenlich hast gehalten 3 , besunders in trüw und dienstbargheit gegen jedem und allen, allermeist aber gen mir, hab ich nitt mögen lassen 4 dan ich schribe dir ettwas, daruss du besserung und nutz empfahen möchtest, also das din dienst gen mir nitt umbelhonet blibend.

«Uffs erst dancke ich gott durch Jesum Christum» [Röm 1,8], das er dich zum teil uss siner gnad und grundlosen barmherzigheit in erckantnuss hat ingefürt sines göttlichen worts, also das din nichtigheit von Adam angeboren 5 erckenst und dorumb alein Christum suchst, «welchen uns gott hatt fürgestelt 6 zum gnaden stuol» [Röm 3,25], fürsprecher, versönung 7 , erlöser, grechtigheit, hieland [!]und wysheit 8 . «Denn es ist das wollgefallen gottes gesin 9 , das in imm 10 allein alle völle whonen sölt und alles durch inn 11 versönet wurde zuo imm selbs, es sy uff erden oder in hymel, darmitt» — wie Paulus spricht -, «das er frid macht durch das blut an sinem krütz durch sich selbs» [Kol 1,19 f].

Und warlichen so sind wir uss uns «von natur nüt anders dan kinder des zorns» [Eph 2,3], daruss aber gottes unergrüntliche barmherzigheit erglastet 12 : «Dan wir nu uss genad selig werdend durch den glouben, und dasselb nitt uss uns, es ist gottes gab, nitt us den werchen, uff das sich neimandt [!] rüme» [Eph 2, 8f]. Die werch sind aber wir schuldig zuo thuon 13 , ja 14 die ||381 uns gott durch den glouben und schrifft leert, nitt selbs erdichte 15 werch, die dan nie wol Sauli erschussend 16 : 1. Reg. 15. [1 Sam 15,1 ff]. Solomon spricht darvon Proverb. 3: «Vertrüw 17 dem herren uss gantzem dinem hertzen und verlass dich nitt uff din fürsichtigheit 18 . In allen dinen wegen halt inn im hertzen, und er wirts wol machen» [Spr 3,5f]. Sich, das sind christenliche werch: alle ding imm glouben

1f das ursprünglich je eine Abschrift der beiden Eheschriften enthielt; die erste von einem ungenannten Helfer Bullingers, die zweite von ihm selbst. Der Text der zweiten Schrift ist dann möglicherweise im Zusammenhang mit der Arbeit an der Abschrift für Anna Adlischwyler abhanden gekommen, so daß nur noch das Titelblatt übrigblieb. Der Text der Schrift, die freilich kein Brief, sondern eine umfangreiche Auslegung von Ps 128 ist, blieb in Bullingers oben erwähntem Schreiben vom 24. Februar 1528 erhalten.
2 Der Abschreiber war möglicherweise ein Schüler Bullingers in Kappel; seine Handschrift weist viel Ähnlichkeit mit der von Nr. 16 auf. Die Abschrift entstand entweder zur Zeit der Abfassung oder vielleicht erst 1526, nach der Entstehung von Bullingers Auslegung von Ps 128; im ersteren Fall muß das von Bullingers Hand stammende Titelblatt jener Auslegung erst nachträglich zum Manuskript hinzugefügt worden sein (s. auch oben Anm. 1).
3 verhalten, benommen (SI II 1226).
4 unterlassen, daß ... (SI III 1396).
5 Vgl. Gen 3,19; 1 Kor 15,47.
6 hingestellt.
7 Vgl. 1 Joh 2, 1f.
8 Vgl. 1 Kor 1, 30.
9 gewesen.
10 ihm.
11 ihn.
12 erglänzt, hervorleuchtet (SI II 650f; Grimm III 825).
13 Vgl. Eph 2,10; Jak 2,14ff.
14 nämlich (SI III 2).
15 erfundene (SI XII 391ff).
16 zu Gutem gereichen, zum Wohl dienen (SI VIII 1392).
17 vertraue.
18 Voraussicht, Umsicht, Klugheit (SI VII 267f).

thuon, alles imm übergeben und inn lassen walten, darbin [!]19 ander lieben und anderen thuon was wir wöltend 20 , das man uns thet [Mt 7,12]; Roma. 12 [9ff]und 13 [8ff]; ouch 1. loan. 3 [11ff]. «Gebenedyet sy ouch gott und der vatter Jesu Christi» [2 Kor 1,3], der dich also erlüchtet hat, daß du erckennen kanst, wie alle ding gott in allen würckt [1 Kor 12,6]. Wan als 21 der prophet spricht, so ist sinen 22 der tag, sinen ist die nacht [Ps 74,16] und er verwandlet zyt und die alter 23 ; und Paulus: «Es ist ein herr, ein gott und vatter unser aller, der da ist über uns all und durch uns allen und in uns allen» [Eph 4,5f]. Welches, so es kundt gesin ist dem fromen Hiob, kont er gar wol gedult haben; dan er wust, das sin kranckgheit a und armuot von gott was 24 . Ouch David, do er sprach: «Ist es gefellig dem herrenn, so komb ich wider in min rych. Ist es aber sach 25 , daß er spricht: du gefalst mir nüt, so bin ich bereit» [2 Sam 15,25f]. Also leer 26 , min lieber bruder Marx, gott, dinem herren dancken und alles heimstellen 27 , gott, dinem vatter ||382 wol vertrüwen in allen sachen und in hertzlich bitten. Des du aber, gott sye gelopt, ein guoten anhab 28 hast gegen mir erzügt 29 in dem du din handel 30 alein gott dem herren zuoschript 31 . Du sichst je jetzundan 32 schimbarlich 33 und häll, wie dich gott on 34 din ratschlag 35 , thuon und verdienen 36 in er 37 und guot 38 gesetzt hat. Welchs er dorumb gethon hat, das du imm lartest 39 vertrüwen und des imm zuo dancken. Wann also 40 hat er je und je die kinder von Israhel durch guothet 41 zuo imm gezogen. Dorumb soltu dich nu fin 42 in handel schicken 43 , gott vor ougen haben und im vertrüwen, wan er ouch nitt alein den lib 44 und die eer, sunder ouch alles guot gibt.

a ck übergeschrieben.
19 dabei.
20 wollten.
21 Denn wie.
22 sein.
23 Vgl. Ps 74,17; Am 5,8.
24 Vgl. Hi 2,10.
25 Ist es aber der Fall, tritt der Fall ein, ... (SI VII 112).
26 lerne (SI III 1368).
27 anheimstellen (SI XI 177).
28 Anfang (SI II 866). 29 gegen mich bezeugt, an den Tag gelegt (vgl. Grimm III 1082f).
30 Angelegenheit, Sache (SI II 1397).
31 zuschreibst, beilegst, beimißt (SI IX 1527).
32 jetzt dann, von nun an (SI I 630).
33 deutlich, klar (SI VIII 816. 818).
34 ohne.
35 Beratschlagung, consultatio (SI VI 1563ff; IX 240).
36 Zutun und Verdienst.
37 Ehre (SI I 389ff).
38 Reichtum. — «Reichtum und Ehre» im AT häufig als Ausdruck für das von Gott geschenkte Wohlergehen eines Frommen (vgl. 1 Kön 3,13 u. ö.).
39 lerntest (SI III 1368).
40 Denn so.
41 Wohltaten (SI XIII 2026f).
42 trefflich, recht (SI I 835f).
43 entsprechend verhalten (SI VIII 507); der Sinn des Ganzen ist wohl: du sollst dich nun richtig verhalten, richtig handeln.
44 Leib.

Es stat geschriben Ioan. am 10 [28], das die schäfflin Christi Christo niemandt wirt uss der hand rouben; deshalben er sich ouch ein hyrten nemmet 45 [Joh 10,11]. Daruss nu klar ist, das wir gott dem herren die seel vertrüwen 46 mussend, und nu dem also ist, wer wolt dan nitt den lib können oder wellen 47 gott übergeben? Den er sich aber erbüt 48 , wie er sölle von imm erhalten werden, wann wir je gottes wort habend durch den propheten usgesprochen Psal. 36. [Ps 37,3-5. 7.25]: «Hoff uff den herren und thuo guts, blib im land und mere dich 49 im glouben. Hab din lust am herren, der wirt dir geben, was din hertz lust 56 Befil dem herren dine weg und hoff uff inn, er wirts wol machen. Halt dem herren still und lass inn mitt dir machen. Ich bin je jung gewesen und alt worden, und hab noch nie gesechen den grechten ||383 verlassen oder sinen samen umb brot gan».

Sich, lieber bruoder, das sind die wort gottes; mögend gar nüt felen 51 . Hastu nu glouben in sine obgemelte 52 wort, wol dir und du solt gott teglichen bitten, daß er gnad mitt dir thüye 53 , das du inen mögest glouben. Nitt minder ists 54 , die versuochung kumpt, und also hert, daß du meinst, du müssest verderben, verharr du aber stiff 55 im glouben. Wann wen du glöubig bist, «mach 56 sich gott selber nitt lougnen» [2 Tim 2,13]; er mus halten was er hat zuo gesagt. Wir lesend, das er versuocht hat den frommen Abraham 57 , Isaac 58 , Jacob 59 , und Hiob . Abrahae liess er nemen sin schöne husfrowen 61 Saram 62 , berufft in 63 uss sinem vatter land 64 , gab im nütisterminder 65 nitt eines fusbreits zuo besitzung 66 [Apg 7,5]. Hiob nam gott lib und guot 67 . Nu sy aber standhaft blibend im glouben, wurdendt sy okt verlassen und kamend zuo grosser rychtumb 68 . Also soltu nach dem gebott gottes werchen 69 ernstlich, den es geschriben stat: «Im schweis dines angsichts wirst essen dines brot» [Gen 3,19], und lass gott walten. Lass im die sorg und nun du an dich das werck oder die arbeit und lis im Evang. Mathei das 6. und Luce 12. cap. [Mt 6,25ff; Lk 12,22ff]. Lass dir ouch

45 nennt (SI IV 747f).
46 anvertrauen.
47 wollen.
48 anerbietet, erbietet, erzeigt (SI IV 1869f).
49 nimm zu (SI IV 371).
50 gelüstet, verlangt (SI III 1477).
51 an Genauigkeit oder Richtigkeit mangeln (SI I 768).
52 obgemeldete, oben genannte.
53 tue.
54 Nicht zu leugnen ist (SI IV 321).
55 beständig, fest (SI X 1427ff).
56 mag, kann.
57 Vgl. Gen 22,1ff.
58 Vgl. Gen 26,1ff.
59 Vgl. Gen 32,24ff.
60 Vgl. Hi 1, 16 ff.
61 Ehefrau.
62 Vgl. Gen 12,10; 20,1ff.
63 ihn.
64 Vgl. Gen 12, 1 ff.
65 nichtsdestoweniger (SI XIII 1985).
66 Vgl. auch Hebr 11,9.
67 Vgl. Hi 1,16-2,8.
68 Vgl. Gen 13,2; 24,1; 26,13f; 30,43; Hi 42,10ff.
69 werken, arbeiten.

Jacob, den heiligen ertz vatter nitt uss dinem hertz kummen, welcher, ob er wol in Mesopotamia, Syrie nitt einer hand breit hatt, ward er doch rych uss gott und siner arbeit: Genes. 29 [1 ff; 30,25 ff]70 .

So hab ich gesprochen, das du eer und gut habist überckummen und das dorumb geschriben stat Gene. 1 ||384 und 2: «Und gott gesegnet sy und sprach zuo inen: Sind 71 fruchtbar und merend üch und füllend die erden» etc. [Gen 1,28]. «Der man wirt vatter und mutter verlassen und sinem wib anhangen, und werdendt sin zwei ein fleisch» [Gen 2,24]. Daruss du mercken solt, wie du den eelichen stand verbringen und wie du din wib halten söllest, also dast 72 in eer und gout [!] blibest.

Am ersten wirt der eelich stand recht verbracht, wann man kinder zu eeren gottes darvon zücht 73 , von welchem nu nitt stat ist zuo reden 74 , so man sust 75 wol wüst, was zuo der eelichen pflicht höret 76 . Das du aber allwegen 77 das wort gottes vor dir habest, so nim für dich und lys das 7. cap. der ersten zun Cor. Wie man aber müsse und sölle die kind uffzüchen, hast im letsten buch Mose: Deutro. 7 [6,20ff].

Zum anderen solt 78 din wib halten wie din eigen fleisch. Dorumb Paulus spricht: «Ir man, liebend üwere wyb, glych wie ouch Christus geliebet hat die gmeind und hat sich selbs für sy geben, uff das er sy helgete» 79 etc. [Eph 5,25f]. «Also söllend ouch die menner iren wyber lieben als ir eignen lib. Wer sin lib liebet, der liebet sich selbs. Den jemandt hat nie sin eigen fleisch gehasset, sunder ernerets und pflegt sin 80 , glich wie ouch der herr die gmeind» etc., Ephe. 5 [28 f]. Also spricht ouch Petrus: «Ir menner, whonend by inen mitt vernufft und gebt dem wybischen als dem schwechsten werchzüg 81 ||385 sine eer, als ouch mitterben der gnad des lebens, uff daß üwere gebet nitt verhinderet werdent» [1 Petr 3,7]. Sichstu nu, daß es nitt mus mitt bochen 82 , kriegen 83 , schlahen

70 Zu diesem ganzen Abschnitt vgl. die Predigt von Martin Luther, «Vom ehelichen Leben», 1522, WA X/2 303, 8ff, bes. 303, 13-17: «Sihe an Jacob den heyligen ertzvatter, der hatte doch gar nichts ynn Syria und hüttet nur der schaff und überkam gutter, das er vier weyber erneeret mit grossem gesind und kindern und dennoch gnug hatte. Szo wart Abraham und Isaac und Lot auch reych unnd viel heyligen mehr ym allten testament.» — Bullinger hatte Luthers Hauptschriften noch vor 1523 gelesen (s. HBD 6, 4-7; 7, 16-18; Staedtke 46-48). Obwohl er nirgends darüber berichtet, hat er die oben zitierte Lutherschrift, die in Basel bereits im November 1522 nachgedruckt wurde (s. WA X/2 267), wie auch Luthers Auslegung von 1 Kor 7 (WA XII 88ff; s. unten Anm. 104) zweifellos gut gekannt und, wie das Zitat zeigt, schon bei dieser seiner ersten Schrift über Ehefragen in Gebrauch gehabt (zwei weitere Eheschriften Bullingers s. unten Nr.24 und 26).
71 seid.
72 daß du.
73 erzieht.
74 nicht der Ort, die Zeit oder Gelegenheit ist, zu ... (SI XI 1692; aus Zwingli mehrfach belegt); hier eher: nicht nötig.
75 sonst.
76 gehört (SI II 1572f).
77 allewege, immer, jederzeit, stets.
78 sollst.
79 heiligte (SI II 1152); «um sie zu heiligen».
80 pflegt es, wartet es, sorgt dafür (SI V 1224).
81 Werkzeug.
82 Pochen, Poltern, Lärmen, Schelten (SI IV 970).
83 Streiten, Zanken (SI III 797f).

zuogan 84 , und des heb dich verwegen 85 ; wo zangg ist und hader, do ist ouch ghein guots. Das aber vil sprechend: ich wil die min meisteren mitt knütlen 86 sind narren und wüssend nienerumb nüts 87 ; söltend stockfisch für wyber haben, dan die selbigen sind vil knütles nötig 88 .

Siche, das ist nu die meinung gottes, dorumb er dich in den eelichen stand berüfft hat, ja daß du inn vor ougen habist, imm vertrüwist, in suochist, im danckist, lieblich 89 , früntlich und christenlich by dinem wyb whonist, kinder zühist etc. Sich, min bruoder und geliebter gottes, heist das nüt: in eer und guot gesetzt? O, danck im nacht und tag, wann 90 du imm nitt gnugsamlich dancken magst 91 ! Eere sye imm alein 92 ! Ja, sprich ich abermals, du solt die gegeben gnad nitt verschupfen 93 , sunder in dem willen gottes leben. Dorumb wirt dir nu hie am aller notwendigosten werden, das du sin ewig göttlich wort nitt verlässest, sunder, so dir gott die gnad thon hatt, das du lesen kanst, ein Testament 94 kouffest, daruss man den willen gottes erckennet, und das selbig imm hus mit den ||386 dinen zuo siner zyt übist. Magst wol besehen 95 , was ungmach denen volget, so das wort nitt annemend, und was glücks denen vorstends ist 96 , die sich des worts haltend 97 : Levitici 26 [3 ff], Deutro. 28 [1ff]. Es stat geschriben: «Verflücht sye, wer nitt alle wort disers gsetzts uffrichtet 98 , das er darnach thüye 99 . Und alles volck soll sagen: Amen». Deutero. 27 [26].

Hüt 100 , das din ee nitt brechest 101 ; wan grösserer diebstal uff erd nitt ist, sittundmal 102 du dinem eichen gmahel 103 iren eigen fleisch 104 entwendst, das dan grosse sünd vor gott ist und je und je herten 105 glich gestrafft an lib und seel, ouch (wie wol es jetzund, leider, gott erbarmbs, gering geachtet wirt 106 ) mitt

84 zugehen.
85 davon halte dich fern (Lexer III 297).
86 Plagen, Mißhandeln, Schlagen (SI III 769).
87 überhaupt um nichts, überhaupt nichts davon (SI I 229; IV 761f).
88 bedürfen viel (SI IV 861).
89 friedlich (SI III 992).
90 denn.
91 kannst (SI IV 107).
92 Vgl. Dtn 32,3.
93 verstoßen, verwerfen, zurückweisen (SI VIII 1084ff).
94 Bullinger meint sicherlich Luthers auch von ihm benutztes «Septembertestament» von 1522, das zu dieser Zeit bereits in zahlreichen Nachdrucken erhältlich war. In Zürich selbst erschien es 1524 in drei Ausgaben (WADB II 201ff, Bibliographie Nr. 53. 54. 55; Hausammann 55f mit weiterer Lit.).
95 sehen, erblicken, untersuchen (SI VII 580f).
96 bevorsteht (SI XI 682f).
97 daran festhalten, sich danach richten (SI II 1225f; dasselbe wörtlich bei Zwingli).
98 in Kraft erhält, aufrecht erhält, hält.
99 tue.
100 Hüte dich! (SI II 1793f).
101 Vgl. Ex 20,14.
102 weil, sintemal (SI IV 147; VII 1447f).
103 Ehegemahl(in).
104 Siehe Gen 2,24; 1 Kor 7,4. — Vgl. Martin Luther, Das siebente Kapitel S. Pauli zu den Corinthern, 1523, WA XII 101, 21-23: «Da her man sihet, wie der ehebruch der grössist raub und diebstal ist auff erden. Denn er gibt dahyn den lebendigen leyb, der nicht seyn ist...»
105 hart (SI II 1643).
106 Zur uneinheitlichen und eher milden Bestrafung des Ehebruchs in Zürich vor den unter dem Einfluß der Reformation zustande gekommenen Satzungen s. Köhler, Ehegericht I 109-111.

dem schwert gericht 107 . Es stat geschriben: «Verflücht sye, der da beschlafft die husfrowen sines nechsten. Und alles volck soll sagen: Amen». Deutro. 27, [20.22 108 .

Du solt niemandt zuo vil abnemmen, sunder alein din lidlon 109 empfahen, wann ghein unrechtes gout trüyen 110 mag und ist ein haller 111 mitt friden der gwüssne 112 in gott besser den ghein schiff nobel 113 jemer werde. Was ists, ob es glich ander thünd? Soltu dorumb sömliches 114 ouch thuon? Schlechlich [!]115 ist obgemeltes innemmen 116 ein gottlosse thuss 117 , wan alle die, so das vollbringend, sind verzwifflet an gott, wellend in fürkumen 118 und rych werden, es sye gott lieb oder leid. Sy sehend darzuo 119, ||387 es stat geschriben: «Du solt nitt zweierlei gwicht in dinem sack, kleines und grosses, haben; und in dinem huss soll b nitt zweierley mes 120 , gross und cklein [!], sin. Du solt ein völlig und recht 121 mes haben, uff das din leben lang were 122 uff dem land, das dir der herr, din gott, geben wirt. Den wer sölchs thuot, ist gott, dinem herren, ein grewel, wie alle, die übels thuond». Deutero. 25 [13-16].

Frömbd herren und usslendig 123 krieg soltu vor allen dingen wie tödtlich gifft miden; wann was jomer 124 und grossen hertzen leids, gottlose 125 und kranckheit drus entspringe, sehend wir leider in unseren eilenden verblenten 126 kriegstropfen 127 . Es stat geschriben: «Verflücht sye, wer geschenckt nimpt, das er die

b soll doppelt, das erste gestrichen.
107 gerichtet. — Die Todesstrafe im Mosaischen Gesetz: Lev 20,10. — In der von der Obrigkeit erlassenen Zürcherischen Ehegerichtsordnung vom 10. Mai 1525 wurde ebenfalls eine «herte straff» für Ehebrecher verlangt und sogar auf die Steinigung im AT hingewiesen; das Maß der leiblichen Strafe wollte man freilich dem Urteil der Obrigkeit anheimstellen (Z IV 186, 22-187, 2). Die «Ordnung und satzung» vom 15. Dezember 1526 sah dann auch außer dem «großen Bann» noch eine obrigkeitliche Strafe vor, die sich von drei Tagen Gefängnis bis zur Ausweisung aus Stadt und Landschaft erstrecken konnte, bei hartnäckigster Rückfälligkeit sogar bis zum Tod durch Ertränken (Köhler, Ehegericht I 111f).
108 An der angegebenen Stelle ist jedoch nicht von der Frau des «Nächsten» die Rede, sondern nur von den Frauen der nächsten Verwandten.
109 Arbeitslohn (SI III 1288).
110 gedeihen.
111 Heller (SI II 1130f).
112 des Gewissens.
113 Eine ursprünglich englische Goldmünze, die auch in anderen Ländern nachgeschlagen wurde (SI III 634; Lexer II 98; Grimm IX 90).
114 Solches, Derartiges (SI VII 906f).
115 schlechtlich, schlechthin, schlechterdings (SI IX 67ff).
116 In-Besitz-Nehmen (SI IV 741f).
117 Schelmerei, Täuschung, Betrug (Lexer II 1589).
118 wollen ihm zuvorkommen (SI III 278).
119 sollen zusehen, sehen, (darum) besorgt sein (SI VII 583f).
120 Maß (SI IV 450).
121 volles und richtiges.
122 währe.
123 ausländisch, außer Landes (SI III 1300).
124 Jammer (SI III 41f).
125 Gottlosigkeit (SI III 1429).
126 verblendeten (SI V 109).
127 armselige, dumme Menschen («Tropf»: Lexer II 1525), die in den Krieg ziehen, das Kriegshandwerk treiben. — Zur Ablehnung von «Reislaufen», Söldnerdienst und Pensionswesen, als einer grundsätzlichen Haltung der zwinglischen Reformation vgl. u. a. Z I 70ff. 155ff; III 97ff. 584ff.

seel des unschuldigen bluots schlecht 128 . Und alles volck soll sagen: Amen». Deutro. 27 [25].

Du solt dich ouch in gheinem weg partyen 129 . Lass disen luterisch und ehenen 130 zuinglisch sin, und bis 131 du ein christ 132 . Lass jederman machen; du must ouch alle ding nitt verantworten. Bis schidlich 133 und red allwegen zuo allen sachen das best. Bis früntlich gegen jederman, wann dir wol ze wüssen ist, wie din gwerb stat 134 . Uss den gassen und win kempffen 135 entstat selten guots, 1. Timoth. 6 [3 ff].

Vermid unzytlichs 136 fressen und suffen, zuo trincken, schlaff trünck. Gelust dich aber nei was 137 das duo 138 bi dinem wyb und bi den dinen. Im monat gang enist 139 zum win; daß dir huld 140 machest und behaltest, setz dich zur erbergheit 141 und zuo den dinen. Bis wacker, züchtig, frölich und underdienstig 142 . Es ||388 stat geschriben: «Suffend üch nitt voll wins, doruss ein unordlich 143 wesen volgt» etc, Ephes. 5 [18]. Spilen und böse gsellschafft soltu wie din verderpnus 144 flühen 145 , schwerren 146 und kostliche 147 kleidung miden, unzüchtige wort nienan 148 in din mund nemmen. Wan hie nitt gnugsam 149 mag usgesprochen 150 werden, wie bös schedlich ding spilen ist und böse gsellschafft, ouch wie es so verlumbdet 151 machet. So soll unsere red ja ja sin und nein nein [Mt 5,37]. So bedarf es ouch gheiner syden 152 nitt; wann wir bedeckt sind, ists gnuog. «Nüt bringend wir in die welt» [1 Tim 6,7], «nackend müssend wir hinuss» [Hi 1,21]. Heb das din zuo samen 153 und heb huss 154 , wie eim frommen man zuo stat 155 . Es stat geschriben: «Huorery aber und alle unreinigheit soll nitt under üch genempt 156 werden» etc, besich Ephes. 5 [3].

128 schlage, töte.
129 für oder wider jemanden Partei ergreifen (SI IV 1624).
130 jenen (SI I 265f).
131 sei.
132 Diese Stelle zeigt, wie bewußt der junge Bullinger sich und andere vor jeglicher konfessionellen Enge zu bewahren suchte (s. Staedtke 51, wo dieser Satz zitiert wird).
133 versöhnlich (SI VIII 272f).
134 wie deine Lage ist, wie es um dich steht.
135 Gassen- und Weinkämpfen, Wirtshausstreitigkeiten.
136 unangemessenes (Grimm XI/III 2283).
137 irgendetwas (SI IV 808).
138 tue.
139 einmal (SI I 276f).
140 Wohlwollen, Gunst (SI II 1191).
141 die ehrbare Gesellschaft, die Vornehmen, der bessere Teil der Gesellschaft (SI I 396).
142 dienstwillig, dienstfertig (SI XIII 778).
143 unordentliches, unartiges, unsauberes (SI I 438f).
144 Verderbnis.
145 fliehen (SI I 1182).
146 Fluchen (SI IX 2101ff).
147 kostspielige, teure, prunkende (SI III 551f).
148 nie (SI IV 761f). 149 genug (SI IV 700).
150 dargelegt (SI X 779).
151 verschrien, verrufen (SI III 1273).
152 Seide.
153 Halte dein Vermögen, dein Hab und Gut zusammen, geh damit sparsam um (SI II 923).
154 sei sparsam, führe sparsamen Haushalt (SI II 880).
155 gebührt, sich ziemt (SI XI 749f). 156 genannt.

Und daß ich min schriben nu fürhin 157 ende, so thuo als eim christen zuo stat; halt dich des göttlichen worts, welchs dich rychlich in allen dingen grecht 158 fürren kan, und für ein erbars, christenlichs, gotsförchtigs leben, also das du nach disem leben ewige ruow besitzest. Amen. Nun dis min kurze instruction zum besten an, wann sy in grosser ummuos [!]159 ilends 160 geschriben ist. Grütz mir hernn schultheis Rüplin 161 , Sigmunden 162 , Mörickovernn 163 , den praedicanten 164 und ander brüder in Christo, und «die gnad gottes sy mitt dir» [1 Tim 6,21].

Von Kappel, des 5. tags hornung 1525 c .

Heimrych Bullinger,

din williger diener.

c 25 verschmiert, vielleicht aus 23 korrigiert.
157 von nun an, demnächst (SI II 1346).
158 richtig (SI VI 228).
159 Mangel an Muße; Geschäfte, Mühe (SI IV 497f).
160 in Eile.
161 Hans Joner (genannt Rüplin), geb. 1470, aus vornehmer Frauenfelder Familie, Bruder des Abtes Wolfgang Joner (s. oben S. 481, Anm. 4), Dreirat 1506, Schultheiß 1512-1524 jedes zweite Jahr (LL XV 536f; HBLS V 744). Obwohl sich die Familie Rüplin in Frauenfeld der Reformation gegenüber eher ablehnend verhielt (s. Knittel 233. 240), scheint Bullinger Hans Joner als einen Freund der evangelischen Sache betrachtet zu haben. Ob er ihn auch persönlich kannte, läßt sich nicht feststellen.
162 Sicherlich Sigmund Rüplin, ein Bruder von Hans (s. oben Anm. 161) und Wolfgang Joner (s. oben S. 48 f, Anm. 4). In den Reformationsjahren war er Amtmann der Abtei Reichenau in Frauenfeld, wie später sein Sohn Job (Knittel 233; LL XV 537; HBLS V 744). An ihn wandte sich Zürich im März 1529 wegen der vom Abt von Reichenau verlangten Besoldung des Pfarrers von Steckborn im Thurgau (Knittel 206. 338); der Ton des Schreibens läßt vermuten, daß man ihn in Zürich zu den Freunden zählte. Ob ihn Bullinger persönlich gekannt hat, läßt sich nicht ermitteln.
163 Sicherlich Hans Mörikofer, gest. vor 1548, aus einer alten Frauenfelder Familie; erwähnt bereits vor 1501, Schultheiß 1528, am 23. Juni 1529 von Zürich im Alleingang zum Stellvertreter des Landvogtes und zum Landammann im Thurgau ernannt, ein entschiedener Freund und Förderer der Reformation. Mit den thurgauischen Truppen nahm er an der Schlacht am Gubel teil, wurde gefangengenommen und bis zum Friedensschluß in Luzern festgehalten. Bis zu seinem Tode war er wieder Schultheiß (s. Knittel 240. 262ff. 268ff. 310ff; HBLS V 124). — Ob ihn Bullinger persönlich gekannt hat, läßt sich nicht ermitteln.
164 Von der Geistlichkeit der Stadt Frauenfeld (denn Bullinger hat wahrscheinlich diese im Auge) kommen zu dieser Zeit vor allem folgende Personen in Frage: der Winterthurer Morandus Schmid, Helfer zu St. Johann in Kurzdorf-Frauenfeld, mit dem sich die Tagsatzung in Luzern bereits 1525 beschäftigen mußte, weil er «von seiner Religion abgestanden ist», und der darum 1526 vom Landvogt vertrieben, jedoch am 20. März 1529 von Zürich auf Wunsch der Frauenfelder als ihr Prediger wieder zurückgeschickt wurde (Knittel 66. 240); der Frauenfelder Humanist Petrus Dasypodius (Hasenfratz), gest. 1559, zuerst Kaplan der St. Michaelspfründe in Frauenfeld, 1527-1530 Schulmeister in Zürich, danach wieder Schulmeister und Prediger in Frauenfeld, seit 1533 Schulleiter zu St. Peter in Straßburg (s. Knittel 235. 343f; HBLS II 670f; weitere Lit. Schl. 3610-3614. 6068. 6609. 53810. 53811). In Frage kämen möglicherweise noch der Kaplan Peter Kraft (Knittel 234), Peter Graf (Sulzberger 1f), Kaplan Kaspar Lehringer (Knittel 234; Sulzberger 1), Kaplan Albrecht Siegrist (ebenda), Kaplan Hans Sonnenmann (Knittel 235) und Georg Funsting (Sulzberger 1), die alle um 1528 amteten, deren Amtsbeginn jedoch unbekannt ist. Der 1528 so entschieden reformatorisch wirkende Magister Heinrich Fehr kommt nicht in Betracht, weil er die Kaplanei der Michaelspfründe erst nach Petrus Dasypodius übernahm, d. h. etwa 1527, nicht schon 1524, wie man früher annahm (s. Knittel 235. 344).

||389 Psalm 127 [Ps 128]:

«Vol dem, der den herren fürchtet und uff sinen wegen gadt! Du wirst dich neeren diner henden arbeit; wol dir, du hasts guot! Din wib wirt sin wie ein fruchtbar winstock an den wenden in dinem huse, dine kinder wie die öl zwy 165 umb dinen tysch her. Sich, also wirt gesegnet der man, der den herren fürchtet. Der herr wirt dich segnen uss Syon, das du sehest das glück Hierusalem din leben lang und sehest diner kinder kinder. Fryd über Israel!» d

d Zum Schluß steht ein Titelblatt mit folgender Überschrift von Bullingers Hand (S. 390): Vom eelichen leben, wie es gott so wolgfellig, wie eelüt söllend mitt einanderen leben und wie sy söllind die kind recht und zu gottes forcht erzühen. Über den 127. [128.] Psalmen. Gen Künigsfelden 166 , herren hoffmeister 167 . Jesus. «Das ist min lieber son, in dem ich versönet bin; imm sind gehörig!» 168 [Mt 17,5.]
165 Ölzweige.
166 Das 1311 gegründete Frauenkloster Königsfelden war ein Doppelkloster vom Orden der heiligen Klara und des heiligen Franz, stand seit 1415 unter Berner Oberhoheit und wurde nach der Auflösung 1528 bernisches Oberamt; seit 1803 im Kt. Aargau (s. Theodor von Liebenau, Geschichte des Klosters Königsfelden, in: Katholische Schweizer-Blätter für Kirchengeschichte, hg. im historischen Theil der Katholischen Schweizerblätter für christliche Wissenschaft und Kunst, Jg. 10, 1868; HBLS IV 524f).
167 Bendicht Mattstetter, gest. 1542, aus einem burgerlichen Geschlecht der Stadt Bern, 1517 im Großen Rat. Am 1. April 1524 wurde er zum Hofmeister (Verwalter) des Klosters Königsfelden gewählt und erscheint als solcher auch in den Akten der darauffolgenden Jahre (ABernerRef 377. 516. 698 u. ö.). Das Kloster wurde am 28. Februar 1528 aufgelöst. Mattstetter blieb wahrscheinlich bis Juni 1529 in seinem Amte: am 17. Juli wurden seine treuen Dienste, nämlich daß er «den hof zu Küngsvelden etlich jar verwaltet», lobend erwähnt und ihm zwei Tage später «für alle ansprach sins verwalten diensts» 20 Gulden ausbezahlt (ABernerRef 2432-2434). Am 16. September 1529 wurde er als Gesandter zur neuen Beschwörung des Bundes nach Freiburg geschickt (ABernerRef 2521), am 10. Januar 1532 zur Synode verordnet (ABernerRef 3277). Er wurde 1534 Landvogt im Oberhasle, 1536 Stiftsschaffner in Bern, 1542 Landvogt in Thorberg. — Bullingers Beziehungen zu Königsfelden trugen sicherlich zur allmählichen Entvölkerung und Selbstauflösung des Klosters bei (s. Staedtke 271). Seine an Mattstetter adressierte Psalmenauslegung ist in der zweiten Hälfte von 1526 entstanden, «anderthalb Jahre» vor seinem Schreiben vom 24. Februar 1528, wie er dort selbst angibt (s. unten S. 166,22); der Text der Schrift, d. h. die Fortsetzung zum hier mitgeteilten Titelblatt, befindet sich ebenfalls in jenem Schreiben (zur ganzen Frage s. oben Anm. 1). Mattstetter scheint gegenüber der Reformation bereits damals aufgeschlossen gewesen zu sein. Ob er Bullinger persönlich kannte, ist nicht erwiesen; wahrscheinlich begegneten sie sich an der Berner Disputation im Januar 1528. Als erster wies von Liebenau, aaO, auf die Verbindung zwischen Mattstetter und Bullinger hin. — Lit.: von Liebenau, aaO, S. 121f; LL XII 570; HBLS V 53.
168 Höret auf ihn! (SI II 1579).

6

LEO JUD AN
BULLINGER
Zürich,
2. März 1525

Autograph: Zürich ZB, Msc F 62, 347 r. — v. Etwas über 1 fol. S., sehr gut erhalten, mit Siegelabdruck Teildruck: Hausammann 46-48.205 f

Beantwortet Bullingers Fragen über die Auslegung von Röm 1,17 und 2, 14 f.

Gratiam et pacem a deo per Christum.

Quod tu ex me quorundam locorum in Paulo ad Rhomanos [!] eorumque difficilium explanationem flagitas 3 , frater charissime, ex pumice aquam cogis 4 . Sed ne longis a excusationibus te degravem, neve te, quod vehementer deprecaris, abiicere videar, sententiam, quam Christo dignam puto, paucis accipe. At nolo, mihi quidquam hac in re adscribas, qui sacras litteras vixdum a limine salutavi 5 . Contendo quidem, ut deo duce in dies magis ac magis que ipsius sunt intelligam, sed «neque currentis est neque volentis, sed b miserentis dei» [Röm 9,16], cui tu acceptum feras, si quid ipso dignum protulero.

Audivi quondam Huldericum Zuinglium 6 , synceri ac acerrimi iudicii virum, quo et praeceptore in sacris litteris utor, Epistolam Pauli ad Rhomanos pro publico suggestu explanantem, 7 , ubi hunc locum: «Iusticia dei per evangelium

a nach longis gestrichen te.
b Hier und weiter unten am Rande Bemerkungen von J. H. Hottinger.
1 Siehe oben S. 55, Anm. 1. 2
Die etwas unsichere Schreibweise der letzten Ziffer in der Jahreszahl 1525 gab verschiedentlich Anlaß zu Fehldeutungen. Obwohl der Brief im Register zu Band Msc F 62 des im 17. Jh. gesammelten Thesaurus Hottingerianus mit 1525 aufgeführt wird, erscheint seine Kopie in der Simlerschen Sammlung (18. Jh.) bereits unter der Jahreszahl 1523 (Zürich ZB, Msc S 8, 64; auch Index Simleriana 1, ebenda Msc E 128, 124), ebenso in der von Traugott Schieß angelegten Abschriftensammlung der Korrespondenz Bullingers (s. oben, S. 17ff). Die falsche Datierung wurde auch von Farner III 573 übernommen und verursachte ihm Schwierigkeiten in bezug auf die Chronologie der Zwinglipredigten (s. unten, Anm. 7). Bei Hausammann 46 ist der Brief mit einleuchtender Begründung auf den 2. März 1525 datiert; die Richtigkeit dieser Lösung wird auch durch Juds Schreibweise hinsichtlich der betreffenden Ziffern mehrfach bestätigt.
3 Bullingers Brief ist nicht erhalten.
4 Vgl. Adagia 1, 4, 75 (LB II 174f); Otto 290, Nr. 1486.
5 Vgl. Otto 194, Nr. 953.
6 Huldrych Zwingli, 1484-1531. Zum Leben und Wirken des Zürcher Reformators s. u. a. Farner, Locher und die kritische Edition von Zwinglis Werken (Z). —Bullinger lernte Zwingli Ende 1523 in Zürich kennen (HBD 8, 23-26 u. Anm. 4; 126, 16f). Bald ergab sich ein freundschaftliches Verhältnis zwischen dem Reformator und dem zwanzig Jahre jüngeren Klosterschullehrer, das sich bis zum Tode Zwinglis in guter Zusammenarbeit immer mehr festigte und vertiefte (s. Pestalozzi 25ff; Emil Egli, Bullingers Beziehungen zu Zwingli, in: Zwa I 439-443; Blanke 75ff).
7 Wann Jud Zwingli Röm 1,17 (und 2, 14f) öffentlich auslegen bzw. darüber predigen hörte, läßt sich nicht genau feststellen. Der Römerbrief wurde bereits 1520 von Zwingli einem kleinen Kreis in Zürich erklärt, wie Simon Stumpf in einem Brief an Beatus Rhenanus bezeugt (Rhenanus BW 262; vgl. Hausammann 207, Anm. 103). Zwingli hatte 1519-1525 in Zürich fast das ganze NT durchgepredigt (Farner III 42f). Der Römerbrief ist in einem Ohrenzeugenbericht namentlich erwähnt, freilich ohne genaue Zeitangabe (Farner III 40); Farner nimmt dafür die erste Hälfte des Jahres 1525 an (Farner III 43. 573). Für Jud schienen

patefit ex fide in fidem» [Röm 1,17] plane sic exposuit, quemadmodum tu in collectaneis tuis adnotasti 8 . Significat enim hebrew non modo credulitatem, sed et veritatem ac promissi constantiam. Quod et Ebreis c frequens est in hac dictione hebrew aemuna, que ab hebrew amen derivatur. Significat enim hebrew aemuna veritatem, firmitatem, ut ex Psalmo 32 docte colligis. Sic autem Ebraica habent hebrew hebrew = «et omne opus eius in veritate» [Ps 33,4], nam sepe singulari numero pro plurali utuntur, praesertim in dictione hebrew quod «omne» significat: «Gott ist styff, worhafft, getrüw» 9 etc 10 . Sed iuxta hanc expositionem praedictus locus sic ordinari debere d puto, ut primum greek (nam hic bis haec dictio ponitur: greek greek greek greek pro e certa fiducia et credulitate eius, qui promissis adheret, alterum pro veritate promittentis, qua certo pollicita praestat et minime fallit, accipiatur. Sic «ex fide in fidem»: us vertrüwen und glouben in die trüwe und warhaffty verheißung gottes 11 . Nam hinc nimirum justicia est, dum

c vor Ebreis gestrichen h.
d aus debet korrigiert.
e vor pro gestrichen ad.
7f die Auslegungen von Röm 1,17 und 2, 14f Anfang März 1525 jedenfalls schon ziemlich weit zurückzuliegen («quondam»). — Diese eindeutige Aussage des Briefes ließ sich wegen der bei Farner noch geltenden falschen Vordatierung auf 1523 mit der Chronologie der Zwinglipredigten nicht in Einklang bringen.
8 Es handelte sich um Bullingers Römerbriefvorlesung in Kappel, deren erste Hälfte (zu Röm 1-5), gewidmet den Nonnen Verena Huser und Anna Kolin (über die beiden s. Hausammann 32-34), in Bullingers Autograph erhalten geblieben ist: «Der erst teil über die Epistel Pauli zuon Römeren...» (Zürich ZB, Msc D 139; die Edition erfolgt in HBTS, Bd. I, Nr. 1). Offenbar hat Bullinger daraus die entsprechenden Stellen abgeschrieben und Jud zugeschickt. Einen aufschlußreichen Vergleich zwischen Juds Vorschlägen in diesem Brief und Bullingers Vorlesung bietet Hausammann 46-48. (Zu Bullingers Römerbriefvorlesung vgl. noch Joachim Staedtke, Heinrich Bullingers Römerbriefvorlesung von 1525, in: ThZ X, 1954, 73-76; Staedtke 185f, 272.)
9 fest, wahrhaftig, treu.
10 Obwohl Bullingers Auslegung von Röm 1,17 (unter Einbeziehung von Ps 33,4) nach Juds Meinung derjenigen Zwinglis entspricht (s. oben, Text), gibt es doch charakteristische Unterschiede zwischen der von Jud gegebenen Begründung für die Richtigkeit dieser Auslegung und dem Vorlesungstext Bullingers: 1. Jud übersetzt «pistis» primär mit «Wahrheit» (so in Ps 33,4), Bullinger dagegen hält sich an Luthers Version: «und alle sine werch trüw». 2. Jud leitet «aemuna» von «amen» ab, der des Hebräischen noch unkundige Bullinger führt «emuna», Luther folgend, auf «emeth» (Treue, Wahrheit) zurück. 3. Jud bietet eine Erklärung für den Singular hebrew in Ps 33,4, die Bullinger nicht kennt (Hausammann 47).
11 Zwinglis ebenfalls durch Jud vermittelte Erklärung von Röm 1,17 (S VI/2 78) stimmt weitgehend mit unserem Text überein. Juds Formulierung «sic ordinari debere puto» zeigt, daß er hier, bezüglich der vorgeschlagenen Reihenfolge dieser «philologisch unsinnigen zwiefachen Übersetzung» des Wortes «pistis» als fiducia und veritas in Röm 1,17 in eigener Verantwortung redet, ohne sich «durch Zwinglis Autorität expressis verbis gedeckt zu wissen, aber wohl nicht, ohne gerade durch Zwinglis Auslegung dazu angeregt zu sein» (Hausammann 48). Jedenfalls hätte Zwingli von seinem eigenen Glaubensverständnis her dieser Interpretierung von Röm 1,17 zweifellos zustimmen können; als erstes Merkmal des Glaubens galt ihm ja das Vertrauen, fiducia (Z II 182, 4ff; 192, 27f; 642, 13ff; III 761, 27f; 786, 19f; IV 226, 2ff; VI/I 450, 23ff; VI/II 206, 18f; s. Reinhold Seeberg, Lehrbuch der Dogmengeschichte, Bd. IV/1, Darmstadt 1959 6 , S. 441 und Locher, Grundzüge 549). «Dies ist also der Fiducialglaube, der auch als Hoffnung bezeichnet werden kann» (Seeberg, aaO) und im ganzen Luthers Auffassung entspricht (ebenda; zur Übereinstimmung mit Melanchthons Fiducia-Begriff s. dessen Loci communes, 1521, in: Melanchthons Werke in Auswahl, Bd. II, 1. Teil, hg. v. Hans Engelland, Gütersloh 1952, S. 92, 25ff; vgl. auch Melanchthon, CR XXI 163, 1ff). —Bullinger korrigierte daraufhin die entsprechende Stelle in seinem Vorlesungstext tatsächlich im Sinne von Juds Vorschlag: die Reihenfolge im Zitat «welche kumpt uss trüw in glouben» (Röm 1,17) änderte er in «welche kumpt uss glouben in die

promittenti deo credimus, non solum autem iusti sumus, dum ipse promittit, sed si nos firma fiducia promissionibus suis fisi, ei adheserimus. Sensus ergo est: dum agnoscunt homines, imo credunt id deum praestare, quod per os prophetarum suorum promiserat 12 . «Iustus enim ex fide vivet» [Röm 1,17], id est ex eo, quod credit.

Alterum locum cap. 2 [14 f] sic exposuit Zuinglius: gentibus, quibus lex scripta g data non fuit, scribit deus que legis sunt in corda. Ubi primum observabis Paulum hic de natura more gentium loqui, quasi dicat: «Vos gentes quandoquidem putatis hanc naturam esse aliis facere, que vobis fieri cupitis, ut interim donem vobis naturam hoc posse, nihil aliud extorquebitis, nisi quod et in vobis sit lex adeoque vos peccatores et praevaricatores legis esse.» Natura ergo hic non accipitur (si Pauli mentem respicias) pro eo, quod ex nobis est, nihil enim nature nostre magis adversum magisque contrarium est quam lex, quam diligere proximum ut seipsum [Mt 22,39]. Quare naturam intelligas oportet per continentem illam perpetuamque dei operationem. Accedit ergo Paulus hoc loco nonnihil ad gentium (cum de h deo loquuntur) morem, non quod ipse sic sentiat, sed quod gentiles sic sentirent, inter quos et Iudeos hic sequestrem agit. Unde et in primo cap. dixerat: «Noticia dei manifestata est illis» [Röm 1,19], caute adiungens: «Deus enim manifestavit eis» [Röm 1,19], ne quis hoc nature tribueret. Natura ergo i hic operationem dei, quae vel in impiissimis operatur, significat, qua ostendit eis legem et manifestat eis voluntatem suam. Hanc autem operationem adfectibus obcecati et obruti impii non sequuntur k, tametsi sentiunt. Nec est, quod in his verbis torquearis («que legis sunt», «opus legis» [Röm 2, 14f]), nam per hec Paulus sententiam, tenorem ac mentem legis intelligit: die meynung, den inhalt des gsatzs. Vult ergo Paulus sic dicere: tametsi gentes scriptam legem non habent ut Iudei, deus tamen que legis sunt, id est que lex praecipit, in eorum cordibus scribit, manifestat, ostendit, quod et conscientie et cogitationes eorum testantur, ut neque ipsi peccatis se immunes ac liberos dicere possint 13 .

f vor deo gestrichen Christo.
g vor scripta gestrichen da.
h de übergeschrieben.
i autem gestrichen, ergo darübergeschrieben.
k vor sequuntur gestrichen vident. 11f
trüw» und arbeitete auch einen andern Satz dementsprechend um, bevor er das Manuskript den beiden Nonnen am 13. März zuschickte. Dies geht aus dem Autograph klar hervor (Zürich ZB, Msc D 139, 40v. —41 r.; s. Hausammann 45.48f. 229-233). Trotz dieser kleinen Korrektur konnte er in seinem der Vorlesung vorangestellten Brief an die beiden Nonnen (s. Anhang II, Nr. 3; HBTS, Bd. I, Nr. 1) seine Selbständigkeit bei der Auslegung von Röm 1,17 mit Recht betonen. (Vgl. allerdings Hausammann 74-76, wo der Einfluß des «Ambrosiaster», CSEL LXXXI/1 36-39, auf Bullingers Auslegung nachgewiesen wird.)
12 Vgl. Lk 1,70.
13 In ähnlicher Weise äußerte sich Zwingli zu Röm 2,14f und zum Problem des «Naturgesetzes» in der Schrift «Auslegen und Gründe der Schlußreden» u. ö. (Z II 262, 21ff; 324, 18ff; 325, 3ff; 492, 10ff; 634, 28ff; 635, 11ff; S VI/2 82). Merkwürdigerweise kehrt der Abschnitt: «Accedit ergo Paulus hoc loco...: deus enim manifestavit eis» in seinem Commentarius (Z III 641, 19-23) und in seiner durch Jud herausgegebenen Auslegung von Mt 7,12 (S VI/1 241) größtenteils wörtlich wieder. — Ein Unterschied zwischen unserer Vorlage und den anderen Zwinglistellen muß allerdings betont werden: der Ausdruck «lex naturalis», wie auch die Gleichsetzung von natürlichem Gesetz (Mt 7,12) und Liebesgebot (Mt 22,39), wie u. a. Z II 324, 18ff und III 707, 11ff zu lesen ist, wird hier vermieden. (Zur ganzen Frage

Haec sic scribo, mi Henrice, non quod aliorum iudicium contemnam aut ||347 v. quod 1 noster nobis partus placeat (nam noster non est), sed quod tibi satisfaciam, idque quatenus possum ego; nam nescio, an tibi haec satisfaciant. Precor deum, ut studium hoc tuum in dies promoveat.

Vale.

Ex Tiguro, 6. nonas martii 1523.

Leo Jud tuus.

[Adresse darunter:] Henrico B[ullingero], pio ac etc. [?].

1 vor quod irrtümlich ein zweites aut. 13f
des Naturgesetzes bei Zwingli s. Rich 66 f. 159; Rudolf Pfister, Die Seligkeit erwählter Heiden bei Zwingli. Eine Untersuchung zu seiner Theologie, Zollikon-Zürich 1952, S. 39ff; Heinrich Schmid, Zwinglis Lehre von der göttlichen und menschlichen Gerechtigkeit, Zürich [1959]. — StDTh XII, S. 87ff; Locher, Grundzüge 560f.) — Bullinger ist Zwinglis von Jud hier mitgeteilter Auslegung, die einer Ablehnung seiner eigenen Interpretation von Röm 2,14f gleichkam, nicht gefolgt, nicht einmal hinsichtlich des Ausdrucks «quae legis sunt», dessen Erklärung bei ihm recht gekünstelt wirkt und von Jud mit Recht korrigiert wurde (Hausammann 250). Er überging auch stillschweigend die in Zwinglis bereits gedruckten Schriften geäußerte Meinung über die «lex naturalis», obwohl er z. B. die Auslegung der Schlußreden noch im Herbst 1523 gelesen hatte (s. HBD 8, Anm. 4; 126, 16f). Bullinger erwies sich hier als selbständiger Denker und entschiedener Gegner jeglicher naturrechtlicher Interpretation von Röm 2, 14f (s. Staedtke, aaO, S. 75f; Staedtke 131 f und Hausammann 205f. 246ff). Bullinger betonte also mit Recht in seinem Begleitbrief an die beiden Nonnen (s. Anhang II, Nr. 3), daß seine Erklärung dieser Paulusstelle von der üblichen abweiche und etwas Neues darstelle.

7

[BULLINGER] AN
[BARTHOLOMÄUS STOCKER] BZW. LEO JUD
[Kappel],
17. April 1525

Autograph, Konzept: Zürich ZB, Msc S 13, Nr. 53 2 fol. S., Fragment Ungedruckt

Bullinger ermahnt den Empfänger des Briefes, in der evangelischen Abendmahlslehre keine Neuerung, sondern die ursprüngliche, auch von den Kirchenvätern geteilte Auffassung zu sehen und sich von Lehre und Terminologie der Scholastik loszusagen. Er wendet die Drohungen von Apk 14,9 ff auf die römische Kirche an, weist auf die seelischen Kämpfe vor seiner eigenen Bekehrung hin und wünscht dem Adressaten die Erkenntnis der wahren Anbetung Gottes.

— — — turas a . Ecce copiae cornu b3 . Si interpretationi diffidis, en locum loco illustravimus. Iudicet unctio 4 potius quam carnis pollute tenebre. An ne patres

a Anfang fehlt; der Text beginnt auf neuem Folio oben; Überschrift von J. J. Simlers Hand: Autogr., Bullingerus Leoni Jud, 17. Apr. 1525.
b copioso copiosius adsunt gestrichen, copiae cornu darübergeschrieben.
1 Bartholomäus Stocker, 1490-1561, Sohn des Ratsherrn und Hauptmannes Thomas Stocker, Magister, erhielt 1522 die Kaplanei und Frühmeßpfründe der Liebfrauenkapelle in Zug (UBZug II 2228.2229). Er wurde bald ein Anhänger der Reformation wie auch sein Amtskollege und Freund Werner Steiner (s. oben S. 45, Anm. 1). Die beiden können als Führer der kleinen evangelischen Gemeinde von Zug bezeichnet werden. Allerdings scheint Stocker der vorsichtigere gewesen zu sein; mit der Bittschrift um Freigabe der evangelischen Predigt und der Priesterehe war er zwar einverstanden, wollte jedoch dafür noch nicht offen einstehen (s. seinen Brief an Zwingli vom 5. Juli 1522, Z VII 528f). In Zug galt er jedenfalls als «Lutheraner». Zwingli scheint ihn geschätzt zu haben; Stocker wird als Zeuge von dessen Tod aufgeführt (HBRG III 167). Nach 1531 konnte er nicht mehr öffentlich für die Reformation auftreten, obwohl er seine Gesinnung nicht geändert zu haben scheint, wie sein Brief an Niklaus von Wattenwyl vom 13. Mai 1538 zeigt (Willy Brändly, Bartholomäus Stocker von Zug, in: Zwa IX 173f). 1556 wurde Stocker vor den Rat zitiert, weil er führende Persönlichkeiten als Lutheraner bezeichnet hatte - mit welcher Absicht, läßt sich nicht feststellen. 1539-1549 ist sein Aufenthaltsort unbekannt, s. Brändly, aaO, S. 171-176; Iten 400-402; Staedtke 276f. — Daß der eigentliche Empfänger dieses Schreibens Stocker war, ist hinlänglich bewiesen (s. Endre Zsindely, Aus der Arbeit an der Bullinger-Edition. Bullingers Brief an Bartholomäus Stocker bzw. Leo Jud vom 17. April 1525 — ein Beitrag zu seinen Bemühungen um eine Reformation in Zug, in: Zwa XIII 420-424). Stocker stand zu dieser Zeit in engem Kontakt mit Bullinger, der sich von Kappel aus aktiv für die Reformation in Zug einsetzte. Es ist bezeichnend, daß der Zuger Rat den Besuch der Predigt in Kappel verbot, und daß es gerade wegen Übertretung dieses Verbotes zu einer Protestaktion vor den Häusern Stockers und Steiners gekommen ist (22. Januar 1525). Am 28. Januar kam dann das Reformationsprojekt der eidgenössischen Orte zustande (EA IV/1a 572ff). Am 12. April 1525 wurde in Zürich die Messe abgeschafft. Durch diese rasche Entwicklung zur Vorsicht gemahnt, mochten Stocker und Steiner vor den letzten Konsequenzen in der Abendmahlsfrage zurückschrecken (s. Staedtke, Zug). Dieses Schreiben Bullingers ist zweifellos die Antwort auf einen Brief Stockers (nicht erhalten), in dem dieser Bedenken äußerte. Bullinger richtete auch am 10. Dezember desselben Jahres ein umfangreiches Schreiben an Steiner und Stocker über das Abendmahl (s. unten Anhang II, Nr. 5). Aus Steiners Korrespondenz mit Bullinger sind keine weiteren Stücke erhalten geblieben (vgl. Brändly, aaO, S. 174f).
2 Siehe oben S. 55, Anm. 1. — Bullinger schickte sein an Stocker gerichtetes Schreiben an Jud zur Begutachtung; Juds Adresse muß er nachträglich unter das Konzept gesetzt haben. Darum erscheint dieser als Adressat des Schreibens, was zu verschiedenen Fehldeutungen geführt hat (s. Zsindely, aaO).
3 Vgl. Adagia, 1, 6, 2 (LB II 221f).
4 Vgl. 1 Joh 2, 20. 27.

audire cupis? Quis antiquior Tertulliano 5 ? Quis diligentior Lactantio 6 ? Quis denique pientior et doctior Cypriano 7 ? Rem fortassis novam aut c inauditam causaris 8 ; quid vero inaudita? Quis unquam apostolorum panem hunc ita tractavit? Quis unquam primitivae ecclesie eum dei loco habuit? Unde, queso, has voces delatas dices: transubstantiatio [!], accidens, substantia, forma 9 ? An non titulotenus christianum impostrice philosophia submersum Thomam 10 aut Scotum 11 olfacis? Siccine odorandi organo privatus es, ut amodo nescias pium ab impio, peregrinum a d domestico, aut denique aquam a vino secernere? Persequtionem vero ob veritatem adeo abest, ut te vereri posse credam, ut ad apostolorum exemplum eius rei causa gaudere et exultare te e iam iam spiritu videam. Restat ergo, ut impietate adorandi abnegata vitam tuam ad litterarum praescriptum emendes. Et quid impientius eidololatria? Quis vero non tangit g panis adorationem longe h impudentissimam eidololatriam in i iniuriam dei vergere?

Audi, quid spiritus dei eidolatris promittat: «Et tertius angelus» etc. [Apk 14,9ff]. Ego (ut primo hoc moneam) nulla k parte iis accedo, qui ita plane hunc librum abiiciunt 12 ; tanta enim mysteria et tam diligentem scripturarum citationem, tantam 1 consolationem in cruce et tantam in eo deprehendo diligentiam in resurrectione explicanda, ut mirari nequeam, cur ydem [!] alii oculati m Argi 13 non viderint. Sed hec, ut exordinaria, ita rursus in orbem n nobis redeundum. Hoc docet ||1v. apostolus 14 fore imaginem quandam bestie, hoc

c novam aut übergeschrieben.
d b von ab gestrichen.
e nach te gestrichen spiritu.
f vor Quis gestrichen idololatriam horrendissimam.
g non tangit übergeschrieben.
h longe übergeschrieben.
i vor in gestrichen coram deo.
k vor nulla gestrichen non iuxta. l vor tantam gestrichen in eo deprehendo, ut.
m vor oculati gestrichen adeo [?].
n vor orbem gestrichen theatru.
5 Siehe oben S. 55, Anm. 3 und 4.
6 Lucius Caecilius Firmianus Lactantius, etwa 250 bis nach 317. —Bullinger hatte eine merkwürdige Vorliebe für Laktanz. Das Grundargument des Kirchenvaters gegen den heidnischen Götterdienst, nämlich die Geistigkeit Gottes, die nur in Geist verehrt und angebetet werden darf, wurde von ihm gegen die Äußerlichkeit und den Pragmatismus des mittelalterlichen Kultus eingesetzt (s. Schultheß-Rechberg 12; Staedtke 45).
7 Thascius Caecilius Cyprianus, etwa 200/210-258. — Bullinger scheint von ihm nur in geringem Maße beeinflußt worden zu sein (s. Staedtke 43).
8 Stockers Schreiben an Bullinger ist nicht erhalten.
9 Näheres zu diesen aus der aristotelischen Terminologie übernommenen Ausdrücken der scholastischen Abendmahlslehre s. Friedrich Loofs, Art. Abendmahl II, in: RE I 64, 30ff; Ferdinand Kattenbusch, Art. Transsubstantiation, in: RE XX 63ff; Hans Grass, Art. Abendmahl II, in: RGG I 25f.
10 Thomas von Aquin, 1225-1274.
11 Johannes Duns Scotus, etwa 1270-1308.
12 Im Gegensatz zu Erasmus, Luther, Zwingli, Oekolampad u. a., die der Apokalypse kritisch gegenüberstanden, war Bullingers Kanonbegriff auch in diesem Punkte traditionell (Staedtke 72). Ähnlich wie hier, verteidigte er die Kanonizität der Apokalypse in «De propheta libri duo», 1525 (Zürich ZB, Msc A 82,27f und Msc Car I 166, 41v. -42r.).
13 Argus = der hundertäugige Wächter der Io, der Geliebten Jupiters. Gemeint sind alle strengen Kritiker und Gegner der Apokalypse.
14 Der Apostel Johannes, nach kirchlicher Überlieferung Verfasser der Apokalypse.

est pape 15 , quam qui adoraverit, signo in hoc, ut imagini ministrare possit, in manus assumpto [Apk 14,9], hoc est unctione episcopali, is sit passurus horrenda illa tormenta, quae recencet [!]apostolus. Scilicet: «Bibiturus est is de vino ire» [Apk 14,10], hoc est, ira dei cadet in eum, ut in cecitate de peccato abeat in scelus et de scelere in nephas: Rom. 1 [18ff]. Inductus in eam falsa doctrina pape, que interim pietatis speciem habet; id quod loannes vocat «mixtum mero» [Apk 14,10], ad similitudinem Esaie: «Vinum tuum mixtum est aqua» etc. [Jes 1,22]. Quamquam non ignoro, quam aegre hec de sacramento sententia carni persuadeatur, neque mirum, cum tot o a Christo ipso, cui P et gratia et authoritas cum loquendi tum docendi aderat 16 , eo ipso tempore, cum eandem Camerinam [!] moveret 17 , desciverint; ut legimus loan. 6 [66].

Quartus q iam annus agitur, ut nosti, quod huius sententiae esse incipio 18 , et certe r tantum me in hac causa torsi, ut ab hoc man veluti parum integre sanitatis pisciculus toties s eiectus, sepissime de vita desperaverim 19 . Sed gratia deo, qui mihi ita meam pacavit conscientiam, ut nunc ne tantillum quidem, etiam cum totum [?] mare [?] importunissimis procellis sevit u , animum meum ex [?]

o nach tot etwas gestrichen.
p vor cui gestrichen qui.
q-r Von quartus bis certe aRvB nachgetragen, ut nosti in diesen Satz nachträglich eingesetzt; der Satzanfang im Text: Ego certe gestrichen.
s toties übergeschrieben. t-u ne quidem importunissime procelle quidem gestrichen, von ne tantillum bis sevit darübergeschrieben.
15 Die Vorstellung vom Papst als Antichrist findet sich seit dem 13. Jh. bei verschiedenen oppositionellen christlichen Gruppen; sie wurde auch von den Reformatoren aufgenommen und weiterentwickelt (vgl. Wilhelm Maurer, Art. Antichrist II, in: RGG I 433f).
16 Vgl. Mt 7,29.
17 Camarina war der Name einer Stadt und des sie schützenden Sumpfes in Sizilien. Die Stadt wurde viermal zerstört, zuletzt im Jahre 258 v. Chr. durch die Römer. Laut Überlieferung wollten einst die Einwohner den Sumpf austrocknen, befragten das Orakel und erhielten die Antwort: «greek greek greek greek greek greek = «Ne moveas Camarinam, etenim non tangere praestat.» Trotz dieser Warnung legten sie den Sumpf Camarina trocken und erleichterten somit dem Feind den Zugang zur Stadt (Leutsch-Schneidewin I 123). Der Spruch bedeutet demnach: sich selbst Böses zufügen oder Unannehmlichkeiten bereiten bzw. sich in unangenehme Dinge einlassen. «Movere Camarinam est sibi ipsi malum accersere», Adagia, 1, 1, 64 (LB II 51 D-F). Wenn also Bullinger bemerkt, daß auch Jesus damals, als er «eandem Camarinam moveret», von vielen Jüngern verlassen wurde, meint er damit, daß sogar der Herr den Widerstand der Menschen zu spüren bekam, als er sich derselben unangenehmen und gefährlichen Aufgabe widmete, wie zu Bullingers Zeit die Reformatoren, d. h. als er vom geistlichen Genuß seines Fleisches im Abendmahl lehrte.
18 Bullingers Bekehrung zur evangelischen Lehre fällt ungefähr in das erste Viertel des Jahres 1522 (HBD 6, 16f; 126, 10f; Krafft 13; Blanke 52). Dieser Zeitraum dürfte sich sogar noch etwas weiter zurück in das Jahr 1521 ausdehnen lassen (Staedtke 18f), was die hier mitgeteilte Aussage Bullingers zu bestätigen scheint. —Auch Köhler, ZL I 724, Anm. 1, weist auf Grund dieses Satzes auf die Zeit von 1521/22 hin, betont freilich, daß dabei das «incipio» unterstrichen werden müsse. Wenn er jedoch gleich danach einschränkend bemerkt, daß Bullinger hier «nur von der Verwerfung der Transsubstantiation spricht, seine positive Ansicht aber nicht entwickelt», so ist dem entgegenzuhalten, 1. daß ein guter Teil des Schreibens fehlt, und 2. daß Bullingers Meinung vom Abendmahl im Jahre 1525 aus anderen Werken hinlänglich bekannt ist. (Vgl. unten Anhang II, Nr. 2.4.5; auch Staedtke 234ff. 269f. 272ff).
19 Wahrscheinlich infolge des knappen Berichtes im Diarium (HBD 6, 12-17; 126, 10f) entstand der Eindruck: «Leicht und glatt war er zum neuen Glauben gelangt; der grossartige Seelenkampf, den Luther der Welt vorlebte, hatte ihn nicht ergriffen», Feller-Bonjour I 188. Diese Feststellung bedarf auf Grund von Bullingers dramatischer Schilderung seiner Bekehrung einer gründlichen Korrektur, vgl. auch Pestalozzi 18.

sacra [?]anchora 20 dimoveat v . Precorque deum, ut hanc tibi w sententiam, si modo vera est, de qua re minime dubito, ceterisque fratribus ita adaperiat, ut vere, hoc est in spiritu incipiatis verum, solum et omnipotentem deum adorare [Joh 4,24]. Cui gloria et imperium semper [Mt 6,13].

Sylvam [!] vero hanc x , hoc est rudern et Y impolitam argumentorum congeriem sive materiam boni, queso, consule; nam nitidiora aut etiam copiosiora occupationes non permisere. Tu ora pro me et ecclesia domini nostri Jesu Christi, ut eam quotidie magis adaugeat, ita ut dignum honorem et gloriam habeat z .

Gratia tecum.

Ex eremo aa mea, 17. aprilis 1525.

Salutabis Wernhereum [!] Steiner 21 et alios in Christo fratres.

[Adresse, von Bullinger wahrscheinlich später daruntergesetzt:] Erudito et vere pio viro Leoni Jud, fratri in Christo dilecto.

v Papier geknickt, der Text von totum bis dimoveat kaum lesbar.
w vobis gestrichen, tibi darübergeschrieben.
x hanc übergeschrieben.
y vor et gestrichen hanc.
z nach habeat gestrichen semper.
aa aus haeremo korrigiert.
20 Vgl. Adagia, 1, 1, 24 (LB II 35f).
21 Siehe oben S. 45, Anm. 1.

8

LEO JUD AN
BULLINGER
Zürich,
20. April 1525

Autograph: Zürich ZB, Msc F 62, 345 1 fol. S., sehr gut erhalten, mit Siegelabdruck Ungedruckt

Macht kritische Bemerkungen zu einer ihm zugeschickten Abendmahlsschrift Bullingers, die ihm zu polemisch scheint, teilt das für die symbolische Abendmahlslehre wichtige Argument aus Ex 12, 11 mit und beantwortet eine Frage über die Anbetung bei den Hebräern.

Gratia et pax a deo patre per Christum.

Que de pane eucharistie contra Bartholomeum 2 scripsisti, frater charissime a , placent, sed vereor, ne oleum et laborem perdideris 3 . Nam nisi crediderint, non intelligent 4 , surdisque narras fabulam 5 ; si crederent, nihil opus pluribus argumentis. Orandus est deus, ut mentes eorum excitet, ut tenebras illuminet 6 , ut intus trahat 7 . Et nos aliquando tenebre eramus, nunc autem ipsius gratia lux [Eph 5,8], «qui operatur omnia in omnibus» [1 Kor 12,6]. Quare te rogo, ut quedam verba, quibus acerbius in fratrem invehere videri posses malis, in mitiora mutare velis, non quod tales iisce verbis digni non sint, sed quod nos alia decent, nisi cum deploratissimis impiissimisque tibi negocium siet. «Calamum confractum non confregit» Christus, «linum fumigans non extinxit» [Jes 42,3], quem imitari hac in re velis. Et sunt, qui duci, non cogi volunt. Ceterum dum corpus a divinitate separas, dum b traditum sit, cave, ne adversarius secus, quam tu velis, intelligat et ex verbis tuis caput tuum petat. Ego enim non intelligo, quomodo divina natura corpus, quod semel adsumpserat, reliquerit, neque tamen dubito solum corpus passum esse, non divinitatem 8 . Sed hoc c quid d contra eum,

a Am Rande, auch weiter unten, zahlreiche Bemerkungen von J. H. Hottinger.
b vor dum gestrichen cave.
c vor hoc gestrichen quid.
d quid übergeschrieben.
1 Siehe oben S. 55, Anm. 1. 2
Bartholomäus Stocker. Seine Lebensdaten und die ganze Problematik des hier erwähnten Schreibens s. oben S. 71, Anm. 1.
3 Vgl. Adagia, 1, 4, 62 (LB II 171 E-F).
4 Jud will damit wahrscheinlich auf Jes 7,9 hinweisen. Diese Stelle war in der alten Kirche als «nisi credideritis, non intelligetis» bekannt, was auf die falsche Übersetzung des hebräischen Textes in der Septuaginta und der Vetus Latina infolge Textverderbnis zurückzuführen ist. Die Vulgata übersetzt sinngemäß: «... non permanebitis». Möglicherweise klingt bei Jud auch der bekannte Satz des Anselm von Canterbury «credo, ut intelligam» nach. (Zur ganzen Frage s. Karl Barth, Fides quaerens intellectum. Anselms Beweis der Existenz Gottes im Zusammenhang seines theologischen Programms, München 1931. — Forschungen zur Geschichte und Lehre des Protestantismus, 4. Reihe, Bd. III, S. 13ff.)
5 Vgl. Adagia, 1, 4, 87 (LB II 178 C-E).
6 Vgl. 2 Sam 22,29 u. a.
7 Vgl. Joh 6,44.
8 Dies bezieht sich auf den nicht mehr vorhandenen Teil des Schreibens (s. Nr. 7). Offenbar betonte dort Bullinger so stark, daß die göttliche Natur Christi nicht gelitten habe, daß Jud diese Warnung für nötig hielt. (Vgl. auch Köhler, ZL I 724; zur leicht nestorianisierenden Tendenz von Bullingers Christologie s. Staedtke 145 f. 252f.)

qui corpus divinitati unitum adorandum contendit 9 ? Haec scribo, non ut eorum partes adiuvem, sed quod periculum esse videam, ne is, qui cum iisce hominibus argutiis rem tentet, argutiis, quibus ipsi maxime nituntur, referiatur.

Ego nunquam me iisce Syrtibus 10 crederem neque unquam donarem hic esse corpus, cum «caro nihil prosit» [Joh 6,63] et figurata sit locutio: «hoc est corpus meum» [1 Kor 11,24], id est «hoc significat, figurat corpus meum»; nam id sacris litteris alienum non est. Sed fortissimus locus ad hoc firmandum habetur Exod. 12 [11]: «Est enim phase domini, id est transitus». Vides hic «est» pro «significat» positum esse, nam dominus adhuc non transierat, sed sequenti nocte transiturus erat. Et agnus non erat phase, sed significabat phase. Sic Christus adhuc nondum erat traditus, sed sequenti nocte tradebatur [1 Kor 11,23], cuius hic panis memoriale et mn[em]osynon erat, nec erat corpus, sed significabat corpus passurum 11 .

«Schaha» e 12 : Hebreis «adorare» significat genu flectere aut caput, procidere in terram 13 . Ne te torqueas, obtundo te ineptus meis, sed tu boni consule, frater in Christo charissime, in quo perpetuo valeas.

Ex Tiguro, 20. aprilis 1525.

Leo Jud tuus.

[Adresse auf der Rückseite:] Henrich [o Bullingero].

e schaha am Rande nachgetragen.
9 Daraus geht klar hervor, daß der Adressat von Bullingers Schreiben im wesentlichen noch auf dem Boden der katholischen Lehre stand.
10 Die Syrten waren im Altertum für ihre gefährlichen Untiefen bekannt.
11 Jud bewegt sich hier ganz in Zwinglis Bahnen, von dem er diese Argumentation mündlich vernahm; die Interpretation von Ex 12,11 geht auf Zwinglis berühmten Traum zurück. (Zur ganzen Frage s. Z IV 448f; 483, 14f; Köhler, ZL I 111f; 724, Anm. 2; Locher, Grundzüge 584.)
12 hebrew = anbeten, sich in Anbetung niederwerfen.
13 Siehe bes. Gen 24,26; Ex 20,5; 34,8; Hi 1,20.

9

LEO JUD
AN BULLINGER
Zürich,
6. Juli 1525

Autograph: Zürich StA, E II 340, 21 1 fol. S., sehr gut erhalten, mit Siegelabdruck Gedruckt: Heß I 34f

Gratuliert zu Bullingers «De propheta» und wünscht die baldige Drucklegung des Werkes.

Gratia et pax.

Quantum ex «Propheta» tuo 2 voluptatis, imo quantum fructus coepimus, Heimrice suavissime, silentio preterire duximus, ne vel in faciem laudare vel palpo percutere videamur. Itaque non laudamus solum, sed miramur potius inventionem tam raram, iudicium tam acre pulcherrimamque dispositionem. Hic vivunt omnia, omnia constant ac quadrant, clara ac perspicua sunt omnia. Quare te oro atque obtestor, ut hunc expolitissimum «Prophetam» non clam privatis quibusdam amicis dumtaxat, sed toti orbi communices 3 . Quandoquidem prophete videntes Ebreis sunt adpellati, quis vero in tenebris videt? Videntem ergo luci exponas, velim. Nam ut mihi semper displicuerunt quorundam scribentium audacia, qui confusissimis libellulis totum orbem replent, quibusque simplicium christianorum animos sic capiunt, ut eos a scripturis sacris abducant, ita mihi horum non potest non probari labor, qui huc dumtaxat spectant, ut fideles animos ab hominum commentis ad divini spiritus oracula rursus inducant. Cui rei si studuissent hactenus christiani omnes, non essent inter eos tot hypocrises, tot contentiones, hereses, audeo dicere: nunquam in tam diram Antichristi servitutem incidissent. Proinde quum videam «Prophetam» tuum in hoc totum esse, ut populus a dei creatoris, redemptoris, salvatoris sui solius verbis

a vor populus etwas gestrichen. 1
Siehe oben S. 55, Anm. 1.
2 Es handelte sich um Bullingers «De propheta libri duo», 1525 (Zürich ZB, Msc A 82, 2r. -41v.; auch Msc Car I 166). Die Schrift ist eine dogmatische Abhandlung über das wahre Prophetenamt und behandelt auch die ganze Problematik und Methode der Schriftauslegung und Verkündigung, verfaßt in deutlicher Abgrenzung gegenüber beiden Fronten: der katholischen Kirche und dem linken Flügel der Reformation (ausführlichere Beschreibung bei Staedtke 275f; Hausammann 161ff). In diesem Werk sind die Gedanken von Bullingers 1532 gehaltenen und auch gedruckten Rede «De prophetae officio» in ihren Grundzügen bereits niedergelegt (Fritz Büsser, De prophetae officio. Eine Gedenkrede Bullingers auf Zwingli, in: Festg. Leonhard von Muralt, zum siebzigsten Geburtstag 17. Mai 1970 überreicht von Freunden und Schülern, Zürich [1970], S. 252). — Diesen Brief Juds stellte Bullinger einem Exemplar seines «Propheta» in eigener Abschrift voran (aaO, Msc A 82, 1v.).
3 Daraufhin bereitete Bullinger das Manuskript tatsächlich für den Druck vor. Er veranlaßte Jud, ein Vorwort zu schreiben (aaO, Msc A 82, 3r.; Msc Car I 166, 2v. -3r.), und stellte dem Werk seinerseits eine Widmung an seine Kappeler Freunde voran (datiert auf 31. August 1525; s. unten Nr. 10). Obwohl der Basler Drucker Adam Petri die Schrift freundlich aufnahm, wurde sie nicht gedruckt, da die ängstlichen Literaturzensoren in Basel es nicht wagten, das stark «lutherische» Werk erscheinen zu lassen (s. Bullingers nachträgliche Bemerkung aaO, Msc A 82, 42r.; zitiert bei Staedtke 275).
4 Gemeint ist das Papsttum.

hereat, persuasissimum habeo christiane reipublicae ingentem fructum oboriturum, si industria tua revisus ac expolitus ac typis excusus in publicum exeat.

Coelestis pater, qui in te semina vere pietatis iecit, ipse ad messem copiosam fructumque centesimum [Mt 13,23] promoveat, quo tibi ceterisque perpetuo prodesse possis. Vale et benefacere perge.

Ex Tyguro, pridie nonas iulias 1525.

Leo Jud tuus.

[Adresse auf der Rückseite:] Heimrico Bullingero, optime spei a[dolescenti], fratri suo in C[hristo]b .

b darunter von Bullingers Hand: Leonis Iudae.

10

BULLINGER AN
WOLFGANG JONER ,
PETER SIMLER, ,
ANDREAS HOFFMANN U. A.
Kappel,
31. August 1525

Abschrift von Heinrich Pfiffer 4 1525/1526: Zürich ZB, Msc A 82, 3 v. 1/3 fol. S., sehr gut erhalten Ungedruckt

Widmungsbrief zur Schrift «De propheta».

Praestantissimis viris Volcatio lonero, Petro Simlero et Andreae Hofmanno caeterisque fratribus 5 Heilrich Bullingerus gratiam et pacem praecatur a domino.

Absolvi tandem, viri optimi, eos, quos de propheta inscripsimus libros 6 quosque tanta improbitate vos effiagitastis. Quod si id praestiti, quod expectabatis, gaudeo. Si vero expectationi omnium adeo exacte non satisfeci, etquid [!] illi quoque possunt, nisi haec nostra boni consulere? Quando probe norunt, quam invitus hanc sim adgressus provinciam et quam pertinaciter ad eruditiores consulendos transmiserim, imo quod sua potius improbitate quam mea temeritate victus scripserim. Iam ubi me id peregisse videbunt, quod in magno negotiorum tumultu, brevissimo tempore, adeoque in ipso sacrarum litterarum tirocinio licuit, nimirum suae improbitati, non mihi imputabunt, si quid lima aut spongia

1 Siehe oben S. 48f, Anm. 4.
2 Siehe oben S. 53f, Anm. 2.
3 Andreas Hoffmann (Curianus), gest. 1531, Konventherr zu Kappel; als solcher nahm er an der Zürcher Synode vom 19. Mai 1528 teil (AZürcherRef 1414). Mit Bullinger war er gut befreundet; die Basler Tertullian-Ausgabe von 1521, die Bullinger in Kappel in Gebrauch hatte (s. oben S. 55, Anm. 4), war sein Geschenk. Bullinger widmete ihm außerdem noch eine Schrift (s. Anhang II, Nr. 10). Er fiel bei Kappel (s. HBRG III 151; J. Pfister, Bullingers Handexemplar des Tertullian, in: Zwa III 487).
4 Heinrich (Heylrich) Pfiffer (Syricteus), gest. um 1542, war möglicherweise Chorherr zu Kappel und offenbar ein Freund und Mitarbeiter Bullingers; beide Exemplare des «De propheta» sind Abschriften von seiner Hand (Zürich ZB, Msc A 82, 42r.; Msc Car I 166, 72r.). Bullinger nennt ihn am Schluß des einen «amicus singularis» (Msc A 82, 42r.), s. Staedtke 275. Seit 1527 war er Pfarrer in Maschwanden (Kt. Zürich), einer Kollatur des Klosters Kappel; das gute Verhältnis zwischen Pfarrer und Abt wurde auf der Synode vom 21. April 1528 ausdrücklich hervorgehoben (AZürcherRef 1391, S. 605). Pfiffer war ein eifriger Förderer der Reformation, 1528 nahm er an der Berner Disputation teil. Mit jenem bärtigen Pfarrer von Maschwanden, der 1524 als Ketzer beschimpft wurde (AZürcherRef 593; Egli, Affoltern 82. 91. 104), wird er wohl kaum identisch gewesen sein, da seine Amtszeit erst später begann, und er sich damals wahrscheinlich noch in Kappel aufhielt. Falls er 1530 tatsächlich vertrieben wurde (Pfarrerbuch 470), so kann das nur für eine kurze Zwischenzeit gegolten haben, da er bereits ein Jahr später unter den Teilnehmern an der Schlacht bei Kappel als Pfarrer von Maschwanden aufgeführt wird: er gehörte zu denen, die nachher die Tapferkeit des Hauptmanns Hans Rudolf Lavater bezeugen konnten (HBRG III 173. 299). Als «Diener der kilchen zu Maschwanden» schrieb er am 10. April 1533 an Bullinger (Zürich StA, E II 340, 57). 1536 wurde er Pfarrer in Hedingen und blieb dort wahrscheinlich bis zu seinem Tode (s. Pfarrerbuch 38. 57. 470).
5 Gemeint sind die anderen Freunde Bullingers in Kappel. 6
«De propheta libri duo» (Zürich ZB, Msc A 82, 2r. -41v. bzw. Msc Car I 166). — Der in Basel geplante Druck kam schließlich nicht zustande (ausführlicher s. oben S. 77, Anm. 2-3).

dignum 7 viderint. Illos etiamdum ad eruditiorum institutiones, si qui modo sunt, qui rem totam scripturis agunt, relegamus 8 . Nos enim nihil damus nisi exilia; partim ex aliis huc translata authoribus, partim ex his, quae diutino iam legendi, scribendi tractandique usu sumus consequuti 9 . Et ea, quae olim sacra lectione observavimus, hic in compendium redegimus, ut isagoge potius aut elementale [!] propheticum venus quam prophetam vocaveris. Utcunque tamen res habeat, ea, que scripsimus, vestro omnium nomini dedicamus nullam aliam ob causam, nisi ut studia vestra, si quo modo fieri possit, promoveamus.

Deus autem scientiae, intellectus et omnis virtutis adaperiat oculos vestros in lege sua 11 , ut requiratis eum puro corde 12 , charitate vera et fide non ficta [1 Tim 1,5]. Fiat!

Valete in domino.

Ex eremo nostra communi Cappell, pridie kalendas septembres anno 1525.

a Randbemerkung von Bullingers Hand.
7 Vgl. Adagia, 1, 5, 58 (LB II 205 C-D).
8 Über die Quellen von Bullingers «De propheta» s. Hausammann 161-173, wo auch der Inhalt des Werkes ausführlich behandelt wird.
9 Bullinger weist hier auf seine Vorlesungen in Kappel hin (zu deren Form und Inhalt s. HBD 8, 10-19; Blanke 61-71; Hausammann 15f).
10 Vgl. Jes 11,2; Röm 15,5.
11 Vgl. 2 Makk 1,4.
12 Vgl. 2 Chr 30,19.

11

LEO JUD AN
BULLINGER
Zürich,
1. Dezember 1525

Autograph: Zürich ZB, Msc F 62, 341 1 fol. S., sehr gut erhalten, mit Siegelabdruck Ungedruckt

Beantwortet, zum Teil in Zwingli: Namen, Fragen und Hinweise Bullinger: betreffend gewisse Stellen bei Tertullian und Laktanz über die Taufe und die Kirche.

Gratiam et pacem a .

Iussus sum a Zuinglio 2 , nam huic non ocium erat tua legendi, frater charissime, epistolam tuam 3 pellegere 4 Cui lubens parui vidique Tertulianum in iis locis 5 , que [!] tu adnotaveras. Et ecce meridiana luce 6 clarius inveni eum in hac esse sententia, ut intinctionem 7 (nam hoc est greek) poenitentie 8 tamquam obsignationem 9 praemittat iis, qui novam vitam sint inchoaturi, aut (ut suis verbis loquar) iis, qui per gratiam ad promissionem semini Abrahe destinatam vocati essent 10 . Quid hoc aliud est quam, ut ex Matheo [8,11] audiebatur, gentes esse vocatas a finibus mundi, ut cum Abraham ceterisque patribus quiete fruerentur? Ceterum «lex obiter subiit, ut abundaret delictum» [Röm 5,20], quam spem Christus diruit, ut faceret utraque unum. Deinde Lactantium in eadem esse sententia repperi in capite 15. et 20. 11 , quemadmodum tu adsignaras, unam esse fidem, unam ecclesiam et eorum, qui ante, et eorum, qui post Christum per unum Christum salvati sunt 12 . Gratulandum nobis est, charissime Henrice, agendeque simul gratie patri nostro coelesti, qui nos in dies magis atque magis illustrat ac doctiores reddit. Nam quis antea tam clare, tam aperte hoc docuit, que Zuinglius noster (nimirum divino spiritu) tam docte et

a Darüber und am Rande Bemerkungen von J. H. Hottinger.
1 Siehe oben S. 55, Anm. 1.
2 Zwingli war zu dieser Zeit mit der Lektüre von Brenz' Syngramma beschäftigt, s. seinen Brief an Oekolampad vom 1. Dezember 1525, Z VIII 446-448.
3 Nicht erhalten.
4 Leo Jud war durch seine Mitwirkung in der Bekämpfung der Täufer vorzüglich dazu geeignet, die in diesen Zusammenhang gehörenden Fragen Bullingers zu beantworten, vgl. Heinold Fast, On the Beginnings of Bernese Anabaptism, in: MQR XXXI, 1957, 293.
5 Siehe unten Anm. 7. 9. 10.
6 Vgl. Jes 18,4.
7 Vgl. Tertullian, De paenitentia 6, 3 (CSEL LXXVI 153, 14) u. ö.
8 Vgl. Mk 1,4 par.; Apg 19,4.
9 Vgl. Tertullian, De paenitentia 6, 16 (CSEL LXXVI 156, 60) u. ö.
10 Tertullian, De paenitentia 2, 4 (CSEL LXXVI 142, 19-22): «... praeire intinctionem paenitentiae iussit, si, quos per gratiam vocaret ad promissionem semini Abraham destinatam, per paenitentiae subsignationem ante conponeret.» Vgl. Gal 3,29.
11 Laktanz, Divinae institutiones, lib. IV, cap. 15 (CSEL XIX 329, 14ff) und cap. 20 (CSEL XIX 364, 1ff).
12 Zu dieser Anschauung Bullingers s. Joachim Staedtke, Die Juden im historischen und theologischen Urteil des Schweizer Reformators Heinrich Bullinger, in: Judaica. Beiträge zum Verständnis des jüdischen Schicksals in Vergangenheit und Gegenwart, Bd. XI, 1955, S. 236-256.

adposite protulit 13 ? Ego plane ignorationem meam non vereor fateri et id quidem ingenue. Error autem hinc natus est, ut puto, quod scripturam b evangelicam et apostolicam «Novum Testamentum» adpellaverunt c, cum tamen scriptura testamentum non sit, et scriptura nulla est, quam que in libris Mos[aicis] continebatur. Ceterum evangelium lux est et manifestatio atque adeo impletio scripturarum. «Benedictus deus et pater domini nostri Jesu Christi» [2 Kor 1,3 u. a.], qui nos ab erroribus et densissimis tenebris in veram lucem traducit 14 ; ipse ita firmet pectora nostra, ut nusquam ab eo in pristinos errores prolabamur. Cupio te esse salvum.

Haec mea sunt, que quod ad sententiam attinet puto satis esse, quaeque tibi statim misissem, nisi adolescens 15 , qui mihi tuas attulit litteras 16 , iam abiens de hoc verbo «anteponeret» 17 dixisset. Rogavi ergo Zuinglium, qui exacti iudicii est homo et in expendendis veterum sententiis vehementer acutus, qui perspecto loco Tertuliani putat «anteponere» hoc in loco excellentie et dignitatis esse vocabulum proque «praeponeret» d esse positum. Sed verba Tertuliani adscribamus: «Preire intinctionem poenitentie iussit, si, quos per gratiam vocaret ad promissionem Abrahe destinatam, per poenitentie subsignationem anteponeret.» Admonebat Zuinglius «ut» intelligendum esse ante «si», nam sic breviter loquebantur veteres tempestate Tertuliani «ut, si quos per gratiam vocaret etc., anteponeret», scilicet «eos»; per subsignationem, id est per signaculum 18 . Nam veteribus, ut putat Zuinglius, dictiones cum «sub» diminutivorum loco posita[e] reperiuntur 19 . Haec volui meis addere, ut videres, quam sim in rebus tuis anxius, et ut tibi quoque satisfieret.

Vale in Christo.

Ex Tyguro, altera post Andree 1525.

Leo tuus.

[Adresse auf der Rückseite:] Henrich [o e Bullingero] optimae spe[i] ... suo in — — —

b aus scripturas korrigiert.
c vor adpellaverunt gestrichen quoque.
d nach praeponeret gestrichen que [?].
e r aus e korrigiert.
13 Siehe z. B. Z VI/I 163, 8ff; Z XIII 105, 35ff. Zur Sache vgl. Staedtke 222 und Gottlob Schrenk, Gottesreich und Bund im älteren Protestantismus, vornehmlich bei Johannes Coccejus. Zugleich ein Beitrag zur Geschichte des Pietismus und der heilsgeschichtlichen Theologie. Gütersloh 1923. — Beiträge zur Förderung christlicher Theologie, 2. Reihe, 5. Bd. S. 37ff.
14 Vgl. 1 Petr 2,9.
15 Unbekannt.
16 Nicht erhalten.
17 Siehe oben Anm. 10; statt «ante conponeret» findet sich «anteponeret» in der Tertullian-Ausgabe des Beatus Rhenanus, Basel 1521, CSEL LXXVI 142.
18 Der Ausdruck wird von Zwingli auf die Beschneidung bzw. Taufe angewandt in Z VI/I 171, 28. Das Wort kommt bei Tertullian, De pudicitia 9, 11 (CChr II 1298, 48) in der Bedeutung Petschaft vor; vgl. auch Augustin, Contra Faustum XIX, 11 (CSEL XXV 510, 3).
19 Zwinglis Beobachtung ist grundsätzlich zutreffend, s. die Komposita mit sub, z. B. subblandior, subdubito, an dieser Stelle jedoch kaum richtig, s. Georges II 2880 und Blaise 786.

12

BULLINGER AN
MICHAEL [WÜST]
Kappel,
16. Dezember 1525

Autographe Abschrift: Zürich ZB, Msc A 82, 90r. 1/2 fol. S., sehr gut erhalten Ungedruckt

Übersendet eine Abschrift des Schreibens über das Abendmahl vom 10. December 1525.

Michaeli a suo gratiam et pacem.

Mittimus tibi, Michael dilecte, epistolam nostram, quae de eucharistia ante aliquot dies excidit venus quam scripta sit 2 , si fortassis per eam tribuat tibi oculos deus, ut cognita missandi impietate cogites, quo pacto possis propediem immutare mores, studia, questum et vitam tuam, esseque adhuc in tam spatioso terrarum orbe reliquum, unde vivere possis, meliore nimirum conscientia, quam in impiissimo questu et eidololatria. Est enim etiamdum b sana mens tibi in corpore sano 3. Nihil habes post infidelitatem, quo te tueri possis; satis superque satis offendisti dominum. Revertere ergo ad eum, qui non vult «mortem peccatoris, sed magis ut convertatur et vivat» [Ez 33,11], ac nostram pro te sollicitudinem boni consule. Nam ferre non potui, ut a te separarer religione, qui non modo sanguine, verum a cunis tibi per omnem vitam arctissime hesi. Quod ad

a oben aRvB: De eucharistia.
b ein zweites dum gestrichen.
1 Michael Wüst war ein Vetter und Freund Bullingers. Er «ist von Jugend auf mein Wandergesell gewesen zu Emerich im Niederland und zu Köln, war trefflich gelehrt und zu Klingnau [Kt. Aargau] Schulmeister, darnach Pfarrer; denselben verführten die Wiedertäufer, und er starb in der Wiedertäuferei zu Oberglatt, wo er wollte weben lernen», berichtet Bullinger (Verzeichnis 2 447). — Tatsächlich figuriert «Michael Bremgart de Alemania» im Frühjahr 1519 in der Matrikel der Universität Köln, gefolgt von Johannes Bullinger (s. unten S. 114, Anm. 17) und am 12. September von Heinrich Bullinger (Krafft 154). Bullinger zählt ihn im Diarium (HBD 4, 2) unter seinen Studiengenossen auf. Wüst stand seit 1522 auch mit Zwingli in brieflicher Verbindung (Z VII 551ff). Wie sein späterer, aus Oberglatt (Kt. Zürich) an Zwingli geschriebener Brief vom 10. April 1526 und Zwinglis gleichzeitig an ihn gerichtetes Schreiben zeigen (Z VIII 561-564), zählte er schon seit längerer Zeit -also wahrscheinlich bereits vor dem 16. Dezember 1525 — zu den Täufern. In Oberglatt sind Täufer bezeugt (QGTS I 198ff u. ö.; s. noch AZürcherRef Nr. 984, wo auch die Wollweberei erwähnt wird). Bullinger berichtet ebenfalls in seinem Brief vom 2. Mai 1526 an Peter Homphäus (Nr. 17), einen ehemaligen Mitstudenten in Köln, daß Michael Wüst das Pfarramt mit der Weberei vertauscht habe. Kurz darnach wird Wüst wohl gestorben sein. — Daß es sich beim Adressaten des hier mitgeteilten Briefes um diesen Vetter Bullingers handelt, hat Staedtke 277 f eindeutig bewiesen. Bullinger dürfte demnach mit der Zusendung dieses Briefes und seiner Abendmahlsschrift vom 10. Dezember das Ziel verfolgt haben, Wüst zur Aufgabe seiner täuferischen Anschauungen zu bewegen (s. Staedtke 277f), obwohl das im Brief nirgends direkt ausgesprochen wird.
2 Siehe Anhang II, Nr. 5.
3 Juvenal, Satiren X, 356.
4 Aristarchos aus Samothrake, 217-145 v. Chr., griechischer Philologe und Bibliothekar in Alexandria, galt im Altertum als größter Meister der Kritik und Exegese. Sein Name wurde als Bezeichnung für Literaturkritiker sprichwörtlich, Adagia, 1, 5, 57 (LB II 204f). Der Ausdruck soll also heißen: sei kein allzu strenger Kritiker!
5 Johannes Frey (Liberianus), gest. 1569, Neffe des Propstes Felix Frey am Großmünster in Zürich, war seit 1523 Bullingers Schüler in Kappel. Er begleitete ihn am 23. Juni 1527

litterarum figuras spectat, noli esse Aristarchus 4 ; sic enim unus ex adulescentulis meis me dictante quam celerrime istaec excepit, at mihi otium vix fuit relegendi, taceo vel innumeras expungendi mendas 6

Vale et ita age, ut intelligam te malle esse pauperem christianum, quam divitem impium, incredulum, mactatorem.

Ex coenobio nostro, 16. decembris 1525.

Heimrych tuus.

5f nach Zürich, wo sie im «Kappeler Haus» wohnten und die Vorlesungen der «Prophezei» besuchten. Der Studienaufenthalt dauerte bis zum 14. November. Als Nachfolger Bullingers wurde Frey 1529 Leiter der Schule in Kappel und Pfarrer in Hausen; von 1545 bis zu seinem Tode war er Pfarrer in Embrach (Kt. Zürich). Mit Bullinger stand er in brieflichem Verkehr. Dieser lobt ihn im Diarium als gelehrten und hervorragenden Mann. — Lit.: HBD 11, 8f; 17, 25; 101, 2f; Pestalozzi 51; Blanke 79f; Pfarrerbuch 280.
6 Dieses von Frey geschriebene Exemplar ist nicht erhalten.

13

[BULLINGER] IM NAMEN VON JOHANNES ENZLIN AN
CHRISTOPH STILTZ
Hausen [Kappel],
21. Januar 1526

Autographe Abschrift: Zürich ZB, Msc A 82, 90r. -91r. 2 fol. S., sehr gut erhalten Ungedruckt

In Beantwortung eines Briefes von Stiltz an Enzlin beweist Bullinger, daß die Gabe des Heiligen Geistes nicht auf die Kirchenväter beschränkt werden kann, sondern daß sie den Christen jederzeit, auch in der Gegenwart, gewährt wird, und polemisiert gegen die erasmische Lehre vom freien Willen.

Gratiam et pacem a domino.

Effari non potest, quantum me tua delectarit epistola 3 , partim quod a parente profecta, partim quod paterni tui in me animi plurimam spiraret benevolentiam. Hac tantum parte durior videbatur, qua tu patribus spiritum ita tribuis, ut nihil fere reliqui facias deploratissimis nostri aevi hominibus. Sic enim intonas haud verisimile esse patres et vetustate et sanctitate celebres caruisse spiritu, quo indice etiam heccine potuissent depraehendere placita, quae nunc quasi e tripode 4 pronuncientur. Ito ergo, si ignoras, ad ipsum Augustinum ac percontare, num antiquitas an sanctorum sanctitas graviorem reddat doctrinam!

1 Johannes Enzlin (Enslin, Heintzli) stammte aus Württemberg. 1522 oder 1523 stellte ihn die Gemeinde Hausen am Albis (Kt. Zürich) auf ihre Kosten als Pfarrer an, um unabhängig von der Mutterkirche Baar (Kt. Zug) die reformatorische Verkündigung in Hausen sicherzustellen (s. Zürich StA, Verzeichnis der Zürcher Geistlichkeit, 15. Jh. bis 1623, G I 179, 41r. «1522, H. Hanns Heintzli saß imm dorf, was ein schwäbli, kam dadannen uss argwon, er hette einen silbernen bächer gstolen», auf diese Quelle wies freundlicherweise Herr Dr. Werner Schnyder, alt Staatsarchivar, hin; vgl. Pfarrerbuch 37. 328; zum Streit um die Loslösung Hausens von Baar s. A SchweizerRef I 525, dazu AZürcherRef 383 und HBRG I 279). Im Juni 1527 übermittelte die Gemeinde Hausen dem Zürcher Rat das Begehren, der Abt von Kappel möge einen Pfarrer stellen (AZürcherRef 1204), wahrscheinlich hatte also zu dieser Zeit Enzlin Hausen schon verlassen. Um 1530 heiratete er die vormalige Begine in Wildberg Anna Volland von Markgröningen (s. Adolf Rentschler, Die Reformation im Bezirk Nagold, in: Blätter für württembergische Kirchengeschichte, NF, Jg. 21, 1917, S. 70). Vermutlich übte er zu Anfang der dreißiger Jahre eine pfarramtliche Tätigkeit in der Gegend von Landau aus, denn er wurde am 5. August 1536 auf die Bitte des Johannes Bader in Landau hin von Ambrosius Bucer an Ambrosius Blarer in Tübingen empfohlen (Blarer BW I 812. 816f; vgl. Gustav Bossert, Württembergisches aus dem Briefwechsel des Ambr. und Thom. Blarer, in: Blätter für württembergische Kirchengeschichte, NF, Jg. 13, 1909, S. 163), von 1537-1548 Pfarrer in Ditzingen (s. Gustav Bossert, Die württembergischen Kirchendiener bis 1556, in: Blätter für württembergische Kirchengeschichte, NF, Jg. 9, 1905, S. 23). Wegen des Interims entlassen, bewarb er sich 1550 vergeblich um eine Pfarrstelle in Asperg. Nach dem Tode seiner Frau (um 1548) heiratete er die Witwe des Pfarrers Daniel Frey in Asperg. Das weitere Schicksal Enzlins ließ sich nicht ermitteln (durch Vermittlung von Herrn Dr. Martin Brecht, Tübingen, unterstützte freundlicherweise Herr Pfarrer i. R. Otto Haug, Schwäbisch-Hall, die Erhellung des Lebensganges von Enzlin). 2
Christoph Stiltz ist von 1523 bis 1526 als Stadtschreiber in Wildberg (Kreis Calw) nachweisbar, s. Neues württembergisches Dienerbuch, bearb. v. Walther Pfeilsticker, Bd. II, Stuttgart (1963), § 3063.
3 Nicht auffindbar.
4 Sprichwörtliche Redewendung zur Bekräftigung einer Aussage, Adagia 1, 7, 90 (LB II 297 E-F).

Docebit is nimirum in epistola ad Hieronymum 5 fere postrema istaec conferre nihil, imo id, quod ex scripturis authoritatem non habet, execrandum esse, cui et Ciprianus 6 in epistolis subscribit. Ut nunc non referam, quod nolit sibi fidem adhiberi Augustinus, nisi scripturis sua muniat, utpote qui non uno loco errarit; testimonia sunt in praefatione 3. lib. «De trinitate» 7 , Ad Casulanum 8 , Fortunatum 9 et Vincentium 10 . Igiturne patribus alligatus erit ||90 v. spiritussanctus a et uno tempore omnibus omnia revelanda? Ergo quo torquebimus Christi verba: «Ero vobiscum usque ad consumationem seculi» [Mt 28,20]? Cur non statim ad primam promissionem orbi terrarum illuxit Christus? Iniquus sane deus, qui filios Izraelitarum ab Aegyptiaca reduxit captivitate, patres vero non reduxit. An hoc propterea factum, quod tenor divini oraculi, divinae voluntatis testimonium sic disposuerit? Cur ergo non videmus et nostram captivitatem iuxta prophetarum, Christi et apostolorum vaticinia talem esse oportere, qualem, proh dolor, conspeximus mortales omnium deploratissimi sub impiissimo Antichristi regno? Imo, cum Moses 11 ac Paulus 12 prophetiam omnibus relinquant liberam, quis adeo omnem pudorem abstersit, ut prophetare quemquam inhibeat? Interim probandos quoque spiritus censemus iubente Ioanne 13 et Paulo 14 et hic adeo certum scimus esse verbum dei lidium nostrum lapidem 15 , ut nihil nos per deum fugere possit, est enim pedum nostrorum lucerna 16 ac argentum septies defecatum 17 , infallibilis et aeterna regula 18 . Unde non est, quod verearis, ne sub larva pietatis se sceleratissimus ille hominum hostis ingerat nobisque imponat 19 . «Unctio docebit omnia» [1 Joh 2,27], fides et charitas iudicabunt singula 20 . Tu vide Augusti[num] «In bannern tracta[tus]» 16 21 et 18 22, ac Tertullianum in «Praescriptione hereticorum» 23 .

Iam quod paulo incivilius Erasmi libellum, cui tit[ulus]: «De libero arbitrio

a oben aRvB als Überschrift: De libello Erasmi «De libero arbitrio».
5 Augustin, ep. LXXXII, 3 und 5 (CSEL XXXIIII 354, 4ff und 355, 25ff); vgl. Z IV 81, 25ff, wo sich Zwingli ebenfalls auf die in CorpIC, Decretum Gratiani, c. 5, D. IX zitierte Augustinstelle stützt, zur Sache s. Staedtke 72ff.
6 Siehe z. B. Cyprian, ep. LXXIV, 2 (CSEL III/2 800, 10ff).
7 Augustin, De trinitate, III, prooemium, [2] (CChr L 128, 38ff).
8 Augustin, ep. XXXVI, 2 (CSEL XXXIIII 32, 4-19), u. ö.
9 Im Briefe Augustins an Fortunatus (ep. CXV) findet sich keine entsprechende Stelle. Vielleicht bezieht sich Bullinger auf einen Abschnitt im Briefe an Fortunatianus, ep. CXLVIII, 15 (CSEL XXXXIIII 344, 21ff).
10 Augustin, ep. XCIII, 35 (CSEL XXXIIII 480, 9ff), u. ö.
11 Vgl. Dtn 18,15ff.
12 Vgl. 1 Kor 12, 10.28; 14,3ff, u. ö.
13 1 Joh 4,1.
14 1 Thess 5,19-20.
15 Der lydische Stein galt im Altertum als Probierstein, Adagia, 1, 5, 87 (LB II 215 B -D) Pauly/Wissowa XXVI 2129.
16 Siehe Ps 119, 105.
17 Vgl. Ps 12,7.
18 Vgl. Ps 33,4; Jes 40,8; 1 Petr 1,23ff.
19 Vgl. 2 Thess 2,8ff.
20 Vgl. 1 Kor 2,13ff.
21 Vermutlich Augustin, In lohannis Evangelium Tractatus XVI, 2 (CChr XXXVI 165, 16ff).
22 Ebenda, XVIII, 2 (CChr XXXVI 180, 16ff), u. ö.
23 Tertullian, De praescriptione haereticorum, VI (CChr I 191, 11ff), s. Staedtke 73ff.

collatio» 24 , tractaverim 25 , mirum est, quam egre feras; verum nos propterea palinodiam non canimus 26 , quinimo ne lato quidem cedimus culmo. Est enim nedum impius, verum blasphemus etiam libellus, omnibus fere scriptis Erasmicis contrarius, ut nunc non referam quam ineptus, impotens, flaccidus, in quo praeter artifitium nemo pius nihil laudavit unquam. At in tanta contraversia [!] theologum non rhetorculum 27 prestitisset; quid enim pietati cum epichirematis 28 Erasmi? Quid cum infinitis sinistre tractatis locis 29 ? Parum interest inter eum, qui nihil e scripturis profert, et eum, qui profert, at ita profert, ut magis de numero quam enargia curet. Ubi vero Gordii se aliquis offert nodus 30 , deus bone, quam misere se misellus torquet Erasmiolus, quam belle Protheum 31 induit, quam infantiliter omnia figit et refigit! An non et ipsi Origenis 32 ac aliorum succinentium 33 idem epiphonima 34 excussimus sententiam? Ergo non patrum dictis placitisque, sed collatione scripturarum locus Roma. 9 [9]rumpendus erat. Christiani sumus, scripturis pugnamus, non patrum placitis. Neque infitias eo; adducit ille locos nonnullos, sed omnes eiusdem farinae 35 . Sophysta quispiam petitionem principii reiiceret, et nos in re tam gravi coccicem 36 [!] audiemus? Breviter: si providentia est b , liberum arbitrium non est; alias enim providentia non ||91r . esset c providentia. Si porro liberum arbitrium, iam non est providentia; alias enim liberum arbitrium non erit liberum arbitrium 37 . Torqueat se hic Augustinus

b vor est gestrichen non.
c oben aRvB als Überschrift: Epistolae.
24 Erasmus, De libero arbitrio greek sive collatio, 1524, hg. v. Johannes von Walter, Leipzig 1910. — Quellenschriften zur Geschichte des Protestantismus, H. 8; Bibliotheca Erasmiana S. 20.
25 Vermutlich in einem nicht erhaltenen Brief.
26 palinodiam canere seine Meinung ändern, widerrufen, Adagia, 1, 9, 59 (LB II 356 A-B); Otto 262, Nr. 1323.
27 Erasmus stellt beispielsweise zu Mt 10,30 fest, daß es sich um eine hyperbolische Redeweise handle, Erasmus, aaO, III c 10 (S. 74, 15f). Luther wirft Erasmus in seiner Schrift «De servo arbitrio», 1525, ebenfalls rhetorische Kunstgriffe vor, s. z. B. WA XVIII 639, 10-12; 700, 12-18; 726, 14ff.
28 Epichirema ist ein rhetorischer Schluß bzw. Beweis, Lausberg 371; vgl. Z XIII 842.
29 Erasmus zieht in seiner Schrift zuerst alttestamentliche (II a 1ff, S. 19, 11ff) und dann neutestamentliche Schriftstellen (II b 1ff, S. 38, 23ff) als Beweise für den freien Willen heran; hierauf behandelt er scheinbare Schriftbeweise gegen den freien Willen (III a 1ff, S. 46, 20ff), vgl. Karl Zickendraht, Der Streit zwischen Erasmus und Luther über die Willensfreiheit, Leipzig 1909, S. 32-39.
30 Vgl. Adagia, 1,1, 6 (LB II 28 A); Otto 244, Nr. 1233.
31 Proteus «gilt als Sinnbild der Wandelbarkeit, aber auch der Schlauheit, welche die verschiedensten Mittel versucht», Otto 289, Nr. 1478; Adagia, 2, 2, 74 (LB II 473 B ff und Adagia, 3, 4, 1 (LB 806 A-B). Für Erasmus auch von Luther, aaO, verwendet, WA XVIII 700, 18.
32 Siehe z. B. Erasmus, aaO, III a 2 (S. 47, 17ff), wo er sich auf die Auslegung des Origenes stützt, vgl. Zickendraht, aaO, S. 39ff.
33 Etwa Hieronymus, s. Erasmus, aaO, III b 1ff (S. 61, 15ff), vgl. Zickendraht, aaO, 42ff.
34 Epiphonema ist eine Sentenz am Schluß eines Abschnittes oder einer Rede als schlußfolgernde Reflexion oder mit feststehendem Charakter, Lausberg 879; vgl. Z XIII 843.
35 Sprichwörtliche Redewendung für Dinge, die sich ununterscheidbar gleichen, Adagia, 3, 5, 44 (LB II 839 D—E); Otto 132, Nr. 643.
36 «Kuckuck» wird in der Klassik häufig als verächtliche Bezeichnung für einen Menschen gebraucht, ThLL IV 1281, 60ff.
37 Zur Vorsehungslehre bei Bullinger s. Walser.
38 et Boetius 39 , quamquam ille sua posterioribus libris retractarit, hic tamen istaec non nisi ad graecas calendas 40 dissipabit.

Tu haec nostra boni consule, zelus enim pro lege dei in hunc fervorem me excitat 41 . Nam dici non potest, quantum divinae naturae ac energiae detrahat impium de libero arbitrio sentimentum 42 . Erasmum alias ut patrem patriae, eloquentiae principem, bonarum litterarum patronum, humanitatis fontem linguarumque post Reuchlinum 43 instauratorem veneror, suspitio, adoro, at in divinis litteris sapientem mundi 44 iudico 45 . Ii quid de religione vera sentiant, docuit «doctor gentium» [1 Tim 2,7] et «vas electionis» [Apg 9,15] Paulus in eius epistolae frontispitio, quam dedicavit Corinthiorum ecclesie 46 . Quid, si Erasmus ille tuus alter Demosthenes argentagina [!] non secus laboraret d in patrocinio veritatis atque ille olim, cum adversus Milesiorum legatos pro Atheniensi republica dicendum erat 47 ? Nec mirum, cum per os prophetae praedixerit spiritussanctus corda sapientum excecari muneribus 48 .

Precor ego deum patrem et dominum nostrum Iesum Christum, ut errantes reducat in viam veritatis 49 te imprimis per viam suam ducat, ut in una ecclesia unum deum 50 vere agnoscamus; cuius benefitio creati, pasti et redempti resuscitabimur in extrema illa die per spiritum vivificatorem, cui gloria semper.

Vale in domino, parens dilecte, Christum dei filium amplectere et me, ut soles, ama. d

1 von laboraret aus s korrigiert.
38 Augustin änderte seine ursprüngliche Meinung in den Retractationes, I, 22 (CSEL XXXVI 104-110), s. Arie Frederik Nelis Lekkerkerker, Römer 7 und Römer 9 bei Augustin, Diss. theol. Utrecht, Amsterdam 1942, S. 105ff.
39 Die dialektischen Arbeiten des Anicius Manlius Severinus Boethius, etwa 480-524, wurden von Bullinger 1526 im Unterricht herangezogen (HBD 11, 4). An unserer Stelle dürfte er sich auf De consolatione philosophiae, V, 2-4 (CChr XCIV 90-98) beziehen, vgl. Zickendraht, aaO, 2. 180.
40 Entspricht dem deutschen «bis zum St. Nimmerleinstag», Adagia, 1, 5, 84 (LB II 214 B-C).
41 Vgl. Ps 69, 10 (Joh 2, 17); Ps 119,138 f.
42 Synonym mit sententia, opinio, Du Cange VII 425.
43 Zu Johannes Reuchlin, 1455-1522, und seinem Lebenswerk s. Ludwig Geiger, Johannes Reuchlin, sein Leben und seine Werke, Leipzig 1871 (Nachdruck: Nieuwkoop 1964); Hans Rupprich, Johannes Reuchlin und seine Bedeutung im europäischen Humanismus, in: Johannes Reuchlin 1455-1522. Festgabe seiner Vaterstadt Pforzheim zur 500. Wiederkehr seines Geburtstages. Hg. v. Manfred Krebs, Pforzheim 1955, S. 10-34; Josef Benzing, Bibliographie der Schriften Johannes Reuchlins im 15. und 16. Jahrhundert, Bad Bocklet-Wien-Zürich-Florenz 1955. — Bibliotheca Bibliographica, Bd. XVIII; Schl. 17841-17889 a. 57727-57738.
44 Siehe 1 Kor 1,20ff; 2,6ff.
45 Zu Bullingers Urteilen über Erasmus und seine Stellung im Willensstreit s. Staedtke 34-36. 139 f; über die Beeinflussung durch dessen Exegese s. Hausammann 117ff.
46 1 Kor 1,17 ff.
47 Aulus Gellius berichtet in den «Attischen Nächten», XI, 9, wie Boten aus Milet mit einem Hilfegesuch nach Athen kamen. Demosthenes widersetzte sich den Wünschen der Abgesandten, ließ sich jedoch bestechen. Bei der nächsten Verhandlung erschien er mit einem schafwollenen Umhang um Hals und Schultern und erklärte, er habe eine Halsentzündung und könne nicht gegen die Boten sprechen. Daraufhin rief einer aus dem Volke, Demosthenes leide nicht an einer Halsentzündung (greek = angina), sondern an einer «Silberentzündung» greek = argentangina); s. Adagia, 1, 7, 19 (LB II 269 B-D); ThLG I 1896.
48 Siehe Ex 23,8; Dtn 16,19.
49 Siehe Ps 25,8ff.
50 Vgl. Eph 4,4f.

Ex Husio trans Abbim 51 [!] Tigurinum montem, 21. januarii anno ab orbe redempto 1526 e.

e darunter eine Bemerkung Bullingers: Scripsimus hanc epistolam loannis Enslii Is übergeschrieben] nomine ad Christophorum Stiltz, Wildbergensis senatus secretarium 52 .
51 «Hausen ennet dem Albis», vgl. HBLS I 210; s. oben Anm. 1 und unten S. 114,21.
52 Siehe oben Anm. 2. Wie aus dem Antwortschreiben von Stiltz (31. Januar 1526) hervorgeht (s. S. 251,12), legte Enzlin unseren Brief einem eigenen - nicht erhaltenen - Schreiben bei. Die Antwort des Wildberger Stadtschreibers ist zwar nur an Enzlin gerichtet, geht aber ausführlich auf den von Bullinger verfaßten Brief ein. Weil dieser Brief zum Verständnis des anscheinend von Bullinger und Enzlin gemeinsam verfaßten ausführlichen Verteidigungsbriefes vom 27. Februar 1526 (unten Nr. 16) notwendig ist, geben wir den Text im Anhang (S. 251-254) vollumfänglich wieder.

14

BULLINGER AN
JOHANNES BURCHARD
Kappel,
26. Januar 1526

Autographe Abschrift: Zürich ZB, Msc A 82, 91 r.-v. 1 fol. S., sehr gut erhalten Ungedruckt

Bullinger wünscht eine Kopie von Burchards Streitschrift, die dieser gegen sein Schreiben «De sacrifitio Missae aetiologia ... 1524» verfaßt hatte, um sie beantworten zu können.

Theologiae professiori [!] eximio loanni Burckardi, Bremgartentium 2 concionatori ad manus.

Gratiam et pacem a domino.

Scripsimus, reverende pater, superioribus annis epistolam quandam, cui titulum fecimus: «Aetiologia, cur missa non sit sacrifitium.» 3 Adversus eam cum tu apologiam 4 scripseris, proculdubio, ut fratrem errantem in viam veram reduceres, peto, ut mihi eius exemplaris facias copiam. Paratus enim sum meliora doctus cedere, aut, si videbitur, tuis respondere 5 . Erit autem pro re tua non modo, quod

1 Johannes Burchard (Burckard, Burkhard, Burkart, Burckardi), geb. in Gebweiler (Elsaß), trat in seiner Heimat in den Dominikanerorden ein, studierte 1503 wahrscheinlich in Heidelberg, seit 1505 in Freiburg i. Br., 1513 Dr. theol. (Freiburg, Matrikel I 167). Seit 1515 gehörte er dem Dominikanerkonvent in Straßburg an, mußte jedoch, von seinen Mitbrüdern verschiedener Delikte beschuldigt, 1516 oder Anfang 1517 die Stadt verlassen. 1521 war er Sekretär des päpstlichen Nuntius Aleander; auf dessen Wunsch predigte er 1520 in Mainz und 1521 in Worms bei der Verbrennung von Luthers Schriften. Im Herbst 1521 hielt er sich in Rom auf. 1524 war er Prediger in Basel, wurde aber am 26. April 1525 vom Rat wegen Schmähungen «stillgestellt» und verlor seine Stelle. Wahrscheinlich unmittelbar nach seiner Absetzung in Basel wurde er Stadtprediger in Bremgarten (s. unten Anm. 2), wo er bald gegen Bullinger auftrat. 1526 nahm er an der Badener Disputation teil. Seine Stellung in Bremgarten wurde allmählich unhaltbar. Im Sommer 1528 floh er, nachdem Zürich wegen Schmähung Zwinglis seine Verhaftung verlangt hatte. Auf dem Augsburger Reichstag 1530 wurde u. a. auch er mit der Widerlegung der Confessio Augustana beauftragt und vom Kaiser zum Prediger bestellt. Seine Hoffnungen auf die Übernahme der Stadtpfarrei Esslingen erfüllten sich 1531 nicht. Später hielt er sich in Freiburg i. Br. auf und verkehrte u. a. mit Erasmus; 1536 lebte er noch. — Lit.: Gundolf Gieraths, Art. Burchard, in: LThK II 784; Endre Zsindely, Aus der Arbeit an der Bullinger-Edition. Zum Abendmahlsstreit zwischen Heinrich Bullinger und Johannes Burchard, 1525/26, in: Zwa XIII 473-480.
2 Bremgarten (Kt. Aargau), Geburtsstadt Bullingers (s. HBLS II 347 ff). — Das Pfarramt Bremgarten war eine Elektivpfründe: die Gemeinde besaß das ius eligendi, Schultheiß und Rat das ius praesentandi. Mit der Zeit ging das Präsentationsrecht auch bei den übrigen 12 Pfründen, bis auf eine, an den Rat über. Die wichtigste unter diesen war die Pfründe der Prädikatur; im Range folgte der Prädikant unmittelbar dem Pfarrer. Bremgarten war auch Sitz eines Ruralkapitels, zu dem mehrere Pfarreien des Frei- und Kelleramtes gehörten. (Siehe Eugen Bürgisser, Geschichte der Stadt Bremgarten im Mittelalter. Beiträge zur Geschichte einer mittelalterlichen Stadt, Aarau 1937, S. 96 ff; Bucher 33f. 43.)
3 Es handelt sich um Bullingers Schreiben an Pfarrer Jakob [Frey?] vom 16. November 1524 (s. unten, Anhang II, Nr. 2).
4 Die Schrift ist nicht mehr vorhanden. Bullinger sagt in seinem undatierten Antwortschreiben «Uff D. Johansen Burckardi predigers ze Bremgartten gesprächbüchlin antwurt Heilrychen Bullingers die geschrifft und meß beträffende» (Zürich ZB, Msc A 82, 57r.), daß Burchard sie unter dem Pseudonym «Theobald Perdutianus» verfaßte, und nennt sie «Gesprächbüchlin». Diese Streitschrift ist wahrscheinlich im Sommer oder in der zweiten Hälfte des Jahres 1525 entstanden.
5 Anhand dieser einleitenden Sätze läßt sich der Ablauf des Streites rekonstruieren: Bullingers «Aetiologia» ist in Burchards Hände geraten, dieser verfaßte eine Streitschrift gegen Bullinger,

fratrem lucrefacis [!]ostendisque nullo te contendendi, calumniandi aut gloriandi morbo scripsisse aliis potius quam mihi, sed hoc potissimum nomine, quod minus tua periclitabitur eruditio. Quae proculdubio non parum videretur nutatura, etsi alias satis firma, si tantum incorrectum aliquod vitio librariorum exemplar ||91v. nactus cogerer corruptis inherere paginis. Obsecramus ergo per christianam charitatem, ut tibi et mihi consulere velis, correctum exemplar mittas et hoc tibi certo persuadeas, quod inde nec apiculus peribit. Nam ita integrum remittam, ut neque desit gratiarum actio. Quod si morem mihi in re honesta, optima, utili, nec minus tibi facili, gerere nolueris, quid possum ego, nisi semilaceris et male a tuo exemplare [!] a rescriptis (si modo adsequar quod promissum) herere aut etiam respondere chartis 6 ? Proinde fac, ut tuam decet professionem; neque enim credo, quod doctor hanc rem mihi deneges et theologie professor aliud quam theologum prestare pergas.

Valeat in domino paternitas tua.

Ex Cappel, 7. calend. februarii anno ab orbe redempto 1526.

Heimrychus Bullingerus tuus,

si modo meus esse pergas.

a exemplare aRvB nachgetragen.
der jetzt seinerseits darauf antworten möchte und Burchard um eine genaue Abschrift des Werkes ersucht. Bullinger kann also seine Gegenschrift nicht vor Februar 1526 geschrieben haben (anders Zimmermann 229 und Staedtke 270. 272ff; s. Zsindely, aaO, S. 477-479).
6 Es ist nicht bekannt, von wem Bullinger ein Exemplar des «Gesprächbüchlin» erhielt, kaum von Burchard selbst. Über das weitere Verhalten Burchards in diesem Streit schweigen die Quellen.

15

BULLINGER AN
MATHIAS [SCHMID]
Kappel,
8. Februar 1526

Abschrift von Peter Simler 2 mit Randnoten von Bullingers Hand: Zürich ZB, Msc A 82, 91 v. -93 v. 4 fol. S., sehr gut erhalten Gedruckt: Pestalozzi 31-35 3

Seelsorgerliche Ermahnungen zur Festigkeit und zu einem mutigeren Fortfahren in der reformatorischen Wortverkündigung: Mathias Schmid möge in seiner bereits gewonnenen evangelischen Überzeugung nicht wanken, sondern ein treuer Hirt seiner Gemeinde bleiben.

Heinrich a Bullinger, schulmeister zu Cappell, dem ersamen, wolgelerten her Mathysen, pfarrheren zu Sengen 4 , minem besonder lieben b[ruder].

Gnad unnd frid von gott dem vatter unnd unserm heren Jesu Christo.

Hochgeprisen sye der hoch, allein ware, ewig, allmächtig, lebendig und einig gott, der himel und erden und alles, was darinn ist, geschaffen hat, und uns von ewigkeit har versechen, das wir in dem verdienen sines sunes Jesu Christi unsträfflich sin söltend, die zu vor durch sünd unnd prästen 5 also warend durch den fal unsers vatters Ade blos worden an aller reinikeit, das wir nit hettend wonen mögen by dem hochen, reinen gott, den hierumb sine propheten «ein

a Titel oben auf sämtlichen Blättern von Peter Simlers Hand: Ein epistel wider den abfal eines hirten von gottes wort.
1 Gemäß einer Aufzeichnung des Komturs Konrad Schmid (zu ihm s. unten S. 94, Anm. 20) stammte Mathias Schmid aus Uster (Kt. Zürich) und war 1519 Konventuale der Johanniterkomturei in Küsnacht: «Conventuales erant (sc. 1519) ... fr. Mathias Fabri de Uster ...» (gedruckt bei Egli, Komtur Schmid 71). Im Gegensatz dazu bezeichnet ihn das Zürcher Geschlechterbuch, Tom. VII, Lit. S, f. 85 v. (Zürich ZB, Msc E 22) als Magister und nennt als Herkunftsort Rapperswil. Die Angabe des Komturs dürfte jedoch eher Vertrauen verdienen. Später wurde Mathias Schmid der Nachfolger Konrad Schmids in Seengen. Vielleicht schloß sich seine Amtszeit unmittelbar an die Konrad Schmids an, möglicherweise begann er seine Tätigkeit in Seengen erst 1520 (so Zürcher Geschlechterbuch, aaO). Unter dem Einfluß seines Lehensherrn und Kollators Konrad Schmid zeigte er reformatorische Neigungen (s. unten S. 94, 1-5). Schmid nahm an der Berner Disputation vom Januar 1528 teil und unterschrieb die Schlußreden, mit Ausnahme des Artikels über das Sakrament (ABernerRef I 1465). Auf Aufforderung Konrad Schmids erklärte er dort am 19. Januar 1528, daß er das Evangelium gepredigt und die Zeremonien abgestellt habe. Das beweist die Einführung der Reformation in Seengen vor 1528. Seine Abendmahlsauffassung sei bisher diejenige des Pfarrers von St. Gallen (Benedikt Burgauer) gewesen, doch habe er sich von Zwingli belehren lassen. Bei dieser Anschauung möchte er nun standhaft verbleiben, EA IV/1a 1258. Noch im Jahre 1528 dürfte die Wirksamkeit Schmids in Seengen zu Ende gegangen sein (Zürcher Geschlechterbuch, aaO), da von diesem Jahre an Johannes Grunauer als Pfarrer in Seengen genannt ist. Vielleicht ist Schmid in diesem Jahr gestorben; Reinhold Bosch, Aus der Geschichte der Kirche von Seengen, Seengen 1922, S. 12.
2 Siehe oben S. 53, Anm. 2. Die Entstehung der Abschrift fällt in die Zeit der Abfassung.
3 Wiedergabe des Textes in modernisierter Form.
4 Seengen (Kt. Aargau), Gemeinde und Pfarrort. Seit 1490 besaß die Johanniterkomturei Küsnacht das Kollaturrecht. Der spätere Küsnachter Komtur Konrad Schmid wirkte hier 1517-1519 als Leutpriester. Unter Mathias Schmid wurde vor 1528 die Reformation eingeführt (HBLS VI 325, s. unten S. 93, Anm. 18 und S. 94, Anm. 20).
5 Über diesen Begriff in der schweizerischen Reformationsgeschichte s. Locher I 137-140 sowie Locher, Grundzüge 566. Zum Gebrauch bei Bullinger s. Staedtke 161f.

verzerend für» 6 nemend [Dtn 4,24; Hebr 12,29; Jes 33,14], es were dann, das er uß luterer gnad und unußsprechenlicher barmhertzikeit ein pundt mit unns gemachet hette, durch welchen er sin gunst gegen unns uffthon und sich unns für den einigen gott, das ist hordt, trost, schutz, schirm, heil unnd oberstes gut dar gestellt hette, unnd der unns ein somen geben wöllte, in welchem alle volcker der erden söltend glückselig unnd heil werden. Wie dann in ußgang der welt unns Christus Jesus, der gesegnet som 7 , zuvor imm gsatzt unnd propheten verheissen, geleistet, in todt geben unnd von todten uff erweckt ist unnd jetzund sitzet zur grechten 8 gottes, ein wares pfand der hulden gottes gegen unns, die wir durch sin plut von sünden gewaschen unnd mit im in ewiges leben erstanden sind, so wir anders unsere hertzen des beredend unnd starck daruff bastent 9 , das er unns vom vatter geben sye zur reingung, zur fromkeit unnd gnugthüyung, der für und für unser ||92r. fürspräch sye vor dem vatter unnd one 10 inn niemant etc.

Unnd die wyl also ouch du, aller liebster bruder, dises gheimnus durch die gnad gottes erlernet hast unnd weyßt, das nit me dann ein einiger 11 gott, das ist ein einiger trost, hilf, heil unnd oberstes gut, ouch nit me dann ein einiger Christus Jesus, das ist versüner, gnugthüyung, grechtikeit, erlosung unnd heyland, unnd allein ein einiger heiliger geist, der unns heiliget unnd waren gottes dienst lert, also das ussert und nebend disem ghein anderer gottes dienst, ghein fromkeit, ghein gnugthun, ghein heil, ghein trost, ghein verdienen, ghein fürspräch, ghein rouw [!]12 noch unnderschlouff 13 ützit 14 hillfft vor unserem hochen gott, darumb er das hertz unnd glouben ansicht, wir aber niemer von hertzen rein unnd hierumb Cristum [!] vor im zum gnädiger 15 aller welt gestellt. Ja die wyl 16 , sprich ich, dises alles warlichen weißt unnd ouch wie alle 1er ussert deren verflücht, kan ich mich nit gnug verwunderen, das du so gmach herfür brichst mit diner kundschaft 17 , die du mit dinem predgen der heiligen drifaltikeit schuldig bist 18 . Ja wölte gott, das du nit me hinder sich messist 19 dann du gmach

6 Feuer.
7 Same.
8 Rechten (SI VI 227).
9 stützen (SI IV 1779).
10 außer (SI I 262).
11 einziger (SI I 279).
12 Ruhe.
13 Unterschlupf, heimlicher Zufluchtsort (SI IX 120).
14 etwas.
15 Vgl. Zwingli: [Christus] ist die gnädigung für unser sünd (SI II 664).
16 Ergänze: du. Sinn: Ja, weil du, sprich ich, dieses alles wahrlich weißt und auch (weißt) wie alle Lehre außerhalb dieser verflucht (ist).
17 Zeugnis (SI III 353).
18 Am 31. Januar 1526 richteten «Schulthes, klein und gross Rat der statt Bern» an ihre Untertanen das erneute Ersuchen, sich zur Reformationsfrage zu äußern (ABernerRef I 813). Bisher hatte sich Bern der Reformation gegenüber ablehnend verhalten. Die Antworten auf diese Anfrage ergaben kein grundlegend neues Bild (ABernerRef I 824). Auch in Seengen war die Sache der Reformation noch in der Schwebe. Anscheinend möchte Bullinger Mathias Schmid in den Entscheidungen um die Antwort auf die Berner Anfrage zu einem offenen Bekenntnis im reformatorischen Sinne ermutigen und ermahnen (s. unten S. 95,3 f. 22-24; 96,7 f; 97,1-3), vgl. zur Sache Reinhold Bosch, Die Reformation im Seetal. Erweiterter Separat-Abdruck aus dem «Seethaler», Nr. 13, 14 und 16, vom 15., 18. und 25. Februar 1928, S. 5f. Die Berner Anfrage dürfte der unmittelbare Anlaß des Briefes gewesen sein.
19 Ja wollte Gott, daß du nicht rückwärts gehst, sondern bloß langsam vorwärts schreitest, vgl. Pestalozzi 32.

thust. Hastu jetzund schon vergessen, von wannen du kummen unnd daß bi dem frommen, hanndvesten gottes diener Chunraten Schmiden 20 erzogen 21 bist, welcher one zwyfel dich des wegs des heren bericht, also das du wol weißt, das dise 1er von gott, die warheit unnd ghein lugy 22 ist 23 unnd ee muß himel unnd erden krachen, ee dann ein wort darvon gange? Bistu aber ein warer Christ, das ist ein gesalbeter gottes, so hastu schon die kundschafft gott des heiligen geistes in dinem hertzen, der da zügnus gibt dem usseren wort gottes, das dich wenig der welt schmach reden yrrend 24 ; wann was lyt dir daran, wie die welt kätzery 25 , so du des gwüßlichen im hertzen durch glouben unnd heiligen geist bericht bist, das im nit anders gesin mag, unnd ob glich alle welt darwider toubte 26 ? Besich die 1. Epistel loannis im ußgang des 2. capitels von diser salbung unnd kuntschafft [2,27]. So aber du dise kuntschafft im hertzen hast, das ist so du ein warer Christ bist, wie gibst dann dinem gott nit kundtschafft, oder wie kanstu den geist gottes in dir erstecken 27 ? Oder, so dem allem nüt, weißt dann nit, das dine underthonen tempel sind des heiligen geistes, unnd demnach, das gott alle die schenden 28 wirt, so sinen tempel verunheiligend? Betracht

20 Konrad Schmid, geb. 1476 in Küsnacht (Kt. Zürich), 1505 magister artium in Tübingen, dann Konventual der Johanniterkomturei Küsnacht, ab 1515 an der Universität Basel, 1515 baccalarius biblicus, 1516 baccalarius sententiarius, 1516 baccalarius formatus (Basel, Matrikel I 223). 1517 Leutpriester in Seengen (Kt. Aargau), seit 11. März 1519 Komtur in Küsnacht. Durch Luthers Schriften sowie persönliche Beziehungen zu Beatus Rhenanus und Huldrych Zwingli wird Schmid ein überzeugter Anhänger der Reformation. Eindrücklich predigt er 1522 in Luzern (HBRG I 68f), im Herbst 1522 in Einsiedeln (HBRG I 81), zu Pfingsten 1523 in Zürich an der letzten städtischen Prozession, im August 1524 in Horgen (Kt. Zürich), s. Staedtke, Zug 31 f. Große Verdienste erwarb sich Schmid als Mitarbeiter Zwinglis in seiner Tätigkeit als Verordneter (s. Jacob 89. 92. 94f. 98. 107), bei der Mitwirkung an der Zweiten Zürcher Disputation (s. Z II 699, 15ff; 707, 17ff; 708, 10ff; 710, 30ff; 720, 11ff; 737, 9ff; 793, 15ff; 802, 30f) und der Bekämpfung der Täufer (s. QGTS I 11. 70. 88. 274f. 356; Yoder I 24ff; 48. 73), die er auch literarisch angriff (s. QGTS I 261; Yoder I 104f. 115; Samuel Geiser / Christian Neff, Art. Schmid, in: ML IV 76-78). An der Berner Disputation bekleidete er eines der Präsidentenämter und predigte dort über Lk 10,8-16, s. Finsler Nr. 85. Konrad Schmid war verheiratet (AZürcherRef 1559). Er nahm an beiden Kappeler Kriegen teil und fiel am 11. Oktober 1531. Als theologisch eigenständiger Denker (z. B. in der Abendmahlsfrage, s. Köhler, ZL I 305 f) versuchte Schmid insbesondere an der Zweiten Zürcher Disputation einen mäßigenden Einfluß auf die Durchführung der Reformation zu nehmen, s. Kurt Maeder, Die Via Media in der Schweizerischen Reformation. Studien zum Problem der Kontinuität im Zeitalter der Glaubensspaltung, Zürich (1970). — ZBRG II, S. 147ff. Heinrich Bullinger würdigt Schmids Leben und Werk in HBRG III 147. — Lit.: LL XVI 378f; Emil Egli, Art. Schmid, in: RE XVII 649f; Brecher, Art. Schmid, in: ADB XXXI 684-686; HBLS VI 210; Pfarrerbuch 509; Werner Meyer, Komtur Konrad Schmid von Küsnacht, in: Der Grundriß. Schweizerische Reformierte Monatsschrift, Jg. 7, 1945, S. 323-353; Schl. 19221-19226.
21 Die Umstände der «Erziehung» durch den Küsnachter Komtur sind nicht feststellbar. Vielleicht war Mathias Schmid vor seinem Amtsantritt in Seengen noch längere Zeit in der Küsnachter Komturei unter Konrad Schmids Einfluß. Sicherlich hat jedoch der Komtur als Kollator und Lehensherr mit dem Leutpriester von Seengen in enger Verbindung gestanden und ihn beeinflußt (s. oben Anm. 1).
22 Lüge (SI III 1219).
23 Röm 9,1.
24 hindern, belästigen, stören (SI I 408).
25 Ketzer schelten (SI III 597).
26 wütete (SI XII 88).
27 ersticken machen (SI X 1591).
28 zu Schanden machen (SI VIII 886).

doch einist 29 , was uff ir habe die sünd 30 , so man nempt inn heiligen geist. Abfallen aber von der warheit, luggen 31 unnd die erkant warheit verwoltigen [!]32 ist sünd in den heiligen geist. So lug mancher für sich mit sinem schwancken im weg der warheit, was grossen zorn gottes der uff sin arme sei lade, wann es sunst ouch geschriben stadt: «Wer sin hannd an den pflug leit unnd sicht hindersich, der ist nit geschickt zum rich gottes» unnd abermals: «Wer sich minen und miner worten beschemt 33 vor disem bösen abtrülligen 34 volck, des wirt sich ouch ||92v. der sun des menschens beschämen, wann er kummen wirt in siner großmächtigen herlikeit zu richten» etc. unnd widerumb: «Nit wirt ein yeder das rych besitzen, der da sprechen kan: her, her!», nit ein jeder, der wol anhept, sunder der nit hindersich loufft und «beharret bis in das end». «O, gedenck der huß frowen Loths!» Du bist ein hirt, des crützes soltu dich nit entsagen. Wann wondist du 35 , das din her Christus Jesus umb dinentwillen sin ewiges wort bräche? Unnd darumb, so er spricht: «So üch die welt hasset, so wüssent, das sy mich vor üch gehasset hat. Werend ir von der welt, so hette üch die welt lieb, nun sind ir aber nit von der welt, darumb hasset üch die wellt. Der knecht ist ye nit grösser dann sin her; habend sy mich verfolget, so werdent sy üch nüt sparen». Aber darab lassend üch nit grusen 36 , «denn also habend sy verfolget die propheten, die vor üch gewesen sind». «Ich hab die welt überwunden» unnd «üwer leid sol in fröud bekert werden».

So nun dem also, muß es schlechtlich 37 erlitten sin. Bist du nun fest, so bist ein hirt, wanckist, so bist ein söldner unnd nit ein hirt. Wach aber uff vom schlaff, bis 38 wacker unnd tritt herfür unnder din verdingten, ja eigen schaff, fürcht dir nit, es ist umb ein suren lufft 39 zethun unnd gib inen grüne unnd gsunde fur 40 für, frischs lebendigs tranck, unnd alles, das mit füssen betrüpt unnd zertretten ist 41 das thu wyt von inen. Allein das einig, ewig, warhafft, lebendig wort gottes macht gsund, starck unnd feyß 42 unnsere seien, wie angezeigt ist durch Ezechiel am 34 [11 ff]unnd David, Psalm 118 oder nach der Ebreeren zal 119 [1ff]43 , und besich in den gschichten der botten 44 am 20. cap. [Apg 20,28], wie thür dir dine schaff werdent bevolchen. Gastu 45 disem nach und laßt dich nit

b v. 32 von fremder Hand.
29 einmal.
30 was es auf sich hat mit der Sünde.
31 nachlassen, nicht beharren (SI III 1235).
32 vergewaltigen, unterdrücken (Lexer II 293).
33 schämt.
34 abtrünnigen.
35 Möchtest du denn ...
36 grausen (SI II 808).
37 einfach (SI IX 67).
38 Imp. von wesen: sei!
39 es ist (nur) ein scharfer Wind (SI VII 1277; vgl. Eph 4,14, unten S. 96,1).
40 Nahrung, Futter (SI I 970).
41 Vgl. Ez 34, 18f.
42 feist, stark (SI I 1071f).
43 Bullinger gibt die Psalmstelle nach der Zählung der Vulgata (118) und des masoretischen Textes (119) an.
44 Apostel (SI IV 1884).
45 gehst du.

ab wenden ab yedem gegen wind, wol dir, «der herr ist mit dir» [Lk 1,28]! Volgend dir aber die schaff nit, so sye das blut uff ire köppff. Gast du aber disem nit nach, so c wirt alles blut aller diner schaffen von dinen henden erforderet und alle die plagen uff dich uß gossen werden, die allenthalben im nüwen unnd alten testament benamset sind: Deut[er]o. 28 [20ff], Hiere. 23 [12ff], in Michea [1,3ff], Amos [1,3ff], Apocalipsi [6,1ff; 8,7ff u. a.].

Darumb bis mutig, erheb din stimm unnd laß das wort gottes wie ein herhorn 46 schallen unnd trag herfür alts unnd nüws, handlende wie sich einem botten oder legaten Christi vor gottes ougen zimpt, unnd hab nun kein unmut 47 , dann der her ist mit allen denen, die inn suchend mit einem richtigen hertzen, unnd verheißt dir mit dem mund, durch wölchen ghein lugy nit gan mag 48 , trost, hilf, bistand unnd errettung, nit me dann biß trüw am [!] im 49 ; «wann er kan sich selbs nit leugnen», als Paulus von im nit allein züget 50 , sonnder zum dickermal 51 entpfunden hat. Hiere. 1 [17-19]spricht gott also: «Stand uff unnd begürt din lenden unnd verkünd inen alles, das ich dir gebüten, und fürcht dir nun 52 nit vor iren gegenwürtikeit. Ich wil auch machen, das du nit fürchtest iren angesicht, wann ich hab dich dargeben 53 uff hüttigen tag wie ein starcke wolbewerdte statt, wie ein ysine sul 54 unnd ehrine mur 55 über alles ertrich, vor allen künigen, fürsten unnd pfaffen alles ertrichs. ||93r. Unnd sy werdent wider dich stryten, aber nit gesigen; dann ich bin by dir, spricht gott, das ich dich redte.» Item Ezechielis am 3 [8f] spricht gott also: «Sich, ich hab din angsicht vil strenger 56 gemacht dann ires sye unnd din stirnen vil herter dann iren, vil herter dann adamant 57 unnd kißlig 58 . Darumb fürcht sy nun nüt unnd entsitz dir nit 59 vor irem ruch 60 sächen, dann es ist sust 61 ein hart scharpffes 62 volck.» So spricht ouch Christus: «Ich sennden üch wie die schaff mitten unnder die wolff, darumb sind fürsichtig wie die schlangen unnd on falsch wie die tuben. Unnd so sy üch gefangen fürend, so sorgend nit, wie ir üch verantwurten oder gesygen mögend». Dann die wyl ir die sind, so gottes wort fürend, wirt üch ylends ein sölliche kunst unnd red 63 geben, deren weder fürsten noch heren werden noch gedören 64 wider stan.

c vor so gestrichen unnd laßt.
46 Kriegstrompete, Schlachtposaune (SI II 1621).
47 Mutlosigkeit, Traurigkeit (SI IV 583).
48 1 Petr 2,22.
49 «Sei nur treu an ihm», Pestalozzi 33.
50 Vgl. Apg 20,24ff.
51 öfters (SI XII 1243; IV 148).
52 nur (SI IV 764).
53 hingestellt.
54 eiserne Säule.
55 eherne Mauer.
56 stärker (SI XI 2293).
57 Diamant (vgl. adamas).
58 Kieselstein (SI III 524).
59 fürchte dich nicht (SI VII 1669).
60 derb, grob, ungesittet.
61 sonst.
62 unfreundliches, barsches, widerspenstiges (SI VIII 1238).
63 Redekunst, Kunst der Rede.
64 wagen (SI XIII 1519).

So du nun weißt, das dis ist das war unbetruglich wort gottes, das dir nimmer mer fälen 65 mag, wen fürchtist dann? Warumb trist nit herfür wie ein löw, allem dem zeweren, das dinen schaffen schaden bringen mag? Laß by lib 66 nit zu, das man dich yenen 67 könne ein falschen propheten schelten! Nun spricht aber von selbigen apostolus, daß sölchs alles thügind umb rums willen, den menschen zu gefallen, unnd das sy dem crütz entlouffend. Nit also du, min frommer 68 Mathia, sunder hallt dich fry, dapffer, unsträfflich wie Mathias: Acto. 1 [21ff]. Bewapne dich mit gottes wort, dann es ist gnug, das wir gottes güte unnd gedult also lange zit mit unserem irsal 69 unnd sünden mißbrucht habend 70 . Laß uns betrachten, das wir staub unnd äschen sind unnd unnser tag hingond wie der schatten 71 , das es ein schedlicher gwün ist, so wir glich alle welt gwunnind unnd schaden zu wandtint unseren armen seien. Laß unns zu hertzen gon, das wir christen sind unnd das christenlich wesen nit ein fryheit oder liechtfertikeit ist des fleischs, die wyl wir zu guten wercken verwidmet 72 sind unnd Paulus spricht, das «welche war christen syend, die crützgend iren [!] fleisch mit sinen lüsten». Fürderlicher aber wirt von dir, des halben du ein hirt bist, erforderet ein christenlich wesen unnd das du nit gytig, hochfertig, vertruncken, zornig, gots lesterig, nidig, «unbeschnittner lefftzen» [Ex 6,12], unrein, hürisch, eebrächerisch unnd der glichen (1 Timoth. 3 [2ff]) syest, wann du rechnung geben must dem obersten hirten Christo zu der stund, so du es vilichter nit meintest, unnd geurteilt vor aller wellt, so er kommen wirt «zu richten lebendig unnd todt» [2 Tim 4,1], ouch yedem ze geben noch dem er thon 73 hat 74 .

Dis min trüw ermanung nim, lieber Mathya, im besten uff, darumb sy dir von dinem guten, günstigen unnd getrüwen fründ zu geschriben ist; wann gwüßlichen hette dir gheiner so vil, insonnders ein fäderleser 76 , gesagt, wo ||93 v. inn nit hette gunst 77 zu dir gezogenn. Unnd bis nun mutig, wann du selbs bas weißt, das wir umbgond mit der götlichen warheit. Oder zu wem wysend 78 wir, on 79 zu gott? Was lerend wir, on ein christenlich wäsen? Woruß, on allein uß dem götlichen

65 im Stiche lassen (SI I 769).
66 Warnungsformel: bei Lebensstrafe (SI III 978).
67 irgendwie (SI I 296).
68 Siehe zu diesem Ausdruck: Veronika Günther, «Fromm» in der Zürcher Reformation. Eine wortgeschichtliche Untersuchung. Diss. phil. Basel, Winterthur 1955. Das Wort «fromm» (ursprünglicher Sinn: «wacker, ehrenhaft») machte in der Zürcher Reformationsgeschichte einen Bedeutungswandel durch. Auf Menschen angewandt bezeichnete es bei Zwingli als höchstes lobendes Beiwort den vor Gott gerechten Menschen. Möglicherweise spielt Bullinger mit der Benutzung dieses Wortes auf die evangelische Haltung Schmids an, vgl. Willy Brändly, Zur Selbstbezeichnung der Evangelischen, in: Zwa VIII 479.
69 Irrtum.
70 Vgl. 1 Petr 4,3.
71 Ps 102,12.
72 bestimmt. 73 getan, gehandelt.
" Siehe Mt 16, 27.
75 «Quo pacto possis advlatorem ab amico dignoscere, Plutarchi, Erasmi interprete», enthalten in: Opuscula Plutarchi nuper traducta. Erasmo Roterodamo Interprete, Basel 1514, f. 2r. - 21r. (LB IV 1-22); außerdem ist die Schrift in der Institutio principis Christiani des Erasmus (Basel 1516, 1519) wiedergegeben.
76 Einer, der Federlesens macht (SI II 1420).
77 Gewogenheit (SI II 377).
78 weisen.
79 außer, ausgenommen (SI I 262).

wort, das wir ouch in siner art blyben unnd gschrifft mit gschrifft 80 ußlegend? Wer ist unnser trost, hilf unnd grechtikeit 81 , fürspräch 82 unnd leben 83 , on allein Christus? Wer ist dann, dem da yenen 84 möchte grusen, die wyl häll gesprochen ist: «Ich bin das liecht der wellt; wer nach mir gadt, der wirt nit irren in einiger 85 vinsternus»? Sihe, das hat geredt der mund aller warheit 86 , dem volgend wir (weißtu wol) mit unnserem leren unnd ouch, so vil gott gibt, mit dem leben. Wie köndte dann yemands unnder den christen grusen? Denen aber, die unns also unverschampt uß unwüssenheit ketzerend 87 , verlihe gott sin hecht, wann wir warend ouch «etwan finsternus, jetzund aber liecht in dem heren» [Eph 5,8], unnd zwaren, söllte es nießwan 88 gon an die pundt riemen 89 , wölltend wir gwüßlichen unnd one arbeit dise schmächer nit allein uß götlichem wort, sonder ouch uß den alten consilien unnd vetteren, Niceno 90 , Aphricano 91 , Carthaginense 92 , Ephesino 93 , Mileventano 94 , Tertulliano 95 , Augustino 96 , Cipriano 97 , Lactantio 98 , Athanasio 99 , Origene 100 unnd der glichenn öffentlich unnd heiter überzügen, das sy erger kätzeryen lerend unnd uffnind 101 , dann Hebionis 102 , Martionis, Arrii 103 und Manichei 104 ye gewesen sind 105 .

Der gott aber, so alle die begnadet, die in warem glouben unnd unschuldigem leben vor im wandlend, ouch nit fürchtend sinem namen zugnüs geben

80 Siehe Staedtke 78.
81 1 Kor 1,30.
82 1 Joh 2,1.
83 Phil 1,21.
84 irgendwie (SI I 296).
85 einsamer (SI I 279).
86 Vgl. Jes 45,23; 1 Petr 2,22.
87 Ketzer schelten.
88 irgendeinmal (SI IV 810).
89 Sollte es irgendeinmal um die Entscheidung gehen (s. SI VI 910).
90 Auf welches nicänische Konzil sich Bullinger bezieht, ist nicht auszumachen.
91 Vermutlich ist die Karthagische Synode von 419 gemeint, die «Concilium Africanum» genannt wurde, Staedtke 75.
92 Vielleicht ist die Synode von Karthago von 256 gemeint.
93 Vielleicht bezieht sich Bullinger auf das Konzil von Ephesus 431.
94 Vermutlich sind die 27 Kanones mehrerer afrikanischer Synoden gemeint, welche der Synode von Karthago 411 zugeschrieben wurden und als «Concilium Milevitanum II» bezeichnet wurden, Staedtke 75.
95 Zu Quintus Septimius Florens Tertullianus s. oben S. 55, Anm. 3.
96 Aurelius Augustin (354-430). Obwohl Bullinger die Schriften des Kirchenvaters gründlich studiert hatte (vgl. etwa HBD 6, 4; 8, 17; 9, 14), scheint Augustin auf die frühe theologische Entwicklung Bullingers keinen entscheidenden Einfluß ausgeübt zu haben, s. Hausammann 85-87.
97 Zu Cyprian s. oben S. 72, Anm. 7.
98 Zu Laktanz s. oben S. 72, Anm. 6.
99 Athanasius von Alexandrien (etwa 295-373). Noch vor seiner Übersiedlung nach Kappel las Bullinger 1522 Athanasius, HBD 7, 16; s. Staedtke, passim, bes. S. 44, 263.
100 Origenes (etwa 185 bis etwa 254). Bullinger zog zwar Origenes bei seiner eigenen Schriftauslegung heran, fällte aber ein negatives Urteil über dessen Kommentare, s. HBD 10, 9; Hausammann 63-70; 82-86, bes. S. 70.
101 äufnen, vermehren (SI I 123).
102 Bullinger führt, wie schon Tertullian, die ebionitische Ketzerei fälschlicherweise auf einen Mann namens «Ebion» zurück. Tatsächlich rührt die Bezeichnung von 'Ebjônîm (griechisch greek = Arme) her, G. Strecker, Art. Ebioniten, in: RAC IV 487 f.
103 Die häretischen Lehren von Arius und Marcion wurden mehrmals kirchlich verurteilt, s. Denz. 112. 130. 155. 156. 435. 454. 1139. 1342, u. ö.
104 Die Form Manicheus war im 16. Jahrhundert für Mani üblich.
105 Zu dieser Aufzählung s. Staedtke 71ff.

vor aller welt 106 , der welle ouch din hertz unnd gmüt erlüchten 107 107 , das du sin ware eer unnd herlikeit warlich unnd one falsch verkündist, also das dine schaff, dir von Christo geben, warlichen in warem glouben unnd unschuldigem leben dem hochen einigen gott dienind. Unnd die huld gottes sye mit dir unnd allen denen, die Christen 108 gottes sun in der warheit liebend 109 . Amen.

Von Cappell, des 8. tages februarii im 1526, ylends unnd schnell.

106 Vgl. Mt 10,32.
107 Vgl. 2 Kor 4,6; Eph 5,14.
108 Christum.
109 Eph 6,24.

16

BULLINGER UND
JOHANNES ENZLIN AN
CHRISTOPH STILTZ
Kappel,
27. Februar 1526

Abschrift 3 mit Korrekturen und Randnoten von Bullingers Hand: Zürich ZB, Msc A 82, 93v. -98 v. 10 fol. S., sehr gut erhalten Ungedruckt

In Beantwortung der Beschuldigungen, Behauptungen und Fragen von Stiltz, mit denen dieser seinen ersten Brief erwiderte, verteidigt Bullinger die evangelische Lehre in ausführlichen Abschnitten über Schriftprinzip, christliche Apologetik, Glaube und gute Werke, Priesterehe, Meßopfer, freien Willen (gegen Erasmus) und Abendmahlsfrage.

Christo[phylo] Stiltzio.

Gratia et pax a domino per Christum.

Sic foenerata est apud nos epistola tua 4 , Christophile 5 nobis dilecte [!], ut epistolii loco libellum remittamus, ne omnino ignaviae silentiique a nos adcusare possis. Verum scio, quod iam dudum torvo aspectu nostra intuearis, loannis instigationem et meam imprimis temeritatem culpes. Sed mitius queso, mavult enim per me loannes respondere, quam solus tantam sarcinam subire. Pro me nihil aliud dico, quam quod salutem illam tuam mihi imprecatam remunerare eo animo voluerim, ut videres eam mihi fuisse suavissimam. Accipe ergo, Christophyle nobis dilecte, quod communi utriusque nomine respondemus.

Et principio neminem plane contemnimus, quando communi domino quivis aut stet aut cadat et nemo ad hanc doctrinam dei veniat, nisi pater || 94r. traxerit b eum, adeo non egemus alieno subsidio, quod pultem 6c a deo potius quam hominibus intritam exedere tentet. De nobis nihil ardui pollicemur, interim certo certiores sumus doctrinam e lege, prophetis et apostolis depromptam et nostro tempore praedicatam adeo non posse falsam esse, ut falsum non est coelos nunquam ruituros. Ideo nihil amplius nobis tribuimus quam fideles reliqui, quam tuus etiam, imo et noster Ambrosius, cum diceret: «Nolo nobis credatur, scripture recitentur.»

Inculcas postea nescio quam christianam modestiam, cui haud absimile est, quod Lutheranorum convitia nobis imputas. Et quid hic possumus tibi, mi Christophyle, respondere, nisi quod Paulus Timotheo suo praecipit dicens:

a vor silentiique gestrichen et.
b oben aRvB als fortlaufende Überschrift: Responsio ad epistolam Christophylii Stiltzii.
c pultem aRvB nachgetragen.
1 Siehe oben S. 85, Anm. 1.
2 Siehe oben S. 85, Anm. 2.
3 Die Entstehung der Abschrift fällt in die Zeit der Abfassung.
4 Siehe unten Anhang I, S. 251-254.
5 Zur Namensform s. unten S. 111,33f.
6 Vgl. Hebr 5,12ff.
7 Ambrosius, De incarnationis dominicae sacramento 3 (CSEL LXXIX 230, 1).

«Predica sermonem, insta tempestive, intempestive, argue, increpa, exhortare cum omni lenitate et doctrina!» Sic et Baptistam, Christum d ipsum, Petrum et Paulum paulo amariores fuisse videmus, quoties reiecto dei verbo hypocrite palliatam tentabant agere comoediam. Scimus etiam nos infirmos iuxta apostoli preceptum suscipiendos cum lenitate, verum infirmos in fide, non palam impios et veritatis impugnatores, qui ut plane deserendi sunt, ita a Christi plebe, si subversores esse perrexerint, verbo abigendi: 1. Timoth. 1 [20]; Tit. 1 [10ff]. Eius generis plurima sunt prophetarum paradigmata. Sed heus tu, ubi nunc Hieronymus 8 tuus? Ubi Origenes 9 ? Ubi Augustinus 10 ? Scilicet illi adversariis suis permisere, ut quod libebat, liceret? Ergo quis ille Ruffinus 11 , quis ille Celsus 12 , Faustus 13 et Julianus 14 , in quos tanto stomacho invehuntur patres sanctissimi? Hec non dicimus, quod calumnie patrocinium nobis susceperimus, qua nihil perinde virulentum, impium minusque christianum, sed quod calumniam esse negamus, quoties zelo dei et populi commodo perversoribus resistitur calamo, ore, factis.

Quod si tu in docentibus vitam potius intueris quam doctrinam, vide, ne tibi usuveniat quod Barnabe accidisse constat, qui, cum Petri mores magis observaret quam doctrinam, in tantam incidit hypocrisim, ut Paulo liberatore opus haberet. Notissimus est locus Galath. 2 [13ff]. Aut quid tandem cause, quod dominus pharizeos audiri iubet, imitari vero prohibet? Quid? An falsa vult audiri dominus? An bona operantes sequi inhibet? Fieri ergo potest, ut mali opere, boni sint doctrina. Quid? An tu repudiares veritatem etiam a troglodyta 15 oblatam? Haud puto. Itaque quis cogit, ut mentientibus credatis? Quoties inculcare oportet? Si vera dicimus, aequum est, ut veritati credatis, sin secus, deflectite! Porro vera sunt, quae docent scripturae, falsa, quae praeter hanc [!]produntur; haec coacti. Ceterum non negamus quemlibet vere christianum id exprimere factis, quod facilius quidem explicat verbis.

Tun' autem ille, qui nos alterius domini servos iudicas? Tun', qui crimina fratribus impingis? Nam sic scribis: «Vos vero non facta Christo digna, sed fidem nescio qualem etiam sine operibus praefigitis.» Heccine tua christiana modestia? Eos nempe, qui charitati student et innocentiae (quantum datur,

d Christum übergeschrieben.
8 Siehe unten S. 251,22ff u. a.
9 Siehe unten S. 103, 27 f.
10 Siehe unten S. 251,22f; 253,17ff.
11 Rufinus Tyrannius von Aquileia (gest. 410/411), wegen der Verteidigung der Lehre des Origenes geriet er mit dem ihm ursprünglich befreundeten Hieronymus in Streit, s. Francis X. Murphy, Art. Rufinus, in: LThK IX 91f.
12 Heidnischer Philosoph des zweiten Jahrhunderts, gegen seine das Christentum angreifende Streitschrift schrieb Origenes «Contra Celsum», s. Helmut Kuhn, Art. Kelsos, in: LThK VI 108f.
13 Faustus von Mileve (gest. vor 400), führender Vertreter des afrikanischen Manichäismus, gegen ihn schrieb Augustin «Contra Faustum Manichaeum», s. Hugo Rahner, Art. Faustus von Mileve, in: LThK IV 43.
14 Julian von Eclanum (Aeclanum), gest. nach 454, verteidigte pelagianische Lehren und wurde deshalb von Augustin scharf angegriffen, schließlich exkommuniziert, s. Adalbert Hamman, Art. Julianus von Eclanum, in: LThK V 1197.
15 Bezeichnung für verschiedene auf primitiver Entwicklungsstufe lebender Völkerschaften, die zum Teil in Höhlen wohnten, s. K. Jahn, Art. Trogodytai, in: Pauly/Wissowa, 2. Reihe, XIV 2497-2500.

neque enim quis unquam subito aethera petit) gentilitatis adcusare? Bona verba queso. Nam facta Christo indigna quid aliud sunt quam filiorum in tenebris versantium fructus? Et si ignoras, lege ||94v. Ephes. 4 [17ff] et e 5 [8ff], 1. loan. 2 [9ff] et Roma. 1 [18ff]. O ergo et o miseras animas nostras, si tam temerario cogerentur subiacere iuditio! Du tibi tuam dant [!] mentem 16 . Et qualem, oro, fidem praefigimus? Videor propemodum videre, quod etiamdum ignores, quid de fide et operibus sentiamus. Paucis ergo accipe et ab intollerandis abstine scomatis. Fidem adserimus unctionem esse a deo 17 , qua certificantur de ea salute fideles, quam per Christum consequti sunt. Cuius officium, conditio et genius sit: pacificare cor, iustificare et bonos procreare fructus, non quidem eos, qui quicquam ad iustificationem conferant, quando sola fides per sese est absoluta iustificatio, sed qui a providentia sint necessarii. Quae omnia d[ivus] apostolus sic docuit Ephes. 1 [4ff] et 2 [8ff], Roma. 4 [1ff], 3 [21ff], 10 [4ff], Gala. 3 [1ff], 2 [15ff]. Sed brevia fortassis malles, ergo accipe. Nihil pacificat cor nisi sola fides, ergo nihil iustificat nisi sola fides. Antecessio scripture est Isaie 57 [15ff], Acto. 15 [8f], Roma. 5 [1f], Galat. 3 [1ff], Ebreos 9 [14]. Progressus vero hinc fulscitur [!], quod iustitia aliud non sit quam cordis pax et vita: Galat. 2 [19f]; 1. loan. 5 [11 ff]. Iterum: omni testamento confirmato nihil debet adiici, nihil demi, modo Pauli verbis credamus, Galat. 3 [15]f . Cum vero testamento nobis semen unicum delegatum sit, in quo consequamur benedictionem, eaque in multis non sit constituta, Genes. 22 [16ff], Galat. 3 [15ff], quis non videt immotam stare sententiam: unicum Christum unicum esse humani generis iustitiam, quae in nullo praeterea semine constituta, sola fide nobiscum communicetur? Quod si dubitas, lege loan. 1 [18], 3 [13ff], 6 [46], 12 [44ff], Roma. 3 [21ff]. Rursus: fieri non potest, ut operibus ex officio et necessitate factis ulla debeatur merces aut iustificatio: Luce 17 [10]; Roma. 4 [2ff]. Atqui omnia christianorum opera ex officio et ea necessitate fiunt, qua deus omnia ab aeterno disponit, Ephes. 2 [10]; proinde fieri non potest, ut operibus ulla debeatur iustitia. Imo nos ipsi fidem a spe et charitate non separamus [!], nisi qua una latius altera patet. Ergo quid scripturarum locis opus apud eos, qui bona opera non negant, imo exigunt? Tamen iis iustificationem non tribuunt, ne inanis fiat cruor Christi: Galat. 2 [21]. Precamur autem deum optimum maximum 19 , ut ita nostrorum episcoporum mores corrigat, ne nimis crebro ex fructibus lupos sentiamus, tribuatque omnibus ex aequo evangelion profitentibus, ut inculpati luminaria sint mundi et tales, quales omnino episcopos vult esse apostolus.

De coniugio meo sic scribis: «Non improbo, quod uxorem duxeris, sed quod sic duxeris, ut ipsi adhereas, Christum vero dimittas». Audi ergo quid tibi respondeat apostolus: «Hoc autem ad id», inquit, «quod vobis conducibile est,

e et aus 3 korrigiert.
f nach Galat. 3 gestrichen Ebraeos 9.
16 Vgl. Adagia, 4, 1, 91 (LB II 989 D-F).
17 Vgl. 1 Job 2,20.27.
18 Künstlich geschaffenes Merkwort der Logik, das den dritten Modus der ersten Schlußfigur bezeichnet: Obersatz allgemein bejahend, Untersatz und Folgerung partikular bejahend, s. Eisler I 242.
19 Zum Gebrauch der antiken Formel «deus optimus maximus» bei Bullinger s. Staedtke 113.

dico, non uti laqueum vobis iniiciam, sed ut quod honestum ac decorum est sequamini et adhereatis domino absque ulla distractione». Ecce, quanto acumine apostolus totam disputationem in pauca coniiciat capita, vultque huc omnes consilii nervös tendi, ut sic rem agamus, ut absque ulla distractione adhereamus Domino. Iam ||95r. cum nulli magis a domino avelluntur, quam quos urunt carnis flammae, existimavi me deo posse adglutinari fortius, si illas extinguerem connubio, quas alias non poteram nisi gravi offensione dei restinguere; nam ut «honorabile est inter omnes connubium et cubile impollutum», ita «adulteros et scortatores iudicabit deus».

Iam quae de sacrificio missae scripsisti, haud mediocri gaudio nos refocillarunt, eo quod e pernicioso errore liberatum vidimus et proinde hoc argumento te instructiorem fieri cupimus. In omni sacrifitio, quod peccata antiquare debet, necesse est, ut sanguis fundatur, quia «sine sanguinis effusione non fit remissio»: Ebrae. 9 [22]. Atqui in missa, quae pro expiatione vivorum et mortuorum hactenus divendita est, sanguis non funditur, quando sanguis Christi semel effusus semper sufficit ad omnium omnia tollenda peccata: Ephe. 1 [7]; Galat. 1 [4]; Coll. 1 [14]; Ebrae. 10 [11ff]. Itaque fieri non potest, ut missa sit sacrificium.

Sed in hoc etiamdum hallucinaris, quod me ad praecularum 21 sacrificium adigere videris. Fateor inter christianos unicam esse hostiam, nempe labiorum vitulos ac corporis mactationem: Osee 14 [2]; Psal. 39 [40,6ff]; 49 [50, 14]; Roma. 12 [1f]; Ebre. 13 [15]. At quis est, qui ignoret omnes ex aequo christianos iuxta hoc sacrifitium g esse sacerdotes? Consule textum Exod. 19 [6], Isaie 61 [6], 66 [20ff], 1. Petri 2 [9]. Quae ergo religio, sub praetextu longe precationis et sacrificii peculiaris domos vorare viduarum? Quasi scilicet melius esset sacrifici uncti et rasi, imo palliati sacrificium, et non potius hoc melius, quod ardentius. Scripture iuditium istoc est. Non est ergo, quod Lutherum aliud sentientem aut Rütlingii 22 illius impietatem nobis obiicias. Quid ad Christum, quod Origenes idem olim cum Rütlingio nebulone sentiebat 23 ? Ergo ne fides in Christum vana, quia Sabellius 24 et Valentinus 25 de Christo male sentiebant? Imo quid ad fideles, quod Pomeranus 26 , Zuinglius, Lutherus, Oecolampadius, Regius

g aus sacrificium korrigiert.
20 Künstlich geschaffenes Merkwort der Logik, das den vierten Modus der ersten Schlußfigur bezeichnet: Obersatz allgemein bejahend, Untersatz und Folgerung besonders verneinend, s. Eisler I 167.
21 Von precula, -ae: Bitte, Gebet.
22 Siehe unten S. 252,22ff.
23 Anspielung auf die Lehre von der Wiederbringung aller Dinge bei Origenes, s. dazu Gotthold Müller, Origenes und die Apokatastasis, in: ThZ XIV, 1958, 174-190.
24 Sabellius, von unbekannter Herkunft, vertrat seit ungefähr 215 in Rom eine modalistische Trinitätslehre, indem er behauptete, daß Vater, Sohn und Heiliger Geist drei Benennungen ein und derselben Person seien. Die Gottheit hat sich in diesen drei Erscheinungsweisen, die personal nicht selbständig sind, offenbart, s. Martin Elze, Art. Sabellius, in: RGG V 1262. Der Sabellianismus wurde kirchlich mehrmals verdammt, s. z. B. Denz. 154. 284. 451. 519. 1332.
25 Valentin, Gnostiker, der in der Mitte des zweiten Jahrhunderts in Rom wirkte, s. Georg Kretschmar, Art. Valentin, in: RGG VI 1225f. Noch 1442 wurde die Verdammung der valentinischen Irrlehre wiederholt, Denz. 1341.
26 Zur Auseinandersetzung um das Abendmahl zwischen Bugenhagen, Zwingli, Luther, Oekolampad und Urbanus Rhegius s. Köhler, ZL I 61ff.

et Fabritius 27 dissentiunt? Utpote qui personam non respiciunt, 1. Cor. 3 [5ff], 4 [1ff], quique indubie norunt, quod hereses esse oporteat 28 , nimirum ut probentur probatiores: 1. Cor. 11 [19]. An nescis omnem carnem esse foenum, at solum domini verbum manere in eternum?

In rupem ergo cum enavigaverimus sacraque ancora 29 navis stet pacta, nihil est, quod a verbo dei nos avellere possit, et si totus doctorum cohors recideret, etsi totus tumultuaretur orbis; adeo, mi Christophyle, frustraneae sunt tuae ironiae. Tu quiritaris: «Ubi nunc scriptura facilis?» — At regius propheta 30 canit: «Lex domini immaculata, convertens animam; testimonium domini fidele, sapientiam praestans parvulo». «Lucerna pedi meo verbum tuum et lumen semite meae». Et Petrus lucernam vocat propheticam scripturam; igitur quid de apostolica dicimus? Tu subdis: «Quam vel idiotae intelligere debent.» ||95v. At Christus, humani generis salus perorat: «Gratias ago tibi, pater, quod absconderis hec a sapientibus et prudentibus, et revelaveris ea parvulis». Quae alias in Corinthiis dilucidissima erunt: 1. Cor. 1 [18ff] et 2 [10ff]. Quid, quod alibi sic pronunciat Paulus: «Quod h si adhuc velatum sive obscurum est evangelion nostrum, in his, qui pereunt, velatum est; in quibus deus huius seculi excaecavit sensus incredulorum, ne illucesceret illis lumen evangelii»?

Post multa tandem exigis a me scripturas, conquereris, quod Erasmi libellum 31 de impietate nondum convicerim; ex quibus facile subodorare potui, quod ea non observaveris oculatius, quae de providentia dei in transcursu scripsimus, nam certa, aliis occupatissimi, dare nequivimus putavimusque ista sufficere docto. Dabimus ergo scripturas, sed et has obiter. Sic scriptum est: «Per deum vivimus, movemur et sumus». Constat ergo, quod dei potentia omnia ordiantur, k , fiant et finiantur. Id quod alibi sic scribitur: «Ex deo et per illum et in illum omnia. Ipsi gloria!» Cui etiam subscribit sapientissimus prophetarum Moses Deutro. 31 [6ff]32 , regius propheta David Psal. 103 [104,1ff] et apostolica ecclesia Actor. 4 [24ff]. Is porro, qui divinae detrahit operationi ac potentiae, is ne pius, an impius? Et qui homini per liberum arbitrium tribuit quod dei est, an ne is divinae detrahit operationi et potentiae? Adde quod scriptum est: «In manu enim illius et nos et sermones nostri et omnis sapientia et operum scientiae disciplina».

h aus quid korrigiert.
i aus illuxesceret korrigiert.
k aus ordinantur korrigiert.
27 Welcher Träger des Namens Fabricius (Schmid) gemeint ist, läßt sich nicht feststellen. Aus dem Zusammenhang geht zum mindesten so viel hervor, daß es sich um einen reformationsfreundlichen Theologen handeln muß. Am ehesten könnte man an Erasmus Schmid, Pfarrer zu Stein am Rhein, denken, der zwar ein durch Karlstadt geprägter leidenschaftlicher Anhänger der Reformation war, jedoch über keinen größeren Wirkungskreis verfügte, s. unten S. 241, Anm. 8; in Betracht käme auch Konrad Schmid, s. oben S. 94, Anm. 20.
28 Siehe dazu Friedrich Stegmüller, «Oportet haereses esse». 1 Cor. 11,19 in der Auslegung der Reformationszeit, in: Reformata reformanda, Festg. f. Hubert Jedin zum 17. Juni 1965. Hg. v. Erwin Iserloh und Konrad Repgen, I, Münster Westf. (1965). — RGST, Suppl. bd. I/1, S. 339f.
29 Siehe oben S. 74, Anm. 20.
30 David.
31 Erasmus, De libero arbitrio, s. oben S. 87, Anm. 24.
32 Siehe noch Dtn 32,1ff.

Et «deus est, qui agit in vobis 1 et ut velitis, et ut efficiatis». Et clarius: «Non sumus eidonei ex nobis ipsis cogitare quicquam, tanquam ex nobis ipsis, sed omnis promptitudo nostra ex deo est». Quis ergo ille, qui liberum arbitrium homini tribuat? Salus enim non in nostris, sed illius manibus est: loan. 10 [28f]. Ille trahit quem vult et indurat quem vult: loan. 6 [44]; Roma. 9 [18]; Isaie 45 [7]. Et intellectus hominis nihil sapit nisi carnalia, eadem meditatur et voluntas: Roma. 7 [14ff]; 1. Cor. 2 [6ff]; Ephe. 2 [3]. Propterea ait Paulus: «Haec inter se mutuo adversantur» (caro et spiritus), «ut non quecumque volueritis, eadem faciatis». His adiunge historiam Bileam in Numeris Mosaicis. Corpus denique non rapitur sua voluntate: Math. 5 [29ff]; 6 [25ff]; 10 [17ff]. Consule Psal. 38 [1 ff] et in summa Roma. 8 [3ff], 9 [11ff]. Alias sic clauditur: «In Christo sumus praedestinati secundum propositum illius, cuius vi hunt universa, iuxta decretum voluntatis ipsius».

Quare iterum ingero: «Si providentia est, liberum arbitrium non m est; alias enim providentia non esset providentia. Si porro liberum arbitrium n, iam non est providentia; alias enim liberum arbitrium non erit liberum arbitrium.» Sed de his satis. Habes, ni fallor, scripturas, habes hominis impietatem, elapsam verius quam excogitatam. Neque enim adeo ingratus sum erga bene merentes, ut alias in eos excandere soleo, qui deo detrahunt et virium nostrarum pomeria ultra legem dei prorogant. In presentiarum copiosiora dare non licuit, utpote qui stilum assidue, ut precaris, in gloriam Christi exerceam; ||96r. si modo eam intelligas, qua credimus et confitemur, quod solus Christus «nobis datus sit a patre sapientia iustitiaque, sanctificatio et redemptio».

Rogas deinde, et cur eos non contemnam, qui sine scriptura novos ritus in eucharistiae negocio invehant, cuiusmodi sit Zuinglius noster 33 . Sed age, sit noster, quando est christianus! Interim quid respondeamus, animadverte. Qui adserit panem eucharistiae et vinum poculi aliud non esse quam panem et vinum, porro Christi corpus sedere ad dexteram patris, is docet quod omnis docuit primitiva ecclesia, scriptura sancta et fides catholica. Qui vero impanatum deum praedicat, is demum adfert quod nullae admittunt scripturae quodque haeresibus complurimis confine est. Nobis non credatur, veritas audiatur, quam tu nobis non deesse experieris. Et tota questio in hoc ceu cardine volvitur 34 num hec particula «est» per divinam effecerit potentiam, ut panis in corpus Christi et vinum transierit in sanguinem. Investigandum ergo ante omnia, quale sit corpus Christi, quis sanquis, de quo hic loqutus sit Christus; deinde num hoc edi possit aut bibi, hoc est, num huius loci sana intelligentia convinci id possit, quod de naturali corpore et sanguine hactenus tradidistis. Imprimis nemini dubium, quin corpus Christi certa sit substantia, visibilis, humanam habens dimmensionem [!], sive quantitatem spectes sive gravedinem, adeoque quod nihil a nostro corpore, carnibus, nervis et ossibus compacto, dissideat, nisi qua labe caret. Nam sic scribit apostolus: «Posteaquam

1 v von vobis übergeschrieben.
m-n von non bis arbitrium aRvB nachgetragen.
33 Siehe vor allem Zwinglis Schriften «De canone missae epichiresis», 1523 (Z II 552ff) und «Action oder bruch des nachtmals», 1525 (Z IV 1ff), in denen die Umgestaltung der Meßfeier vollzogen wird.
34 Vgl. Adagia, 1, 1, 19 (LB II 33f); Otto 76, Nr. 351; s. unten S. 254,8.

ergo pueri commertium habent cum carne et sanguine, et ipse similiter particeps factus est eorundem. Non enim videlicet angelos adsumit, sed semen Abrahe adsumit» etc. Hinc fit, ut esuriat, sitiat, algeat, dolore torqueatur refocilleturque gaudio 35 . Cetera, que de hoc dici possunt, tractabimus et in sequentibus. Nunc vero videamus, num de hoc corpore loquatur Christus. Dicit autem: «Hoc est corpus meum, quod pro vobis tradetur.» Ergo is, qui deus fuit, passus est secundum eam naturam, quam adsumpsit. Sic enim Petrus: «Cum igitur Christus», inquit, «passus sit pro nobis carne» etc. Corpus ergo visibile ac naturale est pro nobis traditum, et non spirituale, non glorificatum. De visibili, inquam, et quantitativo (ut ita loquar) dicit Christus: «Et hic murus ahaeneus esto.» 36 Iam si illa particula «est» metamorphosin 37 causatur, omnino necessarium est, ut panis in id transmutetur corpus, cuius facit mentionem. At naturalis et visibilis mentionem facit, quorum nihil in pane videmus, insuper quod edi non potest, quemadmodum ipse iussit, ut porrectum manducaremus; imo si posset, commestum [!] tamen non prodesset: loan. 6.

Si responderis: corpus Christi manducandum in spiritu, assentior; verum quid istud huc facit, ||96v. cum de spirituali manducatione hoc loci nihil agatur? Nam si de ea hic loquitur, ergo et Christus passus erit in spiritu, hoc est in phantasmate. Subdit enim: «Hoc est corpus meum, quod pro vobis traditur» [Lk 22,19; 1 Kor 11,24]. Verum id olim a proceribus ecclesiasticis ceu sesquihereticum adversus Martionem 38 et innumeras alias hereticorum phalanges proscriptum est. Ut nunc non adferam, quod «spiritus carnem et ossa non habet» et Christus sola fide manducetur. Quod si mihi non credis, crede vel ipso Christo, Ioan. 6[35], et patribus tuis: Augustino, Ireneo, Tertulliano et Ambrosio. His accedit, quod unica est persona Christi, quam vos corporali vestra praesentia integra in singulis ecclesiarum panibus confunditis, more o Nestorii 39 et Aetianorum 40 , et quod ipsa docet fides humanam naturam sedere ad dexteram patris, unde non moveatur nisi ad iuditii diem: Actor. 1 [9ff]; 3 [19ff]; Ebrae. 10 [12].

Cui sic subscribit Ambrosius, «De incarnationis mysterio» ca. 5 41 : «Non enim inter homines caro eius, quia secundum carnem iam non novimus Christum. Terra dicit: Non est mecum, quia resurrexit. Denique angelus ait: <Quid queritis viventem cum mortuis?> [Lk 24,5].» Augustinus in Joan. cap. 6 sic 42 :

o aus More korrigiert.
35 Siehe Mt 4,2; Joh 4,6ff; 19,28; Mt 26,28; Lk 19,41; Lk 10,21.
36 Der Satz findet sich im Neuen Testament nicht, erinnert jedoch an Jer 1,18 und 15,20; wörtlich bei Horaz, epistulae I, 1, 60; vgl. Adagia, 2, 10, 25 (LB II 690 B).
37 Die Metamorphosis bezeichnet den Übergang von der gewöhnlichen zur bildlichen Ausdrucksweise, Z XIII 845.
38 Siehe z. B. Tertullian, Adversus Marcionem IV, 40, 3 (CChr I 656).
39 Von Cyrill von Alexandrien wird Nestorius vorgeworfen, er sehe die Personeinheit Christi nur in einer moralischen Einheit zweier verschiedener Personen, s. Dena. 250 ff und Roger Leys, Art. Nestorianismus, in: LThK VII 885 f.
40 Anhänger des Aëtius, jungarianischer Bischof von Antiochien, der die Homoousie scharf bekämpfte, s. Adolf Kreuz, Art. Aëtios von Antiocheia, in: LThK I 165.
41 Ambrosius, De incarnationis dominicae sacramento 5 (CSEL LXXIX 245, 93-96).
42 Augustin, In lohannis Evangelium Tractatus XXX, 1 (CChr XXXVI 289, 17-19): «Corpus enim Domini, in quo resurrexit, uno loco esse potest; ueritas eius ubique diffusa est.» Die Form «uno loco oportet» wird zitiert bei Petrus Lombardus, Sent. IV, 10, 1; Thomas, S. th. III, 75, 1; CorpIC, Decretum Gratiani, de consecratione, c. 44, D. II; u. ö. Bullinger stützt

«Corpus enim Christi in uno loco sit oportet, veritas autem illius ubique diffunditur». Docuit autem in praecedentibus locum illum esse dexteram patris. Tertullianus vero in libro de resurrectione carnis sic 43 : «In regia coelorum sedet adhuc Iesus ad dexteram patris, homo, etsi deus, caro et sanguis, etsi nostris puriora, idem tamen et substantia et forma, qua ascendit, talis etiam descensurus, ut angeli adfirmant, agnoscendis scilicet eis, qui illum convulneraverunt. Hic sequester dei atque hominum appellatus ex utriusque partis deposito commisso sibi, carnis quoque depositum servat in semetipso, arrabonem summe totius. Quemadmodum enim nobis arrabonem spiritus reliquit, ita et a nobis arrabonem carnis accepit et vexit in coelum pignus totius summae illuc quandoque redigende» etc. Hec ille. Ecce, quid poterat dici adpertius? Ecce, ut carnalis vestra praesentia amabile foedus et dulcia obnubilet pignora: «Sed Christus deus, et proinde in omnibus locis integer esse potest.» —Respondeo: Imprimis incurris eidololatriae scelus, nam si in multis locis integer est, ergo multi sunt dii, contra articulum fidei: «Credo in unum deum.» Una enim vis dei, quae gloria sua totum terrarum orbem spherasque adimplet coelestes 44 ; quae si integra in variis esset locis, quivis locus integrum haberet deum pluralitate distantem. Deinde naturas in Christo confundis more Thimotii 45 et Apollinaris 46 , nam tribuis divinitatis proprium humanitati. Contra quod sic scribit Ambrosius in eo libro, quod paulo ante citavimus, eodem cap. 47 : «Ergo splendori gloriae non permisceas attramentum [!] naturae.» Et Tertullianus «Adversus Praxeam» apertius 48 : «Videmus», inquit, «duplicem statum non confusum, sed coniunctum || 97r. in una persona deum et hominem Iesum. De Christo autem dissero; et adeo salva est utriusque proprietas substantiae, ut et spiritus res suas egerit in illo, et caro passiones suas functa sit» etc. Vide et Ambros[ium], superioris libri cap. 6 49 . Propterea cum dicis divinitatem ubique esse posse et mox ingeris: «ergo et corpus», videsne, quod naturarum sive substantiarum proprietates confudisti et humanitati tribuisti quod divinitatis proprium erat? Nos confitemur unam esse Christi personam, in qua duae naturae, quodque iuxta divinam praesens sit in omnibus locis, porro iuxta humanam sedeat ad dexteram patris, verus deus et homo. Vide «Definitiones ecclesiasticas» cap. 250, et De consecra[tione], distinc[tione] 2, cano[ne] «Prima quidem» 51 .

42f sich - wie Zwingli (Z V 655, 11f; VI/II 811, 13-17; u. ö.) — auf diese Überlieferung des Augustinwortes.
43 Tertullian, De resurrectione mortuorum, LI 1f (CChr II 993f).
44 Vgl. Ps 48,11; Jer 23,24; Hab 3,3.
45 Siehe die folgende Anmerkung.
46 Apollinaris von Laodicea und sein Schüler Timotheus von Berytos ließen den Logos die Stelle des geistigen Teiles der Seele Jesu Christi einnehmen, s. Henri de Riedmatten, Art. Apollinarios der Jüngere, in: LThK I 714 und ders., Art. Apollinarismus, in: LThK I 716f; vgl. Augustin, In lohannis Evangelium Tractatus XLVII, 9ff (CChr XXXVI 408ff), wo der Apollinarismus bekämpft wird.
47 Ambrosius, De incarnationis dominicae sacramento 5 (CSEL LXXIX 246, 102f).
48 Tertullian, Adversus Praxean XXVII, II (CChr II 1199 f), vgl. Z VI/II 180, 26ff.
49 Ambrosius, De incarnationis dominicae sacramento 6 (CSEL LXXIX 249f), vgl. Z VI/II 180, 27f.
50 Gennadius von Marseille, Liber de ecclesiasticis dogmatibus, 2 (MPL XLII 1213 f; andere Überlieferungen in: MPL LVIII 981f; LXXXIII 1228f; CLXI 1045f; zur Überlieferungsgeschichte s. C. H. Turner, The «Liber Ecclesiasticorum dogmatum», attributed to Gennadius, in: The Journal of Theological Studies, Vol. VII, 1906, S. 78-99 und Vol. VIII, 1907, S. 103-114). Diese Schrift ist unter dem Titel «Liber de definitionibus orthodoxe fidei sive ecclesiasticis dogmatibus» in der Amerbachschen Augustin-Ausgabe («Decima pars

Sed quorsum haec? Omnia in hunc finem, ut doceamus ipsam rei conditionem ac fidem catholicam convincere, tropum 52 subesse in verbo: «est», sive iam is metaphora 53 sit sive metonymia 54 . Voluit enim dominus indicare mysterium paschatos et abrogare agnum paschalem. Imprimis ergo edit cum discipulis pascha, deinde subdit se amodo ex eo non esurum, «donec compleatur in regno dei» [Lk 22,16]. Qui hebraismus 55 aliud non sonat nisi hoc: In posterum de hoc agno non edam, neque vos ex eo edere volo, quia nunc adest regnum dei, in quo typo per me satisfit, qui verus agnus tollo peccata mundi omnemque sanguinem, meo sisto. Ideo significabat pascha Christum passurum, et esus eius memoriale erat. Proinde necessum erat, ut mutaret, ne passo Christo expectaretur signo docente passurus. Accipit ergo panem et iubet, ut edant loco agni paschalis in rei memoriam, quod Christus sit traditus pro humano genere, atque adeo, ut quemadmodum agnus significaverit Christum passurum, sic panis significet verum corpus illius veri agni, quod iam traditum sit. Sic enim subdit: «Hoc facite in mei memoriam» [Lk 22,19].

Iam vide, mi Christophyle, an non et Gregorius 56 decreta et omnium veterum monimenta idem de hoc typo tradiderint, an non omnia probe cohereant, an non singula sint pientissima. Quod si tropum 57 admittere nolumus, periculum erit, ne nos cogamur pateras, pocula et calices vorare. Nam eadem ratione dicit: «Hoc poculum est sanguis» [Lk 22,20]. Quomodo item Arrianis 58 occurremus obiicientibus: «Pater maior me est» [Joh 14,28], nisi singula excusserimus, ut nos ante specimen eius rei in corporis tractatione exhibuimus?

Sed deo omnia possibilia? — Audio; sed idem praeter ordinem et decorum nihil facit, ut docuit etiam m[agister] in «Sententiis 59 ». —Sed vide Tectull[ianum] «Adversus Praxean 60 ». Verum credenda sunt, non curiosius perquirenda? — Sed 50f

librorum diui Aurelii Augustini», Basel 1506, f. p 4r. - q 3v.) enthalten. Beatus Rhenanus nahm sie unter dem Titel «Definitiones ecclesiasticorum dogmatum» in den Anhang zu seiner Tertullian-Ausgabe (Basel 1521, S. 593-614) auf, zweifelte jedoch in der Einleitung hiezu die Autorschaft Augustins an (freundliche Auskünfte von Herrn Dr. Pierre Fraenkel, Genf, und Herrn Dr. Reinhard Schwarz, Tübingen).
51 CorpIC, Decretum Gratiani, de consecratione, c. 44, D. II.
52 Siehe Hanns Rückert, Das Eindringen der Tropuslehre in die schweizerische Auffassung vom Abendmahl, in: Archiv für Reformationsgeschichte, 37. Jg., 1940, 199-221.
53 Zur Metapher s. Z XIII 845; Lausberg 558ff.
54 «Umbenennung», Vertauschung inhaltlich verwandter Begriffe, Lausberg 565ff; Staedtke 71. 240.
55 Zwingli betont mehrmals, daß im Worte «est» ein Hebraismus (zum Begriff s. Z XIII 844) vorliege; s. z. B. Z IV 487, 11ff; 918, 18ff; vgl. Staedtke 245f; Köhler, ZL I 120f.
56 Bei Gregor d. Gr. läßt sich die symbolische Abendmahlsauffassung kaum finden, Bullinger sieht im Gegenteil in seiner Schrift «De origine erroris in negocio Eucharistiae ac missae» (vgl. dazu Köhler, ZL I 724) in ihm den Begründer der Messe. Allerdings hat Ludwig Hätzer in der Übersetzung von Oekolampads Schrift «De genuina verborum Domini...» (s. unten Anm. 73) eine Liste derjenigen Kirchenväter zusammengestellt, welche die symbolische Abendmahlsauffassung vertreten hätten; sie enthält Gregors Name, obwohl er in Oekolampads Schrift nicht genannt wird. Möglicherweise ist Bullinger dadurch irregeführt worden, vgl. CorpIC, Decretum Gratiani, de consecratione, c. 73, D. II und Z II 736, 2.
57 Siehe oben Anm. 52.
58 Siehe Augustin, In lohannis Evangelium Tractatus LXXVIII, 2 (CChr XXXVI 524, 1ff).
59 Petrus Lombardus, Sent. I, 42f, u. ö.
60 Tertullian, Adversus Praxean X, 8 (CChr II 1170, 39-44): «Plane nihil Deo difficile, sed si tam abrupte in praesumptionibus nostris hac sententia utamur, quiduis de Deo confingere poterimus, quasi fecerit quia facere potuerit. Non autem, quia omnia potest facere, ideoque credendum est illum fecisse etiam quod non fecerit sed an fecerit requirendum.»

dic, queso, an non «fides ex auditu, auditus per verbum dei»? Da ergo verbum fidei p , quod tibi hanc praescribat! Respondes: «Hoc est corpus meum» [Lk 22,19 u. a.]. Interim vide, num ita sonent verba: «Accipite et credite, quod hoc sit corpus meum», an: «Accipite, edite hunc panem in eius rei symbolon, quod credatis corpus meum pro vobis traditum». Vide Basilium, De consecra[tione], distinc[tione]2, cano [ne]: «Timorem et fidem [!]» 61 . Docet ergo fides imprimis edere carnem, hoc est credere, quod ||97v. caro Christi pro nobis caesa sit, deinde iubet etiam panem edere, quo me de eorum numero aliis prodo, qui se credunt morte Christi redemptos. Unde Paulus: «Probet seipsum homo, et deinde de pane edat et calice bibat» [1 Kor 11,28]. Quas manducationes cum scholastici, imprimis Aquinas 62 cum suis, non observarunt, in hos Schytiae campos 63 nos deduxere. Imo qui fieri posset, ut fidei loco id venderemus, quod ex diametro pugnat cum fidei articulis, quemadmodum superius ostendimus? Proinde fides haec parum distat ab ea, quam illi exigunt, qui curiosas artes exercent; cum christiana nihil aliud sit quam unctio 64 sancta, corda de certissima salute certificans. Et dispeream, nisi innumerae hereses [!] sub hoc lateant deo triticeo 65 !

Videndum iam, quis sit genius sanguinis Christi. Et principio, quemadmodum corpore nihil a nobis discrepavit Christus, sic neque sanguine, liquore, quo vegetantur artus, in quo etiam vivit anima. Is autem non effunditur ubilibet neque multoties, sed in passione tantum, quippe cum effusus semel semper sufficiat. Paulus, eius rei author sic docuit: «Habemus altare, de quo non est phas [!] edere his, qui tabernaculo deserviunt.» «Et Christus semel oblatus, ut multorum peccata tolleret, rursus absque peccato conspicietur his, qui eum expectant in salutem». Item: «Hic vero una pro peccatis oblata victima, perpetuo sedet ad dexteram dei. Unica enim oblatione perfectos effecit imperpetuum» etc. Nunc cum vinum toties sumatur et fundatur, nunc cum «Christus a mortuis resurrexit et amplius non moritur, mors illi ultra non dominetur», fieri non potest citra blasphemiam, ut vinum sit sanguis, convincitque denuo ipsa sanguinis Christi proprietas tropum 66 in verbis Christi latere. Id quod ex verbis Paulinis potius quam

p

fi übergeschrieben.
61 Basilius, Regulae brevius tractatae 172 (MPG XXXI, 1195 bzw. 1196), zitiert in: CorpIC, Decretum Gratiani, de consecratione, c. 25, D. II: «Timorem quidem docet nos Apostolus, dicens: <Qui manducat et bibit indigne, iudicium sibi manducat et bibit.> Fidem uero edocet nos sermo Domini, dicens: <Hoc est, quod pro multis datur, corpus meum. Hoc facite in meam conmemorationem.> Et Apostolus de unigenito Dei filio: <Humiliauit semetipsum factus obediens usque ad mortem, mortem autem crucis.> Cum ergo anima fidem habet his dictis, et considerat magnificentiam gloriae ipsius, et admiratur nimietatem humilitatis, quomodo tantus ac talis obediens patri fuit usque ad mortem pro uita nostra: puto, quia possit prouocari ad affectum, et dilectionem ipsius, et Dei patris, qui unico filio non pepercit, sed pro nobis omnibus tradidit illum. Talem ergo fidem uel affectum preparare debet in animo suo is, qui panem et calicem Domini percipit.»
62 Zur Bedeutung der scholastischen -besonders der thomistischen - Abendmahlslehre für die Auseinandersetzungen in der Reformationszeit s. die Zusammenfassung bei Köhler, ZL I 810ff; vgl. noch DThC V 1304ff.
63 «Scytharum solitudo» ist sprichwörtliche Redensart für den Ort größter Schwierigkeiten des Verderbens oder der Einsamkeit, s. Adagia, 3, 5, 84 (LB II 849 A-C) und Otto 315, Nr. 1617.
64 Vgl. I Joh 2, 20. 27.
65 Siehe die Ausdrücke «Brotgott» (= Hostie) und «brötin herrgott» (SI II 523; V 991f).
66 Siehe oben Anm. 52.

nostris coniecturis patebit. Sic ergo Paulus eo loco, cui tu inniteris, 1. Cor. 11 [25]: «Hoc», inquit, «poculum novum testamentum est in meo sanguine.» Ante omnia vero constat, quod vinum non possit esse testamentum q, sed potius sit sacramentum, imo testamenti symbolon. Similis locus est Genes. 17 [10ff], ubi dominus circumcisionem vocat pactum seu testamentum; cum tamen non esset testamentum, sed testamenti symbolon, ut ex ipsa verborum consequentia consequitur.

Et ne quid dubitare possis, animadverte. Unicum tantum in orbe testamentum est, quod ut ab initio fuit, sic nunquam abrogabitur. Testamentum sic habet: «Ero deus tuus et seminis tui, Abraham» [Gen 17,7]. «Ambula coram me et esto perfectus» [Gen 17,1]. «Patrem enim multarum gentium faciam te» [Gen 17,5], «et in semine tuo benedicentur omnes cognationes terre»: Genes. 12 [3]; 15 [5]; 17 [4ff]; 22 [18]. Porro quod id unicum sit et perpetuum, docent prophetae et apostoli Genes. 28 [4.13ff], Exod. 32 [13], Levitici 26 [42], Deutro. 4 [23.31], 4. Reg. 17 [2 Kön 17,13ff], 4. Ezrae 3 [15], Psal. 104 [105,8f], Isaie 51 [2], Math. 8 [11], Act. 3 [25], Roma. 4 [1ff], Gala. 3 [6ff] etc. Quibus consentiunt Tertullianus, «Adversus Martionem» lib. 4 67 , Lactantius, lib. 4, cap. 20 68 , et Augustinus in cap. 8. Ioannis 69 ; quibus manifestum fit, quod vinum non possit esse, nisi abusive, testamentum.

Cur ergo Christus novum vocat, si non interruptum? Primum, quia veteris typi omnes sunt hic adimpleti et in ipsa veritate nobis ostenduntur, quae illis contingebant in figura. ||98 r. Sic ubi novum, ibi antiquatur prius. Vide 2. Corinth. 3 [4ff]. Deinde novum dicitur propter novum populum; gentes puto, qui olim longinqui per sanguinem Christi propinqui facti sunt, et in testamento delegatum erat fore, ut benedicerentur gentes. Quae omnia Christus hoc loci etiam mortis suae fructum explicans fere sic ait, si modo paraphrasten tolleras: Hactenus imolate sunt in testamento veteri multae pecorum myriades, in quo Iudei solum habebantur pro populo dei; porro nunc istud tempus illuxit, quo prophetis satis fieri per me debet. Audistis ergo, quod corpus meum pro vobis expensurus sum, nunc quis inde fructus, haurite et accipite hoc vinum novi testamenti symbolon, hoc est eius rei, quod omnia per me innovata, completa, sacrificia antiquata et novus ille populus in testamentum intromissus sit per sanguinem meum, qui effunditur ad expiationem orbis, reconciliationem patris et populorum unitatem etc. — Nam sic interpretatur istaec Paulus ipse r 1. Cor. 10 [1ff], Ephes. 2 [1ff]; quibus accedit etiam Christi verbum Luce 24 [47], ubi disserit de gentium vocatione et peccatorum remissa.

Verum tu simplicibus verbis domini credendum ais, cum tamen nos toti studeamus simplicitati, imo si istud est simpliciter ambulare, quaevis obvia et inexcussa arripere? Quid dices? Deum nemo unquam, sed Christum vidit orbis terre; ergo

q vor testamentum ausgekratzt sacramentum.
r aus ipsae korrigiert. 67 Tertullian, Adversus Marcionem IV, 1 (CChr I 544, 23ff).
68 Laktanz, Divinae institutiones IV, 20 (CSEL XIX 364-367).
69 Augustin, In lohannis Evangelium Tractatus XXXV, 7 (CChr XXXVI 321, 1ff); zu Bullingers Anschauung von der Einheit und Ewigkeit des Bundes s. seine Schrift «De Testamento seu foedere Dei unico et aeterno», 1533 (gedruckt: 1534), HBBibl 54 und Staedtke 65 f.
70 Siehe Augustin, In lohannis Evangelium Tractatus III, 18 (CChr XXXVI 28, 4ff).

non est deus! Ideo disscussione [!] opus in his et negociis similibus. In istis vero omnibus ubi vinum est sanguis? Audio sanguinem Christi semel effusum sufficere ad omnia omnium exhaurienda peccata 7 , interim nihil de evocatione in pateras. Audio sanguinem Christi Iudeos pariter et gentes in unum cogere corpus, nulla interim de transmutatione mentio. Breviter: benedictio seu peccatorum remissa testamentum est, Christus testamenti mediator, mors vero et sanguis Christi testamenti reseratio et obsignatio, porro panis et vinum testamenti confirmati simbolon monens redemptionis et unionis. Vide cetera Ebrae. 9 [11ff]. Longiora dare non potui.

Debet ergo panis hic in fidelium coetu ita edi, ut institutus est 1. Cor. 11 [20ff]. Quare nihil nos movet, quod opponis, futurum, ut quivis panis significet corpus Christi. Tu videris, num ex singulari sequatur generale? 72 . Apud sophystas quid consequatur, nescio; hoc autem scio, quod apud fideles omnia certo gerantur ordine 1. Cor. 14 [40]. Et cum addis denuo consequturum, ut in aliis sex milibus axiomatis «est» sumatur pro «significat», si s hanc admiserimus propositionem: «Panis est corpus Christi» hoc est «panis significat» etc., experimentum fere dedisses te ignorare, qui loci quibus tropis ingressum praebeant. Verum irreverentia sacramenti in hunc fervorem te adigit. Sed dic sodes, an ne illi sacramento maiorem irrogent irreverentiam, qui ex eo nundinas adornant, an qui sanum eius usum produnt? Qui foedissimos inde ventres alunt, an qui pro gratiarum actione exponunt? Qui id pro deo ostentant ac pro carne mactant, an qui Christum ad dexteram sedere et t sacrificium suum semel oblatum sufficere dicunt?

Vide nunc, ||98v. vir bone, quis novum ritum inducat, et si non dedignaris, lege Oecolampadii u libellum 73 , in quo sensum horum verborum: «Hoc est corpus meum» reddit ex antiquis patribus. Certe ego non video, quomodo id novum dici debeat, quod tot scripturis tantisque nititur patribus. Faxit deus, ut mysterium suum sane ac pie intelligas. Ad hec vero si respondere vis, fac, ut scripturis id fiat, ne cogar tibi obiicere, quod tu imerenti obtrudebas: pollicitum scripturas, quas tamen non reddiderim, cum tu interim nihil minus quam scripturas nostris opposueris.

Obtestamur autem per christianam charitatem, Christophyle dilectissime v, ut Christum ardenter diligas, eius verbo adhereas, illi gloriam et magnificentiam tribuas, hoc est, ut sis quod audis, Christophylum te non sine reverentia nominamus; tu adnitere, ut Christi studiosissimus sis, nostra vero boni consulas. Non

s aus etc korrigiert.
t aus qui korrigiert.
u ein i von Oecolampadii übergeschrieben.
v aus dillectissime korrigiert.
71 Siehe Hebr 9,27f.
72 Siehe z. B. Petrus Hispanus, Summulae logicales 4.05: «Unde dantur tales regulae ad quamlibet figuram: ex puris particularibus vel infinitis vel singularibus non potest fieri syllogismus; unde oportet alteram praemissarum esse universalem»; Melanchthon, Compendiaria dialectices ratio (CR XIII 627): «Ex universali recte sequuntur suae particulares et suae singulares, sed non econtra. Non enim sequitur universalis propositio, ex aliquot particularibus, aut aliquot singularibus.»
73 loannis Oecolampadii de genuina verborum Domini, Hoc est corpus meum, iuxta vetustissimos authores expositione liber, 1525, s. Oekolampad-Bibliographie, Nr. 113; vgl. Köhler, ZL I 117ff.

deerit tibi Heimrychus ex animo tuus, modo in extremo saltem amicorum tuorum albo me subscribere dignaberis; id quod, mi Christophyle, efflictim efflagitamus. De Ioanne 74 hic, quia alias tibi coniunctissimus, nihil scribo.

Interim peto, ut festinantis, imo inter magnas multasque negociorum turbas tumultuantis caracterem et dictionem Aristarchi 75 obelo non confodias; nam quae scripsimus, ea celeritate scripsimus, ut postea relegentes, quod et ipsum vix semel contigit, ipsi multoties offenderemur.

Vive et vale in domino, Christophyle nobis charissime.

Ex Capell, trans Albim Tigurinorum coenobio, 3. calendas martias 1526.

Ioannes Enslinus et Heimrych Bullingerus,

tui ex animo.

74 Johannes Enzlin, s. oben S. 85, Anm. 1.
75 Siehe oben S. 83, Anm. 4.

17

[BULLINGER] AN
PETER HOMPHÄUS
Kappel,
2. Mai 1526

Autographe Abschrift: Zürich ZB, Msc A 82, 100r. - 101r. 1 1/2 fol. S., Fragment a Gedruckt: Krafft 69 f

Übersendet sein Erstlingswerk «Vergleichung der uralten und unserer Zeiten Ketzereien», teilt mit, weshalb er das Pseudonym Octavius Florens wählte und berichtet über seine Vorlesungen und Lage.

— — —||100v. exiguum b quidem, at multa in sese complectentem dono mittimus, quem 2 nostra lingua ac sub alieno nomine aedidimus [!] in lucem, primo quod Quintum Septimium Florentem Tertullianum in eo scribundo 3 sumus imitati, unde et nos Octavium Florentem, nempe a Septimio Florente, inscripsimus, deinde quod eam mihi invidiam apud nostros concitarint inimici crucis Christi, ut multi nostro inspecto nomine c plane contempturi essent d ni , novo nomine novos et perversos attraxissem auditores ad lectionem fortassis, si non longius. Est enim hoc unum e mortiferis multis pestilentissimum, quod incognita damnamus inque heresum tartara praecipitamus quae nondum scripturae trutina expendimus.

Mecum alias quam optime agitur; nam opulentissimo praefectus 4 coenobio nec minus pratis virentibus silvisque garritu avium perstrepentibus amoeno pias pariter ac bonas profiteor litteras. Et hactenus quidem Mathei et loannis evangelion, dein et Paulinas aliquot epistolas, Romanorum videlicet, Corinthiorum utramque, Galatarum, Ephesiorum, Philippensium et Colossensium sumus interpraetati 5 , quibus et postmeridianis horis «Copiae 6 » libros Erasmi et artem illorum ob oculos

a Der untere Teil des Blattes 100 ist (später?) abgeschnitten, wodurch der Anfang und ein Teil des Mittelstückes, je etwa 7 Zeilen, fehlen.
b oben aRvB als Überschrift: Epistola ad Petrum Homphoeum.
c nomine von späterer Hand fälschlich in homine abgeändert.
d essent aus erant korrigiert.
1 Peter Homphäus aus Ernst (Kreis Cochem), Studienfreund Bullingers in Köln, wo er im Dezember 1517 immatrikuliert wurde (Köln, Matrikel II 794, Nr. 516, 110; HBD 4, 19f; 7, 6f). Zur Zeit des Briefes war er wahrscheinlich schon Lehrer an der Stiftsschule zu Emmerich (s. d. Grüße an die Lehrer, S. 114,15f), die von seinem gleichnamigen Onkel geleitet wurde (s. Carl Krafft, Art. Petrus Homphäus, in: ADB XIII 66f), danach Pfarrer in einem Orte unweit von Oberlahnstein (bei Koblenz), dort um 1534 gestorben; Krafft 57. 70f. 150ff; Staedtke 280f.
2 «Vergleichung der uralten und unserer Zeiten Ketzereien», gedruckt 1526 bei Hans Hager in Zürich; s. HBBibl 1; HBD 10, 23-26.
3 Archaistische Form als Stilmittel, s. Friedrich Neue, Formenlehre der lateinischen Sprache, Bd. III, v. C. Wagener, Leipzig 1897 3, S. 331ff.
4 Siehe die Einleitung S. 23-25.
5 Die Reihenfolge von Bullingers neutestamentlichen Vorlesungen in Kappel läßt sich einigermaßen sicher feststellen: 1523: Matthäus- und Johannesevangelium; 1525: Römerbrief und Korintherbriefe, Beginn der Galaterbriefvorlesung; 1526: Epheser-, Philipper-, Kolosserbrief, Thessalonicherbriefe, Pastoralbriefe, Philemonbrief, Beginn der Hebräerbriefvorlesung; 1527: Lukasevangelium; 1528: 1. Johannesbrief, Jakobusbrief, Petrusbriefe; HBD 8, 15; 10, 8ff; 11, 1f; Blanke 63f; Staedtke 285 f; Hausammann 15f.
6 Erasmus, De duplici copia verborum ac rerum commentarii, 1. Aufl., Basel 1511 (LB I 3-110); Bullinger behandelte die Schrift 1523 und 1524, HBD 8, 11f.

subiiciens «Bellum 7 » eiusdem cum Sallustio 8 et aliquot Vergilii libris 9 adiunximus. At in praesentiarum Thessalonicensium epistolam 10 cum «Dialecticis» Philippi 11 profitemur.

Unde et in Helvetiorum quorundam senatusconsultis 12 , obtecte tamen, proscriptus, totus in cruce hereo neque latum culmum 13 e Tigurinis agris progredi audeo, ni vitam Vulcano aut gladio libeat dedicare. Verum suave mihi est pro dulci nomine Jesu Christi, domini mei, peripsima [!] hominum [1 Kor 4,13] fieri, qui iam olim longe crudeliora peccatis meis promerueram. Tu pro me praecare dominum, ut hoc in me et fidelibus omnibus confirmet, quod ex gratia incoepit 14 , utque in morte nostra cum Sancto cantemus Ignatio 15 : «Parati sumus ad bestias, ad ignem, ad gladios et crucem, tantum e ut Christum videamus, salvatorem nostrum et dominum f

— — — [Hel-] 101r. vetio, hoc est rudi et severo adolescenti. Ignosce, frater mi, iuvenilibus adfectibus et moribus, tum quidem per deum non renatis, nunc autem in ardentissimo pectore te praeceptoresque indesinenter volventibus. Comendabis me illis.

Michael 16 noster ab infoelici descivit sacerdotio et textrinam lanariam subintroiit. Ioannes 17 frater meus etiamdum sacrificulum, imo pastorem Uraniorum agit. Jacobus 18 uxorem duxit, tabernarius effectus. Antonium 19 vero plurimum valere iubeo, cum quo et tu valeas perpetuo.

Ex Cappell, coenobio nostro trans Albim Tigurinorum, secunda maii 1526.

e-f Die letzte Zeile von tantum bis dominum fast gänzlich abgeschnitten, hernach fehlen ca. 7 Zeilen.
7 Erasmus, Bellum, 1. Aufl., Basel 1517; Adagia, 4, 1, 1 (LB II 951-970); Bullinger behandelte die Schrift 1525, HBD 10, 13.
8 Nach HBD 11, 6f behandelte Bullinger 1527 Sallusts «De coniuratione Catilinae», daher wird hier dessen Schrift «De bello Jugurthino» gemeint sein.
9 Ausgewählte Bücher aus Vergils Äneis behandelte Bullinger im Jahre 1523, HBD 8, 12. 10
Siehe Anm. 5.
11 Melanchthon, Compendiaria dialectices ratio, Leipzig 1520 (CR XIII 507ff).
12 Zur Bedrohung des Klosters Kappel und Bullingers durch die V Orte s. HBRG I 92; HBD 9, 9f; Blanke 71ff.
13 Vgl. Adagia, 1, 5, 6 (LB II 184f).
14 Vgl. Phil 1,6.
15 Zitiert nach IgnRöm 5,3; diese Briefstelle wird auch angeführt bei Jacobus a Voragine, Legenda aurea, vulgo historia lombardica dicta, recensuit Th. Graesse, Dresden/Leipzig 1846 (Nachdruck: Osnabrück 1969), S. 156.
16 Michael Wüst, s. oben S. 83, Anm. 1.
17 Johannes (oder Johann Reinhart) Bullinger, 1496-1570, älterer Bruder des Reformators, geboren in Arbon (Kt. Thurgau), besuchte die Lateinschulen in Rottweil, Bern, Heidelberg und Emmerich. Hier unterrichtete er seinen Bruder Heinrich (HBD 3, 23). 1519 an der Kölner Universität immatrikuliert, im folgenden Jahre Magister (Köln, Matrikel II 808, Nr. 522, 47), hierauf 1520 Kaplan in Bremgarten, dann Pfarrer in Altdorf (Kt. Uri). Im Jahre 1527 zog er mit den Urnern in französischen Diensten nach Italien, wurde verwundet, schloß sich nach seiner Rückkehr der Reformation an und verließ das Pfarramt. Danach besuchte er Vorlesungen in der Prophezei, wurde 1529 Pfarrer in Birmensdorf (Kt. Zürich), 1531 in Rohrdorf (Kt. Aargau). Nach seiner Vertreibung durch fünförtische Truppen in der Folge des Zweiten Kappeler Krieges übernahm er im November 1532 die Pfarrstelle zu Ottenbach (Kt. Zürich). Krankheitshalber wechselte er 1557 in das Pfarramt zu Kappel, wo er starb. Pestalozzi 8. 142; Egli, Analecta II 161-172; Pfarrerbuch 230.
18 Jakob Buchser aus Suhr bei Aarau, Studienfreund Bullingers in Köln, dort im April 1518 immatrikuliert; Köln, Matrikel II 797, Nr. 518, 11; HBD 7,6; Pestalozzi 18; Krafft 56f. 154.
19 Anton Hump, aus Bruttig an der Mosel (Kreis Cochem), Studienfreund Bullingers in Köln, dort im November 1517 immatrikuliert; Köln, Matrikel II 792, Nr. 516, 93; HBD 4, 20; 7, 8; Krafft 53. 55ff.

18

[BULLINGER] AN
LEO [JUD]
Kappel,
11. Mai 1526

Autographe Abschrift: Zürich ZB, Msc A 82, 106r. 1/3 fol. S., sehr gut erhalten Ungedruckt

Gibt seinem Unmut über Johannes Fabri Ausdruck und weist auf zwei Stellen in den Werken von Ambrosius und Laktanz hin, welche dessen Anklagen gegen die evangelischen Christen widerlegten.

Leoni suo gratiam et pacem a domino.

Ita zelo dei, frater mi, adversus sanguinarium 2 Fabrum 3 suique similes lugurthas 4 excandeo 5 , ut ipse mihi temperare non potuerim, quin haec pauca moneremus, nempe ut legas Ambrosii 2. lib. offitiorum cap. 28 6 et Lactantium in 6, «De vero cultu» cap. 25 7 ; sic, ut ex ipsis patribus Thrasonis 8 profligetur impietas, qua

1 Siehe oben S. 55, Anm. 1.
2 Die Anschuldigung der Blutrünstigkeit der Katholiken erhebt Bullinger auch in seiner Schrift «Verglichung der uralten und unser zyten kätzeryen», Zürich 1526, Bl. C iij r.: «Oder wie könnend ir Doctoren / die doch wüssend das wir recht lerend / unnd ee muß himel und erden brechen / dann ützid daruon fallen / uns armen schefflin / über alles anbieten unnd bitten / so unmenschlich uff den fleischbanck geben?» Zwingli wirft Fabri in seiner Schrift «Über den ungesandten Sendbrief Fabers Zwinglis Antwort», 1526, ebenfalls Blutrünstigkeit vor und bezieht sich dabei auf eine Augsburger Predigt Fabris, wobei dieser gesagt haben soll: «es tüge summa summarum nit gut, man lege dann die klingen uff sölche prediger», Z V 47,7f (vgl. auch Z V 129,22ff).
3 Johannes Fabri (Heigerlin), 1478-1541, studierte in Tübingen und Freiburg, Dr. iuris utriusque; Pfarrer in Leutkirch und Lindau, dann Kanonikus und Offizial in Basel, 1518 — 1523 Generalvikar in Konstanz, hierauf in den Diensten Erzherzog Ferdinands von Österreich, 1530 Bischof von Wien. Obwohl ursprünglich kirchlichen Reformen nicht abgeneigt und mit Zwingli und Erasmus befreundet, wurde Fabri doch nach 1523 einer der schärfsten Gegner der Zürcher Reformation, s. Leo Helbling, Dr. Johann Fabri, Generalvikar von Konstanz und Bischof von Wien, 1478-1541. Beiträge zu seiner Lebensgeschichte, Münster i. W. 1941. — RGST 67/68. Über Fabris Verhältnis zur schweizerischen Reformation s. Leo Helbling, Dr. Johann Fabri und die schweizerische Reformation, Diss. phil. FreiburgSchweiz, Einsiedeln o. J. — Die Entrüstung Bullingers über Fabri dürfte auf dessen Angriffe gegen die Evangelischen in der Schrift «Ein Sandbrieff Doctor Johann Fabri an Ulrich Zuinglin Maister zu Zürich», 1526, (s. dazu Helbling, Beiträge, S. 140; Z V 43, Anm. 1; Leonhard von Muralt, Die Badener Disputation 1526, Leipzig 1926. —QASRG III, S. 69ff) zurückgehen. Hier wirft Fabri Zwingli und seinen Anhängern u. a. vor, sie trieben Bilderstürmerei (Bl. a ij v.), hätten Lobgesänge (Bl. a ij v.) und Gottesdienste (Bl. a iiij r.) abgeschafft, schmähten das Sakrament (Bl. a ij v.) und verkauften Meßgewänder (Bl. a iiij r.). Nach Bullingers Überzeugung entkräften Ambrosius (s. unten Anm. 6) und Laktanz (s. unten Anm. 7) die Anklagen Fabris und beweisen die Berechtigung des reformatorischen Vorgehens.
4 Jugurtha, König von Numidien und Gaetulum, etwa 160-104, gefährdete durch seine Gewalttätigkeit, Bestechungskünste und listigen Machenschaften jahrelang die römische Republik (Pauly/Wissowa XIX 1-6); er wurde in der Reformationszeit häufig als Beispiel der Grausamkeit und Gewalttätigkeit herangezogen (vgl. Z I 182, 4-14; Fabri wird mit Jugurtha verglichen in Z V 146, 8).
5 Eigentlich excandesco: ergrimmen, in Jähzorn geraten.
6 Ambrosius, De officiis ministrorum, II, 28 (MPL XVI 148-150). Über die Auslegung einer anderen Ambrosiusstelle stritten sich Fabri und Zwingli, s. Z V 138, 7ff.
7 Laktanz, Divinae institutiones, lib. VI: «De vero cultu», 25 (CSEL XIX 577-580).
8 Thraso ist der Name des prahlerischen Soldaten im Eunuchus des Terenz, s. Adagia, prolegomena (LB II 13 B).

impulsus pauperibus detrahit, harpigiis 9 vero papisticis convehit et insontes sacrilegii accusat, scilicet quod ecclesiam dei, hoc est larvas, ficulneos 10 , lamias, lemures et lares spoliaverint. Etsi non ignorem fortiorem esse scripturae authoritatem, quae stat a partibus nostris, attamen ardor hic nescio quis compulit, ut Minervam sus 11 monerem.

Vale. Salutabis mihi Zuinglium 12 .

Cappellae, 11. maii in 1526.

9 harpigium, Nebenform zu harpago.
10 Ergänze homines oder ähnliches; das Adjektiv ficulnus (bzw. griech. greek wurde wegen der Eigenschaft des Holzes im Altertum in der Bedeutung «schwach» gebraucht und kommt in Sprichwörtern und sprichwörtlichen Redensarten vor, s. Pauly/Wissowa XII 2143; Adagia, 1, 7, 85 (LB II 295f). In der christlichen Tradition kommt durch Mk 11,13ff par. das Motiv der Unfruchtbarkeit noch hinzu, s. z. B. Augustin, Sermo 89 (MPL XXXVIII 5531) und S VI/I 358.
11 Zu dieser Redensart s. Adagia, 1, 1, 40 (LB II 43 A-F) und Otto 224, Nr. 1118; der Sinn ist: Ein Dummer belehrt einen Klugen.
12 Siehe oben S. 67, Anm. 6.

19

LEO JUD AN
BULLINGER
[Zürich,
Mai / Juni 1526]2

Autograph: Zürich ZB, Msc F 62, Nr. 344a 1/2 fol. S., sehr gut erhalten, mit Siegelabdruck Gedruckt: Salomon Heß, Erasmus von Roterdam nach seinem Leben und Schriften. Zweyte Hälfte, Zürich 1790, S. 600f

Lobt Bullingers Fleiß in der literarischen Bekämpfung der Katholiken, schickt sein Büchlein «Des ... Erasmi von Roterdam und Doctor Luthers maynung vom Nachtmal ... 1526» und bittet um Ergänzungen für eine geplante erweiterte lateinische Auflage.

Gratiam ac pacem a deo per Christum.

Diligentiam a tuam in veterum scriptis vehementer laudo, optime frater (sic adpellari volo, nam quod me praeceptorem tuum vocas, minime agnosco), fortia enim sunt contra papistas iacula, nimirum quibus ipsi ut columnis nituntur 3 . Sed non video, quid contra insensatos illos ac plane stipites satis forte sit, qui ita omnem humanitatis sensum exuerunt, ita toti ad omnem veritatem obriguerunt, ut non beluas eos ac feras, sed truncos potius dicere possis. Quedam ferro, quedam sanguine molliuntur, ut de adamante ferunt 4 , neque beneficiis ducuntur neque poenis tenentur 5 .

Iam quoniam te video totum huc spectare, ut gloria Christi quam latissime propagetur, rogo te, ut, si quid ex lectione Erasmica 6 aut Lutherana 7 collegeris

a darüber und weiter unten am Rande Inhaltsnotizen von J. H. Hottinger.
1 Siehe oben S. 55, Anm. 1.
2 Die Datierung wird vor allem durch die Erwähnung der Übersendung von Juds Schrift «Des ... Erasmi von Roterdam und Doctor Luthers maynung vom Nachtmal unsers Herren . . . » vom 18. April 1526 an Bullinger ermöglicht. Auch scheint der Brief vor der Veröffentlichung der Gegenschrift des Erasmus (im Juni) entstanden zu sein, oder zumindest bevor Jud davon Kenntnis erhielt (zur Geschichte der Auseinandersetzung s. unten Anm. 8). Außerdem bezieht sich der Anfang des Briefes sehr wahrscheinlich auf Bullingers Ende April 1526 erschienene Schrift «Vergleichung der uralten und unserer Zeiten Ketzereien» (s. unten Anm. 3). Demnach fällt die Entstehung dieses Briefes zweifellos auf Mai oder Juni 1526, wobei man vielleicht eher Mai bzw. erste Hälfte Juni annehmen könnte (s. noch unten Anm. 8).
3 Der Satz bezieht sich wahrscheinlich auf die kurz vorher erschienene Schrift Bullingers «Vergleichung der uralten und unserer Zeiten Ketzereien» (s. HBBibl 1). Das Manuskript hatte Bullinger am 23. April dem Drucker übergeben. Schon am 2. Mai konnte er ein gedrucktes Exemplar seinem Schulfreund Peter Homphäus zuschicken (s. oben S. 113,1ff). Das Werk gab er unter dem Pseudonym Octavius Florens in deutlicher Anlehnung an Q. Septimius Florens Tertullianus heraus (s. Staedtke 280). Juds Anerkennung betrifft offenbar die Tendenz dieser Schrift, die Autorität des Kirchenvaters von den Katholiken nicht mehr für sich in Anspruch nehmen zu lassen, sondern vielmehr die Übereinstimmung Tertullians mit der reformatorischen Lehre nachzuweisen.
4 Vgl. Otto 4, Nr. 17.
5 Gemeint sind die Katholiken; der Ausbruch Juds gegen sie wird aus der Atmosphäre um die Badener Disputation (19. Mai bis 8. Juni 1526) verständlich. — Ein Zusammenhang zwischen diesem Brief Juds und dem kurzen Schreiben Bullingers vom 11. Mai 1526 (s. oben Nr. 18) besteht nicht. Wohl schreibt Bullinger dort in ähnlicher Weise vom Fanatismus der Katholiken, besonders des «blutrünstigen» Generalvikars Johannes Fabri, doch läßt sich diese Ähnlichkeit aus der allgemeinen Stimmung unter den Evangelischen hinlänglich erklären, s. oben S. 115, Anm. 2-3.
6 Zu Bullingers Einstellung zu Erasmus s. oben S. 86,25ff und S. 88, Anm. 45.
7 Zu Luthers Einfluß auf Bullinger s. Staedtke 46-48 u. ö.; Hausammann 23f. 192-198. 203ff. 211ff.

atque memorie (qua plurimum vales) mandaveris, quod b ad eucharistiam adtinet, ocyssime ad me mittas. Nam illorum de eucharistia sententiam hoc libellulo, quem ad te mitto, christianis proposui, ut omnes videant quid ambo de hac re olim apud se senserint, ac si sapere velint, nobis accedant 8 . Volo enim quae hic breviter congessi et quasi gustanda praebui, diligentius ac fusius tractare, idque latine 9 , ut sic vel hypocritis tandem persona detrahatur aut certe infirmitas sanetur.

Vale, charissime Henrice.

Leo Jud tuus.

Que tibi scripsi, lapidi dixerim 10 .

[Adresse auf der Rückseite:]Heimr[ycho] fratri suo c .

b vor quod gestrichen ut me.
c in der oberen Ecke rechts z. T. unlesbare Notizen Juds; der Anfang ist abgeschnitten bzw. durch die buchbinderische Einfassung unzugänglich: — — — meß [?] sye testamentum et signum dei ad vestrum [s. Lk 22,20f; 1 Kor 11,24f u. a.], das ist nitt [?] unser wort noch werk, sondern gottes wort, durch welche er das allein machet, wenn wir sy sprechend [?]. Item dat [?], quod missa non sine [?] — — — bonum opus est [?], edere coenam Christi in fide est bonum opus. Solte er allemal herab vom himmel kommen [?], inen selbs [?]segnen 11 ?
8 Es handelt sich hier um das unter dem Pseudonym «Ludovicus Leopoldi, Pfarrer von Leberau» herausgegebene Büchlein Juds: «Des Hochgelerten Erasmi von Roterdam / und Doctor Luthers maynung vom Nachtmal unsers Herren Jesu Christi / neuwlich außgangen auff den XVIII. tag Aprellens», 1526 (2. Aufl. 1543). Jud wollte mit dieser Schrift den Beweis einer Übereinstimmung des Erasmus mit Luther und auch Zwingli in der Abendmahlslehre erbringen. Er versuchte dies auf Grund von Äußerungen in den Frühschriften des Erasmus, wobei er freilich der Gedankenwelt des Humanisten nicht immer gerecht wurde. Der empörte Erasmus, der sich nicht einmal über die Identität des Autors im klaren war und Pellikan (s. unten S. 201f, Anm. 11) in Verdacht hatte, antwortete im Juni mit der Schrift: «Praestigiarum libelli cuiusdam detectio» (LB X 1557-1572). Sie erschien bald auch in deutscher Übersetzung. Erasmus beteuerte, daß er mit seinen Äußerungen den Boden der katholischen Lehre über die Realpräsenz nie verlassen habe. Jud antwortete in seinem Büchlein: «Uf entdeckung Doctor Erasmi von Roterdam / der dückischen arglisten / eynes tütschen büchlins / antwurt und entschuldigung Leonis Jud», 1526. Er wies die Beschuldigungen wegen der anonym herausgegebenen Schrift zurück und suchte die Gegenargumente des Erasmus zu entkräften. Er würde auf diese Antwort verzichtet haben, hätte man nicht mit einer deutschen Übersetzung, die ungenau und tendenziös verschärft sei, eine Massenwirkung erzielen wollen (Bl. a iij r. - v.). Erasmus antwortete nicht mehr, so daß die Kontroverse damit ein Ende nahm. Obwohl die Schriften Juds bei Erasmus nichts fruchteten, hatte seine Aktion ihr heimliches Ziel erreicht: Die Autorität des großen Gelehrten konnte auf der Badener Disputation nicht gegen die Evangelischen ausgenützt werden. Kurz nach Erscheinen der ersten Schrift Juds lehnte Erasmus die Teilnahme an der Disputation mit Berufung auf seine schlechte Gesundheit ab, s. Köhler, ZL 1143-150; Willehad Paul Ecken, Erasmus von Rotterdam, Werk und Wirkung, Bd. II, Köln (1967). — Zeugnisse der Buchkunst, 4. Buch, S. 385 f; Schriften und Gegenschriften ausführlicher zitiert bei Salomon Heß, Erasmus von Roterdam nach seinem Leben und Schriften, Zweyte Hälfte, Zürich 1790, S. 271-293. — Auf Grund von Juds Bitte (s. Brieftext) ist anzunehmen, daß Bullinger zu seiner Antwort an Erasmus theologisches Material beigesteuert hat, s. Köhler, ZL I 149. Diese Bitte erfolgte aber nicht im Hinblick auf die Gegenschrift des Erasmus vom Juni 1526, da Jud hier offenbar noch nichts von deren Erscheinen wußte und sogar seine Anonymität gewahrt haben wollte (s. unten), was ja nachher in seiner Antwort nicht mehr der Fall war. Eine Datierung auf Juni (Köhler, ZL 1149, Anm. 3) erscheint also schon aus diesem Grunde nicht zwingend.
9 Dazu hatte Jud keinen Anlaß mehr, da Erasmus schwieg und im Abendmahlsstreit keine Rolle mehr spielte (s. oben Anm. 8; auch Köhler, ZL 1150).
10 Vgl. Otto 185f, Nr. 911. Dieser Wunsch betrifft zweifellos die Geheimhaltung seines Namens als Verfasser.
11 Diese fragmentarischen Notizen Juds waren nicht für Bullinger bestimmt und befanden sich nur zufällig auf der Rückseite des Briefes. Sie sind nicht den vier gedruckten Schriften dieser Kontroverse (s. oben Anm. 8) entnommen und stehen auch in keiner direkten Beziehung zu diesen.

20

[BULLINGER] AN
WOLFGANG JONER
[Kappel,
Mai / Juni ? 1526 ]

Autographe Abschrift: Zürich ZB, Msc A 82, 106r. - 107r. 11/2 fol. S., sehr gut erhalten Ungedruckt

Auf Wunsch Joners gibt Bullinger eine Auslegung des Gleichnisses von den Arbeitern im Weinberg (Mt 20,1-16).

Volcatio lonero, abbati et moecenati [!]dignissimo, gratia et pax multiplicetur. De loco Mathei 20 [1 ff] quae citra praeiuditium sentimus quaeque tu a nobis efflagitas, paucissimis sic accipe.

Audierat Petrus apud homines non esse || 106v. possibile a ut quisquam salvus fieri possit [Mt 19,23ff], apud solum deum id plenissime collocatum depositumque esse, hoc est salutem non contingere ex hominum meritis, sed tantum ex gratia, munificentia et liberalitate dei. Qua re motus Symeon Petrus ait: Quid igitur, domine? Nunquid frustraneum, quod te sumus sequti omnibus relictis? Nunquid ceteris excellentiores erimus [Mt 19,27]? Putaveramus profecto nos multo amplissimum praemium recepturos, igitur nunc primum audimus, quod omnia hominum opera sunt frustranea?

Huic respondet Christus principio esse et contingere sanctis praemium, sed id quidem non ob opera aut merita, sed tantum ob gratiam, quae omnes ex aequo aequali praemiat praemio et monet, ne ob vocationem sive fructus vocationi dignos sive Symeon sive alius quispiam efferatur, eo b quod multi deiiciantur, qui sibi firmissime stare videntur 3 , et rursus multi abeuntes vocentur iacentesque erigantur ad dominum. Verum ista quam dilucidissime et copiosissime prosequitur similitudine, ne qua verbis inesset obscuritas; et sic docuimus in «Propheta» 4 nostro adhiberi parabolas. Est ergo paterfamilias deus, qui ceu diligens et fidus paterfamilias providentia sua omnia regit et adornat. Porro vinea regnum est evangelicum, quod ut in Christum palmitem unicum innititur, imo vitem veram, sic a patre in hoc 5 putatur 6 , ut in fide, charitate et patientia vitaeque innocentia pulcherrimos ferat botros. Iam quemadmodum paterfamilias primis et novissimis idem praecium

a oben aRvB fortlaufend: Epistolae aliquot de variis rebus ad diversos scriptae.
b eo übergeschrieben.
1 Siehe oben S. 481, Anm. 4.
2 In Bullingers Kopialbuch (s. die Einleitung oben S. 26f) ist der Brief zwischen 11. Mai und 25. Juni 1526 eingeordnet.
3 Vgl. 1 Kor 10,12.
4 De propheta libri duo, 1525, lib. I, cap. 20 «De parabola quid, et quomodo tractanda sit», Zürich ZB, Msc A 82, 23v. -25r.; Bullingers Schrift ist u. a. Wolfgang Joner gewidmet, s. oben Nr. 10.
5 Finales «in» (mit Akkusativ) in der Bedeutung: dafür, deshalb, s. Leumann-Hofmann-Szantyr, Lateinische Grammatik, Bd. II (Syntax und Stilistik von J. B. Hofmann, neubearb. v. Anton Szantyr), München 1965. — Handbuch der Altertumswissenschaft, II. Abt., 2. Teil, II. Bd., S. 274. 6
Als Fachausdruck der Gärtnersprache: (Bäume, Weinstöcke) beschneiden.

pendit, imo et primos acriter carpit, postremos benigne adloquitur, sic deus omnes ex aequo vita aeterna donat et aliquoties primos et fideles et qui sibi ceteris videbantur fortiores corripit, in peccata trudit, penitus confundit, ut sese agnoscant nec efferantur, postremos vero in atiem producit, ut misericordiam dei decantent et nos gratiam laudemus et agnoscamus. Illius exemplum est David 7 et Petrus 8 , huius vero Magdalena 9 et Zacheus. 10 Proinde nemo desperare, nemo debet efferri. Et quemadmodum praemium non contingit iuxta laborum quantitatem, sed tantum ex patrisfamilias pacto, sic iustitia nobis non contingit ex merito, opere, aut labore nostro, sed tantum ex pacto, hoc est ex providentia et gratia. De qua re vide Roma. 9 [6 ff] et Ephe. 1 [4ff]. Quod si murmuras, iam respondet dominus: «Amice, non facio tibi iniuriam» etc. [Mt 20,13]. Quemadmodum etiam Paulus: «Quis prior dedit illi?» etc. [Röm 11, 35]. Et rursus: «Nunquid dicet figmentum ei, qui se finxit» etc. [Röm 9,20].

Porro similitudinem illam elegantissimam gemina claudit greek (sententia)12 . Prior: «Sic novissimi erunt primi» etc. [Mt 20,16]. Quasi diceret: ||107r. Discite ergo hac parabola non sperare in opera, quando unum est omnium praemium aequale, discite non sperare in vosmet ipsos; nolite efferri, si quid boni fecistis, sed timete, nam deiici potestis: Roma. 11 [20]. Posterior: «Multi enim sunt vocati» etc. [Mt 20,16]; quae priorem interpraetatur, ut geminarum sententiarum mos est, quasi velit dicere: Nam certissime vobis dico, quod non omnes c , quibus verbum praedicatur quique se credere putant et multa operantur, salvi fiunt, sed qui electi sunt ab aeterno et qui in corde trahuntur. Roma. 8 [29], 9 [6ff], loan. 6 [44], 2. Thessalo. 3 [5].

Vale.

c am Rande von fremder Hand: 1526.
7 Vgl. 2 Sam 12, 13.
8 Vgl. Mt 26,69-75 par.
9 Mit «Magdalena» ist die sogenannte große Sünderin von Lk 7,36-50 gemeint, vgl. Z VI/II 801, 3 und Anm. 2.
10 Vgl. Lk 19,2-10.
11 Instrumentaler Dativ mit Jota adscriptum statt subscriptum. Zu greek hier synonym mit sententia s. Lausberg 872. 1121.
12 Übersetzung: Sodann schließt er [Jesus] das überaus feine Gleichnis mit einer doppelten Sentenz.
13 Vom Adverb greek umschreibend; vgl. S IV 120; zur Periphrase s. Lausberg 589 ff.

21

[BULLINGER] AN
RUDOLF WEINGARTNER
[Kappel],
25. Juni 1526

Autographe Abschrift: Zürich ZB, Msc A 82, 107r. -v. 1 1/2 fol. S., sehr gut erhalten Ungedruckt

Auf Wunsch Weingartners gibt Bullinger eine Auslegung von Lk 6,20ff und Mt 16, 13 ff.

Rodolpho a Wingartero, Tuginorum episcopo, gratiam et pacem.

Petisti proximis litteris 2 ut paucissimis tibi declamationes subornaremus in Luce cap. 6[20ff] et Mathei 16[13ff]. De priore evangelio hoc habuimus: Quemadmodum apud Matheum in quinto [Mt 5,13ff]legem interpraetatur Christus, sic hoc loco docet lege exigi spiritum, ut credamus, Galat. 3[2ff], et diligamus, 1. Timoth. 1 [5ff], Romanos 13[8ff]. Interim et in Pharizeorum interpraetationes invehitur, unde apud eundem Matheum: «Nisi abundaverit iustitia vestra» etc. [Mt 5,20]. Hoc loco posteaquam diu in lege explicanda desudasset, tandem subiicit summam et dicit: «Estote igitur misericordes, sicut pater vester misericors est» [Lk 6,36], qui, cum «solem suum super bonos et malos oriri sinat», Math. 5[45], vos similiter benefacite benefactoribus et malefactoribus. Estque charitatis locus, quae hic exigitur, quae proximi miseretur, 1. Ioan. 3[10ff], quae temere fratrem non judicat, Roma. 14[10ff], neminem condemnat, hoc est calumniatur, Psal. 14 [15,3], ac omnibus condonat noxam: Math. 6[12], 18[21ff]. In summa, charitas nunquam non bene facit, dat intritam mensuram et recipit: 2. Corinth. 8[13ff]. Et hactenus de lege, quomodo exigat charitatem.

Iam et pharizeos cum eorum interpraetatione culpat, dicens: «Numquid potest coecus coecum ducere?» [Lk 6,39]. Pharizei, cum sint coeci, sine fide et misericordia, non poterant indoctis quicquam auxilio esse; nam fieri non potest, ut discipulus sit supra magistrum. Pharizei autem magistri sunt, attamen coeci, ergo necessum erat et populum esse coecum; eadem enim perfectio in discipulis, quae in magistro. In magistris nulla, ergo et in discipulis nulla. Oportet, ut eadem factis praestemus, quae tradimus ore: «Quid enim vides festucam» etc. [Lk 6,41]. De qua re b vide Roma. 2[17ff]. In summa, charitas a deo in lege imprimis exigitur et est perfectio legis. Et qui alios docere vult, ipse doctus sit oportet, et qui in re quapiam ||107v. quemquam corripere vult, ipse ab eo vitio alienus sit oportet. Unde ad Timotheon Paulus: «Oportet episcopum esse irreprae [hensibilem] » [1 Tim 3,2].

Porro in Math. 16 voluit Christus suis semel ostendere novi testamenti populum, quid ab eis exigatur et quod ii sunt, qui confitentur Iesum esse Christum. Primum autem requiritur, ut credant, hoc est fides requiritur: Ebrae. 11 [1 ff],

a oben aRvB fortlaufend: Aliquot epistolae de variis rebus ad diversos scriptae.
b aus quare korrigiert.
1 Siehe oben S. 47f, Anm. 1.
2 Unbekannt.

Roma. 10[6ff]. «Quem vos me esse dicitis?» [Mt 16,15]. Fides illa non ex nobis, sed uno deo promanat: Ioan. 6[44]. «Caro et sanguis» etc. [Mt 16,17]. Fides illa est, qua confitemur et corde credimus Christum esse filium dei, qui vitam nobis sua passione et resurrectione contulerit et iustitia ac satisfactio coram patre sit: Ioan. 6[40], Roma. 4[24f], 10[9], 1. Corinth. 1 [30]. «Tu es Christus» [Mt 16,16].

Qui hanc fidem corde gerunt et ore confitentur, fundati sunt supra petram Christum, 1. Corint. 3[11], 1. Petri 2[2ff], 1. Corint. 10[4] et «super hanc petram» [Mt 16,18]. Ergo contra eos non praevalet neque mors neque infernus, quia «absorpta est mors» etc., 1. Cor. 15[54], et fides est victoria, Mathei 16[16ff], 1. Ioan. 5[4], et «qui Christi sunt, crucifigunt carnem», Gal. 5[24], ita ut pro peccato reliquiae non reputentur, Roma. 8[2ff], «et porte inferorum non praevalebunt» [Mt 16,18]. Ut autem de victoria et salute illa fideles omnes scirent, eliguntur apostoli et illis dantur claves, quibus haec salus reseratur, nempe verbum evangelii. De qua re exactius Zuinglius in «Commentario, De clavibus» 3 . Iamque vale.

25. iunii in 1526.

3 De vera et falsa religione commentarius, 1525, Abschnitt «De clavibus», Z III 723-741.

22

BULLINGER AN
HULDRYCH ZWINGLI
[Kappel,
Herbst 1526?]2

Autograph: Zürich StA, E II 349, 275 1/2 S. 8°, sehr gut erhalten, mit Siegelabdruck Gedruckt: S VIII 235; Z IX 597

Bittet um Zwingli: Meinung über die Höllenfahrt Christi.

Gratia et pax a domino.

Rogo te plurimum, Zuingli mi, ut paucis mihi mentem tuam adaperias atque edoceas, quid rei sit, quod Christum ad inferna descendisse confitemur 3 . Sunt enim ex doctis hodie non pauci, qui mira hic comminiscuntur, interim ut nihilo minus ipsi sese torqueant et lectores avidos a se dimittant.

Vale.

Heilrych Bullingerus tuus.

[Adresse auf der Rückseite:]Hulderycho Zuinglio, fratri in domino charissimo.

1 Siehe oben S. 67, Anm. 6.
2 Der Brief wurde im Zwinglibriefwechsel auf «etwa 8. November 1528» datiert (Z IX 597), in der Annahme, er sei durch den Streit zwischen den beiden Schaffhauser Pfarrern Benedikt Burgauer und Erasmus Ritter über die Höllenfahrt Christi veranlaßt worden, s. Oekolampad an Zwingli, 8. November 1528 (Z IX 595f). Eine Beziehung Bullingers zu diesem Streit ist jedoch nicht nachweisbar, s. Staedtke 283. Anlaß zu diesem Brief wird vielmehr eine Anfrage des Zuger Pfarrers Rudolf Weingartner (s. oben S. 47 f, Anm. 1) gewesen sein. Bullingers undatierte Antwort an ihn: «De articulo fidei, descendit ad inferna ...» (s. unten Anhang II, Nr. 8) dürfte, nach der Ordnung des Kopialbuches, gegen Ende 1526 entstanden sein. Offenbar wollte sich Bullinger vorher bei Zwingli über die Frage informieren; demnach wäre dieser Brief auf etwa Herbst 1526 zu datieren, s. Staedtke 283. — Bullinger lieferte Weingartner vom Sommer 1526 an über ein Jahr lang theologisch-exegetische Informationen (s. oben S. 47, Anm. 1), was sich mit unserer Datierung gut vereinbaren läßt. November 1528 käme dagegen als Datum dieses Briefes schon darum nicht in Frage, weil Weingartner damals bereits fest auf der katholischen Seite stand: sein Verhältnis zu Bullinger war gespannt, und im September 1528 hieß es sogar, daß er die Zürcher «ketzere» (ebenda).
3 Zur Vorstellung von der Höllenfahrt Christi in der Reformationszeit s. Erich Vogelsang, Weltbild und Kreuzestheologie in den Höllenfahrtsstreitigkeiten der Reformationszeit, in: Archiv für Reformationsgeschichte, 38. Jg., 1941, 90-132; Staedtke 172f. — Zwinglis Antwort ist nicht erhalten.

23

BULLINGER AN
HEINRICH BUCHTER
Kappel,
3. April 1527

Autographe Abschrift: Zürich ZB, Msc C 86 a, Nr. 3, 29v. 3/4 S. 4°, sehr gut erhalten Ungedruckt

Bullinger betont die lautere Absicht bei der Verfassung seines nach diesem Widmungsbrief folgenden Werkes über das weibliche Geschlecht.

Heinrychus Bullingerus Heinrycho Buchtero salutem et christianam innocentiam a deo per Christum.

Aristotiles [!] ille Stragirites 3 [!], in philosophorum albo haudquaquam postremus, adeo putabat ad morum corruptelam picturas lascivas facere, ut non dubitarit principes admonere, legibus istas penitus esse proscribendas 4 . Eo igitur flagitiosius foret, si quispiam christianorum eo raperetur dementiae, ut id sibi ceu augustum sumeret, quod tanta indignatione a gentibus videt esse repulsum. Cumque hoc ipsum ego non ignorarem, adeo demens non fui, ut id pingi curarem, quod mihi meam fidem certo senseram obscuraturum. Quod ergo finxi, ita pingi curavi, ut non modo aphrodisium 5 non esset, sed ne a maximis quidem nostrae religionis dissentiret mysteriis. Id quod et libello hoc 6 affatim ostendimus, quem tibi in praesentiarum dedicamus, potissimum vero, ut intelligas eiusmodi picturam, qualem tu Tiguri nuper ex officina primum redeuntem vidisti, non dedecere

1 Heinrich Buchter, gest. 1547, von Zürich, spätestens seit 1519 Konventherr in Kappel (vgl. «Regesten derjenigen Urkunden des Cistercienserklosters ... zu Kappel, welche nicht in der Sammlung von Gerold Meyer von Knonau enthalten sind», Nachlaß von Arnold Nüscheler, 19. Jh., Zürich ZB, Msc R 337, 168), zuerst Kaplan und seit 1526 Pfarrer im nahen Kilchberg (Kt. Zürich), einer Kollatur des Klosters Kappel; 1528 nahm er mit der Zürcher Delegation an der Berner Disputation teil (ABernerRef I 1466). 1530 wurde Buchter Pfarrer in Zurzach (Kt. Aargau), wo er 1531 in einer Predigt die Messe als größte Ketzerei bezeichnete, die je auf die Erde gekommen sei. Daraufhin verlangten die V Orte die Bestrafung Buchters wegen Störung des Landfriedens (EA IV lb 1227; HBRG III 351). Im April 1532 finden wir Buchter als Pfarrer in Hedingen (AZürcherRef 1838), dann noch im selben Jahr in Meilen (Kt. Zürich). Nach dem Tode Kaspar Meganders (s. unten S. 214f, Anm. 53) wurde er 1545 Prediger (Archidiakon) und Chorherr am Großmünster in Zürich. — Mit Bullinger war Buchter gut bekannt (s. Staedtke 287); im Herbst 1524 hielt er sich ja noch in Kappel auf (vgl. aaO, Msc R 337, 170). — Lit.: Leo Weisz, Quellen zur Reformationsgeschichte des Großmünsters in Zürich, in: Zwa VII 193; Hans Willi, Geschichte der Kirche auf Kilchberg am Zürichsee im Rahmen der Entstehung und des Aufbaues der Zürcherischen Landeskirche, Zürich (1944), S. 179; LL IV 414; Pfarrerbuch 47. 226.
2 Kappel als Abfassungsort ist am Ende des Buchter gewidmeten Werkes erwähnt, Zürich ZB, Msc C 86a, Nr. 3, 35v.
3 Aristoteles (384-322 v. Chr.) wurde in der Stadt Stageira geboren.
4 Politik VII, 17; der Satz ist z. T. wörtlich aus der Erasmusschrift «Christiani matrimonii institutio» (LB V 719 B) zitiert.
5 In dieser Form ist das Wort nur als Name eines Flusses in Pyrrha bei Plinius (Nat. hist. XXXI, 2) belegt; Bullinger verwendet es im Sinne von greek (lat. venerius) = aphrodisisch, zum Liebesgenuß gehörig, sinnlich, geschlechtlich, wollüstig. 6
Symbolum suavis et probae matris familias, Zürich ZB, Msc C 86 a, Nr. 3; dazu s. Staedtke 287.

coenobitas et homines bonis litteris deditos, deinde, ut videas et apud christianos, nedum apud Graecorum Alcibiadem 7 , superesse Silenos 8 .

Vale.

3. aprilis anno 1527.

7 Alkibiades, etwa 450-404 v. Chr., athenischer Politiker und Feldherr.
8 Satyrähnliche dämonische Wesen der griechischen Mythologie; der bekannteste war Silen, der Erzieher und Begleiter des Dionysos. Bullingers Hinweis gilt der sprichwörtlichen Redewendung «Sileni Alcibiadis», die einerseits wohl auf die kleinen geschnitzten und zerlegbaren Silenus-Figuren zurückzuführen ist, welche geschlossen eine lächerlich-monströse Gestalt darstellten, in geöffnetem Zustand jedoch das göttliche Wesen erkennen ließen, andererseits auf eine Äußerung des Alkibiades über Sokrates. Der Ausdruck besagt, daß ein unscheinbares oder sogar lächerliches Äußeres oft etwas sehr Wertvolles in sich birgt. Der Gedanke, daß auch die größten Gestalten des Christentums in diesem Sinne Silene waren, wurde bereits von Erasmus ausführlich behandelt, Adagia, 3, 3, 1 (LB II 770-782).

24

BULLINGER AN
ANNA ADLISCHWYLER
[Zürich],
30. September 1527

Abschrift von Hans Rudolf Steiner 4 : Zürich ZB, Msc J 53, 5r. -13r. a 16 2/3 fol. S., sehr gut erhalten Gedruckt: Misc. Tig. I/3 8-24; Pestalozzi 580-588; Christoffel 21-34. Teildruck: Der Mahler der Sitten, Bd. II, 1746. Das 96. Blatt, S. 540-555; Heß I 53-65; Neue Zürcher Zeitung, 17. Juli 1904, Beilage zu Nr. 197 5.

Brautwerbungsschreiben. Bullinger weist darin sowohl auf die Gottgewolltheit als auch auf die menschlichen Vorteile einer Ehe in Liebe und Eintracht hin, berichtet über seine eigene Lage und bittet um baldige Antwort und strenge Geheimhaltung.

a weitere, etwas spätere Abschriften: Zürich ZB, Msc J 59, 79r. -83v. und Msc T 406, Nr.3.
1 Anna Adlischwyler (Adlischwiler), etwa 1504-1564, Bullingers spätere Ehefrau, Tochter des Rapperswiler, dann Zürcher Bürgers Hans (Johannes) Adlischwyler. Dieser war Koch bei Abt Trinkler in Kappel und bei Bürgermeister Hans Waldmann in Zürich, danach Wirt der Zünfte zum Weggen und zur Meisen, auch obrigkeitlicher Weinschenk zum Elsässer. Er starb 1512 auf dem Pavierzug. Obwohl man auf Grund des Ehegerichtsprotokolls vom 2. Juli 1528 (s. weiter unten) 1505 als Annas Geburtsjahr errechnen kann, war sie sehr wahrscheinlich identisch mit dem bereits 1504 im Glückshafenrodel I 489, 24f erwähnten jungen «Annli Adattschwiler», so daß wir spätestens 1504 als ihr Geburtsjahr annehmen müssen. 1523 war sie bereits Nonne im Kloster Oetenbach in Zürich, Halter 173, wo sich 1529 auch ihre Mutter (s. unten Anm. 232) verpfründete. Anna ging gerne ins Kloster, nicht nur ihrer Mutter zuliebe, und blieb sogar nach dem Durchbruch der Reformation dort, wie Bullinger betont (Verzeichnis 1 106; Verzeichnis 3 24). Nach Aufhebung des Klosters am 1. Februar 1525, diente Oetenbach als Sammelkloster für die noch verbliebenen Insassen der übrigen Klöster; von den Dominikanerinnen wohnten nur noch wenige dort, u. a. Anna Adlischwyler (Halter 160ff). Wie aus diesem Werbungsschreiben hervorgeht, war sie der reformatorischen Lehre gegenüber nicht abgeneigt und Bullinger schon seit Jahren bekannt. Auf Bullingers Anfrage gab sie am 27. Oktober 1527 brieflich ihr Jawort, am 29. Oktober folgte eine mündliche Unterredung im Großmünster. Diese Verlobung ohne Zeugen wurde jedoch von der Mutter, die gegen die Verbindung ihrer Tochter mit Bullinger war, nicht anerkannt. Unter dem mütterlichen Druck wollte Anna anscheinend die Verlobung rückgängig machen (s. unten Nr. 26). Als dann Frau Adlischwyler gegen den Willen ihrer Tochter andere Heiratsmöglichkeiten erwog, wandte sich Bullinger an das Ehegericht in Zürich; als Zeugen nannte er Prior Peter Simler (s. oben S. 53, Anm. 2), der bei der Verhandlung einen Brief Annas vorlas, und Zwingli, der zuvor mit ihr ein vertrauliches Gespräch im Kloster geführt hatte. Das Gericht erkannte die Verlobung als rechtskräftig an (Zürich StA, YY 1, 3, II. Teil, 21v. -22r.). Kurz nach dem Tode von Frau Adlischwyler fand die Hochzeit am 17. August 1529 in Birmensdorf statt, im Hause von Bullingers Bruder, Pfarrer Johannes Bullinger (s. oben S. 114, Anm. 17); die Predigt hielt Peter Simler. — Von Annas Persönlichkeit wissen wir wenig. Pestalozzi 312 ff gibt einige Beispiele für das harmonische Familienleben im Hause Bullingers, was sicherlich zum guten Teil ihr Verdienst war. Bekannt ist ihr echt seelsorgerlicher Brief an die Frau ihres Bruders (Christoffel 100). Offenbar war sie eine gutherzige, einfache, sparsame und doch gastfreundliche Frau. Sie starb am 25. September 1564 an der Pest. Aus ihrer Ehe mit Bullinger entstammten sechs Söhne und fünf Töchter. — Lit.: HBD 11, 14ff. 12, 10ff. 18, 15ff. 77, 7ff; Verzeichnis 1 104-106; Verzeichnis 3 23-25; Pestalozzi 53f. 67; Christoffel 20ff; Blanke 87-115; HBLS I 109. — Das hier mitgeteilte Schreiben an Anna Adlischwyler zeigt zahlreiche Parallelen mit Bullingers knapp zweieinhalb Monate früher beendeter Schrift: Volkommne underrichtung deß christenlichenn eestands, wie er möge und sölle in allen stucken mit gott, nutz, eer und fröüd gschicktlich volfürt werdenn. [Datum der Vorrede:] 18. Juli 1527 (Autograph: Zürich ZB, Msc D 200, Nr. 2; ein maschinengeschriebenes und editionsfertiges Exemplar, bearbeitet von Verena Wyss, befindet sich im Institut für Schweizerische Reformationsgeschichte, Zürich; eine erweiterte und umgearbeitete Fassung ist 1540 im Druck erschienen: Der christliche Ehestand, vgl. HBBibl 129ff). Vieles, was im Werbungsschreiben von der Ehe im allgemeinen

Gnad b und frid von gott dem vatter durch unßeren herren Jesum.

Alßo übel stath eß jezund in der wält, daß eß kein wunder ist, ob 6 schon einer frommen tochter alleß daß argwönig 7 , daß ihr auch guter meinung geschriben ist; daß mich zwaren dir hie zu schreiben gewent 8 hete, wo 9 du mich jezund etwaß jahren har nit der maß erkantist 10, daß mein hertz, gmüt und gedanck gar nit geneigt ist uff keinen list nach 11 betrug frommer und einfalter 12 mentschen, besonders zu dir, der mir in sonders erbar und lieb ist umb deiner zucht, einfalte und kintlicher geberden willen, welche mir also wenig ze muth sind zebetriegen oder einigeß wägs zu verletzen, daß ja mein höchster flyß sich alein (züg ich an minen gott himmels und der erden [Gen 24,3]) daruff ländt 13 , daß din ehr und nutz an lib und seel geüffnet, ja gemehret werde. ||5v. Der halben du jezund ane 14 sorg und ohne allen argwon frei dißen brieff in stille läßen solt, mit fleiß und ernstlicher betrachtung, dan eß nit wenig an dem handel gelegen ist, den ich bring; so wirst du mir auch einen großen dienst mit dinem ernst bewißen, den ich aber zu alen zeiten umb dich zu beschulden 15 geneigt bin.

Der allmächtig ewig gott hat unß von anfang geordnet in Christo Jesu zum ewigen leben 16 , alßo daß wir in den fußstapffen dißers seines sohns heryn 17 wandletind 18 . Der selb aber hat unß ernstlich 19 gelehrt, die wält und ihren fürsten mit sambt seinem rych der finsternuß flühen und die himmelischen ding annemmen,

b darüber ein Titel von derselben Hand: Copia schribens herren Heinrich Bulingers selligen an Anna Adlischwileri, einer düster frauwen am Ottenbach alhie, dannen er sy zur ehe begehrt, weliche er auch bekommen. Anno 1527.
1f gesagt wird, stammt aus dem ersten Kapitel («Vom eelichen stand...») jenes Werkes: fol. 33r. -43v.; in der Abschrift von Wyss, S. 4-18. 2
Bullinger hielt sich zum weiteren Studium vom 23. Juni bis 14. November in Zürich auf; er wohnte im «Kappeler Haus», an der Stelle des heutigen Kappeler Hofes, das dem Kloster gehörte und den Äbten als Herberge diente, HBD 11, 8-13; Blanke 79f.
3 Das Schreiben ist auf Montag nach Michaelis (30. September 1527) datiert; im Diarium sagt Bullinger jedoch, er habe den Brief «mens. Octobr. ad d. 17» geschrieben (HBD 11, 16f). Die einzig mögliche Erklärung für diese unterschiedliche Datierung bietet die Annahme, daß Bullinger sein Brautwerbungsschreiben zwar bereits am 30. September geschrieben hatte, die heimliche Übergabe des Schreibens (s. unten S. 141,5) jedoch erst bei passender Gelegenheit, über zwei Wochen später, am 17. Oktober erfolgen konnte. Der Ausdruck «ad diem 17» scheint das zu bestätigen. Offenbar legt auch Blanke 100 die Datierung des Diariums in diesem Sinne aus.
4 Hans Rudolf Steiner, 1631-1694, Statthalter. — Der Text ist der Schreibweise des 17. Jhs. angepaßt.
5 An den angeführten Stellen wird der Brieftext in einer meist fehlerhaften neuhochdeutschen Übertragung wiedergegeben (Ausnahme: Misc. Tig.). 6 wenn (SI I 53). 7 verdächtig.
8 abgehalten.
9 wenn.
10 Wann, wo und wie Bullinger Anna kennengelernt hat, ist unbekannt, s. auch Blanke 88.
11 noch.
12 schlicht, unschuldig (SI I 817).
13 darauf zielt (SI III 1308).
14 ohne (SI I 261).
15 vergelten, verdienen (SI VIII 660).
16 Vgl. Joh 3,35f; Eph 1,3ff; 2 Thess 2,13f.
17 einher.
18 Vgl. Mt 17,5; 1 Petr 2,4.
19 eindringlich (SI I 466).

sitmal 20 wir sterbliche mentschen gar ein kurtze zeit uff erden läbend und aber deß fleisches und der sünden lohn der ewig tod ist, deß geists aber und der tugent ewigs leben. Darumb je noht ist, daß wir alle, die in dem nammen gotes getauft sind und in in durch Jesum Christum zum ewigen leben vertrauwend 21 , die wält und darin verlassend 23 und unß gstaltind nach der bildtnuß gottes, nach welcher wir geschaffen sind [Gen 1,27; Eph 4,24; Kol 3,10]und die wir begehrend ewigklich zu niesßen [!]24 ; welches aber dan beschicht 25 , wen wir an uns nemmend ein tugentrych leben 26 , welches, ob eß glich in vil ständen erfunden 27 wirt, eß doch nirgent lebentlicher 28 ußgetruckt dan in dem ehelichen stand, alß den gott selbs yngsezt hat und gebotten, daß alle die, so der hochen gaab der reinigkeit 29 oder jungfrauwschafft nit fähig, vor allen dingen dißen stand annemmen sollend und ehe vatter und muter verlassen, wo sie ungeschickt 30 , dan diße gottes ordnung underlasßen 31 . So || 6r. wir dan alle wüsßend, wie in großen ehren wir vater und muter haben sollend 32 und wie gehorsam wir inen sein sollend 33 , und aber gott alßo hoch die ehe achtet, daß er hie schlächt 34 nit wil, daß auch die höchst gehorsamme 35 kein hindernuß und uffzug 36 in dißem stand gebäre 37 , sehend wir heiter 39 , wie hoch, thüwr 39 und edel die ehe vor gott ist 40 .

Darzu findend wir keinen stand in götlicher schrifft, der mehr verheißungen hab dan dißer, dan hie findend wir, daß der allmächtig gott verheißt, wie er sy beschirmmen wolle, leiten und erzühen in liebe, einigkeit und groser süße 41 deß geists, in aller gerächtigkeit und in seinen gebotten; dan je in dißem stand sich alle tugenten üben könend: der glaub, liebe, barmmhertzigkeit, hoffnung, gedult, mäßigkeit, zucht 42 und alle gottsäligkeit in Christo Jesu unßeren herren. Darumb wir auch sehend, daß die höchsten und alerthürwertisten fründ gottes [Jak 2,23]in keinem anderen dan disem stand gelebt habent, alß Adam 43 , Enoch 44 , Noe 45 ,

20 sintemal, weil (SI VII 1448).
21 Siehe Röm 6,3ff.
22 Ergänze: alles was...
23 Vgl. Röm 12,2; 2 Petr 1,4.
24 genießen (SI IV 816); vgl. lat. fruitio [Dei].
25 geschieht.
26 Vgl. Kol 3,12ff u. a.
27 gefunden.
28 In übertragenem Sinne: lebendiger (SI III 973).
29 sittliche Reinheit, speziell Keuschheit (SI VI 992); öfters bei Zwingli, s. z. B.: «Eine freundliche Bitte und Ermahnung an die Eidgenossen», 1522, worin das hier angedeutete Problem des Zölibates ausführlich behandelt wird (Z I 227ff).
30 Ergänze: zur Reinheit oder Jungfernschaft.
31 Vgl. 1 Kor 7,1 ff.
32 Siehe Ex 20,12.
33 Siehe Eph 6,1.
34 einfach, durchaus, schlechterdings (SI IX 62).
35 Gehorsam.
36 Aufschub, Entziehung.
37 verursache, mit sich bringe (SI IV 1477).
38 klar.
39 teuer.
40 Dieses Argument wurde aus Bullingers «Volkommne[n] underrichtung» z. T. wörtlich übernommen (vgl. aaO, Msc D 200, Nr. 2, 35v.). 41
Süße, Süßigkeit (SI VII 1411).
42 Vgl. 1 Kor 13,13; Gal 5,22f.
43 Vgl. Gen 2,18 ff.
44 Vgl. Gen 5,21ff.
45 Vgl. Gen 6,18.

Abraham 46 , Isac 47 , Jacob 48 , Joseph 49 , Moses 50 , Aron 51 , Josue 52 , Gedeon 53 , Samuel 54 , David 55 , Isajas 56 und im newen testament Petrus 57 , Paulus 58 , Philippus 59 , kurtz gar nach 60 alle ußerwehlten gottes sammenthaft 61 ; auch uß den züchtigisten töchteren beider testamenten Sara 62 , Rebecca 63 , Lea 64 Rachel 65 , Ruth 66, Anna 67 , Judith 68, Hester 69 , Elisabetha 70 und die muter unsers erlößers Jesu Christi, Maria 71 , welche doch in der ehe alein ein einige ewige port 72 und jungfrauw 73 , wie von ihren Isajas [7,14] gewyßaget hat und Ezechiel 74 , je daß wir hieruß gewüß erlehrnind, daß kein tugentricher, kein götlicher, kein früntlicher und lustbarer stand nit 6v. || ist dan der ehelich. Dan waß ist also heilig und züchtig, waß ist also tugentrich und lieblich, daß dise gotes fründ [Jak 2,23] nit gewüst habent? Hetend sy ein beßeren und seel[igeren] stand gewüst vor got, so betend sie den selben angenommen. Sie habend aber in der ehe gelebt, so sol sich
46 Vgl. Gen 11,29.
47 Vgl. Gen 24,67.
48 Vgl. Gen 29,15ff.
49 Vgl. Gen 41,50.
50 Vgl. Ex 2,21.
51 Vgl. Ex 6,23.
52 Vgl. Jos 24,15.
53 Vgl. Ri 8,30.
54 Vgl. 1 Sam 8,1.
55 Vgl. 1 Sam 18,27.
56 Vgl. Jes 8,3.
57 Vgl. Mt 8,14.
58 Bullinger rechnet Paulus, das greek von Phil 4,3 als Anrede an seine Gattin deutend, zu den Verheirateten (noch deutlicher in seiner «Volkommne[n] underrichtung», aaO, Msc D 200, Nr. 2,37 v.). Diese Meinung geht auf Clemens von Alexandrien, Stromateis, III, 6 (MPG VIII 1158 A) und Origenes, Commentarius in epistolam B. Pauli ad Romanos (MPG XIV 839 B) zurück; sie wurde auch von Luther vertreten: «Das siebente Kapitel S. Pauli zu den Corinthern ausgelegt», 1523 (WA XII 109, 12ff). Die Behauptung, daß Paulus verheiratet gewesen sei, findet sich auch in der neueren Forschung, s. Blanke 173.
59 Vgl. Apg 21,8f.
60 beinahe.
61 insgesamt (SI VII 916).
62 Vgl. Gen 11,29.
63 Vgl. Gen 24,67.
64 Vgl. Gen 29,23.
65 Vgl. Gen 29,28.
66 Vgl. Ruth 4,13.
67 Vgl. 1 Sam 1,2.
68 Vgl. Judith 7,1f.
69 Vgl. Est 2,17.
70 Vgl. Lk 1,5.
71 Vgl. Mt 1,18ff.
72 Pforte (SI IV 1633).
73 Die Lehre von der permanenten Jungfräulichkeit Marias, die spätestens seit der Lateransynode von 649 zur dogmatischen Tradition des Abendlandes gehörte (s. Dent. Nr. 503; Walter Delius, Geschichte der Marienverehrung, München-Basel 1963, S. 148), wurde auch von Bullinger beibehalten. In seiner Theologie kommt ihr jedoch «keine mariologische Bedeutung zu, sondern sie ist christologische Umschreibung des <primogenitus et unigenitus>» (Staedtke 158). Die Person der Maria genoß bei Bullinger keine besondere Verehrung - im Gegensatz zu Zwingli, der 1522 «Eine Predigt von der ewig reinen Magd Maria» im Druck herausgab (Z I 385ff).
74 Bullinger weist hier möglicherweise auf die verschiedenen Visionen Ezechiels von den Toren der Heiligen Stadt hin (s. u. a. Ez 10,19; 43,1ff; 44,1 ff; 46,1ff; 47,1). Einen direkteren Hinweis auf die «ewige Pforte und Jungfrau» Maria enthält das Buch Ezechiels nicht.
niemants uß den Christen merkhen lassen, sam 75 eß nit seie ein lieblicher götlicher stand, ehelich syn.

Dan zum ersten, so überwindt man all böß unglauben und ist man gfölgig 76 gotes gebotten, die aber daß fleisch schwer bedunkend 77 ; so werdent zu gotes ehr die kinder erzogen und auch zu nuz der mentschen 78 ; so darf man frei zu got in nöthen lauffen und sprächen: Herr, ich hab dines wilens pflegen und dine bott gehalten, darumb so hilf, wie du wahrer gott verheißen 79 hast! Und hie übt sich die hoffnung; gath eß dan wol, so ist danck dabei, alßo daß daß gemüth immerdar an gott haftet und er von gantzem hertzen geliebet wirt 80 . Wan dan eins kranck, trurig oder frölich ist, hats dan alwegen einen einigen ewigen (der zeit) gespannen 81 , der lieb und leid mit im tragt. Glich wie ein gild mit dem anderen mit halt 82 , einß dem anderen dienstbar und behilflich ist, also ist auch hie ein unentliche liebe, bereite dienstbarkeit und unzertränliche einigkeit, daruff unser gott und schöpfer auch gespilt 83 und geredt hat, «die zwei sollend sin ein lyb», je daß wo die ehe mit gott bezogen 84 wirt, da ein unsagliche 85 froüd auch im lyden selbs regiert und nimer biß zur prüfung gotes 86 ußlöscht etc. Darvon alein denen, so solches erfahren habent oder in gottes wort und geist gelehrt sind 87 zewüsßen ist, daß eß hie nit statt hat 88 , mer darvon zu schryben. ||7r.

Sprichst du: Wo sind frölich ehelüth, die also in gotsforcht lebend, in fröuden und ruw? Eß ist doch nüzit dan 89 alle unruw, zanggen 90 und schlagen etc. — Sich hie und merkh, daß der frommen lüthen nach 91 vil sind und, ob 92 got wil 93 , täglich zunemmen werdint, so wir täglich gotes willen durch sein wort erlehrnend. Die wahren glaübigen sehend alein daruff, daß sie habind ein rein gewüssne und ein rüwig 94 hertz 95 , daß ist, daß sie mit got wol verricht 96 seyent und ab im 97 nit erschräkent, wen er kombt mit inen zu rächnen 98 ; daß ist daß höchste kleinot, daß wir uff c erden haben mögend. Wo aber ein solich geruwet 99 gemüt

c uff irrtümlich doppelt.
75 als ob (SI VII 902f).
76 folgsam (SI I 813).
77 Vgl. Röm 8,7.
78 Vgl. Dtn 6,20ff.
79 Vgl. u. a. Dtn 6,17-19; Ps 119,1ff.
80 Vgl. Dtn 6,5; Mt 22,37.
81 Lebensgefährte (SI X 297).
82 Vgl. I Kor 12,12ff.
83 angespielt (SI X 179).
84 eingegangen (Grimm I 1800).
85 unsäglich, unsagbar (SI VII 422f).
86 Gemeint ist das Jüngste Gericht (vgl. u. a. Mt 25,31ff).
87 Vgl. Joh 6,45; 14,26; 1 Joh 2,27. 88 es ist nicht der Platz (SI XI 1695).
89 nichts als.
90 Zanken.
91 noch. 92 wenn.
93 Siehe Jak 4,15.
94 ruhig (SI VI 1902).
95 Vgl. 1 Tim 1,5; Hebr 10,22.
96 ausgesöhnt (SI VI 428).
97 vor ihm.
98 durch Vergleichung der gegenseitigen Forderungen abrechnen (SI VI 116). Zum ganzen Satz vgl. Mt 24,44.
99 ruhig, ungestört (SI VI 1899).

in got nit ist, da mag 100 nüzid von ussen har kommen, daß solichen mentschen zu ruwen 101 setze, und so dan etwaß unruwen und unraths in der wält im ehelichen stand, ist solches nit der ehe, sonder deren lüthen schuld, die solchen hochen stand nit rächt annemmend. Dan man ehen fint, die gar zwungen sind, so fint man, so alein umb deß guts wilen bezogen werdent oder aber uß holdschafft 102 , daß ist uß unsinigkeit 103 beschehend; 104 danen har 105 kombt, daß nach der trütel wuchen 106 garkein frid ist. Wenig sind, die eß mit gott und der gerächtigkeit 107 anhebend 108 und weniger, die liebe, zucht und gotsforcht 109 herin suchend. Waß kan aber da guts sein, da kein got ist 110 ? Und von danen kombt, daß sich die jungen göffel 111 und oftmals auch die alten narren uff geerbts oder gewunen guts verlassend und nit hörend 112 , 112 bis eß ales üpigklich verzeert ist. Da ist dan bulen 113 , spilen, suffen 114 , rasßlen 115 , wullen 116 , da heimben aber bei dem wyb murren, schelken 117 , wüeten, schlachen 118 , ja auch hunger, elend, armmuth ||7v. und verachtung. So aber der mehrtheil in der ehe allein sein lust und nutz ohne got sucht, ist kein wunder, ob 119 wir vil unlust in der ehe zu dißer zeit sächend, dan eß kurtz ab 120 nit gsyn mag, daß da seie einigkeit, liebe und lust, da kein gotsforcht ist; sitmal rychthumb, wält, wolust ohne gott nüzid anders ist dan die hell hie und dort ewige verdammnuß 121 . Eß ist ohne zweifel unsers unglaubens und unredlichen gmüts grächte 122 straff von gott, dan die wil 123 wir unßeren anfächtungen mehr nachgönd den gottes liecht 124 und mehr sähend uf adel, rychthumb, pracht, stöltze, hoffart, wust 125 , dan uf tugent, gotsforcht, deemut, treüw und zucht, beschicht 126 unß grad rächt, daß wir dan also unfrüntlich dan [!]127 unvernünftig
100 kann.
101 Das «unruwen» der Vorlage, das keinen Sinn ergibt, wurde nach Misc. Tig. 1/3 12 und Pestalozzi 582 abgeändert.
102 sinnliche Zuneigung (SI II 1184).
103 Unverstand, Torheit (SI VII 1071).
104 geschehen.
105 daher.
106 Flitterwochen (Grimm III 1808).
107 Vgl. Mt 6,33.
108 anfangen.
109 Vgl. Hebr 12,88.
110 Vgl. Mt 10,18.
111 Tölpel (SI II 131f).
112 aufhören.
113 «Ein Mädchen nächtlicher Weise besuchen; in älterer Sprache geradezu beschlafen» (SI IV 1187).
114 Saufen.
115 in Saus und Braus leben (SI VI 1283).
116 Gemeint ist «wüelen»: Lärmen, Toben.
117 Tadeln, Schelten (SI VIII 686f).
118 Schlagen. 119 wenn.
120 mit einem Wort.
121 Vgl. Lk 8,14; 16,19ff.
122 gerechte.
123 weil.
124 Vgl. Joh 3,19.
125 wüstes Leben.
126 geschieht. 127 «so unfreundlich, gleich den ... Tieren» (Pestalozzi 582).
thier 128 mit ein anderen lebend; wo man aber mit got die sach an die hand nimbt, übertrift zwaren 129 gar kein stand dißen.

Alß ich aber solches und anders bei mir selbs gar nach 130 bei 3 jahren ernstlich betrachtet hab und je allweg erfunden, daß ewiglich also bliben und frei mines libs sein weder von got nach 131 der wält mir wol anstahn wil, daß ich keinen anderen weg zur tugent von sünden finden kan dan den einigen, den got 132 verordnet , Christus Jesus anzeigt 133 und dan mehrentheilß die fründe gotes gewandlet sind. Darzu mich auch mein ambt deß lehrens tringt, daß min lehr nit geistlich und leben üppig, auch vil ehrlicher lüthen und die mir zu gebieten hand rathend 134 , hat mich noth bedunckt, daß ich mir hierzu einen eingen und ewigen (der zeit) gspannen ußerwehlte, mit dem ich disen stand rächter maaß ||8r . annemme. Und wie wol mir darzwüschent etwas antragen 135 , deß ich zwwaren [!] nit wirdig nach gnoß 136 , hab ich doch nach nie (vilicht uß gotes ordnung) zu deren keiner min hertz und gmüt gesezt 137 , dan du alein die einig bist, die ich mir fürgeschlagen 138 . Got weists alein, ob du mir verordnet bist, und hat sich min wahl uff din red und geperden 139 gegründet, alßo daß ich mir nach fürgebildet 140 hab, du seyist ein solche, in deren gotsforcht und zucht seie und mit deren ich in lieb und leid und in allem, daß gotes wilen ist, leben möchte. Dennocht ligt solches zu einem theil an dir, zu mehrerem aber am gott. Dem selben sitmal ich wol vertrauwt, hab ich dißen brieff geschriben, auch dinen willen zu vernemmen, auch dinen stand zu hören, ob sichs also erfunde und gott unser schöpffer füegte, daß wir dißen früntlichen stand mit ein anderen bezugind. In dißem allem beschehe der wil gotes [Mt 6,10], die wil eß aber auch ein unglichß 141 were, wan ich din willen und weßen erforderte von dir und du mineß nach nit bericht werist, so wil ich dir fürhin all min weßen fürhalten 142 , guter hoffnung, wo du etwaß willen uß verordnung gotes zu mir hebist, thüeist glichß und flißist 143 dich auch der warheit, die ich dir hie bei allen trewen schwere 144 .

Erstlich mines wilens halb zu dir hast du jezund wol verstanden, daß, wo eß sich betreten 145 möchte mit beider stenden, ich dir alein geneigt were; dan bilich ists, daß glichß zu glichem kum, und stath aber diße gliche nit im adel und richthumb, sonder zum höchsten in dem ||8v. gmüt.

128 Siehe 2 Petr 2,12.
129 wahrlich, wahrhaftig.
130 nahe bei, beinahe.
131 noch.
132 Vgl. Gen 2,18ff.
133 Vgl. Mt 19,4ff.
134 Bullinger muß hier in erster Linie an Abt Wolfgang Joner (s. oben S. 481, Anm. 4) und Prior Peter Simler (s. oben S. 53 f, Anm. 2) gedacht haben; beide waren seit Anfang 1527 verheiratet.
135 zur Ehe anbieten (Grimm I 503).
136 ebenbürtig (war): SI IV 820.
137 Von diesen früheren Heiratsmöglichkeiten ist, dank Bullingers Diskretion, nichts bekannt.
138 vorgenommen (SI IX 452).
139 Benehmen.
140 ausgemalt, vorgestellt (Grimm IV/I I 665f).
141 etwas Unbilliges (SI II 598).
142 vorhalten, zeigen.
143 befleißigst.
144 schwöre.
145 finden, treffen (Grimm I 1713f).

Demnach hat eß ein solche gstalt umb mich, und zum ersten ist dir ohne zweiffel von minem heimmat und minen elteren wol zu wüsßen, daß eß nüt weiters schribens bedarf; doch wurdist du nit uff di minnen, sonder uff mich sehen, mich wurdist nemmen und nit die minen, wie wol sie sind fromm biderb lüth 146 .

So bin ich nie gewycht 147 auch mit der minsten , wyche 148 nit, bin frei, keineß herren libeigen, bin 23 jar alt, bin niemants uff erden nüzid schuldig und verbunden, wie die unfreien.

Ich hab auch von kints weßen uff mit gotes hilff also gelebt under den mentschen, daß ich an keinem ort nie einige unehr begangen hab, alßo daß ich nit dahin kommen bedörff 149 , von danen ich gescheiden bin 150 , ußgenommen wo daß evangelium Christi verhast ist 151 daß aber dißen articel deß lümbdens nützid , antrift, dan Christus selbst geschmecht ist unbilich.

So hat got die gsundheit mines libs also vergaumbt 152 und verhüt, daß ich innert 20 jahren nit alein kein nammhaft läger 153 nie gehabt, sonder nie mit nambhafter kranckheit behaft geweßen bin 154, auch hüt zum tag (got seie min schirm!)155 keinen siechtagen 156 underworffen bin, alß da sind blateren, hirn wüete 157 , podagra 158 , wasser sucht, fallen 159 etc. Wol hab ich vom studieren ein blöd 160 gsicht 161 und zun zeiten ein blöd haubt, dahin auch hört 162 , daß ich etwan gäch 163 und zorn mütiger bin, doch nit häsßig und uffsezig 164 , alß den wol nachlassen 165 und bald vergäsßen kan, besonders wo man nit d büchßen pulffer 166 zu wirft.

||9r. Ich hab auch keinen anhang bößer buben, die mich ursachind 167 zu spilen, daß ich doch nie lehrt, oder zu suffen und kriegen, ab dem ich ein grewel hab, oder zu bulen, welches ich zu vermiden der ehr nachstell 168 ; so hab ich kein kind

d in der Vorlage irrtümlich mit.
146 Vielleicht will hier Bullinger als Priestersohn auf seinen «Geburtsfehler» anspielen und diesem Einwand von vornherein die Spitze nehmen.
147 geweiht.
148 niederste Weihe.
149 dürfte.
150 von wo ich weggegangen bin.
151 Dazu s. oben S. 114, 4-6.
152 behütet.
153 Krankenlager (SI III 1170).
154 Seine Erkrankung an der Pest im Kindesalter (s. HBD 2, 3f; Pestalozzi 9) dürfte demnach bereits im Laufe seiner ersten drei Lebensjahre erfolgt sein.
155 Vgl. Ps 32,7.
156 Krankheiten (SI XII 994ff).
157 Tobsucht (Grimm IV/II 1563).
158 Podagra, Fußgicht (SI IV 1020).
159 Fallsucht, Epilepsie (SI I 751).
160 empfindlich, schwach (SI V 25).
161 Gesichtssinn (SI VII 251).
162 gehört.
163 jähzornig (SI II 101).
164 gehässig.
165 nachgeben.
166 Schießpulver (SI IV 1206).
167 verursachen würden.
168 um das zu vermeiden, trachte ich nach der Ehe (SI I 391; XI 183).

niemants, der bei mir trag nach soüg 169 , bin auch mit keiner der gstalt verhaft, daß mich gen dir leide 170 etc. Ich hab auch sonst keinen anhang.

Auch so hab ich einen alten vatter 171 ob den 172 60 jahren und ein muter 173 ob den 55 jahren, auch einen bruder 174 , ist 8 jahr elter dan ich. Dem selben und mir habend sie ales gemacht 175 daß sie habend, trift jezund etwaß ungefährlich ob den 1400 lb 176 , doch mit dißen gedingen 177 , daß er sin leben lang herr darüber

169 «So hab' ich kein Kind von niemandem zu ernähren», Pestalozzi 584; Blanke 92.
170 dir unwert mache (vgl. SI III 1081).
171 Heinrich Bullinger sen., 1469-1533, Vater des Reformators, aus altem Bremgartner Geschlecht stammend, zog als Wanderstudent durch Sachsen, Thüringen, Franken und Schwaben; nach seiner Rückkehr 1493 wurde er zum Priester geweiht. Am 27. Juni 1493 erhielt er die Michaelspfründe in Bremgarten, s. Eugen Bürgisser, Geschichte der Stadt Bremgarten im Mittelalter. Beiträge zur Geschichte einer mittelalterlichen Stadt, Aarau 1937, S. 116. Er mußte aber zunächst längere Zeit in entfernten Helfereien und Kaplaneien dienen (Konstanz, Arbon, Schwyz und Wädenswil), weil er mit Anna Wiederkehr (s. unten Anm. 173) aus Bremgarten im Konkubinat lebte und darum von ihrem Vater und ihren Brüdern mit dem Tod bedroht wurde. Erst nachdem die beiden Brüder in ausländischen Kriegen umgekommen waren, konnte er nach Bremgarten zurückkehren. Dort versah er die Michaelspfründe als Kaplan und Organist, wurde 1506 Leutpriester, bald danach Kammerer des Dekanates Bremgarten und 1514-1529 Dekan. Er führte ein großes Haus, liebte die Jagd, war gastfreundlich und beliebt; selbst beim Bischof von Konstanz stand er in Gunst. Bekannt ist sein mutiges Auftreten gegen den Ablaßkrämer Samson im Februar 1519. Wann er sich der Reformation zuzuwenden begann, ist unbekannt, keineswegs kann er als «Reformator» des aargauischen Freiamtes bezeichnet werden, s. Jos. Bütler, Dekan Heinrich Bullinger von Bremgarten, der «Reformator» der aargauischen Freiämter, in: Monat-Rosen des Schweizerischen Studenten-Vereins und seiner Ehren-Mitglieder, Jg. 41, 1896/97, S. 15-20. 53—65. Anfang Februar 1529 bekannte er auf der Kanzel vor seiner Gemeinde, daß er bisher blind gewesen sei und aus Unwissenheit irrige Lehre gepredigt habe, in Zukunft jedoch den rechten Weg zur Seligkeit mit dem Gotteswort durch Jesus Christus zeigen wolle. Daraufhin wurde er von dem mehrheitlich reformationsfeindlichen Rat abgesetzt. Seine Appellation an die Stadtgemeinde nützte nichts: der Beschluß wurde bestätigt. Allerdings folgte kurz darauf der Umschwung, der zur Beseitigung des katholischen Kultus, zur Wahl eines evangelischen Predigers, des von den Zürchern vorgeschlagenen Gervasius Schuler (s. unten S. 193, Anm. 5), und schließlich am 18. Mai zur Berufung des jungen Bullinger zum Pfarrer führte. Dekan Bullinger hatte sich nach seiner Absetzung nach Zürich begeben; hier bestätigte er am 31. Dezember 1529 seine Ehe durch öffentlichen Kirchgang (HBD 18, 22-24). Er fand erst im März 1530 eine neue Anstellung unter Zürichs Vermittlung und nach anfänglichen Schwierigkeiten in Hermetschwil (Kt. Aargau), s. Bucher 120ff. Die Pfarrstelle versorgte er vom nahen Bremgarten aus. Nach der Schlacht von Kappel kam er am 21. November 1531 zusammen mit seinem Sohn Heinrich als Flüchtling nach Zürich und lebte in dessen Haus bis zu seinem Tode am 8. April 1533. Er hatte fünf Söhne (s. unten Anm. 173), Heinrich, der Reformator, war der jüngste. — Lit.: HBRG I 16ff. II 59f. 275f. III 266-268; Verzeichnis 1 95-100; Verzeichnis 2 445f; Verzeichnis 3 13-19; Walther Merz, Dokument bezüglich auf Decan Heinrich Bullinger, von 1522, in: Zwa II 399 f; Pestalozzi 4-8. 55f. 61-67; Blanke 5-10. 117f. 123; HBLS II 424.
172 mehr als (SI I 49).
173 Anna Bullinger, geborene Wiederkehr, gest. 1541, Mutter des Reformators, war, nach Bullingers Aussage, die außerordentlich schöne Tochter des Müllers und Ratsherrn Heinrich Wiederkehr in Bremgarten. Obwohl sie und Heinrich Bullinger der Ältere sich gegenseitig eheliche Treue versprochen hatten, lebten sie in einer ungesetzlichen Priesterehe. Erst nachdem sich der Dekan der Reformation angeschlossen hatte und abgesetzt worden war, konnte die Ehe am 31. Dezember 1529 in Zürich kirchlich bestätigt werden. Das Paar hatte fünf Söhne; zwei starben im Kindesalter, die übrigen waren Johannes oder Johann Reinhart (s. oben S. 114, Anm. 17), Hans Bernhard, der 1529 in fremdem Kriegsdienst bei Wien umkam, und Heinrich. Anna Bullinger starb am 16. August 1541. — Lit.: Verzeichnis 1 95-100; Verzeichnis 3 13-16: Pestalozzi 5f; Blanke 5-10.
174 Johannes oder Johann Reinhart Bullinger; seine Lebensdaten s. oben S. 114, Anm. 17.
175 vermacht.
176 Zur Zwinglizeit entsprachen in Zürich zwei Pfund einem Gulden, Paul Kläui, Ortsgeschichte. Eine Einführung, Zürich 1956 2 , S. 125. Wenn man von dem von Jacob 102 verwendeten

seie und ob 178 er vor der muter mit tod abgienge, wir der muter keinen mangel ließind.

So hab ich sunst in unßerem closter 179 min heimb wesen und einen guten stand; da bin ich uffgenommen alß iren einer vom convent, daß ich da lehre. Dahin oder wo ich je sin wurde, ich dich zu mir nemmen etc.

Die richthumb aber, die ich von den minen erben möchte, und der stand, den ich jezund hab, sind jezund gwüsß gnug, möchtend aber durch unfal 180 (wie ale ding) werden geschwecheret. Darumb ich nach 181 einen gewüßeren 182 schatz hab 183 , der gar nit fellen kan, der ist got; der hat mir auch kunst 184 geben, welche, so ichs üben mit trewen 185 , mir gewüßlich nützid geprästen 186 wirt. Sunst seie eß von mir wit, daß ich die gaaben gottes verkauffen wolte 187 ; je ich weiß, daß mich gott nit verlast, die wil ich ihn für meinen gott hab. Dan sein prophet spricht: «Ich bin jung gsin und alt worden, hab doch nie den gerächten ver-||9v. lasßen gesehen, nach sine kind umb brod gahn» 188 . Das schriben ich nur darumb, daß du nit vermeinist, ich wole dich züchen 189 mit miner rychthumb. Wer uff richthumb und uff menschen all sein trost sezt, der ist verflucht [Jer 17,5] 190 und hat keinen himmelischen gott in sinem hertzen. Merkh, bißhar hat man ale ding in clösteren, da der Endtchrist 191 nach regiert, wolen gwüsß und gschliffen 192 haben, nit wölen rächt uff gott vertrauwen; wo du dan auch hie woltist uff minen wolstand sehen und nit dabei auch erwarten, waß dir und mir got mit der zeit wurde zu liden geben, daß du dich dan frei an gott dörffist lassen 193 , so wüsß, daß ich wenig herzens 194 zu dir hete. «Dan wen got liebt, den sucht 195 er» zun zeiten [Spr 3,12], und «alle, die gotselig wolind leben» — schribt Paulus -, «werdent verfolget»

176f «Guldenkurs» von 200 Franken und folglich von der Feststellung ausgeht, daß «fünfhundert Gulden (100000 Franken) und mehr bereits so etwas wie Reichtum» bedeuteten (Jacob 103), dann sind Bullingers Eltern mit 700 Gulden, d. h. 1400 Pfund Vermögen, als reich zu bezeichnen. — Der Vater des Dekans Heinrich Bullinger, Hans Bullinger, galt schon als wohlhabender Mann in Bremgarten, vgl. Verzeichnis 1 93f; Verzeichnis 3 9f; Pestalozzi 4.
177 Bedingungen.
178 wenn.
179 Im Zisterzienserkloster Kappel (s. Einleitung S. 23-25).
180 Unglück (SI I 739).
181 noch.
182 sichereren.
183 Vgl. Jes 33,6; Mt 6,20.
184 Sinn, Verstand.
185 Treue.
186 fehlen, mangeln (SI V 846).
187 Vgl. Apg 8,20.
188 Ps 37,25 wurde auch von Luther in diesem Zusammenhang zitiert, «Vom ehelichen Leben», 1522 (WA X/2 303, 10f). — Zu den von Bullinger gelesenen Lutherschriften über die Ehe s. oben S. 61, Anm. 70. Bullinger kannte auch das grundlegende Werk des Erasmus, «Christiani matrimonii institutio» (LB V 613-724), und benützte es 1527 mehrfach zu seiner «Volkommne[n] underrichtung ...» (s. oben Anm. 1); dasselbe gilt für dessen «Colloquia familiaria» (LB I 625-890), die er schon 1523 mit seinen Schülern durchgearbeitet hatte (HBD 8, 11).
189 ziehen, anziehen.
190 Vgl. auch Ps 62,11.
191 Antichrist. — Gemeint ist wahrscheinlich der Papst (s. auch oben S. 73, Anm. 15).
192 glatt (SI IX 152).
193 auf Gott verlassen.
194 Hier: Neigung, Liebe.
195 versucht er, stellt er auf die Probe (SI VII 220).

[2 Tim 3,12]. Woltest den klagen und undultig 196 sin, alein süßes bei mir suchen und nit daß sur 197 auch versuchen, so wurde eß sich nit schickhen 198 ; eß sol ein lib sin, ein truren 199 , ein froüd. Daß möchte ich mit dir, waß du mit mir, weist selbs wol und zum nützid, daß ich also frei schriben. Man muß ein ding heruß sagen, daß nit hernach ein unraht 200 erwuchse. Ich wolte dir nüzid verwißen 201 ; daß wolte ich auch von dir haben. Eß darff 202 nit vil hoffierens 203 und zenzlens 204 besonders hie, da man in daß lang jahr dinget 205 , da kein scheiden hernach ist. Wan einer nur ein ful 206 rosß kauft, besichtiget ers eigentlich 207 , wie vil mehr hie, wen da kein enderung und wan der kauf einen schon gerüwt 208 ? Kurtz, wo gotsforcht ist und ein gmüt, daß mit got wol verrycht ist und dem nach daß sin wol kan zusammen halten und nit wulet 209 , daß ||10r. tragt lichtlich aleß, waß im got zu liden uffleit 210 , und überkombt 211 auch gnug ehren und guts, und daß mit gott. Wo daß nit 212, da werdent auch grose erb verthan mit schand und leid.

Darzu wüß auch, daß ich in keinen grosen gält schulden oder bürgschaften stäck, dan die ich samft 213 wolte bezallen mit 3 gulden 214 . So darff 215 ich umb kleider in kurzem nit zu sorgen, sitenmal ich mine nit bald 216 auch umb 50 gulden gebe. Sich, also gib ich dir trüwlich min weßen an in den mehreren stücken, damit du keinen betrug fürchtist.

Wüß auch, daß 217 min ambt zu lehren (damit ich dir gar nüzid verhalte) lib und leben eingesezt hab, daß wo eß die noth, die warheit und got unßer herr forderte, ich den balg 218 bei der warheit ließe. Von danen ich auch die morgen gaab nemmen, die ich dir geben wurde und glich mit dem patriarchen Abrahamb etc, dich got ze empfehlen und sprachen: «Got deß himmels und der erden» [Gen 24,3 u. ö.], got, der unß alen seel und lib geben hat, seie din schatz und din trost in Christo Jesu unßerem herren. Der verlasse dich nit, wie er mich auch nie verlassen hat, und erlüchte dich mit sinem geist, daß du in rächt kenist, an im ewig haftist und eß dultig 219 219 tragist, wo ich umb seines nammens willen den tod erliden müste etc.

196 unzufrieden, unwillig (SI XII 1771).
197 das Saure.
198 würde es nicht gut gehen.
199 Trauern.
200 Not, Unheil (SI VI 1577).
201 vorwerfen, zum Vorwurf machen, tadeln.
202 bedarf.
203 Schmeicheln (SI II 1039).
204 Liebkosung (Grimm XV 6421).
205 heiratet (SI III 58).
206 gering (SI I 787).
207 genau, ordentlich (SI I 146).
208 reut.
209 «nicht praßt» (Pestalozzi 585).
210 auferlegt.
211 bekommt.
212 Ergänze: ist.
213 leicht, mühelos (SI VII 1169).
214 Zum ungefähren Realwert s. oben Anm. 176.
215 muß.
216 nicht leicht (SI IV 1195).
217 Ergänze: ich.
218 Haut (SI IV 1209).
219 geduldig.

Wo unß dan got auch kinder gebe und unß deß lebens gunte 220 , woltend wir also huß haben 221 , daß wir sy zu unsers gotes ehr und zu biderben lüthen 222 erzugend. Wo wir aber ||10V. darvon müstind, daß weiß ich, daß der herr unser got sie nit verließe, der doch alßo vil unnüzes spötliches 223 gflügel gar wol erzücht, ja schadhafte 224 thier wunderbarlich nehrt.

Aber waß darff 225 eß vil worten? Suma sumarum 226 , so ist diß der gröst gwüßist schatz, den du bi mir finden wirst: gotsforcht, frommkeit, trew, liebe, die ich uß der maßen wol an dich legen mag, arbeit, ernst, fleiß, daß unß in zitlichem nützid mangle. Alßo sichst hier vor augen ston, wan du mit mir da sur alß wol alß daß süß tragen woltist, wie du mich haben wurdist. Sunst sag ich dir nit von hochem adel und vil 1000 guldinen, zur nohturfft aber weiß ich wol, daß nützid wird gebrächen 227 . Und spricht aber Paulus: «Nützid habend wir in die wält bracht, nüzid werdent wir auch hinuß tragen. Darumb wan wir kleider und spyß habend, ists gnug». Flüst dan auch rychthumb hinzu (alß got niemants nüzid abgeschlagen hat), ists ein ambt und schaffnerei 228 .

Alßo hast du bißhar min willen, min weßen und stand gehört, aleß mit der warheit, ohne faltsch dargethan. Jezund so heger ich auch an dich, wo dir etwas zu muth were, daß du mir auch dinen willen zu verstönd gäbist, gschriftlich oder wie eß dich je kommlich 229 und gut dunkte; daß ist in summa, ob du möchtist in lieb und leid under miner trew und schirmm in der ordnung gotes leben, ob du ohne conscienz 230 mögist din stand enderen, ob du ein hertz habist, huß zu haben und rahtsam 231 zu sin, ob du guter gsundheit seyist und wie und waß diner muter 232 und dinem bruder 233 verbunden seyist. Je so bit ich dich, ||11r. daß du

220 gönnen, verleihen, schenken würde (SI II 332).
221 haushalten (SI II 1701).
222 zu ehrbaren, anständigen Leuten.
223 erbärmliches (SI X 626).
224 schädlich.
225 bedarf.
226 Zum ersten Mal bei Plautus, Truculentus 1, 1, 4 belegt, dann auch bei Lucretius und Seneca (Georges II 1923); Zwingli gebraucht den Ausdruck häufig.
227 fehlen.
228 Verwalterstelle; d. h. «allfälligen Reichtum will ich als zur Verwaltung übergeben betrachten».
229 gelegen, passend (SI III 285).
230 Gewissensqualen.
231 sparsam.
232 Elisabeth Adlischwyler, geborene Stadler, gest. 1529, zweite Ehefrau des Hans oder Johannes Adlischwyler (s. oben in Anm. 1), Mutter der Anna (s. oben Anm. 1). Sie gab ihre Tochter ins Kloster Oetenbach, verpfründete sich dort 1529 auch selbst, um in ihrer Nähe zu sein, starb jedoch bereits einige Wochen später, vor dem 24. Juni; sie litt an Wassersucht. Bullinger rühmt ihre Gutherzigkeit Verwandten gegenüber. Der geplanten Ehe ihrer einzigen Tochter mit Bullinger leistete sie allerdings erbitterten Widerstand, s. Verzeichnis 1 104-106; Verzeichnis 3 23f; Blanke 103-107; HBLS 1108.
233 Hans oder Johannes Adlischwyler, gest. 1564, Halbbruder der Anna (s. oben Anm. 1); 1504 im Glückshafenrodel I 489, 22f erwähnt. Er war Glaser, heiratete die Tochter eines Ehrenbürgers aus Rheinfelden und stand längere Zeit im Dienste des badischen Markgrafen. Die Gunst seines Herrn verhalf ihm zu den höchsten Ämtern in Rheinfelden. 1519 vergabte er, bereits als Bürger Rheinfeldens, 100 Pfund dem Predigerkloster in Zürich; 1529 wird er im Zusammenhang mit der Hinterlassenschaft von Frau Elisabeth Adlischwyler als Stadtschreiber erwähnt (AZürcherRef 1613); er starb als Ratsherr und Seckelmeister am 13. September 1564 an der Pest. Mit seinem Schwager Bullinger stand er in freundschaftlichem Verhältnis, wie seine Briefe an ihn zeigen. — Lit.: Verzeichnis 1 104; Emil Egli, Rheinsalm, in: Zwa I 319; HBLS I 109.

mir ale ding alßo trüwlich anzeigist, wie du sichst, daß ich sy dir anzeigt hab. Besinn dich aber wol, daß du nüzid uß anfächtung thüeist, und sag eß frei heruß, schäm dich nützid, eß ist nüzid unehrlichs, so sagst auch niemand den mir. Nun hab ich doch dir vertrauwt und dir al min heimmlichkeiten 234 geoffenbaret. Wüsß auch, daß ich dich in dinen worten nit fahen 235 wil, bezüg ich mit dißem brieff. Biß 236 frei, dan ich mich auch nit hiermit wil verredt 237 haben, sitenmals ich mich mit dißem brieff alein hab wollen mit dir underreden; darumb die geschrifften, so zu verhüten allen betrug geschriben werdent, nit selbs betriegen oder erwütschen 238 sollend. Demnach erst wolend wir die verpüntnuß und beschlusß antwort 239 geben, wan wir beide hörend, waß willens und wie wir für ein anderen seyend. Du hast schon minen willen, so kanst uß obgemelten articlen verspüren, ob ich fur dich seie und warten alein deß dinen.

Hie weiß ich jezund auch wol, daß du dir hinder diser sach entsitzen 240 wirst und vermeinen, du seyist ihren nit wyß gnug zu verantworten 241 , darumb du vilicht uß forcht und schamm thun möchtist, daß dich hernach übel geruwe. Darumb so merk also wither. Zum ersten, so verstahst wol, waß ich dir schriben, daß ist die warheit, so weist demnach wol bei dir selbst zu einem theil, wie eß ein gstalt umb dich hat, zum anderen, waß du wol thun mögist; waß bedarf eß dan vil raths? Liß den brief 3 oder 4 mal, erinner 242 dich dargegen, bit gott, daß er dir sin willen zu verstönd gebe. Nun ist doch nie- ||11v. mants dir beßers schuldig dan du dir selbs; so wirstu mannen 243 dir selbs, alein ist eß umb dich zethun. Da die lücht [!]244 ein anderen nit kenend und man die ständ 225 nit weist, bedarf man vil rahts, hie aber hörst min stand und kenst mich. 2. Biß überhaubt nit so narrächt 246 und unbsint, daß dir ützid 247 jezund uß sorg fürnemmist 248 . Ich kan wol bekenen 249 , daß du jung bist, dir selbs entsitzst 250 und dir vilicht in solchen sorgen fürbildist 251 , du wolist nit uß dem closter und alweg also bliben, ohne man. Da hüt 252 , daß warlich ein anfächtung were und die dich über kurtz übel gerewen möchte. Merkh alßo, du bist jung, so hat dir got nit alß 253 ein ungschikten lib 254 geben und dich geschaffen ohne zweifel nit, daß du ewig min gnedige frauw 255 seyist und nützid thüeist oder kein frucht von dir komme.

234 Geheimnisse.
235 bei verfänglichen Worten fassen, fangen.
236 Sei!
237 durch Worte gebunden, verpflichtet (SI VI 564).
238 erwischen.
239 «die bindende und endgültige Antwort» (Blanke 100).
240 davor erschrecken (SI VII 1764).
241 beantworten.
242 ermahne (Grimm III 858f).
243 heiraten (SI IV 290).
244 Leute.
245 Lage, gesellschaftliche Stellung (SI XI 960-962).
246 albern (SI IV 783).
247 etwas.
248 vornimmst (SI IV 745).
249 erkennen (SI III 314).
250 dich erschreckst.
251 dir vorstellst, einbildest.
252 Da sorg!
253 so.
254 Leib.
255 Nonne (SI II 663f).

Lieber liß Paulum in 1. Epist. Tim. 2. cap. [9ff]; wirst finden, worin du must selig werden. Eß were ja ein narrächt fürnemmen 256 (du habist dan die hoch gaab der reinigkeit ewiglich 257 ), wan du dinen jungen lib also woltist zwüschent den muren erstäcken 258 . Hie biten ich dich, daß du dißer sach wolist eigentlich 259 nachtrachten 260 und jederman sagen laßist was er wol 261 . Sich 262 du uff gott, uff sin wort, worumb du seyist geschaffen, waß dines libs und diner seelen heil 263 , auch daß du sterblich, nit lang uff erdtrich bist. Vergaum 264 , vergaum, min liebe, daß du nit alweg im kumer hin lebist! Lieber sag an, kansts, worumb die frauwen clöster seiind anfenglich eingsezt. Nit daß man darin jung frauwen und töchteren, die aber anderst wo zu gut 265 , erzuge 266 , sonder die alten übelmögenden 267 II 12r. armmen 268 . Du bist im 269 ze jung und zu wol mögend 270 . Liß Paul 1. Tim. 5 [11ff], so verstand auch, waß dir hie fürgetragen werde. Wen ich schlächts 271 glaub, daß also wenig für mich seve ein Greti 272 dorffnepper 273 , ein pürin 274 , also wenig seie für dich ein rucher 275 handtwerks man oder pur. 276 So erforderen 277 ich von dir auch
256 albernes Vorhaben.
257 Vgl. 1 Kor 7,7-9.
258 schädigen, verderben (SI X 1591).
259 genau.
260 nachsinnen (Grimm VII 205).
261 will.
262 Sieh.
263 Ergänze: ist.
264 verhüte, daß nicht (SI II 302).
265 zu anderem tauglich.
266 erziehe.
267 kränklich, gebrechlich (SI IV 112f).
268 Diese Behauptung ist übertrieben. Bullinger will jedoch damit sicherlich nicht sagen, daß die Frauenklöster ursprünglich Armenhäuser oder sogar Altersheime waren, sondern eher nur, daß sie einst nicht als Pensionate und Versorgungsstätten für junge, kräftige (und wohl z. T. reiche) Töchter gedacht waren. Die Klöster als Versorgungsstätten werden in der Reformationszeit manchmal heftig kritisiert, vgl. AZürcherRef 378 f, dagegen die Aufgabe der Klöster zur Armen- und Krankenpflege stark betont und bei der Verwendung der eingezogenen Klostergüter in hohem Maße berücksichtigt, s. z. B. AZürcherRef 619; HBRG I 125; im Verkommnis mit den Konventherren zu Rüti, AZürcherRef 752, stellt der Zürcher Rat fest, daß das früher übliche Klosterleben nicht im Gotteswort begründet sei, «sonder syent sölicher klöster und örden güeter almuosen, und söllint zuo ufenthalt der armen ... bewendt werden»; anschließend wird auch klar ausgesprochen: «die rechten ordenslüt, das sind die armen, notdürftigen cristen». Bullinger mag mit seiner Bemerkung außerdem noch auf die ursprüngliche Bestimmung des Dominikanerordens als Bettelorden angespielt haben. — Die Auffassung Bullingers über den ursprünglichen Zweck der Klöster im allgemeinen zeigt sich vielleicht am klarsten in seiner Auslegung des 1. Thessalonicherbriefes, Zürich ZB, Msc D 4, 134r. (Hausammann 22, Anm. 54): «Die klöster sind von anfang durch die ufferstanden [entstanden], so nützid dann arbeitend, und damitt ouch Gott dientend, zu der zyt, do die waren christen ... flühen müstind in die wüstinen... Das im anfang was, das dann ouch die zehenden wurdint den klösteren und ander gaben als denen, die dappffer, fromm lüt hettind und alles köntind den armen wol zu dienen. Und wurdint also die klöster der kilchörinen schaffner und diaconi.»
269 ihm, hier: dafür.
270 körperlich kräftig, gesund (SI IV 113).
271 einfach, schlechterdings (SI IX 63).
272 Greti, gemeine Bauersfrau, Bauerndirne (SI II 824).
273 grobes Bauernmädchen (SI IV 773); «Gredy Dorffnäpper» heißt eine der Hauptfiguren in Niklaus Manuels «Barbali», 1526 (Manuel 133ff).
274 Bäuerin.
275 derber.
276 Bauer.
277 verlange.
nit hacken, rüten 278 , sonder waß dir wol zimbt, huß zu haben, rathsam sin 279 etc. und waß den wiberen ist. Wie wol in kurtzem vilicht nach nit vil huß habens bedörfte, die wil ich da were 280 , möcht sich aber mit der zeit schicken 281 , daß wir anderstwo hin kommind und nit me den tisch 282 hetend, wie da, darvon wir wol reden wurdind etc. Hie bi gedenck auch, wie ein götlich lieblich ding eß ist, wo zwei eins mit ein anderen sind, einß dem anderen wol wil und sich eins deß anderen wol vermag 283 , auch wie eß ein biter elend leben ist, wo zwei nit wol mit ein anderen zühend und wie nit jedes alzit sin fug 284 fint etc. Daß alleß ich dir zu gutem schrib, daß dich wol vorbetrachtist und nit uß forcht oder schamm sagist, waß dir nit am hertzen seie, ja du wolist also bliben, und aber wüssentlichen 285 anders e in dir tragist. Wer weist, ob vilicht umb diner sorg, forcht und scham willen dir hie mit mir got ursach geben hat, dich frei ze eroffnen und zu freien, daß du je nit also müßist ohne frucht din junges leben in der gfengknuß verschlißen 286 . Eß ist warlich ein groß ding, ursach 287 haben und achten uff zit, daß wir jedes zu siner zeit, wan eß sich füegt, annemmind, wen nit alweg fürschleg 288 sind, die unß fügind 289 , und blibt aber zu lest grose reüw, wan wir die schantz 290 habend übersehen. Diß ales jetzt ||12v. stande zu dir hin 291 , dan ich dir hiemit nit wil weder geliebet nach geleidet haben 292 , sonder alein sag ich daß, daß du dich wol besinist, got, sein wort, diner seelen heil betrachtist. Waß dir dan got ingibt, daß thue; wirst mich in alweg unerzörnt haben, alein lasß mich ein antwort wüsßen.

Und so du jedoch gar keinß willen hetist, so biten ich dich doch durch die trew, durch die liebe und die ehr, die ich dir gun 293 und zu dir hab, daß du mich doch in disem kleinen stuck verehrist 294 und dißen brieff niemants sehen lasist, niemants nützid darvon sagist, sonder mir in widergebist und sechist, daß ich din ehr und nit schand gesucht hab. Ich hab dir stille schwigen 295 , aler ehren und guts vertruwt, darumb hab ich gschriftlich wolen mit dir handlen, ich hab auch sunst keinem menschen uff erden nüzid darvon gesagt; müste auch fürder 296

e aus anderst korrigiert.
278 Roden (SI VI 1807 f); hacken und rüten: häufig als Bezeichnung für körperliche Arbeit.
279 Sachen in Ordnung halten (SI VI 1619).
280 Nämlich im Kloster Kappel. «Da» kann aber auch im Sinne von «dort» stehen (s. SI XII 3) und bedeutet keineswegs, daß Bullinger den Brief in Kappel verfaßt haben mußte. Allerdings wohnte er zu dieser Zeit, laut Diarium (HBD 11, 8-13), auch in einem dem Kloster gehörenden Haus, im «Kappeler Haus» in Zürich (s. noch oben Anm. 2).
281 sich fügen.
282 Freiplatz, freie Verpflegung (SI XIII 1910).
283 Zuneigung hat (SI IV 112). — Vgl. die Formulierung Luthers in der erwähnten Schrift, WA X/2 299, 5-7: «... was für nutz und lust mehr drynnen sey, wenn eyn solch stand wol geredt, das man und weyb sich lieb haben, eynes sind, eyns des andern warttet ...»
284 Gegenstand, der paßt, gefällt, beliebt (SI I 700).
285 wissentlich, bewußt.
286 verbringen, verzehren (SI IX 684).
287 Ursache, Möglichkeit (Grimm XI/III 2509).
288 Vorschläge (SI IX 229f).
289 die uns genehm sind (SI I 702).
290 Glücksfall, Vorteil (SI VIII 978f).
291 steht an dir, hängt von dir ab, ist dir zur Entscheidung anheimgestellt (vgl. SI XI 530. 535f).
292 weder beliebt noch unbeliebt gemacht haben.
293 schenke.
294 die Ehre antust.
295 Stillschweigen (SI IX 1792).
296 weiter.

alßo bliben, biß zu siner zeit. Ich hete eß wol mögen muntlich verrichten, ich weiß aber, wo solichs, hete ichs nit könen. Die ander, die bi dir ist 297, were sie inen 298 worden, wer sie nit auch darzu kommen 299 , so weist selbs, daß sie dich danethin 300 gehasset hete. Ich hab auch also dinen und minen verschonen wollen, habe keiner underthädinger 301 gewölen; dinen, daß dir kein geschrei wurde, minen aber, so eß mir nit geriete, daß sich die nit froüwtend 302 , die ich nit hab nemmen wolen. Darumb schon 303 minen, dan ich auch dinen geschonet hab. Gedenck: «Waß über den anderen mund ußkombt, blibt nit verschwigen» 304 . Wan ich aber din wilen verstunde und wir möchtend eins werden, wolte ich demnach wol früntschafft erwerben an den dinen 305 , so mit träffenlichen 306 lüthen, daß sie nützid darwider ||13r. kontind, doch ales mit dinem rath. Da schrib mir auch, wie eß umb din muter 307 ein gstalt habe, du wirst mich alweg gutwilig finden. Ich meint, waß ich selbs bi dir nit schuff, wurde niemants anders schaffen. Ich vertrauw dir vil guts, darumb, were dir etwaß zu muth 308 , so behalt disen brieff wol bi dir, daß du in bi dir behaltist, wan du zu mir komist. Antwort mir bald 309 . In allem beschäch 310 gottes wil [Mt 6,10]; der erlüchte dich, daß du daß annemmist, waß diner seelen heil seie etc.

Geben uff montag nach Michaeli im 1527. jahr 311 .

Du känst min hand, daß mines nammes nit noth ist 312. Waß ich mit dir handlen, ist warheit ohne faltsch.

H. B.

Handel auch du wißlich in stille und schwigen, vertrauw mir, ich hab doch zum ersten dir vertrauwt. Got seie mit dir.

Mit eigner hand und sigel.

297 Justitia Moser (Moßer) aus Konstanz, gest. 1553, Nonne im Dominikanerinnenkloster Oetenbach in Zürich. Nach Aufhebung des Klosters 1525 lebte sie weiter dort, zusammen mit Anna Adlischwyler (s. oben Anm. 1), mit der sie gut befreundet war, s. Verzeichnis 1 106; Verzeichnis 3 24, wo sie als «Justitia Meser» bzw. «Meßeri» erwähnt wird; der richtige Name steht im Gemächtnisbuch, Zürich StA, B VI 312, 248; ihre Freundschaft mit Anna s. unten S. 158,5f. Sie blieb im Kloster Oetenbach bis zu ihrem Tode, Halter 167. 183. — Daß sie und Anna Adlischwyler die einzigen nach 1525 im Kloster zurückgebliebenen Nonnen waren (Pestalozzi 53; Blanke 88; Staedtke 291), ist ein Irrtum: 1535 lebten noch insgesamt 18 Frauen dort, 1545/46 noch 7, darunter auch einige der ehemaligen Dominikanerinnen vom Kloster Oetenbach, Halter 167; vgl. auch die bei den Namen dieser Nonnen im Namensverzeichnis angegebenen Urkunden, ebenda S. 173ff.
298 inne.
299 nämlich zum Heiraten.
300 fortan.
301 Vermittler (SI XII 448).
302 freuen sollten.
303 verschone.
304 Kirchhofer 177.
305 Tatsächlich stand später Bullinger zu seinem Schwager in freundschaftlichem Verhältnis (s. oben Anm. 233).
306 angesehenen.
307 Siehe oben Anm. 232.
308 «bist Du mir geneigt» (Pestalozzi 587).
309 Der Antwortbrief der Anna Adlischwyler ist nicht erhalten.
310 geschehe.
311 30. September 1527; zur Datierungsfrage s. oben Anm. 3.
312 Demnach müßte Bullinger mit Anna bereits vorher in brieflicher Verbindung gestanden haben (vgl. Blanke 89). Möglich ist aber auch, daß er hier auf andere von ihm verfaßte Schriften hinweist, die den Weg nach Oetenbach gefunden haben.

25

BULLINGER AN
UNBEKANNT
Zürich,
4. Oktober 1527 2

Autograph: Zürich ZB, Msc F 46, 36f 1 1/2 fol. S., sehr gut erhalten, ohne Siegelspur Ungedruckt

Ermahnung an einen älteren Mann, von seinem unsauberen Lebenswandel zu lassen und eine Ehe einzugehen.

Gratia et pax a deo patre per dominum nostrum Iesum Christum.

Tandem absentem absens inhortabor, nimirum alias strenuum, ut id adhuc alacrius perfitiat, quod coepit. Intelligis autem, quid velim, id enim intelligo, de quo iam sepius usque in multam consultavimus noctem et ad quod te multorum et sapientum et pientissimorum cum veteris tum nostrae aetatis hominum inhortatur exemplum, imo cur horum potius quam sacrarum litterarum proferimus calculum? Vidisti autem, quid illae iubeant, sed et tua illa ad imaginem dei formata conscientia animaque certe a deo docta 3 idem, quod illi omnesque nos consultamus, suadet. Cave itaque a, ne frustra a spiritusancto obsignatus sis. Is nimirum cupit hoc tuum sibi corpus in templum consecrare sacrum [1 Kor 6,19f], cupit inquam is familiarior tibi esse, quam fuerit hactenus.

Nosti enim coelestis Pauli sententiam me Hercle gravissimam: «Qui adglutinatur scorto, unum corpus cum eo est; at qui coalescit domino, unus spiritus cum domino est» [1 Kor 6, 16f]. Agnosce itaque tempus ac oportunitatem redime, id quod sacratissimum Pauli pectus toties inculcavit 4 ; agnosce dei vocationem 5 et quod a gravi carnis somno evigilandum est 6 ; agnosce denique vocationem, imo occasionem a deo tibi iam toties oblatam. Exuli, imo mendico idem praecipitur, quod tibi, neque is se excusare potest, ut inopiam maxime obtendat. Interim te deus opulentia donavit. Quid ergo? Benefitium dei agnosce atque gratias age. Hae autem gratiae illi laudatissimae, si illius obedias praeceptis. Convertere itaque ad dominum, et ipse ad te convertetur [Sach 1,3]. Sed quid «convertetur» dico, cum ipse videas ipsum ad te esse conversum! Proinde accelera, nam qui amant, qui semel deum viderunt quique eius senserunt suavitatem 7 , non tardant, sed sese celeri cursu ad odorem proripiunt. Omnis enim mora periculosa, quoniam in salis statuam conversa est Lothi uxor 8 , quoniam et

a Am Rande eine Bemerkung von J. H. Hottinger.
1 Dem Inhalt des Schreibens nach muß es sich um einen älteren, vermögenden Geistlichen, vermutlich aus der Umgebung von Kappel, gehandelt haben; eine genauere Identifizierung ist nicht möglich.
2 Bullinger hielt sich zwar zum weiteren Studium vom 23. Juni bis 14. November 1527 in Zürich auf (HBD 11, 8ff; Pestalozzi 51; Blanke 79f), aber die Jahreszahl könnte Schreibfehler sein, s. Anm. 10.
3 Vgl. Jes 54,13 u. a.
4 Vgl. Röm 13,11; 1 Kor 7,29 u. a.
5 Vgl. 1 Kor 1,26.
6 Vgl. Mk 13,33ff.
7 Vgl. 1 Petr 2,3.
8 Vgl. Gen 19,26.

dominus adseverat: «Quisquis manu semel admota aratro respicit, is plane me non est dignus» [Lk 9,62]. Quid, o bone deus, audio? Quid enim hic habet, qui deum non habet? Quid hac re fingi potest miserabilius? Qui deum habent, omne bonum habent, pacem ac gaudium 9 . Nemo ergo tam stupidus esse velit, ut tantum bonorum thesaurum abiiciat atque negligat tardando seu respitiendo. Senex es, frater mi, morti propinquus es, o amice omnium charissime, vides, in quo rerum statu simus mortales. Hoc ipso, quod scribo, plurimum vitae mee decedit, ignarus denique, quo oculis [!] momento auferat e vivis omnipotens 10 . Adhoc omnes satis superque satis offendimus dominum, ut is nunc ira exestuans consultet, quibus diris, qua peste quove gladio impietatem nostram ulciscatur. Hic iam tu tuam venerare senectutem, memorare mortis fatique. In eluctabile tempus atque ita iam vitam tuam institue, ut, cum vindex venerit, templum suum non usqueadeo vastum inveniat. Nam adeo nos pestis, fames et gladius 11 terrere non debent ab uxoribus, ut multo magis invitent, nimirum ut praecinctos lucernasque in manibus tenentes dominus inveniat [Lk 12,35]. «Deus est», inquit Petrus, «qui pios novit e tentationibus eripere et incredulos ad perpetuam torturam servare» [2 Petr 2,9]. Dominus est deus ipse munimentum nostrum 12 , ipse pro nobis filium expendit, qui sane non tardavit, sed omnia semel nostri causa fecit 13 . Ne itaque nos in re non usqueadeo involuptuaria tardemus! Paulus non putat fieri posse, ut sive gladius sive ignis sive mors a domino avellat fidelium quempiam [Röm 8,35-39]; quanto minus avellere debet ||37 a tam glorioso dulcique domino foeda libido.

Illum non tardavit aequale cum patre imperium 14 neque coelorum regia quicquam movit, ut hoc tardius veniret. Deinde sciebat, quid illi patiendum erat, nimirum post imanem dilaniationem, post risus atque ronchos impiisimorum nebulonum 15 tandem atrocissimum crucis supplitium 16 . Scivit haec omnia, nec tamen tardavit, imo et cupidus et gaudio gestiens irruit in mundum ingratissimum 17 . Vide nunc, quid nobis agendum sit. Nos pollicitationes habemus, ut amplissimas ita certissimas, nam et propheta testatur: «Iuvenis fui atque senui, interea iustum non vidi derelictum nec posteritatem ipsius mendicitate damnatam» [Ps 37,25]. Sunt item nobis praeclarissima sanctorum exempla; astat denique ille ipse Christus e coniugata, tamen perpetua virgine natus 18 atque classicum canens. Num impiissimi ingratissimique merito censeremur, si ei non

9 Vgl. Röm 14,17.
10 Diese Bemerkung mutet bei dem 23jährigen Briefschreiber etwas seltsam an; Autograph und Unterschrift lassen jedoch keinen Zweifel über den Schreiber zu. Es wäre allerdings denkbar, daß er den Brief im Namen seines Vaters, des Dekans Heinrich Bullinger (s. oben S. 134, Anm. 171) geschrieben hat; dann hätte sich aber dieser zu dem Zeitpunkt ebenfalls in Zürich aufhalten müssen, was nicht zu beweisen ist. Eine weitere Möglichkeit wäre, daß es sich hier um einen Spruch oder eine spruchartige Redewendung handelte, doch läßt sich eine solche Redensart nicht belegen.
11 Diese Aufzählung von Gottesstrafen s. u. a. Jet 29,17.
12 Vgl. Ps 18,3; 90,1 u. a.
13 Vgl. Hebr 7,27.
14 Vgl. Phil 2,6.
15 Vgl. Mt 27,27ff.
16 Vgl. Phil 2,8.
17 Vgl. Joh 1,9-11.
18 Bullinger hielt an der abendländischen Tradition von der permanenten Jungfrauschaft Marias fest (ausführlicher s. oben S. 129, Anm. 73).

obsequndaremus in re tam levicula, cum tamen ipse prior nostri caussa subierit negotium et asperius et multo durius? Beati ergo omnes, qui timent dominum et qui ambulant in viis eius 19 .

Haec scripsi, amice omnium dulcissime, maximo erga deum adfectu magnoque tui amore raptus, non ut iacentem engerem, sed ut currentem incitarem 20 moraeque et, ut ita loquar, procrastinationi obstarem, quod certissimam esse sciam decantatam illam sententiam: «Quae serius fiunt, et tepidius et hoc difficilius fiunt» 21 . Tu omnia boni consule, utpote ab omnium, quos in terra habes, amicissimo profecta. Vale.

Tyguri, quarta die octobris anno 1527.

Sed et statim te nobis hylarem praebe iterumque vale.

Heinrychus Bullingerus,

omni ex parte tuus.

[Ohne Adresse.]

19 Vgl. Dtn 10,12 u. a.
20 Vgl. Otto 102, Nr. 486.
21 Der Spruch läßt sich nicht belegen.

26

[BULLINGER AN
ANNA ADLISCHWYLER]
[Kappel?,
1527, 1528]

Autograph, Konzept: Zürich ZB, Msc F 47, 272r. -273v. 4 S. 4°, sehr gut erhalten Ungedruckt

Beantwortet ein Schreiben seiner Braut, die ihm mitteilte, daß sie das Kloster doch nicht verlassen wolle; beklagt sich über diesen unerwarteten Wandel, hält ihr das Eheversprechen vor und sucht ihre Gründe mit biblischen Argumenten zu entkräften: die Ehe sei gottgewollt, darum solle sie nicht befürchten, daß manche ihren Austritt als Ärgernis empfinden würden. Er bittet sie, seine Liebe und Beharrlichkeit nicht dem Spott preiszugeben, sondern ihm ihre Treue zu bestätigen.

Ich hette mich diner gar 3 abgekünten a4 antwurt 5 nie versähen 6 , ist mir so vil untraglicher xin 7 , so vil unverhoffter sy was. Und beunbillet 8 mich din schryben, sidmal 9 du einer sölichen vernunfft bist, 10 , daß du wol ermessen kanst: wo 11 ich min gmüt, hertz, lieb und trüw anderschwo hin gesetzt hette 12 , dann alein zu dir, miner einigen, so hette ich so lang nitt gewartet, dir nützid geschryben, ander eerlich lüt nitt hinggeben, mich nitt lassen so lang von aller wellt triben 13 .

a Von hier an sind die inhaltlich wichtigsten Teile des Briefes wahrscheinlich durch J. H. Hottinger unterstrichen.
1 Siehe oben S. 126, Anm. 1. —Dieser bis jetzt unbekannt gebliebene Brief läßt das Verhältnis zwischen Bullinger und seiner Braut in einem neuen Licht erscheinen. Zur Zeit dieses Briefes ist Anna offenbar unter mütterlichem Druck (s. oben S. 137, Anm. 232) so entmutigt, daß sie ihr Eheversprechen rückgängig machen will. Dies scheint der Tiefpunkt in ihrer von Blanke vermuteten «inneren Not» gewesen zu sein (Blanke 105).
2 Hinsichtlich der Datierung sind wir ausschließlich auf den Inhalt angewiesen. Bullinger muß diesen Brief irgendwann nach dem Eheversprechen vom 29. Oktober 1527 (s. oben S. 126, Anm. 1), aber noch vor den Verhandlungen bzw. dem Entscheid des Ehegerichtes am 2. Juli 1528 (s. ebenda) geschrieben haben. Nach diesem Zeitpunkt wäre der Versuch, die Gültigkeit von Annas Eheversprechen in Frage zu stellen, nicht mehr möglich gewesen. Außerdem hätte sich Bullinger zweifellos eher auf den Ehegerichtsentscheid berufen, als sich so weitläufig über die bindende Kraft von Annas Zusage auszulassen. Andererseits lassen einige Bemerkungen Bullingers, z. B. über die Einwilligung seines künftigen Schwagers in die geplante Ehe, darauf schließen, daß seit dem Eheversprechen bereits etwas Zeit verstrichen sein muß. Demnach dürfte der Brief zwischen Ende 1527 und Anfang Juni 1528 entstanden sein. In diesem Zeitraum hielt sich Bullinger meistens in Kappel auf, doch ist Zürich als Abfassungsort nicht ausgeschlossen; Bullingers Aufenthalt in Zürich vor und nach seiner Teilnahme an der Berner Disputation, am 2. Januar und 1. Februar 1528, ist belegt (HBD 12, 1. 4).
3 ganz, völlig, so sehr (SI II 396).
4 absagende, (den Vertrag) aufkündigende (SI III 356f).
5 Weder Annas Absagebrief, noch Bullingers vorher an sie gerichtetes Schreiben sind erhalten geblieben.
6 erwartet, mich darauf gefaßt gemacht (SI VII 566f).
7 unerträglicher gewesen (Grimm XI/III 1948).
8 fügt mir Unbill, d. h. Unrecht zu (SI IV 1167).
9 weil, sintemal.
10 vernünftig genug bist.
11 wenn.
12 einer Anderen zugewandt hätte.
13 Möglich ist, daß Bullinger hier auf die seit seiner Verlobung verstrichene Wartezeit hinweisen will. Wahrscheinlicher ist jedoch, daß er von der Vergangenheit überhaupt, also zugleich von der Zeit vor der Verlobung spricht und u. a. auf die von ihm abgelehnten früheren Heiratsmöglichkeiten anspielt, s. oben S. 132,11-14.

Hab vil uß grosser liebe und hoffnung zu dir gethon; so lug, wie du min dienst annemist 14 , oder wie billich 15 min trüw lassist ze schanden werden! Des hofierens 16 und eeren fürwortens 17 ist langist gnug, wir handlend von eeren wägen 18 . Hätt derhalb deß wäsens 19 alles nüt bedörffen, sidmal und du vil fryer mir vorhyn dann jetzund geschryben hast, und irrt nitt 20 , daß du redst: «Ja ich vermeinn nitt 21 , das unsere reden gethon uns ützid 22 söllind schaden» 23 . — Das hastu gwüsslich geredt und gschryben uß anfechtung; wann 24 sinn hindersich 25 an din voriges schryben 26 , so wirst anders erfinden 27 etc. b , namlich c daß du mir zu dinem teyl 28 fry verwillgot 29 hast, so wyt und ouch die dinen 30 daryn verwilligind, und lutend dine wort also: (Recita 31 ). Nun, so hat min herr von liebe und trüwen wegen den handel anzogen gegen dinen b[ruder] Hansen 32 , an dem dir allermeist gelägen ist 33 , und er hat fry verwillget, so ferr und du verwillgist. Nun hastu verwillget, so ist jetzund die verwillgung volkommen; kanst dich vor gott mitt gheinem rechten mir entzühen 34 , dann eins christen red sol also sin, daß «ja, ja» sye [Mt 5,37]. Ermanen dich eben als vast 35 durch das lyden Christi als du mich, daß du mir halltist 36 und dich erzöugist 37 , wie ich dir wol vertruw und ich wol weiß, daß gottes will und ordnung ist d .
b nach etc. gestrichen Insere argu[mentum]: Positis ipse [?] — — — hortare [?], ut verbis fidem det; offenbar war damit der hier eingereihte Zusatz gemeint.
c-d Der Abschnitt namlich bis ordnung ist wurde als Zusatz am Ende des Briefes angebracht und am Rande mit einem Stern gezeichnet; obwohl im Brieftext kein ähnliches Zeichen darauf hindeutet, gehört der Zusatz laut lat. Hinweis zweifellos hierher.
14 aufnimmst.
15 wie billig, wie richtig (ironisch: SI IV 1167).
16 Schmeichelns (SI II 1039 f).
17 der Fürsprache, des Vorwandes, der Umschweife.
18 der Ehre oder Ehe halber (vgl. SI I 6f. 391). Mögliche Interpretation: Des Schmeichelns und der Umschweife wegen der Ehre ist längst genug, wir handeln ja der Ehre wegen. — Für Bullinger ist also diese Angelegenheit zu einem «Ehrenhandel» bzw. «Ehehandel» geworden, der nötigenfalls vor das Ehegericht gebracht werden könnte, wie es dann tatsächlich geschah.
19 Aufhebens, Treibens, Getue.
20 es tut nichts, es ist nichts daran gelegen (SI I 409).
21 glaube nicht, halte nicht dafür (SI IV 312).
22 irgend etwas.
23 Gemeint ist sicherlich das mündlich und ohne Zeugen gegebene Eheversprechen. Es scheint, daß sich Anna der Argumentation ihrer Mutter über die Ungültigkeit dieses Eheversprechens (s. Blanke 1041) angeschlossen hat.
24 denn.
25 denke zurück (SI VII 1054).
26 Wahrscheinlich handelt es sich um den verlorengegangenen Antwortbrief Annas auf Bullingers Brautwerbungsschreiben (s. HBD 11, 14ff; Blanke 100f).
27 finden, entdecken (SI I 848).
28 deinerseits, was dich betrifft (SI XII 1476f).
29 eingewilligt (Grimm XII/I 2275).
30 die Deinen; gemeint sind die Mutter (s. oben S. 137, Anm. 232) und der Bruder, Hans oder Johannes Adlischwyler (s. oben S. 137, Anm. 233).
31 In der nicht mehr vorhandenen Reinschrift folgte hier offenbar ein Zitat aus Annas vorher erwähntem Antwortbrief.
32 Siehe oben S. 137, Anm. 233. — Der Sinn ist: ... die Sache deinem Bruder gegenüber angeführt (Grimm I 528).
33 Dies ändert unser bisheriges Bild von der Einstellung Annas, die ja in dieser Angelegenheit sonst ausschließlich von der Mutter beeinflußt zu sein schien (vgl. Blanke 103ff).
34 mit keinerlei Recht mir entziehen.
35 fest, stark, sehr (SI I 1111f); sinngemäß: ebenso fest wie du.
36 nämlich das Versprechen.
37 dich erweist (Grimm III 1084).

Es ist ye gwüß, daß gott den eelichen stand hat ingesetzt, daß man ye damitt nitt sündet 38 . Redstu schon, so wellist der anfechtung widerston, sich 39 , so fürcht ich warlich, du thügists 40 mee von wägen din selbs und der welt, dann daß du entsitzist 41 , du mögist nitt so gottselig in der ee als usset 42 der ee e läben. Lieber, womitt gastu umb, weß nimpstu dich an 43 ? Sind nitt die höchsten gottes fründ [Jak 2,23]beider testamenten eelüt gewäsen 44 ? Und daß Paulus die reinigheit lopt, thut er dorumb, daß unser fleisch so vil mee ruwen hab; erfindet sich fry 45 in Corintheren [1 Kor 7,28]. Dorumb such nitt erst sölich usszüg 46 , und erckenn, daß du ouch ein mensch bist, vermiß dich nitt ze vil 47 etc.

||272v. Zum höchsten aber beduret mich 48 , daß du yemerdar mitt der ergernuß dahar züchst und die selb erst beschwarist mitt den worten Christi: «We dem, der da verergeret!» [Mt 18,7.] Lieber, so sag an 49 , vermeinst nitt, daß ich als wol Christi sye als aber du und also ungern yemands verergeren welte als ouch du? Was heyst ergernuß? Kumpt es nitt vom argen und bösen har? Ja. Was wöllend nun die wort Christi f Mathaei 18 [7]: «We dem menschen, der da verergeret»? Kanstu anders daruß machen, dann: Wee dem menschen, der ein so schantlich böß arg läben fürt, daß sich ander lüt daran stossind, ouch böser werdent, oder dardurch verletzt werdint? Oder, so das nitt der worten sinn ist, worumb volgt dann grad hernach: «Wenn dich aber din hand oder fuß irrt 50 , so how inn ab und wirff inn von dir» [Mt 18,8]? Sich, hand und fuß sind die sündigen glider: Collos. 3 [5ff]. So söllend wir die sünd abthun, daß wir damitt niemands verergerind.

Nun, so züchstu in unseren handel 51 die ergernuß herinn: es werdint sich daran vil frommer verergeren. So ists ye gwüß, daß man sich alein am argen muß verergeren; und sy verergerend sich an dinem handel, so muß din handel böß und arg sin: so ist ouch die ee arg. Sich, wohin du kummist! Was sagt aber Paulus Ebrae. 13 [4]? «Eerlich ist die ee by allen und die eelichen werck one sünd» 52 . —Ja sprichstu: sy verstonds aber nitt, daß es uns recht 53 ist. -Wer verstadts nitt? — Vil frommer menschen. — Sich, sich, das ist erst schön! Isaias spricht: «Wee üch, die ir sprechind, das gut sye bös und das böß gut!» Isaie 5 [20].

e als usset der ee aRvB nachgetragen.
f Am Rande eine Bemerkung von J. H. Hottinger.
38 Vgl. 1 Kor 7,2. 28. 36.
39 Siehe!
40 tust das.
41 befürchtest (SI VII 1761f).
42 außerhalb, ohne (SI I 561f).
43 Worauf läßt du dich da ein? (SI IV 740).
44 Ausführlicher behandelt Bullinger diesen Gedanken in seinem Brautwerbungsschreiben, wo die verheirateten Frommen einzeln aufgezählt werden (s. oben S. 128,24ff).
45 gänzlich, wohl (SI I 1260f).
46 Ausflucht, Vorwand.
47 nimm nicht zu viel auf dich.
48 betrübt, schmerzt mich (SI XIII 1309).
49 Sag, sprich! (SI VII 405f).
50 hindert, belästigt, stört (SI I 408f), «ärgert» (Lutherbibel).
51 Sache.
52 Im Unterschied zur Luther- und zur Zürcherbibel, die hier Imperativ übersetzen, versteht Bullinger Hebr 13,4 indikativisch, als eine Feststellung.
53 für uns (in unseren Augen) richtig, in Ordnung, erlaubt (vgl. SI VI 198 ff).

Nun so ist die ee, als gott sine propheten und apostlen zügen, gut; und die redint, sy sye böß, aber ||273r. imm kloster hocken und da plären 54 und fuulen 55 , das aber gott verwirft, sye gut. So lug 56 , was frommer menschen du mir fürstellist 57 ! Kurtz: ghein frommer kan sich an dem verböseren 58 , das recht ist. Verärgeret er sich aber, so ist er der frommgheit 59 nitt berycht 60 .

Die ee ist allen stenden erloupt: 1. Timoth. 4 [1-5]; 1. Corin. 7 [2.9.27 ff]; Mathaei 19 [3ff]. Deß wellend sich die nitt berychten lassen, die sich ergerend, dann mans gnug sagt; so sind sy ye nitt schwach, sunder wellend mitt gwallt verergeret sin. Es sind grad die, so sich an allen ordnungen gottes stossend. Sölte man nun denen allen uuswarten 61 und nitt vil me fürfaren 62 in dem, das recht ist, so wurde doch uß christenlicher religion nützid dann 63 ein verzagen, zufen 64 und hin und widerfallen. Summa: ghein fromm hertz hat an dem ein missfallen, das recht ist; hats aber ein missfallen, so ists noch nitt recht fromm. Sölte man nun den selben allwäg 65 volgen, so wurdint wir und sy undergon. Also g spricht der psalmist: «Du solt den bösen nitt volgen», Psal. 37 [27]h .

Hierumb 66 gedenck mir der ergernuß in der gstallt 67 nitt mee, oder sag mir vorhin fry heruß: die ee ist arg. Mich dunckt i aber, du wöltist nun gern ouch der wellt gfallen, dann du redst, sy werdint sagen, du syest von bübery 68 wägen heruß gangen. Sich, sich, das sind fine kindlin, die man nitt verergeren sol, die da redent, die ee sye büberey! Gedenck S. Pauli: «Wenn ich welte den menschen gfallen, so wurde ich gott nitt dienen» [Gal 1,10]. Ja, es wirt nitt also zuogon, daß man uns allweg zarten 69 sölle. Christus, gottes son ist selbs on hinderred 70 und schmähen nitt xin 71 , dorumb müssend wir sy ouch nitt achten: 1. Petri 4 [1ff]. Du must ouch deß ammans 72 tröwen 73 nitt fürchten. Solomon spricht: «Wer

g-h von Also bis Psal. 37 übergeschrieben.
i Am Rande eine Bemerkung von J. H. Hottinger.
54 laut und mißtönig, leiernd singen (SI V 138); gemeint ist wohl der Chorgesang.
55 faulenzen, träge sein (SI I 790).
56 Siehe!
57 vorstellst, zeigst, vorführst (SI XI 172f).
58 Ärgernis nehmen (SI IV 1724).
59 Frömmigkeit, Rechtschaffenheit (SI I 1297).
60 darin nicht unterrichtet, unerfahren, unkundig (SI VI 441f).
61 alle abwarten.
62 fortfahren (SI I 899f).
63 nichts als.
64 zurückgehen, zurücktreten (Grimm XVI 357; XV 398).
65 allewege, immer.
66 Darum.
67 in dieser Form, auf diese Weise (SI XI 347f).
68 Hurerei, Unzucht (SI IV 946f).
69 schmeicheln.
70 Verleumdung, böswilliges Gerede (SI VI 537).
71 gewesen. -Vgl. u. a. Mt 11,19; 13,53ff; 26,67; 27,29ff; Joh 6,41ff; 7,12; 8,48.
72 Gemeint ist vielleicht der Amtmann des Klosters, Rudolf Thumysen, etwa 1460/70-1531, Hufschmied und Glockengießer, eine der wichtigsten Personen im damaligen politischen Leben Zürichs; Zunftmeister 1519-1531, erstmals im Kleinen Rat 1519, Obristmeister 1525-1531, Pfleger am Kloster Oetenbach ab 17. Juni 1523. Thumysen war Vertrauter Zwinglis (s. Z IX 352ff. 563ff. X 459 f) und Gegner des Pensionenwesens; er fiel bei Kappel (Jacob 277-279; HBLS VI 736, ältere Lit. s. dort). Nach der Übernahme des Klosters Oetenbach durch den Rat wurde Thumysen am 28. März 1525 dessen Amtmann (AZürcherRef 677; Halter 164). Seine entschieden positive Einstellung zur Reformation läßt allerdings

den menschen fürcht, der valt 74, wer aber inn gott hoffet, der wirt erhallten» [Spr 29, 25]. Du k kendst 75 den amman also, daß dich billich sin red nitt bewegen söllt, besonders so er alein in zytlichem schaden mag 1.

Lieber, bis nitt ||273v. so kindsch plug 76 und anfechtig 77 , du, die gottes und sines worts gute erkantnuß hast 78 ! Sich an, daß ich fry alles umb dinetwillen verachten mag, daß ich dich alein begeer! Darfst 79 nitt der fürworten 80 : «Ich bin nitt für dich»; da laß mich umb sorgen 81 ! Biß 82 ein wenig früntlicher und laß mich geniessen 83 ; hab ich dir ye guts thon, mach mich mitt dinem abtretten 84 nitt zu schanden! Gib mir ein früntliche antwurt, deß mustu by mir geniessen den tag, den du lepst 85 !

Jetzund gnade dir gott 86 der geb dir ouch in din gmüt, daß du mitt fröuden sinen willen thügist. Datum m.

k-i von Du bis mag unten am Rande eingesetzt.
m Weiter unten folgt der Zusatz (siehe c-d).
Annas Befürchtungen, auf die Bullinger anspielt, eher unbegründet erscheinen. — Außer Thumysen käme nur noch eine Amtsperson in Frage, vor der sich Anna hätte fürchten können: Kaspar Nasal; Frau Adlischwyler und Anna waren nämlich von ihm «bevogtet» (HBLS I 109; s. auch AZürcherRef 1613). Aus Feldkirch stammend, hielt sich Nasal bereits 1504 in Zürich auf, wurde 1505 Bürger der Stadt, 1512 des Großen und 1530 des Kleinen Rates (von der Zunft Meisen), 1525 Armenpfleger, 1530-1532 Eherichter, 1530-1542 Obervogt zu Meilen, 1533 Pfleger zu St. Jakob an der Sihl. Auch er stand der Reformation wohlwollend gegenüber. Verschiedentlich wurde er in Klosterangelegenheiten in Anspruch genommen (s. AZürcherRef 722. 1563. 1658. 1778. 1823; Bucher 123f). Nach 1531 unterhielt er gute Beziehungen zu Bullinger und seiner Familie (s. HBD 12, 18. 21, 16. 22, 12; HBRG II 274f. III 103. 107. 302; Z XI 493; Jacob 50. 109; HBLS V, 234, weitere Lit. s. dort). Als Vertreter der finanziellen Interessen der beiden Frauen und wohl auch als Vertrauter der Frau Adlischwyler mag sich Nasal vielleicht gegen die Heiratsabsichten Annas gestellt haben.
73 Drohen.
74 fällt, kommt zum Fall.
75 kennst.
76 blöde, furchtsam (SI V 40).
77 Anfechtungen unterworfen (SI I 666).
78 Anna stand also damals bereits fest auf evangelischem Boden, was ja auch schon für die Zeit des Brautwerbungsschreibens (Oktober 1527) angenommen werden darf (s. oben S. 126, Anm. 1; auch Blanke 95).
79 Bedarfst.
80 Vorwand, Ausrede.
81 Das laß meine Sorge sein!
82 Sei.
83 den Lohn für meine Bemühungen ernten (SI IV 817).
84 Verzicht, Rücktritt.
85 Das soll dir vergolten werden bis zu deinem Lebtag!
86 Gruß, mit der Bedeutung: Gott segne dich (vgl. SI II 661f).

27

[BULLINGER] AN
ANNA ADLISCHWYLER
[Kappel] ,
24. Februar 1528

Autograph: Zürich ZB, Msc T 406, Nr. 15, 1 r. -32r. 62 1/2 S. 8°, sehr gut erhalten, ohne Siegelspur Ungedruckt

Auf Wunsch seiner Braut gibt er eine Zusammenfassung der Pflichten und Tugenden einer gläubigen Frau: er schreibt über den wahren Gottesdienst, den Bund Gottes im Alten und Neuen Testament, das Gotteswort, das das ganze Leben der Christen regieren soll, über den Wert der Arbeit und die Gefahren des Müßigganges und Geschwätzes, über Häuslichkeit und Sparsamkeit, Essen und Kleidung. Es folgt eine ausführliche Gegenüberstellung von Ehelosigkeit und Ehe auf Grund von 1 Kor 7,25ff und danach im Rahmen einer umfangreichen Auslegung von Ps 127 das Lob der Ehe eines gottesfürchtigen Menschen.

Der a eersammen und frommen Annen Adlyschwylerin, miner besonderen sye gnad und frid von gott durch Christum.

Es hat sich vor ettwas zyten begeben, das du verwhänt 4 hast, ich habe dir ettwas underrycht 5 von wägen diner jugend zuo geschryben, das ich aber do ze mol nitt gethon, und doch wol verston mocht, daß es dir nitt unangenämm 6 . So dann mir ouch gedienet hast 7 , und ich ghein dienst nie unvergulten ließ, must ouch du gewäret werden 8 und jetzund das empfahen, das du ettwan 9 verhofft hast; und welle gott, daß min underrycht vil guts by dir würcke. Nimm min dienst imm besten uff und sye die gnad gottes mitt dir.

Geben an S. Mathysen tag imm 1528. jare.

2r. || Der mensch ist zusamen gsetzt vom geist oder seel und lib. Der edler, göttlicher teyl ist die seel, der bronn und ursprung, ouch das wäsen aller menschlichen würckungen, 10 also das wann die seel recht gestalltet ist, dem lichnam 11 und sinen würckungen nützid gebrist 12 . Dorumb es billich ist, daß wir zum ersten

a Auf dem Titelblatt (1r., Vorderseite dieses Blattes): Von wyblicher zucht und wie ein tochter ir wäsen und laben fürren sölle, kurtze underrycht; darunter der Text von Spr 31,30 und 11,22; darunter: 1528; auf der Gegenseite eine Bemerkung von späterer Hand.
1 Siehe oben S. 126, Anm. 1.
2 Nach seiner Teilnahme an der Berner Disputation kam Bullinger mit der Zürcher Delegation am 1. Februar 1528 in Zürich an (HBD 12, 1-4); zur Zeit dieses Schreibens hielt er sich zweifellos wieder in Kappel auf, wie auch die Anspielung auf seine große Arbeitslast (s. im Text) zeigt.
3 Der Brief wird von Staedtke 291 auf «Juli 1528» datiert, der Matthiastag (s. unten Z. 22) fiel jedoch auf den 24. Februar.
4 gemeint. —Möglicherweise in einem nicht erhaltenen Brief.
5 Unterweisung, Belehrung (SI VI 320).
6 Ergänze: wäre.
7 Welchen Dienst seine Braut ihm damals erwiesen hat, läßt sich nicht feststellen.
8 mußt auch du belohnt werden.
9 vorzeiten.
10 so.
11 Leib.
12 fehlt. — Zur Dichotomie und zum Verhältnis zwischen Leib und Seele in der Theologie Bullingers s. Staedtke 257-259.

anzöugind, wie die seel deß menschen sölle gestalltet sin; wirt dannethin 13 der lib ouch sin vorschrybung 14 haben.

So setz jetzund hie am ersten din gedanck uff das ewig und gedenck also: nun wolhin, du sichst, daß nützid 15 uff diser erd ewig ist, ouch der mensch selbs nitt, der den presten 16 und dem todt am ersten und höchsten underworffen ist, dorumb ouch du sterben must. Ist nun ghein ander läben mee dann nun das, darinn wir sind, so sind wir doch ||2v. die ellendisten creaturen 17 . Es ist aber ein künfftig und besser läben, sicht man ye in allen frommen glöubigen und in Paulo, Hebre. cap. 11. Wie muß sich aber der mensch halten 18 , daß imm ein besser läben werde? One zwyfel also: sich halten deß, der untödtlich ist und ein besser läben gäben mag. Der ist der einig gott.

Den gott mustu dir fürstellen 19 als den einigen, der alles alein geschaffen hab 20 und noch alles in allen verwürck 21 , allmechtig sye, der menschlichem gschlecht wol welle, ouch dir alle dine härle gezellt habe 22 , dich alle zyt und allwäg sähe, dem nützid, ouch die heymlichen gedancken dines hertzens nitt verborgen sye 23 , der alles wüsse 24 , in allen dingen sye, dich dorumb erschaffet habe, daß du inn erckennist, inn für dinen gott, das ist für ein sölich gut habist, by dem dines hertzen lust ||3r. und was du begeerst findist, 25 , dorumb ouch sinen einigen sun Jesum, unseren herren in die wellt gesandt habe 26 , und daß wir inn allwägen imm hertzen tragind, in allwäg und in allenn dingen anrüffind, an imm alein hangind und imm ouch alein und recht dienind.

So hanget man nun an gott und dienet gott nitt mitt sölichem lumpenwerch 27 und affenspyl 28 als aber bisher verwhänt 29 , mitt messen, singen, läsen, lüten, kutten, bschären 30 glübden, klösterenn, bilderen, oppfferen, zieren 31 kertzenbrennen, füllfasten 32 , waffelgebett 33, zun heyligen louffen, das haar ussrouffen 34 , mitt bapsts, vätteren und consilien satzungen, potten 35 und verpotten, die alle sampt

13 alsdann (SI II 1356).
14 Vorschrift (SI IX 1518).
15 nichts.
16 Krankheiten (SI V 837f).
17 Vgl. 1 Kor 15, 19.
18 an etwas festhalten, dabeibleiben, sich danach richten, darauf verlassen (SI II 1225).
19 vorstellen.
20 Vgl. Gen 1-2.
21 bewirke, wirke. — Siehe 1 Kot 12,6.
22 Vgl. Mt 10, 30.
23 Vgl. Mt 6,4.6.
24 Vgl. Ps 139, 2. 4.
25 Zu diesem die Gotteslehre Bullingers geradezu beherrschenden Begriff vom «höchsten Gut» s. Heinrich Bullinger, Das höchste Gut, übers. u. hg. v. Joachim Staedtke, Zürich (1955), S. 7-30.
26 Vgl. u. a. Gal 4,4.
27 wertlosen Dingen.
28 törichtes Gebaren (SI X 136).
29 gemeint.
30 abscheren, im Zusammenhang mit der geistlichen Haartracht (SI VIII 1128).
31 Ausschmücken der Kirchen.
32 Ironisch für angebliches Fasten, bei dem man sich eher füllt (SI XII 846).
33 Plappergebet (waffeln = schwatzen: Grimm XIII 291).
34 ausreißen (SI VI 643).
35 Geboten.

ghein nütz und vor gott ein grewel sind, der menschen verfürnuß 36 und unser gwüssninen hellsche pin 37 .

||3v. Warer gottes dienst stat imm glouben, hoffen und lieben [1 Kor 13,13]. Warer gottes dienst ist nitt in usseren, sunder vil mee in inneren wurckungen der seel. Durch den glouben und hoffnung hangend wir gar stiff 38 an gott, truwend 39 imm, erckennend inn und rüffendt inn an, verharrend 40 ouch, sind dultmütig 41 in allem lyden und danckbar in fröuden; werdent also nimmer gescheyden 42 von gott 43 , thund es alles in sinem naamen. Wir flissend 44 ouch uns der unschuld vor imm, reingend uns von lasteren, truckend under 43 die begirden, vergoumend 46 die gsicht 47 , meisterend die zungen 48 und thund alles, das liebhabenden menschen zustat. Darvon loannes in siner epistel [1 Joh 2,3ff; 3,11ff; 4,7 ff].

Also flyst 49 sich der recht gläubig, daß er sich täglich bessere, alles unrechten abthüye 50 . Er strytet 51 all ougenplick, ist nimmer sicher noch II 4r. rüwig, dann er weist, wann er glich die bösen unluteren begyrden zertritt, daß die hochfart 52 ze feld lyt 53 , und wann die überwunden, die trägheit da har schlicht. Und so wir ettwan 54 in prästen fallend 55 , daß verruchty 56 oder aber verzwyfflen uns anrendt 57 , darwyder muß der gloub, das bett 58 und ernst stryten, wie Paulus anzücht 59 zuon Epheseren am 6. cap. [10ff].

Wir müssend aber deren dingen nun wol berycht sin 60 , darzuo uns hilft, so wir flyssig dem wort gottes obligend. Dorumb ein christenliche dochter 61 in der bybly wol geüpt sin sol, wann 62 das ist die gschrifft, von deren Paulus sinem Timotheo schript: «Alle gschrifft von gott inggeben ist nütz zur leer, zur straaff 63 , zur besserung, zur züchtigung in der grechtigheit, daß ein mensch gottes sye one prästen 64 , zu allen guten wercken geschickt» [2 Tim 3, 16f]. Und zun Römern:

36 Irreführung.
37 unseres Gewissens höllische Pein.
38 fest.
39 vertrauen.
40 beharren, bleiben, verweilen (SI II 1515).
41 geduldig, langmütig (SI IV 584).
42 getrennt (SI VIII 237).
43 Vgl. Röm 8, 35-39.
44 befleißigen.
45 unterdrücken.
46 hüten, beaufsichtigen (SI II 302).
47 Blicke (SI VII 249).
48 Vgl. Jak 3,5ff.
49 befleißigt.
50 abtue, ablege.
51 kämpft (SI XI 2402).
52 Hoffart.
53 im Krieg mit ihm ist (SI I 806).
54 vielleicht.
55 ins Elend fallen (SI V 842).
56 Ruchlosigkeit.
57 angreift, anfällt.
58 Gebet.
59 erwähnt, ausführt.
60 über diese Dinge gut unterrichtet sein.
61 unverheiratete weibliche Person (SI XII 401f).
62 denn.
63 Tadel, Zurechtweisung (SI XI 2059).
64 Fehler.

|| 4v. «Was uns vorgeschryben ist, ist unser zur leer geschryben, damitt wir durch gedult und trost der gschrifft hoffnung habend», Roma. 15. cap. [4].

Es wil ouch ein besonders haben 65 , die bibly läsen mitt frucht. Namlich ist es not, daß du das läsen anhebist 66 mitt dem gebett, ja ouch mitt dem läsen bettist, daß dir gott din gmüt uffthun welle, daß du sinen willen erckennist und durch din läsen gebesseret werdist. Demnach ist zu wüssen, daß ettwelche gwüsse stuck sind, daruff die gantz gschrifft lendt 67 , und das alte testament hept an 68 ann dem pundt, den gott mitt Abrahammen und inn imm mitt allen sinen glöubigen getroffen hat, daß er alein sye das einig gut, der schatz aller güteren, an dem wir alein hangen söllend und vor imm unsträfflich wandlen [Gen 17,1ff]. Dahyn reychend 69 jetz 70 alle historien, alle propheten. Dise ||5r. zöugend jetzund an, wie vil unsträfflich vor gott gewhandlet syend, wie sy alein an gott gehanget, inn alein angerüfft habend, und wie gott irer gott xin 71 ist, wie er inen zugedienet 72 hat alle noturfft 73 , sy beschirmpt hat, und by dem sy alles funden 74 habend: als Isaac 75 , Jacob 76 , Joseph 77 , Moscheh 78 , Josue 79 , Sangar 80 , Sanson 81 , Jephte 82 , Booß 83 , Samuel 84 , David 85 , Asa 86 , Josaphat 87 , Ezechias 88 , Josias 89 , Ezras 90 , Daniel 91 , item Sara 92 , Rahel 93 , Anna 94 Abigayl 95 , Ruth 96 , Hester 97 etc. Wann nun du söliches lyst, soltu sprechen: O gott, gib mir ouch ein sölichen glouben, daß ich dich ouch für minen gott halte, und du mich also gnädig fürrist. Du lysist in der dochter Hester demut und gotsforcht; also wandlet sy uffrecht und unsträfflich vor gott, dorumb was gott irer gott und macht sy zur küngin 98 . Hie

65 Es will auch etwas Besonderes auf sich haben.
66 beginnst.
67 hinzielt (SI III 1308).
68 fängt an (SI II 899).
69 zielen (SI VI 138).
70 weiter, sodann.
71 gewesen.
72 zuteil werden ließ (SI XIII 189).
73 das Nötige, das zum Leben Unentbehrliche (SI XIII 1543ff).
74 gefunden.
75 Vgl. Gen 24; 25,19ff; Hebr 11,20.
76 Vgl. Gen 25,24ff; 27,1-37,1; Hebr 11,21.
77 Vgl. Gen 37,2ff; 39-50; Hebr 11,22.
78 Vgl. Ex; Lev; Num; Dtn; Hebr 11,23ff.
79 Vgl. Ex 17,9ff; Num 27,18ff; Dtn 34,9ff u. ö.; Jos.
80 Vgl. Ri 3, 31; 4,6.
81 Vgl. Ri 13,24; 14-16.
82 Vgl. Ri 11; 12,1-7.
83 Vgl. Ruth 2-4.
84 Vgl. 1 Sam 2,18ff; 3-28.
85 Vgl. 1 Sam 16,12ff; 17-30; 2 Sam 1-23.
86 Vgl. 1 Kön 15,8ff; 2 Chr 14-16.
87 Vgl. 2 Chr 17,1-21, 3.
88 Hiskia, vgl. 2 Kön 18-20; 2 Chr 29-32; Jes 36-39.
89 Vgl. 2 Kön 22; 23,1-30; 2 Chr 34-35.
90 Vgl. Esr 7-10; Neh 8,1ff.
91 Vgl. Dan.
92 Vgl. u. a. Gen 21,1ff; Hebr 11,11.
93 Vgl. Gen 29, 16ff; 30,22ff; 35,16ff.
94 Vgl. 1 Sam 1; 2,1ff.
95 Vgl. 1 Sam 25,3-42.
96 Vgl. Ruth.
97 Vgl. Est.
98 Vgl. Est 2,17.

leer 99 du jetzund ouch demut und gots-||5v. forcht; wirt dich gott ouch nitt verlassen etc. Die propheten Isaias, Hieremias, Ezechiel etc. leerend ouch nützid anders dann daß man sölle stiff hangen an dem einigen gott, alles alein von imm begeeren und unsträfflich vor imm wandlen. Hie straffend 100 sy dorumb die laster so ruch 101 , als da sind: gricht und recht verkeren, die armen undertrucken, dodtschlahen, hassen, liegen 102 , triegen 103 , hochmut triben, huren, unküyschen 104 , eebrechen etc. Du findst ouch, wie ettlich als pharao 105 , Saul 106 , Solomon 107 , Hieroboam 108 , Achab 109 , Joas 110 , item Jezabel 111 , Athalia"112 und ander unrein gelept und sich nitt alein gottes gehalten habend; 113 dorumb sy mitt seel und lib, mitt sampt allem gschlecht verworfen, verdilgget und verdampt sind, das nun dich von lasteren schrecken und vom missglouben abwendig machen sol. Dann Paulus zuon Corintheren spricht: «Sölichs ||6r. widerfur den alten alles zum fürbild; es ist aber uns zur ermanung geschryben, daß wer sich last duncken, er stand, mag wol zusähen, daß er nitt fall» [1 Kor 10,11 f]. Abraham hat ghein heymwäsen 114 , also Isaac, also Jacob, wie Paulus zun Hebreeren 11. cap. [8ff] und Stephanus in Gschichten am 7 [Apg 7,2ff] züget; er gloupt aber gott und wardt rych 115. Die kinder von Izrael glouptend nitt, hieltend inn nitt für iro gott, deß blibend sy todt und viertzig jar in der wüste in eilend und verdrutz 116 .

Imm nüwen testament ist ghein nüwer pundt uffgerycht 117 , sunder erst gwaltig 118 zeigt, das gott unser gott, das ist gut und gnugsamme 119 sin wölle. Dorumb hat er sinen sun gesandt, daß der uns das laben gebe mitt sinem todt und urstende 120 . Der heylet alle krancken 121 , gipt ruw allen denen, die unrüwig sind 122 , das ist, er züget mitt siner zukunfft in die wellt 123 , daß gott den menschen ||6v. wol wölle und gnädig sye, und sy alles by imm findint. Dorumb wann du in den evangelisten lysist, daß Christus alle kranckeyt geheylet hab, so gedenck 124 : das ist der recht artzet 125 , by dem gott find ich gesundtheyt und nitt by Sant

99 lerne.
100 tadeln, schelten (SI XI 2092).
101 hart, streng (SI VI 182).
102 lügen.
103 betrügen.
104 Unkeuschheit treiben (SI III 532).
105 Vgl. Ex 1-14.
106 Vgl. 1 Sam 15,9ff; 16,14ff; 18,10ff; 19,1ff; 22,16ff; 28,6ff; 31.
107 Vgl. 1 Kön 11,1ff.
108 Vgl. 1 Kön 12,28ff; 13, 1ff. 33f; 14,6ff; 15,29.
109 Vgl. 1 Kön 16,29-22,40.
110 Joas von Israel, vgl. 2 Chr 24,17-25.
111 Vgl. 1 Kön 18,4. 13; 19,lf; 21,5 ff. 23; 2 Kön 9,22-37.
112 Vgl. 2 Kön 11 u. par.
113 sich nicht allein an Gott gehalten haben (SI II 1225f).
114 Hauswesen, Wohnung (Grimm IV/II 884).
115 Vgl. Gen 13,2; 24,1; 26,13f; 30,43. — Siehe auch oben S. 60,19ff und S. 61, Anm. 70.
116 Vgl. Num 14, 26-35; Jos 5,6.
117 aufgerichtet.
118 eindringlich, unwiderleglich, unwiderruflich.
119 Genüge, Fülle (SI IV 700).
120 Auferstehung.
121 Vgl. Mt 4,23f u. par.
122 Vgl. Mt 11,28f.
123 er bezeugt mit seiner Ankunft in der Welt.
124 bedenk.
125 Vgl. Ex 15,26; Mt 9,12 u. par.

Damians 126 lyrennagel 127 ! Wann du lysist, Christus hat die todten ufferweckt 128 , so gedenck, jetzund hastu funden, wer dir ein besser läben geben kan: alein gott. Wann du lysist, wie er die sünd gestraafft 129 hat, so gedenck du, daß von sünden abstandist. In der apostlen Petri, Pauli, Jacobi, loannis gschrifften oder epistlen wirstu ouch die groß gnad gottes finden und wie alle vollkomne 130 in imm ist, in uns nüt dann sünd, welche Christus mit sinem blut abgetillgget habe und uns geheyssen ein nüwes läben anheben 131 . — Wirst in summa also alles das finden, das dir zu enthaltung 132 diner seel ||7r. dienet; nitt me dann lug, daß dich yemerdar 133 mitt gott übist und nützid anhebist, dorumb zu vor gottes wort nitt gevraget habist. Wann gaast 134 alein mitt dinem gutduncken und mitt diner selbs wysheyt 135 zu radt, so fychtet das fleysch dem fleischlichen nach 136 .

Wann dann din seel also wol mitt gott verrycht 137 ist und von gotteswort geregiert 138 wirt, so wirt demnach alles das wol gestalltet sin, damitt der usser mensch umbgadt 139 . Hie wirstu nun alles das vermyden, das schedlich ist den tugenden, und alles das annemmen, das ein züchtig dugentrych 140 wäsen pflantzet. Nützid ist aber, das mee unzuchten und untugenden gebäre dann müssig gon. Uß müssig gon entspringend böse gedancken, demnach 141 üppiger gschwatz 142 , demnach böse gespylischafft 143 , demnach liederliche gmüt, daruff ghein schühen 144 heim- ||7v. licher gsprähen, liebe, und schiffbruch aller zucht, eer und scham.

Dorumb das dises alles vermitten 145 blibe, so schüch 146 das müssig gon und arbeyt allwäg 147 ettwas, damitt und 148 dich (als ouch Hieronymus 149 heist) der tüfel allwäg mitt ettwas gschäfften beladen, ghein statt 150 find. Wybliche arbeyt ist

126 Die Heiligen Kosmas und Damian, Märtyrer unter Diokletian (284-305) im Orient, von denen man sich nach ihrem Tode mittels Inkubation (Tempelschlaf) Hilfe erhoffte, waren vielleicht Brüder und Ärzte; ihre Heiltätigkeit wird in zahlreichen Wundergeschichten geschildert, s. Franz Paschke, Art. Kosmas und Damian, in: RGG IV 26f, Lit. s. dort.
127 Am älteren Pflug der mit Griff versehene eiserne Nagel, der in das Loch in der Schere des Pflugs gesteckt wird (SI IV 688). In übertragener Bedeutung auf einen langsamen Menschen angewandt. «Damian Lyrennagel» ist der Name des Dorfpfarrers in Niklaus Manuels «Barbali», 1526 (Manuel 133ff).
128 Vgl. Mk 5,22ff; Job 11,1ff.
129 Vgl. Mt 5,21ff.
130 Vollkommenheit.
131 anfangen.
132 Unterhalt, Erhaltung, Schutz.
133 immerdar.
134 gehst.
135 eigenen Weisheit.
136 so strebt das Fleisch dem Fleischlichen nach (vgl. SI I 664). — Siehe Röm 8,5.
137 ausgesöhnt (vgl. SI VI 431f).
138 regiert.
139 umgeht.
140 tugendreiches.
141 hierauf (SI IV 638).
142 leichtfertiges, nichtsnutziges Geschwätz.
143 Gesellschaft (SI X 189).
144 Scheu vor.
145 vermieden.
146 verabscheue.
147 stets.
148 damit («und» ist pleonastisch, SI I 321).
149 Hieronymus, Epistola CXXV, 11, 2 ad Rusticum Monachum (CSEL LVI 130, 6f).
150 Platz.

spinnen, näyen 51 , wäben, würcken 152 , sticken, zuon zyten schryben und läsen. Mitt arbeyt muß man sich begon 153 , und ob man glich also rych ist, daß man sin nützid bedarf, soll man doch allwäg werchen. Es sind ouch heyden gewäsen, die hordtrych 154 , und doch nitt woltend, daß sy müssig giengend, die inen ze versprechen stundint 155 . Lartind 156 ire kind maalen, schnyden, die fryen künst, und die dochteren die musick, astronomy und derglichen subtyle 157 sinryche künst, damitt sy von müssig gon zügind 158 und bösen fantasyen nitt statt liessind. Also thet die küsch 159 ||8r. Penelope 160 nützid dann wäben, und behielt 161 irem künig und herren sin eer und zucht, mocht nitt erworben werden von 18 junger fürsten und beharrets 162 doch 20 jar. Besich mir die Sprüch Solomonis am 31. cap. [10ff].

Uppiger 163 oder unnützer geschwätz ist ein so anzügig 164 grooß übel, daß es niemands ussprächen kan, besonders vor jungen zarten hertzen; ist nützid, das wyblicher zucht mee schade. Dorumb sölichs billich ze vergoumen 165 ist. Sölich sind die fablen, meerly 166 von der liebe, von ander derley göuchery 167 und üppgheit, item die buler lyedly 168 , die narrenbüchlin vom herr Tristrant [!]169 , von der Gismunda 170 von Euryalo 171 und Lucretia 172 , vom Leandro 173 und der glichen. Darvor muß man sich wie vor den Syrenen hüten, söliche ding nitt kouffen, nitt läsen, nitt hören läsen.

Es ist ouch die edlist und ||8v. höchste frowenzucht: stillschwygen und, ob ettliche uppge 174 red von wyb oder man beschicht 175 , die nitt mercken 176 , darzuo nitt lachen noch loben, sust vermeint der grobian oder die grobhartin 177 , sy

151 Nähen.
152 eine Handarbeit, vermutlich Stricken (vgl. Strumpfwirken) oder Teppichwirken (auch in Bullingers Familie belegt, vgl. u. a. Verzeichnis 2 448).
153 seinen Lebensunterhalt verdienen (SI II 32).
154 sehr reich, steinreich (SI VI 163).
155 die ihnen unterstellt oder ihrer Pflege anvertraut waren, «Einem zuo versprechen stân>, von Personen oder Sachen, mit Beziehung auf die Ausübung von (Hoheits-)Rechten, Verpflichtung zu rechtlicher Vertretung, Schutz und Schirm», SI X 786.
156 lehrten.
157 feine (SI VII 95).
158 abhielten.
159 keusche.
160 Gattin des Odysseus (Odyssee).
161 erhielt (SI II 1238).
162 setzt es fort (SI II 15150.
163 Unzüchtiges.
164 anziehend, (andere Lacher) nach sich ziehend, verführerisch.
165 zu vermeiden.
166 Märlein.
167 Torheit (SI II 107f).
168 (unzüchtige) Liebeslieder (SI III 1096).
169 Tristan und Isolde.
170 Vielleicht Griseldis oder Isolde. — Eine Gismunda ist in der Weltliteratur nicht bekannt.
171 Freier der Penelope, s. Wagner, Art. Euryalos, in: Pauly/Wissowa XI 1318.
172 Tugendsame Gattin des Collatinus, s. Münzer, Art. Lucretia, in: Pauly/Wissowa XXVI 1692-1695.
173 Siehe Sittig, Art. Hero, in: Pauly/Wissowa XV 909-916.
174 unzüchtige.
175 geschieht.
176 bemerken, beachten.
177 Von: grobhart = Grobian (Grimm IV/I, 6, 413).

habe es wol geschafft 178 und ein guten schwanck triben. Das stillschwygen soll ouch nitt ein stümme 179 sin, sunder ein maaß deß wybischen klappers 180 oder retschens 181 . Wo man züchtig und frölich vragt, soll man mitt lachendem mund antwurt geben und mitthyn 182 lieblicher und holdsäliger züchtiger reden sin, doch daß es ein maaß habe und ander lüt ouch mögind ze red kummen. Es söllend ouch die perden 183 und gstallten der ougen, deß munds, ja gantzen libs züchtig, frölich und nitt schamper 184 sin; soll alles vorbetrachtet 185 sin und nützid gäch 186 , wann nienerby 187 erckent man das wyb baß dann by der red, by den ougen und libs perden, wo anders 188 wyse lüt sind. ||9r. Also sol ouch das lachen ein maaß und zucht haben, doch es wirt das alles wolgstalltig werden, wo zucht, eer und scham imm hertzen ist, die alle ding regiere und verbringe 189 . Wo die selb nitt da ist, gwüsslichen nützid anders dann unzucht in allen thun und lhon 190 , oder aber lötige 191 glichsnery 192 , darunter herfür gugget 193 die bosgheyt. Da hilft dann underrycht eben also vil als wann man zu einem unglöubigen sagt: rüff gott an und rüff inn also an, — und er hat aber gheinen gott imm hertzen.

Gspyllschafft 194 ist ouch der grösten verfürnussen eine, dann es nitt ze beschryben ist, worhinder 195 bös gspylen fürind, ja deß, das sich eins nie versähen 196 hette, wirt es liederlich und unverdachter sach beredt 197 . Dorumb du dich wol umbsähen magst, zu wemm dich schlahist 198 . Erkonn 199 vorhin 200 einer 201 gmüt, thun und lassen: welche die warheit lieb hat und nitt liecht 202 ist, welche eer lieb || 9v. hat und das arg hasset, welche züchtig und wolkönnend 203 ist mitt worten, perden, thaten, früntlich, gotsförchtig, dienstbar 204 und demütig ist, zuo deren soltu dich xellen 205 . Solt iren vorgeben 206 , sy in eeren haben, iren dienen, dine gheimnussen gmeinn mitt iren haben; doch so du wilt, daß es niemands wüß, so

178 habe ihre Sache gut gemacht (SI VIII 313f).
179 Stummheit.
180 Schwätzens.
181 Schwätzens, Plapperns, Klatschens (SI VI 1850).
182 mitunter, bisweilen (SI II 1350).
183 Gebärden.
184 schandbar, ehrlos, schamlos (SI VIII 881ff).
185 bedacht.
186 überstürzt, übereilt.
187 an nichts.
188 wo nämlich.
189 vollbringe.
190 Lassen.
191 völlige (SI III 1502).
192 Heuchelei (SI II 604).
193 hervorschaut (SI II 182).
194 Gesellschaft.
195 wohin; eigentlich: «wohinter».
196 darauf gefaßt gemacht, erwartet (SI VII 566).
197 zu einer unüberlegten Sache überredet (SI XIII 664; VI 570).
198 zu wem du dich gesellst (SI IX 320).
199 erforsche (SI III 325).
200 vorher.
201 Ergänze etwa: weiblichen Person.
202 leichtfertig, leichtsinnig, unzuverlässig (SI III 1048).
203 geschickt, gewandt (SI III 324).
204 dienstfertig, hilfsbereit (SI XIII 799).
205 gesellen.
206 ihnen freundlich entgegenkommen (SI II 89).

sags niemands, ouch dir selbs nitt, und ob du schon erfaaren hast, daß dine gespylen verschwygen sind. Noch spricht man: «Was über den tritten mund hinuß kumpt, das blipt nitt verschwigen» 207 . Trüw niemands ze gäch 208 208 , erkonn vorhin alle ding und demnach 209 so vertruw dich 210 , so wirst by guten gebesseret; wann 211 mitt und by bösen wirt man verkärt 212 [!]. Bishar hastu ein züchtige eerliche gespylen gehept an der Justitien 213 , lug 214 , daß du es allwäg also träffist ist 215 , und wüß 216 , daß ze vil gspyllschafft ouch nitt gut ist.

Vertruw 217 dir ouch selbs nitt zuo vil; es ist ghein ein-||10r. falter 218 ding, das ee betrogen sye und überfürt 219 , dann ein wybsbild. Dorumb soll dir alles das argwhönig sin, das von der juget 220 anggeben 221 wirt und bywhonen 222 , ouch gmeinschafft und zu vil früntschafft der jungen knaaben anetrifft 223 . Die jugedt ist unbedacht 224 , und findt man nitt vil, die betrachten 225 könnind, daß sy keine eer ingelegt, wann sy glich ein so einfallte creatur überfürt. Lassend wybesgeschlecht irer einfallte ouch nitt geniessen 226 , sunder sind nun daruff geneigt, daß sy vil betriegind. Daruff setzend sy all iren gedanck und bruchend allen betrug mitt süssen glatten worten, hohen verheyssen 227 ; dorumb man sich hie wol goumen 228 muß.

Also sol ouch nitt die kleinst sorg einer christenlichen dochter sin, daß sy huslich 229 und radtlich 230 sye. Und durch das huslich sin verstond wir nitt gytig 231 sin, sunder ein rechte sorg tragen über die ding, darüber sy von elteren ze verwal-||10v. ten gesetzt wirt, oder aber, so sy selbs für sich huß halt, nützid ze unnutz verthüge 232 , nützid versume 233 , nützid verderben lasse. Dise sorg soll nitt ein unruw 234 sin, sunder sy wirt groß gnug sin, wann sy uff nachvolgende stuck grünnt 235 . Zum 1. mustu dir selbs ingeben, wie nötig sin 236 ein ellend ist,

207 Kirchhofer 177.
208 vertraue niemandem zu schnell.
209 hierauf.
210 vertrau dich an.
211 denn.
212 verdorben, verführt.
213 Justitia Moser (s. oben S. 141, Anm. 297).
214 sieh zu.
215 immer so triffst.
216 wisse.
217 traue ... zu.
218 einfältigeres (SI I 818).
219 betrogen, verführt (SI I 978).
220 Jugend (SI III 22).
221 angeführt.
222 Umgang, Zusammensein.
223 betrifft.
224 unbesonnen, unüberlegt (SI XIII 681).
225 bedenken.
226 lassen das weibliche Geschlecht auch den Lohn für seine Einfalt nicht ernten (vgl. SI IV 817).
227 Versprechen (SI 111683).
228 hüten (SI II 301).
229 sparsam (SI II 1745).
230 haushälterisch (SI VI 1616).
231 geizig.
232 vertue, vergeude (SI XIII 414ff).
233 versäume, verpasse, unterlasse (SI VII 964).
234 Unruhe.
235 gründet, sich stützt (SI II 777).
236 Not haben, arm sein (SI IV 861).

und also vil haben, das du ouch mögist einem anderen helffen, ein tugend 237 . Dorumb du dich der maassen stellen wellist, daß du nitt nötig werdist. Also must jetzund zum anderen eigentlich betrachten was du habist ingon 238 , und versähen 239 , daß din ussgeben nitt grösser werde dann das innemmen. So wirst dann hie der regel geläben 240 , so da lut: «Du must dich strecken, darnach dich weist zu decken» 241 . Item: «Du must nitt achten, was du gern hettist, sunder weß du nitt b wol mögist embären» 242 . Also wirt dir alles unnötig ding erleyden 243 und nützid krämlen 244 , nützid ussgäben, es sye dir dann notwendig. Zum trit-||11r. ten mustu ouch uff einem haller halten 245 und ghein ding so unnütz achten, deß man nitt ettwan an einem ort gebruchen mög. Das wirt dann wol das güden 246 vertryben. Zum vierden eigentlich 247 sähen was ander lüt und dich ettwan genützt oder ze schaden bracht habe; dem selben volg dann hinnach oder hüt dich darvor. Zum 5. must allwäg mitt dir selbs und ander lüten guter rechnung sin 248 , gern bezalen, nützid uffschlahen 249 , doch noch vil lieber nützid entlechnen 250 , so wyt und es xin mag. Zum sechsten must alles, das du wol mitt dir selbs ussrychten kanst, ander lüten nitt empfelhen 251 , und ob du inen schon ettwas empfilchst, soltu doch yemerdar zusähen etc. Wann du nun daruff sähen wirst, recht husslich werden und gwüsslich nüt lassen ze verlieren gon, doch vorbehalten 252 , daß man sich nützid rüwen 253 lasse, was zuon eeren und notdurfft ||11v. ghört; wann wo das nitt, so were es ein lötiger 254 gyt 255 und wust 256 , ja recht hutzinger 257 lempenwerch 258 . So sicht ein verstanden 259 gmüt wol, was zu eeren dienet und wie vil man da geeben und anderschwo inhalten 260 söll. Wo ghein vernunft ist, da spricht man: «Butzen 261 söllend nitt gellt haben» 262 . Wo gyt
b nitt aRvB nachgetragen.
237 Ergänze: ist.
238 Einkommen (SI II 21).
239 dafür sorgen (SI VII 568).
240 nachleben (vgl. SI III 972).
241 Wander IV 899; Kirchhofer 169.
242 entbehren; s. den Abschnitt «Gemeine sprüch vom hußhalten», in: Heinrich Bullinger, Der Christlich Eestand, Zürich 1548, Bl. 79v.
243 verleiden.
244 kleine entbehrliche Dinge, bes. Zuckerzeug, einkaufen (SI III 816).
245 auf einen Heller Wert legen (SI 111225).
246 das Vergeuden, Verschwenden (SI 11125).
247 genau.
248 gute Rechnung führen.
249 nichts auf Borg nehmen (SI IX 367).
250 entlehnen.
251 auftragen, übertragen (SI I 798f). — Siehe Bullingers Haushaltssprüche, aaO.
252 mit dem Vorbehalt, ausgenommen.
253 reuen.
254 völliger.
255 Geiz.
256 Schmutz, Unrat (Grimm XIV/II 2405ff).
257 ein Scheltwort unbekannter Bedeutung (vgl. SI II 1839).
258 Lumpenarbeit (vgl. SI III 1275f).
259 verständiges.
260 einhalten, zurückbehalten.
261 Narren (SI IV 2003).
262 Wander I 527.
ist, gadt es nitt anders, dann wann einer ein süsse harppffen 263 hat und sich mitt iren nitt belusten 264 darf, sy imm kasten verderben last.

Radsamme 265 ist nitt die kleinst gaab der recht wolkönnenden döchteren. Die lygt nun an einem herrlichen frölichen gmüt. Wann wir sähend, wie die schwermütigen 266 Grädy 267 dorffnepper 268 by inen selbst unradtsam 269 und gar nitt unglich den süwen 270 sind. Wo aber ein frölich adenlich 271 gmüt ist, da mag es gheinen unradt dulden und sicht eigentlich 272 , daß alle ding mitt ordnung und zuo siner zyt beschähend 273 Dise zwey ding sind in der radtsamme ||12r. die obristen 274 . Da stellend sölich döchteren all ire ding an ire örtlin, wie die bygly 275 lassend nitt eins hie, das ander dört liggen. Da mögend sölich gheinen wust, ghein unsubere 276 dulden, es muß inen alles glitzeren; habend die stunden ußgeteylt 277 , darinn sy yedes thund, und lassend ghein zyt one frucht fürschynen 278 . Fuul 279 dörpplechtig 280 düppell 281 troumend und schlafend mee dann sy läbend. Yhen 282 aber sind hurrtig, thund alle ding mitt fröuden und mitt halber arbeyt, sind ouch schnell, so man yhen bedörffte, mitt einem hangenden 283 wagen ze reychen und fürren, wo man sy haben wölte.

An essen und trincken ligt ouch nitt wenig, dann überfüllen 284 und schlöünen 285 ein grooß laster ist und besonders grossen schaaden der wyblichen zucht gebirt. Wo versoffen wyber sind, die sind schon verckoufft 286 . Ein züchtige dochter soll zu not-||12v. wendigheyt ein notdurfft 287 und gnug essen und trinckenn, nitt daß sy mee entzünt 288 werde. Dann man das bulfer nitt darf 289 ins strow ze legen, wann es sust nach bim füwr ist, es kumpt wol one das bulver an 290 . Es soll sich ouch ein fromme dochter huten vor seltzamen 291 wynen 292 , vor

263 Harfe.
264 belustigen.
265 Ordnungssinn, Reinlichkeit (SI VI 1621).
266 melancholischen (SI IV 588).
267 Greti, gemeine Bauersfrau (SI II 824).
268 grobes Bauernmädchen (SI IV 773); s. noch oben S. 139, Anm. 273.
269 unordentlich, unreinlich.
270 Sauen.
271 adeliges, herrliches (Lexer I 21), ordentlich.
272 sieht genau dazu.
273 geschehen.
274 obersten.
275 kleine Beigen.
276 Unrat, Schmutz (SI VII 80).
277 eingeteilt (SI XII 1597).
278 vergehen, verstreichen (SI VIII 824f).
279 Faule.
280 ungeschickte, schwerfällige, törichte (SI XIII 1678f).
281 einfältiger, dummer, schwachsinniger Mensch (SI XIII 967).
282 jene.
283 gedeckten (SI II 1442).
284 Überessen.
285 Naschen (SI IX 569).
286 preisgegeben, verloren.
287 so viel wie ausreicht (SI XIII 1548).
288 entzündet, erregt.
289 bedarf.
290 gerät in Brand (SI III 273f).
291 seltenen, köstlichen (SI VII 873).
292 Weinen.

frömbdlendigen 293 schlecklinen 294 ; wann 295 die selben den seckel 296 leerend, den buch 297 und rachen übel wennend 298 , daß ers hernach mee haben wil, gott geb wo ers näm 299 . Daruß entspringt dann aller unradt 300 , schand und laster.

Der kleydung halb ziert ein wybes bild nützid baß 301 dann einfaalte 302, eerbere 303 , landtbrüchige 304 kleyder. Aber also zerstucket 305 , zerstoossen, zerhowen 306 , zerspeert 307 und wiegsam 308 kummen uff 309 frantzösisch, italienisch, niderlänsch, hispangisch 3l0 hört 311 uff den graaben 312 . Wann sind sy nitt feyl 313 , was dörffend 314 sy dann deß gspeers 315 , worumb kummend sy nitt wie ander fromm lüt? Sammet, ||13r. dammast, carmisin 316 syden, scharlat 317 , schamlot 318 lyt baaß 319 in India, Meiland und Hispalen 320 , stat vil baaß dem krämer an 321 imm gaden 322 , dann einer frommen dochter vor wysen gläubigen lüten. Müssend die usseren ding zieren und köuffig machen 323 , so gadts den guten meytlinen znacht, 324 , wann sy sich abzühend 325 , wie der kräyen 326 in Aesopo 327 ; die hat sich ouch mitt frömbden fäderen besteckt und wollt ouch dem pfawen glich sin, do aber yetlicher 328 vogel sine fäderen widernaam, do stund die arm kräy und was nüt dann ein arme schwartze kräy. Welche gotsförchtig, eerbar und züchtig ist, die ist recht hübsch, kan ouch

293 fremdländischen.
294 Schleckereien.
295 denn.
296 Geldbeutel.
297 Bauch.
298 gewöhnen.
299 ganz gleich woher er es nimmt (vgl. SI II 72).
300 Unordnung.
301 nichts besser.
302 einfache.
303 ehrbare.
304 landesübliche (SI V 366).
305 zerstückt (SI X 1841f).
306 geschlitzt (SI II 1810).
307 auseinandergesperrt, gespreizt, ausgebreitet (SI X 441; Lexer III 1084).
308 beweglich, nachgiebig (Grimm XIV/I, 2, 1556).
309 daher kommen (SI III 263).
310 spanisch.
311 gehört.
312 Es handelt sich wahrscheinlich um eine Anspielung auf das «Frauenhaus» (Bordell) am jetzt Seilergraben genannten Teil des Stadtgrabens in Zürich, vgl. Salomon Vögelin, Das alte Zürich, historisch und antiquarisch dargestellt. Bd. I. Eine Wanderung durch Zürich im Jahr 1504, 2. umgearb. Aufl., hg. v. Arnold Nüscheler und F. Salomon Vögelin, Zürich 1878, S. 426.
313 käuflich (SI I 772): «Denn, wenn sie nicht käuflich (Dirnen) sind, ...»
314 bedürfen.
315 der gespreizten Aufmachung (SI X 420).
316 Karmesin, kostbarer Kleiderstoff (SI III 463).
317 Scharlach (SI VIII 1258f).
318 Kamelot (SI III 248; VIII 766).
319 paßt besser.
320 Spanien.
321 geziemt (SI XI 606).
322 Laden (SI II 116).
323 die Kauflust wecken.
324 nachts (SI IV 644).
325 ausziehen.
326 Krähe.
327 In der bekannten Fabel: Die Dole (Krähe) und die Vögel.
328 jeglicher, jeder.

hübschlich thun. Welche das nitt, die ist ein holtsbock 329 , und ob sy schon in mitten einer syden 330 ballen steckte. Besich Paulum 1. Timoth. 2 [2ff] und Petrum 1. Petri am 3. cap. [1ff].

Wann aber die dochter ||13v. uff iro alter kumpt, daß sy empfindt, ob sy iren anfechtungen herr sin mög oder nitt, so danne mag sy sich der jungckfrowschafft oder in den eestand ergäben 331 . Hat sy ein so reines hertz, daß sy der welltlichen dingen gar nützid achtet und wenig, ja gar ghein unruwen hat, so hat sy die gaab der junckfrowschafft 332 , soll sich doch wol mitt allen dingen wie obgemellt 333 hüten und «ob sy stat, sähen, daß sy nitt fall» [1 Kor 10,12], nitt hochmütig werden und gott recht dienen. Hat ir aber gott nitt geben ein sölich hertz wie obgemellt, soll sy, zu verhüten alle schand und schmach deß tüfels, irs fleischs und der wellt, sich vereelichen; doch hie zum höchsten und flyssigosten sorg haben, daß sy sich also vereeliche, daß sy zu seel und lib nitt verwende 334 . Und zum höchsten soll man nachvragen fromgheyt, gotsforcht, eer, zucht, sorgsamme 335 , ob der knaab frydlich und ghand-||14r. sam 336 sye, ob er ein wüterich, ein spyler, suffer, hurer, balger 337 , ob er verthügig 338 , oder hushaben 339 könne, ob er sin gsellschafft by guten frommen suche, wie er sich vor 340 gehalten habe, was sin wäsen und hantierung 341 sye, ob er ouch früntlich und vernünfftig sye. Dann die ee denocht also vil müy 342 und anxt hat, das ein fromme dochter nitt erst bedarf, daß sy über alle sorg 343 ein unvernünftigen fyendseligen hund imm huß habe, von dem sy ruch 344 angeschnerzt 345 und weder trost, fröud, noch lieb habe, ja der nitt wüsse, was einer frommen frowen zuhöre 346 , ja ouch vermeine, er sye von imm 347 selbs hie, und dorumb das arm wyb verdutzen 348 und gar niener für haben 349 sölle.

Welche aber die junckfrowschafft, die hohen gaab von gott empfangen habend, dörffend deren sorgen nitt. Dorumb ich jetzund || 14v. mitt kurtzen anzeichnungen verhandlen will die meinung Pauli 1. Corinth. 7. cap. von der junckfrowschafft 350 . Der schript also:

329 steifer, ungelenker, störrischer, ungeschlachter Mensch (SI IV 1130).
330 Seide.
331 hingeben (SI II 84).
332 Vgl. 1 Kor 7,7; s. auch oben S. 128, Anm. 29.
333 obenerwähnt.
334 Der Sinn ist wohl: sich nachteilig verändere, schlimmer werde.
335 Sorgfalt (SI VII 1322).
336 sanft, mild, verträglich (SI II 1407).
337 Zänker (SI IV 1212).
338 verschwenderisch (SI XIII 418f).
339 sparsam sein.
340 vorher.
341 Beruf, Arbeit (SI II 1476).
342 Mühe.
343 zu aller Sorge noch.
344 rauh.
345 angefahren, angefaucht.
346 zugehöre.
347 sich.
348 verächtlich, geringschätzig behandeln (vgl. SI XII 38).
349 für nichts halten, verachten (SI II 882).
350 Bullinger hielt bereits 1525 Vorlesungen über die beiden Korintherbriefe (HBD 10, 11), die jedoch nicht erhalten geblieben sind. Zu den hier folgenden Ausführungen über 1 Kor 7, 25ff vgl. Luther, Das siebente Kapitel S. Pauli zu den Corinthern (WA XII 133-139).

«Von junckfrowen aber hab ich ghein gebott deß herren; ich gib aber einen radt oder entscheyd, als der barmhertzigheyt vom herren erlanget hab, darzuo daß ich trüw sye» [1 Kor 7,25].

Paulus spricht, Christus Jesus habe nützid gebotten von der junckfrowschafft, dann man gar nützid darvon in evangelisten findt, one alein 351 imm Evangelio Mathei am 19. cap. [11ff]spricht er, daß nitt yederman iren fähig sye. Ouch by den patriarchen, propheten und heiligen deß alten testaments ist sy nitt besonders vil gelopt, ja die dochter Jephte beweynet ihre jungfrowschafft 352 , dann es nitt lobes wert was 353 , one kind und usset 354 der ee one frucht absterben. Hierumb were S. Hieronymus wol 355 ||15r. ein wenig bescheydner xin in sinem schryben 356 , darinn er nun 357 zevil der jungfrowschafft zugipt 358 ; dem ouch nachgevolget sind die unreinen münchen und göuchischen 359 kräntzlin macher 360 , habend vil getäperet 361 und vil züchtiger jugend zu nüti 362 gmacht. Der heylig Paulus der faart recht da har, last das gepieten und trengen 363 ston 364 , wil ein fründs radt geben.

«So schetzen ich nun, daß sy gut sye von wägen der gegenwyrtigen anxt und not, also daß es jetzund gut ist, der mensch blibe also» [1 Kor 7,26].

Gut nempt hie Paulus fugcklich, komlich 365 , wie imm Ersten Buch Moscheh am 2. cap.: «Es ist nitt gut, daß der man alein sye, wir wellend imm einen ghülffen oder xellin 366 machen» [Gen 2,18]. Heist hie «es ist nitt gut»: es fügt sich nitt, soll nüt 367 . Das zeig ich dorumb, daß man nitt uß missverstand deß wörtlins «gut» gute werch der ||15v. junckfrowschafft zulegen welle, das aber das gmüt 368 S. Pauli nitt ist. Er spricht, daß die junckfrowschafft alein dorumb fuglich sye, daß sy den menschen viler not und angst entladet, die er inn der ee erlyden müste. Ist also nitt deß geists, gloubens oder dappffergheyt 369 halben die junckfrowschafft 350f

Diese Schrift hat Bullinger gut gekannt und öfters benützt (s. oben S. 61, Anm. 70; S. 62, Anm. 104); eine direkte Abhängigkeit von Luther läßt sich indes bei diesem Abschnitt nicht nachweisen.
351 außer, einzig.
352 Vgl. Ri 11,37f.
353 war.
354 außerhalb.
355 wäre ... besser.
356 Gemeint ist vermutlich: Hieronymus, Adversus lovinianum, I, 3ff (MPL XXIII 223ff). Ausführlicher behandelt Bullinger diese Frage in seiner «Volkommne[n]underrichtung deß christenlichen eestands, wie er möge und sölle in allen stucken mitt gott, nutz, eer und fröüd gschicktlich volfürtt werdenn», 1527 (Zürich ZB, Msc D 200, Nr. 2, 36r. -37r.), dabei werden außer der hier genannten noch zwei weitere Schriften des Hieronymus angeführt: Epistola XXII, ad Eustochium (CSEL LIV 143ff); Epistola XXXXIX, ad Pammachium (CSEL LIV 350ff). Auch Luther wendet sich im Zusammenhang mit dieser Paulusstelle gegen Hieronymus (aaO 134, 27f).
357 nur.
358 zugesteht.
359 närrischen.
360 Kranz ist hier als Bild für Jungfernschaft verwendet (vgl. SI III 837f).
361 unnütz geschwatzt (SI XIII 941).
362 zunichte.
363 Drängen.
364 läßt ... stehen, bleiben, unterläßt es.
365 zukömmlich, angemessen.
366 Gesellin.
367 taugt nichts (SI VII 77).
368 Meinung (SI IV 587).
369 Festigkeit (SI XIII 976).

besser dann die ee, sunder alein usserer ruwen halb; wann die junckfrowen nitt müssind kinder gebären, säugen, radtsammen 370 , sorghaben, hushalten, unwärd 371 vom man innemmen 372 , vil truren 373 , ettwan gschlagen werden etc. So man nun uff die dultigheit 374 und werch sähen oder dise ding sölte mitt dem verdienst messen, so were der eestand heyliger dann der müssig rüwig jungfrowstand.

«Bist aber diner hussfrowen verbunden, so scheyd dich nitt; bist aber ledig vom wyb, so wyb nitt 375 !» [1 Kor 7,27].

||16r. In Corintho warend ettlich lüt, wie sy noch hütby tag 376 vor handen sind, die, so bald und sy die müy der ee empfundent und darby 377 hortend 378 , wie reinigheyt aller nöten entlüde, woltind sy einswägs 379 druß schlüffen 380 . Spricht Paulus: nein, hastu sy genommen, so behalts; als sölte er druff sprechen: was bsindtest 381 dich nitt vorhyn 382 ! «Wann du ledig bist, dann so lug und blib fry» verstat allwäg 383 : ja so du hast die reinigheit. Sust so tringt der vorder spruch: «Es ist besser zur ee gryffen, dann geprennt werden» [1 Kor 7,9].

«Nimpstu dann schon ein wyb, so hast nitt gesündet, und wann die dochter mannet 384 , hat sy nitt gesündet» [1 Kor 7,28].

Sidmal 385 er geredt hat: «bistu ledig vom wyb, so wyb nitt», drauß man hette mögen schliessen: so ist doch die ee bezie-|| 16v. hen unrecht, antwurt er: nein, sunder es ist knaaben und döchteren fry und one sünd. Dorumb ye volgt, daß der bapst mitt sinen münchen das volck verfürt hat. Die münchen sprachend: die junckfrowschafft verlieren ist sünd. Und Paulus spricht: ein man nemmen ist nitt sünd. Dorumb soll man verston: in der ee verlieren 386 ; sust ist es ein grosse sünd, wie Paulus zun Hebreieren spricht: «Loblich und eerlich ist vor allen menschen die ee 387 , und die eelichen werck one sünd, aber die hurer und eebrecher wirt gott verdamnen» [Hebr 13,4]. Sich, und wann man sust ghein geschrifft hette wider die klooster glübden und münchischen fablen, werend die nitt starck gnug alein?

«Doch so werdent sölich ettwas engsten 388 am fleysch erlyden; ich kans üch aber nitt alles erzellen» [1 Kor 7,28].

370 pflegen, in Ordnung halten.
371 Geringschätzung.
372 entgegennehmen.
373 trauern.
374 Geduldigkeit.
375 nimm kein Weib.
376 heutzutage (SI XII 1068).
377 dabei.
378 hören.
379 geradewegs.
380 daraus schlüpfen, entwischen.
381 besinntest.
382 vorher.
383 stets.
384 einen Mann nimmt.
385 Sintemal, weil.
386 Der Sinn ist: die Jungfräulichkeit in der Ehe verlieren ist nicht Sünde.
387 Bullinger übersetzt den Satz indikativisch; dazu s. noch oben S. 147, Anm. 52.
388 Angst, Bedrängnis.

Das ist alein dorumb 389 die ||17r. jungfrowschafft ein fürderling 390 hat: hie ist ettwas engsten, sorgen und zufallens 391 , wie obgemeldet ist. Doch so schadet das alles dem geist nützid, und muß der mensch alein am fleysch und von ussen erlyden.

«Daruff sag ich das, lieben brüdern, daß die zyt eben kurtz ist; dorumb man imm nützid anders thun kan 392 , dann welch wyber habend, söllend sin 393 als habend sy gheine, und welche trurend 394 , als trurtend sy nitt, und welche fröudt habend, als habend sy ghein, und welche kouffend, als söltend sy es nitt besitzen, und die diser welt gebruchend, als gebruchtends iren nitt; dann das wäsen diser wellt hinfällt. So wölte ich gern, daß ir nitt engstig und anfechtig werind» [1 Kor 7,29 f].

Wie er den eelüten vorgesagt 395 hat, sy werdent ettwas erlyden, also tröstet er sy hie widerumb, damitt und || 17v. niemands, so vilicht die reinigheit nitt hette, doch ab dem eestand erschuchte 396 , und spricht also: Ob man nun schon ettwas erlyden muß man doch eben das betrachten, das es nitt lang weret, sunder allwäg ettwas lab 397 und fröud darzwüschend kumpt; wie wol man ouch uff das selb das hertz nitt setzen 398 muß, nitt uff das wyb, nitt uff fröud, nitt uff das die welt sicht, und nitt ze vil ze hertzen setzen 399 , ob schon ettwas truren inryst 400 . Dann aller welt pracht vergadt 401 , wir sterbend ouch, die seelen läbend aber 402 . Dorumb, spricht Paulus, müssend wir in denen dingen nitt verzagt noch ze vil angestig 403 403 sin.

«Welcher usset der ee ist, der trachtet denen dingen nach, so deß herren sind, wie er dem herren gfallen mög; welcher aber gewybet hat, ist sorgfeltig 404 in denen dingen, die der wellt sind, und wie er sinem wyb gfallen mö- 18r. ge. Sind also ouch c dise zwey, ein wyb und ein dochter 405 , nitt glich gesinnet. Die noch nitt vermächlet 406 ist, trachtet denen dingen nach, die deß herren sind, daß sy rein sye von lib und geist oder seel; dargegen welche vermechlet ist, trachtet weltlichen dingen nach und wie sy irem man gefallen möge» [1 Kor 7, 32-34].

Es spricht S. Paulus, die junckfrowschafft sye ouch deshalben höher dann die ee, daß sy das hertz gar gott gipt, das nun in der ee nitt also wol gesin möge, sittenmal ettwas sinnes wir ouch legen müssind uff das welltlich. Und sölchs zöugt 407 er mitt vil worten an, setzt beyd stend gegen anderen, und ist doch die, so anzeygt, c

ouch übergeschrieben.
389 Hier: worin, womit.
390 Vorteil (SI I 1001).
391 Zustoßen, von unangenehmen Ereignissen (vgl. SI I 757).
392 darum man nichts anderes vorkehren kann.
393 sein.
394 trauern.
395 vorausgesagt.
396 sich vor dem Ehestand scheute.
397 Labung.
398 das Herz nicht daran hängen.
399 zu Herzen nehmen (SI VII 1624).
400 eintritt, ausbricht (SI VI 1340).
401 Vgl. 1 Joh 2,17.
402 Dazu s. oben Anm. 12.
403 ängstlich.
404 sorgt um ...
405 unverheiratete weibliche Person.
406 vermählt.
407 zeigt.

die summa: Nitt dorumb, daß du vermeinen wellist, es sye sünd, dem man gern wellen gfallen und liebe zu imm suchen; dann zum Tito am 2. cap. [3ff]spricht er zun alten ||18v. mütern oder wybren, sy söllend sölchs leeren die jungen frowen. Dorumb du abermols sichst, daß der gräd 408 dorumb die jungfrowschafft höher ist dann die ee, nitt besonders übertrifft 409 .

«Das alles hab ich gesagt, das ir das fuglichest annemmind, und nitt daß ich üch einen strick anlege, sunder das ir dem nach volgind, das eerber ist und üch wol anstat, und daß ir dem herren styff und unabzogen 410 anhangind» [1 Kor 7, 35].

Summa summarum 111 das ist der recht houpt artickel, daruff sich der gantz radtschlag Pauli lenden 412 soll. Also spricht er: Das alles hab ich üch fürgeschlagen, nitt daß ich üch weder zur ee oder zur junckfrowschafft zühe. Es stande zu üch hyn 413 , welches ir annemmind, so ferr daß ir allwäg handlind das eerlich sye, üch wol anstande und vom herren nitt zühe 414 . Empfindst in dir selbs macht ||19r. dines hertzens, daß du recht rein also bliben magst 415 415 und dich die begirden nitt hinderind 416 , dann daß du allwäg an gott sinnen magst und dich der wellt gar nützid annimpst, so blib, gefalts dir. Wo dich aber din begirden anderschwo hin lartind 417 sinnen, so zugend sy dich von gott, da hüt 418 by zyt und ergib dich der ee; hastu nitt gesündet und din begirlichen sinn ein wenig getempt 419 . Das ist der sinn Pauli und sin meinung von der jungfrowschafft.

Nun so were wol not, das ich jetzund ouch schrybe vom eelichen stand, diewyl es aber ein langer handel ist, ich zyt und muß jetz ze mol nitt hab, wil ich dir zu dienst hie ein copy anschryben deß, das ich vor anderthalbem jar uß anforderung und bitt zugeschryben hab herren hoffmeister ze Künigsfelden 420 in den 127. [128.]Psalmen 421 , eben ||19v. zuo der zyt, als ich ettlichen frowen antwurtet, ob man fry möchte das klooster verlassen. 422 . Hast vilicht ouch der selben geschrift ein copy geläsen frow Justitien 423 zugeschickt.

408 Stufen, Grad.
409 der Unterschied, womit die Jungfrauschaft höher ist, ... nicht besonders groß ist.
410 fest und unabgelenkt.
411 Siehe S. 137, Anm. 226.
412 hinzielen (SI III 1308).
413 es steht euch anheim (SI XI 701).
414 abzieht.
415 kannst.
416 hindern.
417 lehrten.
418 Da sorg!
419 gedämmt.
420 Bendicht Mattstetter (s. oben S. 66, Anm. 167); nicht Marx Rosen! (s. oben S. 571, Anm. 1). -Über das Kloster Königsfelden: oben S. 66, Anm. 166.
421 Das Titelblatt der Schrift s. oben S. 66, Anm. d. Die hier folgende Auslegung von Ps 128 ist mit dem Brief an Marx Rosen nicht identisch (s. oben S. 57 f, Anm. 1).
422 Aus diesem Satz könnte man darauf schließen, daß Bullinger neben der Auslegung gleichzeitig noch ein anderes Schreiben nach Königsfelden geschickt hat, vielleicht einen Begleitbrief zu seiner Auslegung, in welchem er auf das Problem der Nonnen direkt einging.
423 Justitia Moser (s. oben S. 141, Anm. 297). —Bullinger rechnete also damit, daß seine Schrift auch im Kloster Oetenbach in Zürich nicht unbekannt war. Daß er selbst ein Exemplar Justitia Moser zugeschickt hätte, wie Theodor von Liebenau, Geschichte des Klosters Königsfelden, in: Katholische Schweizer-Blätter für Kirchengeschichte, hg. im historischen Theil der Katholischen Schweizerblätter für christliche Wissenschaft und Kunst, Jg. 10, 1868, S. 121 meint, ist nicht erwiesen (vgl. Staedtke 271).

Kurtze d usslegung des 127. Psalmen e :

Wie wol der 127. Psalm gheinen tittel hat, darinn man erlerne, welcher prophet inn geschryben habe, so ist doch die art und der geist, ouch all eigenschafften Davids daa, daß ich achten 424 , David der künig habe inn beschryben 425 .

Summa deß Psalmen ist dise: der prophet singt die glückseligheit eines yeden gotsförchtigen menschen, wie inn gott nitt verlasse, sunder mitt allem guten überschütte.

Jetzund f lut 426 der Psalm also g 427 :
«Wol dem, der den herren fürchtet und uff sinen wägen || 20r. wandlet!
So du die arbeit diner henden essen wirst, wol dir, gar gut dir!
Din wyb wirt sin wie ein fruchtbare wynräb in dines huses wenden.
Dine kinder wie die ölzwyg umb den tisch harumm.
Sich, daß also der man beraten 428 wirt, der den herren fürcht.
Der herr von Zion wirt dich beraaten, daß du Hierusalem sähen wirst in
gutem alle tag dines läbens.

Und sähist dine kins kinder. Frid über Izrael 429

Hie mustu nitt achten, ob du nitt grad alle wort deß Psalmen also findst inn truckten 430 disen glich ston. Wann wie ich in der Epistel zuon Corintheren von der jungfrowschafft mich geflyssen 431 hab, daß ich es eigentlich 432 uß dem griegschen, in welcher spraach Paulus ||20v. geschryben hat, vertolmetschete, also bin ich hie dem hebreischen gevolget, dann David hebreisch geschryben hat, und gheiner weder latin noch tütsch 433 . Jetzund aber wöllend wir einen verß nach dem anderen usslegen.

«Wol einem yeden, der den herren furchtet und uff sinen wägen wandlet!» [Ps 128,1].

Das ist die summ deß gantzen Psalmen, daß der gotsförchtig von gott dem herren nitt verlassen wirt, sunder wol beraten. Hernach in den anderen versen legt er mit mee worten uß, wie inn gott werde beraten.

Was ist aber, den herren fürchten oder uff sinen wägen wandlen? Gotsforcht ist nitt ein pinliche sorg und erwarten eines schreckens, sunder ein hertzliche

d-e als Titel unterstrichen.
f-g unterstrichen.
424 dafür halte (SI I 80).
425 geschrieben.
426 lautet.
427 so.
428 mit dem Nötigen versehen, mit materiellen Gütern gesegnet (SI VI 1611f).
429 Bullinger unterteilt v. 3, deshalb kommt er auf eine Gesamtzahl von sieben statt sechs Abschnitten.
430 Ergänze: Büchern, Bibeln.
431 befleißigt.
432 genau.
433 Bullinger lernte in Zürich während seines Studienaufenthaltes vom 23. Juni bis 14. November 1527 Hebräisch und setzte seine bereits in Emmerich und Köln begonnenen Griechisch-Studien fort (s. HBD 11, 8-13; Blanke 23. 44). Die Übersetzung der ersten 34 Psalmen aus dem Hebräischen ins Lateinische und Deutsche mit ausführlicher Exegese ist wie dieses Schreiben 1528 entstanden (s. Staedtke 290f). Eine offenbare Folge dieser neu erworbenen Kenntnisse ist die hier gebotene Übersetzung des Textes von Ps 128, die von jener am Schluß des Briefes an Marx Rosen (oben S. 66) stark abweicht.

liebliche sorg, daß wir gott allwäg gfallind, und ein brünnender 434 flyß, daß wir imm nützid widerigs 435 thügind: 1. loan. || 21r. 4 [18ff]. Welche ein söliche sorg und liebe zu gott tragind, die blibend und wandlend uff gottes wägen: lugend flyssig was sy gott heysse, und dem selben kummend sy nach, achtend nitt was sy selbs gutduncke. Die ungotsförchtigen achtend nitt hoch, ob sy schon gott nitt gfallind, dorumb achtend sy gottes potten 436 nitt und wandlend in iren wägen, thund was sy gut dunckt. Byspyl. Es stat geschryben: «Flühend die unchüyschheit und heyligend üwere lichnam» 437 , 1. Corinth. 6 [18]; 1. Thessalo. 4 [3]. Das hört der gotsförchtig, sicht gottes willen, hept von stund an uff 438 und gadt 439 in disen wäg gottes, haftet jungfrowschafft, oder aber vereelichet sich, unangesähen 440 , ob schon ettwas trübsals vorhanden; dann er sicht, daß das der wäg gottes ist, sin gheyß und gepott, es koste was es welle. Aber der ungotsförchtig hört das gheyß gottes ouch, thuts ||21v. aber dorumb nitt, dann er wandlet nitt uff gottes, sunder sinen wägen, und dunckt inn gut sin, der sachen müssig ze gon 441 und unruw nitt uff den halß ze laden; so doch ein guts lähen besser sye dann ein böses eygen 442 . Wie aber yhene vom herren gesägnet werdent, also werdent dise geplaget mitt plindtheyt, unzucht, verruchty 443 , schand, laster und ze letst mitt dem ewigen todt; dorumb inen hie lieber xin 444 ist ein kurtze zytliche fröud und ruw, - wie wol ouch die selb nitt vast 445 rüwig - dann die ewig seligheyt.

«So du die arbeyt diner henden essen wirst, wol dir, gar gut dir!» [Ps 128,2].

Der ungotsförchtig tringt 446 nun uff grooß huffen gwunnens 447 gut, dorumb sy nitt dörffind 448 vil not ze tragen 449 . Der gotsförchtig aber hat ein lust und fröud an dem gut, das er selbst gewünt mitt gott (oder h ouch mitt eeren ereerpt i ), dann er wol weist 450 , daß gott und glück dar- 22r. by ist. Und in der arbeyt der henden wirt ghein andere eerbere hantyerung ussgeschlossen: nitt der füssen, nitt deß verstands. Wann man nitt alein die grooben arbeyten haben muß, die mitt henden beschähend, als burenwerck, handtwerck, sunder ouch die regierend und fürrend. Das alles sicht man wol in Paulo, 1. Corinth. 12. cap. [12ff], wie mancherley empter sind und daß «ein arbeyter sines lhons wertt ist» [1 Tim 5,18; Lk 10,7]. Das ist aber lasterlich, wellen ander lüten überlägen sin 451 , uß ander lüten gut läben

h-i von oder bis ereerpt aRvB nachgetragen.
434 brennender.
435 Zuwideres.
436 Gebote.
437 Leiber.
438 hält ein (SI II 895).
439 geht.
440 ohne Rücksicht darauf.
441 sich nicht auf die Sache einlassen (SI IV 498).
442 da doch ein gutes Lehen, eine sorgenlose Pacht besser sei als belastender Eigenbesitz.
443 Ruchlosigkeit.
444 gewesen.
445 sehr.
446 dringt.
447 gewonnenes.
448 bedürfen.
449 um das sie sich nicht viel abzumühen brauchen.
450 weiß.
451 zur Last fallen.

und ghein gmein ampt haben, ouch nützid nützen, als byshar das münchenthumb und ein teyl deß üppigen adels, und zuo unseren zyten die töuffer.

Welcher nun ein recht gotsförchtiger ist, der lugt, daß er werche und sin ampt flyssig versorge, darzu er von gott verordnet und von menschen gesetzt ist. Hat gheinen schühen 452 , daß imm ettwas ||22v. presten 453 werde, dann der gott, der allmechtig ist und nitt liegen 454 mag, der spricht: «Wol dir, gar gut dir» [Ps 128,2], ja k er welle imm sin arbeit wol erschiessen 455 lassen l , und Mathei am 6: «Uwer vatter weist was ir bedörffend, ee dann ir m inn bittind. Oder wer ist under üch, der sich einer eln lang machen mög, und ob er schon vil sorget? Worumb sorgend ir dann für spyß oder kleydung? Der mornnerig tag wirt sich wol selbs begon 456 . Es ist gnug, daß ein yeder tag sin besondere arbeyt und müy hat» [Mt 6,8; 27 f; 34]. Als sölte er sprechen: du darfst 457 nitt erst vil sorgens und gnagens 458 darzuo, nitt mee dann lug 459 , daß du arbeytist; gott wirts wol ordnen. Der selb hat ouch ee und wir geschaffen wurdint verordnet in anfang, weß wir geläben wurdint 460 . Er ists, der alle gschöppfften erhallt 461 und spyst: Psalmo 103 [104] und 137 [138]. Besäch man 462 das byspyl deß gotsförchtigen Jacobs imm Ersten Buch Mosy am 29., ||23r. 30. und 31. cap. Der hat nützid dann sinen eignen lib, weder ligends noch faarends gut, er dienet aber und arbeytet mitt trüwen, und ward mitt der zyt uß der massen rych 463 . Wir könnend nitt innet 464 3 tagen landsherren werden. Thobias spricht zu sinem son, Thobie am 4. cap. [23]: «Fürcht dir nitt, min sun, wir müssend hie ettwan in armut läben, denocht werden wir vil gütern haben, alein wan wir den herren fürchtind, uns hütend vor der sünd und recht thund.» Item Psal. 33 [Ps 34,9-11]: «Sehend, wie früntlich der herr ist. Wol dem, der uff inn vertruwt! Fürchtend inn, sine heyligen; dann die inn fürchtend, habend gheinen mangel. Die rychen müssend not lyden und hunger haben, aber die den herren suchend, habend gheinen mangel an einicherley 465 gütern.» Item Psal. 111 [Ps 112,1-3]: «Wol dem, der den herren fürcht, ||23v. der groossen lust an sinen gepotten hat! Deß kinder werdent gwaltig sin uff erdenn, dem gschlecht der uffrechten wirt es wol gon, Rychtumb und die völle 466 wirt in sinem huß sin, und sin grechtigheit bliben in ewigheit.» Item S. Paulus zun Hebreeren amin 13. cap. [5f]: «Üwer hendel söllend sin one gyt 467 söllend üch an

k-l von ja bis lassen aRvB nachgetragen.
m vor ir drei unleserliche Wörter gestrichen.
452 Furcht (SI VIII 122).
453 fehlen.
454 lügen.
455 gedeihen (SI VIII 1390).
456 sich selbst den Lebensunterhalt verdienen (SI II 32).
457 bedarfst.
458 Nagens, im Gewissen bzw. in Gedanken (SI IV 696).
459 sieh zu.
460 auf welche Weise wir leben würden; vgl. Jer 1,5.
461 erhält.
462 Besehe man.
463 Vgl. dazu Bullingers Ausführungen oben S. 61,1ff, auch Anm. 70.
464 innerhalb.
465 irgendwelchen.
466 Fülle.
467 Geiz.

dem lassen vernügen 468 , das ir habend; dann der herr hat gesagt: <Ich wil dich nitt verlassen, noch versumen>469 [Dtn 31,6], also das wir jetzund fry sagen mögend: <Der herr ist min helfer, und ich wil nitt sorgen, daß mir ein mensch ützid thüge» [Ps 118,6].

Das sind alles starck und häll verheyssungen gottes. Gloubstu nun und bist gotsförchtig, wol dir, so hast grosse ruw, und wirt dir wol gon! Gloubstu es nitt, denocht wirt er sich nitt lougnen 470 gegen sinen glöubigenn 471 ; dann ee müste hymel und erden zamen fallen, ee dann ein buchstab viele von gottes wort ||24r. und nitt waar wurde [Mt 5, 18; 24,35]. Du aber wirst in unruw und hartseligheyt 472 blyben, wirt dich nieneran 473 benügen 474 , wirst also in mitten dines golds die grösten armut lyden. Dann es spricht der wyse Solomon in Sprüchen am 10. cap. [22]: «Der sägen oder die fry gaab deß herren macht rych, one unruw.» Und am 15. cap. [169: «Wenig guts mitt der forcht gottes ist besser dann ein grosser schatz mitt böser gwüssne, und ist vil besser ein schüsslen mitt muß one unruw, dann ein gmesteter ochs mitt unruw» etc. Christus spricht Math. am 6. cap. [33]: «Zum ersten suchend das rych gottes, und demnach wirt üch das ander huffecht 475 zufallen.»

Es wirt ouch hie gar gheinen rymen 476 haben, daß du vermeinnen wöllist, gott werde dir geben, daß du müssig gangist und imm luder ligist, oder alle spyl ushalten, alle wirtswend 477 beschyssen 478 , all nacht durchwachen und wulen 479 wellist mitt aller liechtfertigheyt, ||24v. mitt dantzen, rennen 480 , huren, eebrechen und zutrincken. Da wirt gar nützid uß 481 . Also schlecht gern das gut uß, das junge lüt under handen habend und schon gwunnen ist, daß sy vermeinend, es bedörffe gheiner sorg. Da bricht der man daussen 482 die krüg und hefen 483 , und lyst das wyb diewyl daheymen die scherben uff. Da ist dann ghein gott, ghein eer, ghein zucht, ghein frucht, ghein ruw, ghein lieb, sunder haß, tüfel, gifft, gaall, schlahen, schelcken 484 , kratzen und schenden. Daby verdirpt lib, eer, seel und gut; ist nitt ein menschlich, sunder tüfelsch läben. Wo es recht soll zugon, da muß gotsforcht, sorg und arbeyt sin, — wie der prophet 485 hie heyter usstruckt.

Man kan ouch hieruß ermessen, was deß rechten gotsförchtigen eemans pflicht sye. Die: arbeyten, sorgtragen, das huß versähen, alles verordnen, nützid ze unnutz verthun, demnach ouch das wyb früntlich underrychten, wie sy 25r. yeden dingen thun müsse; wann wie man niemands dann alein dem hyrten die schuld

468 begnügen (SI IV 701).
469 vernachlässigen (SI VII 964).
470 verleugnen.
471 Vgl. 2 Tim 2,13.
472 Elend (Grimm IV/II 519).
473 mit nichts (SI IV 762).
474 begnügen.
475 haufenweise.
476 Reim.
477 Wirtshauswände.
478 auch: besudeln.
479 lärmen, toben.
480 Gemeint ist wohl: Wettrennen, Pferderennen u. ä.
481 daraus.
482 da draußen, auswärts.
483 (irdene) Töpfe.
484 schelten.
485 Bullinger meint den Psalmisten, der nach seiner Meinung David war (s. oben S. 167,4).

geben kan, wann das schaff unradtlich 486 ist und rüdig 487 , also ists deß mans schuld, wann das wyb nützid kan. Er ist iro houpt, sol sy züchtigen. Da muß man by zyten und by der jugend eigentlich in das spyl sähen 488 ; wann so das alter kumpt, und man dann erst sicht, daß man verfaaren 489 , ist demnoch ghein hoffnung der besserung. Demnach soll der man das wyb in eeren halten, iren vorgeben 490 als einem schwachen gschirr 491 , sol ir behilflich sin, sy lieb und werd halten, ja sy nitt minder lieben, dann sich selbs, mitt iren alle ding gmeinn haben, in kranckeyt mitt iren truren, sy in widermut 492 trösten, also mitt vernunfft by iren lieblich 493 und früntlich whonen. Also hat uns S. Peter geleert 1. Petri 3 [7] und Paulus Ephe. 5. cap. [25ff]. Das thund nun die gotsförchtigen, die unsinnigen hachen 494 aber sprechend: Sy muß mir dienen, ich ||25v. seche sy nitt an 495 , was wolt ich iren sust deß unflaats 496 ; man muß sy nitt ze meisterloß zühen 497 , den bengel 498 herfür suchen 499 und gen Knüttlingen fürren 500 etc. Wiewol ouch ettliche böse wyber sind, die grosser hut und straff bedörffend; die söllend aber beschähen 501 mitt vernunft zur besserung. Doch wirt jetzund ouch von wybren volgen.

«Din wyb wirt sin wie ein fruchtbare wynräb in dines huses wenden» [Ps 128,3].

Diß ist der ander sägen eines frommen gotsförchtigen mans, daß imm gott der herr ein fin tätig huslich 502 wyb zuschaffet 503 , und verglichet der prophet ein eerlich ratlych 504 wyb einem fruchtbaren wynstock, ja einer räblouben 505 vor einem huß; die sind gwhonlich fruchtbarer und schöner dann ander räben. Also daß deß propheten 506 506 meinung ist: gott wirt dem gotsförchtigen ein sölich wyb zustellen, das glich wie ein räb vollen truben hang-||26r. get und lieblich ist anzustellen; also wirt das wyb flyssig zesamen halten und ein hübsch gut samlen.

Das sähend wir jetzt zu unseren zyten, daß kurtzumb 507 die husseeren 508 nützid söllend 509 , darinnen nitt hantliche 510 dappffere 511 wyber sind. Der man bringe ze

486 unreinlich, unsauber (SI VI 1617f).
487 räudig.
488 dazusehen (vgl. SI VII 526; X 122).
489 in die Irre gefahren, auf dem falschen Weg gewesen ist (SI I 898).
490 freundlich entgegenkommen (SI II 89).
491 Gefäß.
492 Unmut, Schwermut (SI IV 585).
493 liebevoll.
494 Burschen, Kerle (SI II 968).
495 nehme keine Rücksicht auf sie (SI VII 554).
496 Als Schimpfwort auch auf Menschen angewandt (SI I 1226).
497 meisterlos erziehen.
498 Knüppel (SI IV 1370).
499 hervorsuchen.
500 nach Knüttlingen (fingierter Ortsname) führen, d. h. mit dem Knotenstock prügeln.
501 geschehen.
502 sparsam.
503 verschafft (SI VIII 342).
504 reinlich, ordnungsliebend, haushälterisch.
505 Weinlaube.
506 nämlich des Psalmisten.
507 durchaus.
508 Hauswesen, Haushaltungen (SI I 393).
509 nichts nutzen, taugen, wert sind (SI VII 771).
510 geschickte (SI II 1404).
511 tüchtige, rechtschaffene (SI XIII 970).

eeren wie vil er welle, ist das wyb versoffen, unradtlich, unkönnend, so ists alles verloren; wann es vil grösser ist, zamen bhalten und recht können bruchen, dann gewünnen. Doch mag ein man, der rechtsinnig 515 ist, vil ze wägen bringen, und ein gehorsam gfölgig wyb vil schaffen, also daß eins dem anderen loost 513 , volgt, hilft, straaff 514 annimpt. Wo aber yetlichs sin wäg wil und ghein vernunfft, «da sucht man», als man spricht, «die guggerlen 515 , und findt zeletzt ein leren haaffen» 516 .

Solomon schript in sinen Sprüchen am 31. cap. von dappfferen gotsförchtigen wybren also: ||26v. «Welcher ein frommes wyb finden könte, die selb wer kostlicher dann ghein edel gestein. Das hertz iren mans last 518 sich uff sy, und am husradt wirt ghein mangel sin. Sy handlet 519 wullis 520 und lynis 521 , und hat lust, ir werch ze triben 522 , und ist glich eines kouffherren schiff, das von wytnuß 523 har sin brot bringt. Sy stot ze nacht uff und bereytet dem hussgsind spyß und den diensten 524 iren lhoon. Sy empfindt, wie nutzlich iro handtyerung ist, dorumb sitzt sy ettwan gantz nächt durch. Leyt ir hand and kuncklen 525 und treygt 526 die spyllen 527 . Gipt den armen und ist behülfflich den dürftigen 528 . Iren mund thut sy wyslich uff, und süß, ouch holdselig ist iro red» etc. [Spr 31, 10f. 13-15. 18-20.26]. Dorumb spricht der selbig wys man: «Welcher da nimpt ein eewyb, der thut ein guts, und wirt wollust 529 empfahen von dem herren», Proverb. 18 [22].

Man kan ouch hieruß ermessen, was deß wybs pflicht II 27r. sye, namlich trüw und liebe am man halten, husslich, sorgsamm und radtlich sin, den man nitt mitt bösen worten überschütten, fetzen 530 , käderschen 531 , bläyen 532 , holtz bocken 533 und unfrüntlich, unvernünfftig sin, sunder n lieblich, frölich und hertzlich sin, dem man in allem rechten und eerbaren gfölgig, dann der man von gott zum herren gsetzt ist, nitt das wyb. Dorumb S. Paulus spricht: «Ir wyber, sind underthon üweren mannen» [Eph 5,22]. Doch söllend ouch die man nitt desse vergessen, das hinnach volget: «Ir man, liebend üwere wyber und sind nitt bitter gegen

n ein zweites sunder gestrichen.
512 verständig (SI VII 1072).
513 eins auf das andere hört.
514 Tadel, Zurechtweisung (SI XI 2059).
515 «ein Gebäck mit wenig Birnen oder Äpfeln» (SI II 178).
516 Vgl. Kirchhofer 278.
517 kostbarer.
518 verläßt.
519 zubereitet, bearbeitet (SI II 1401).
520 Wollenes, Wollzeug.
521 Leinenes, Leinenzeug.
522 ihre Arbeit zu tun.
523 von weitem (Grimm XIV/I, 1, 1307).
524 Dienstboten (SI XIII 765).
525 an den Spinnrocken (SI III 364).
526 dreht.
527 Spindel (SI X 329).
528 Bedürftigen.
529 Freude, Gunst.
530 plagen (SI I 1150).
531 keifen, zanken (SI III 147).
532 schmollen, zürnen, sich aufblähen, prahlen (SI V 51).
533 steif, störrisch sein (vgl. SI IV 1130).

inen» [Eph 5,25; Kol 3, 19]. Das wyb sol ouch züchtig sin, demütig, dultig 534 , soll kinder erzühen 535 , so iren die gott gipt. Darvon läsend 1. Timotheum 2 [8ff] und 1. Petri 3 [1ff]. Ist also deß wybs pflicht, daß sy ghorsam, fromm, huslich und früntlich sye, in glouben, liebe und unschuld mitt züchten wandle.

||27v. Die trübsal, so in der ee, ist ouch nienan also grusam als man macht; wann thut man imm recht, so ist imm recht. Wo vernünfftig lüt sind, werdents nitt vil zangs, spans 536 oder trübsals haben. Wo aber jugendt ist, unvernunfft und wenig gotsforcht, darf nun niemands dencken, daß daa die hell nitt sye; sy leydent 537 und pingend 538 ein anderen selbs, und wann inen dann ettwas trübsal von gott uffgeleyt wirt, erckendens 539 sy es nitt, sind unlydig 540 und habend die hellschen unruw. Wo aber gläubig lüt sind, thund einanderen das inen lieb ist. Leyt 541 dann gott ettwas trübsals uff sy, so erckennend sy es, sind dultig, helfend einanderen die burde tragen; so doch under den ungotsförchtigen yedes den unfaal 542 vom anderen haben wil 543 . So wüssend die frommen, ob sy schon in ettwas trübsal sind, daß es also sin muß, also von gott geordnet ist, und sy imm willen gots läbind. Das ||28r. bringt nun inen ein sölichen trost, daß sy mitt zevil leyds nitt mögend 544 überfallen werden.

«Dine kinder wie die ölzwyg umb dinen tisch harumb» [Ps 128,3].

Das ist der tritt sägen eines frommen gotsförchtigen mans: gott wil imm züchtige schöne kind geben. Es ist aber das ölzwyg schön anzusähen, gar gut ze biegen und zühen, ouch voller frucht. Dorumb verglicht er imm die kinder, die hübsch sin werdent, sanfftmüt 545 , gut zu zyhen, und umb deren willen gott den elteren ettwan grosse rychtumb zu sendet. Das ist nun ein grosser sägen und ein selig ding, ja ein göttlicher, lieblicher, fröudenrycher trost, anesähen 546 din eigen fleisch und blut also schön und züchtig, ja wolgezogen vor dir herumb gon und früntlich gen dir sin, ouch ein zyer und lob des allmechtigen gottes. Das habend die alten gewüst, und dorumb für unloblich gehept 547 , ||28v. one kinder sin. Liß imm Ersten Buch Samuelis am 1. cap. [1ff], wie sich Anna also übel geheb 548 etc. Und Christus spricht: «Lassend die kindlin zu mir kummen, dann iren ist das rych gottes» [Mt 19,14]; und unsere münchen und nunnen habend ein sölichen grewel ab kinden gehept, sind doch nitt wert xin 549 , daß sy söltind deß verachtesten schwinhyrten kind in die arm nemmen. 550 Es ist ein edler schatz, ein gaab gottes, darby grooß glück und heyl ist.

534 geduldig.
535 erziehen.
536 Streit.
537 tun zu Leide.
538 peinigen.
539 erkennen.
540 ungeduldig.
541 legt.
542 Unglück.
543 dem andern zuschreibt.
544 können.
545 sanftmütig.
546 anzusehen.
547 für unlöblich gehalten.
548 so sehr darunter litt (SI II 912).
549 gewesen.
550 Ähnlich Luther, Vom ehelichen Leben, 1522 (WA X/2 297, 10-13).

Es wirt ouch hierinn das kinderzühen vergriffen 551 , von dem ich besonders ein buch geschryben hab 552 , und hie ze lang were eigentlich 553 ze leeren. Je inn summa lygt das höchst hieran und dorumb man gott eigentlich muß rechnung geben 554 . Man muß hie die wysheyt wol gebruchen und ernsthafft sin, daß man sy zuo deß gottes erckantnuß fürre, in welches kraafft, troost und testament sy getoufft sind, daß sy züchtig, wolkonnend 555 , fromm gots- 29r. || förchtig biderblüt 556 werdint. Und das wirt ouch das beste erb sin, das du inen hinder dir laassen 557 kanst: leer sy bezyt 558 ouch gwünnen 559 , daß sy inen selbs gwünnind und me von inen selbs dann dir läbind, so werdents ernsthafft, dappfer 560 , herrlich lüt. Erzüchst sy aber in wollust, sind sy liebharten 561 , weerst inen nützid und leerst sy nüt, last dann inen schon grosse rychtumb, so ists nienerfür 562 ; es sind buben und blibend buben 563 , sind one boden, verthätind gantze küngrych, erlept man an inen weder eer noch zucht. Von sölichen lüten begert David erlöst werden und spricht imm 16. Psalmen [Ps 17,14]: «Herr, erlöß mich von den lüten dises läbens, welche iren lhon habend in irem läben, welchen du den buch 564 füllst, die da vil fründen und kinder habend, und lassend das überig den erben» etc. Hastu dann schon grosse rychtumb, denocht leer sy recht ||29v. thun und wercken, damitt sy nach dinem abscheyd ryche lüt werdint, wie Paulus von rychen redt 1. Timothe. 6. cap. [6ff].

Stirpstu dann glich von dinen jungen kinden 565 , so lept doch gott noch. Der selbig ist din gott xin, er wirt ouch der kinden gott sin, und so vil mee, so vil sy me hilf bedörffend. Kurtz, ein recht gotsförchtiger truwt 566 stiff 567 in den läbenden gott und weißt, daß heyter 568 geschryben stat: «Ich bin jung xin und allt worden, hab doch nie den frommen verlassen gsähen, noch sine kinder gen bettlen gon» [Ps 37,25]. Die gottlosen gyttrappen 569 vertruwend gott nitt, bruchend yemerdar fürwytz, und habend doch mee armut und ire kinder eilend, dann der gotsförchtigen. Dann also straafft gott den unglouben.

«Sich, daß also der man beraten 570 wirt, der den herren fürcht» [Ps 128,4].

551 eingeschlossen.
552 Ein eigenes Werk über Kindererziehung hat Bullinger bis zu dieser Zeit laut Schriftenverzeichnis (HBD 13-16) nicht verfaßt. Schon 1527 bemerkte er aber in seiner «Volkommne[n] underrichtung ...» (s. Anm. 356), Bl. 117r., daß er bald etwas darüber schreiben wolle. Obwohl er das Thema in dieser Schrift ausführlich behandelt (Bl. 104r. -128v.), will er hier vielleicht eher auf jenes später anscheinend verlorene und auch von ihm selbst nicht mehr erwähnte Werk hinweisen.
353 genau, eingehend.
554 Rechenschaft ablegen.
555 geschickt, gewandt.
556 biedere Leute.
557 zurücklassen.
558 beizeiten.
558 verdienen.
560 tüchtig, wacker, rechtschaffen.
561 Lieblinge, Günstlinge (SI II 1644).
562 für nichts, zu nichts (SI I 966).
563 charakterlose Menschen, Lumpen (SI IV 927).
564 Bauch.
565 Ergänze: weg.
566 vertraut.
567 fest.
568 klar.
569 «Geizraben», geizige Menschen (SI VI 1172).
570 versehen.

Zum anderen mol sagt ers ||30r. jetzund, daß man wüsse, daß es gwüß sye, ja daß gott die gotsförchtigen also beradten wölle und nimer verlassen. Ja merck eigentlich: nitt einem yeden glichsner 571 , klapperer 572 wil er beraaten, sunder den gotsförchtigen. Das ist nun allen gläubigen zuogesagt von dem warhafften gott, dorumb niemands zwifflen sol. Exemplen sind: Abraham, der uß sim vatterland must und nützid hat, darzuo nitt wust, wo hin, und doch wyb und ein grooß husgsind hat, ward aber vom herren rych gmacht 573 . Jacob zog über den Jordan, hat nüt dann ein stecken, was aber gotsförchtig, und kamm über 574 zwentig jor mitt wyb, kinden, knechten und unsaglicher 575 575 rychtumb wyder 576 . Joseph ward gfengcklich in Aegypten gfürt, und ward in kurtzen jaren zum obristen 577 houpt 578 . David was ein armer schaaffhirt, was aber gotsförchtig, und ward ||30v. künig in Izrael 579 . — Diß ist uns zum vorbild und exempel geschryben. Zu unseren zyten habend wir gsähen hort rych 580 lüt in einem ougenblick verderben 581 , dorumb sy ungrecht warend, dargegen arme lüt, doch gotsförchtig, in rychtumb kummen. Also schickt es gott, und thut sinem wort statt 582 .

«Der herr von Zion wirt dich beraaten, daß du Hierusalem in gutem sähen wirst alle tag dines läbens» [Ps 128,5].

Zum tritten mal verheyst er jetzund und setzt hin zuo: «Der herr von Zion», nempt 583 dem man, der sölichs thunn werde. Samm 584 er sprechen sölte: Hie soll niemands gheinen zwyfel haben; was der gott zu sagt, das hallt er. Er ist der herr und gott von Sion, der aller dingen schöppffer und herr ist, alles vermag, der so wunderbarliche unglaubliche werck mitt Hierusalem gewürckt hat. Dorumb er das alles liecht-||31r. leysten mag 585 ; was er zusagt, wirts ouch gwüsslich thun, so gwüss und warhafft er in Zion xin ist etc. Was ist aber «Hierusalem in gutem sähen»? Hierusalem ist gewäsen die namhafftest, herrlichest, rychest statt uff erden, also daß jetzund die Hierusalem in gutem sähend, die begnadet werdent, beschirmpt und gefürt mitt unussprächenlicher trüw und sorg, wie Hierusalem. Darzuo setzt er: «alle tag dines läbens». Dorumb wir nitt söllend weder alter noch kranckeyt entsitzen 586 . Sind wir gotsförchtig, wirt uns gott unser läben lang nitt lassen 587 ; und das ist gwüß.

«Und sähist dine kindskinder. Fryd über Izrael!» [Ps 128,6].

Habend die gotsförchtigen schon ettwas trübsals, sich 588 , so sind sy doch nitt one grosse eer und fröud. Sy werdent irer kinder in gott und eer wol er-||31v. fröwt,

571 Heuchler (SI II 604).
572 Schwätzer, Plauderer (SI III 664).
573 Vgl. Gen 12,1ff; 13,2; Apg 7,2ff; Hebr 11,8ff.
574 nach.
575 unsagbarem.
576 Vgl. Gen 30,43; s. auch oben S. 61, Anm. 70.
577 obersten.
578 Vgl. Gen 41,40f.
579 Vgl. I Sam 16,11-13; 2 Sam 2,9.
580 steinreiche.
581 verarmen (SI XIII 1426).
582 erfüllt sein Wort.
583 nennt.
584 Als ob.
585 kann.
586 fürchten (SI VII 1761).
587 verlassen.
588 sieh.

sind rüwig und imm fryden, fröwend sich in gott, läbend lang, sind gar glückhafftig. Aber die ungotsförchtigen dorrend uß 589 , habend niemer lieb, noch rechte fröud, erläbend an iren kinden schand, laster und leyd. Dann unser gott ein rechter gott ist: welcher uff inn nitt vertruwt, der o ___schon [?] umb; welcher aber uff inn vertruwt, der wirt nimmerme zu schanden, wann er das einig vollkommen unbetrogen gut 590 ist in Jesu Christo unserem herren. Dem sye lob in ewigheyt.

Das ist die underrycht von wyblicher zucht und wie ein fromme dochter iren wandel und wäsen fürren sölle. Welcher so du volgst, bin ich guter hoffnung, du werdist vor gott und der wellt sin eer haben und din wyb- ||32r. liche zucht schön erhalten. Habs alles in einer yl 591 geschryben innet anderthalben tag in grosser unmuß 592 . Dorumb ich bitt, daß du alle ding wol beradten wöllist 593 , dann was das ist, ist es dir zu gutem nutz und eer williglich und grossem gunst geschryben.

Die gnad gottes sye mitt dir p .

o Das Verb wurde durch Abklatsch der Tilgung der Schlußzeile auf der gegenüberliegenden Seite bis zur Unleserlichkeit verschmiert.
p Die folgende Schlußzeile wurde getilgt.
589 werden ganz dürr, trocknen aus (SI XIII 1260).
590 Siehe oben Anm. 25.
591 Eile.
592 Mangel an Muße.
593 überlegen wollest.

28

BULLINGER AN
WERNER STEINER
Kappel,
1. Mai 1528

Abschrift (16. Jh.): Bern, Burgerbibliothek, Ms 657, 1r. -2r. 21/4 S. 8°, gut erhalten Ungedruckt

Nach einem Lob auf die Wissenschaften gibt Bullinger seine Gründe für die Abfassung der «Studiorum ratio» an; auf Steiners dringende Bitte geschrieben, solle sie ihn im Studium unterstützen.

Erudito a et pietate praeclaro viro Wernhero Lithonio, presbytero nobis plurimum observando et fratri dulcissimo, gratia et vite innocentia per Christum b.

||1v. Inter praeclaras istas animi tui dotes, quibus splendide ornatus es, haud postrema ea mihi esse videtur, qua inexplebili eruditionis cupiditate teneris. Videt enim prudentissimus ille animus tuus optimarumque rerum amantissimus verissimum, quod apud Lutianum Samosatenum eruditio dicit ac pollicetur 2 : «Ornabo te multis et egregiis ornamentis, modestia videlicet, justicia, pietate, mansuetudine, equitate [!], intelligentia, fortitudine, honestorum pariter omnium amore, imo efficiam, ut erga gravissima quaeque optime sis afectus. Nam ista vere animum vere integrum exornant, denique nihil te antiquarum rerum latebit neque ignorabis quae nunc quidem fieri decet, sed una mecum omnia ea praevidebis, quae gerenda sunt. Et ut semel omnia dicam, brevi te docebo omnia, tum divina, tum d humana.»

Et hactenus Luciani verba, quae eruditioni tribuit, produximus. Ob hanc vero nobilissimam eruditionis frugem videris tu mihi sapientissime agere, quod literas honestas et tanta ||2r. de sese haud temere iactantes amplecteris, multo sapientius facturus, si ita, ut iam olim cepisti mirari, eas perseveraveris. Quod quidem, ut viribus nostris parari non potest, ita sapientia celestis, que sola hoc habet, potest oranda, ut virtutes semper augeat, quo perseverantes in bono ad e fastigium vere et pie eruditionis pertingamus; id quod tibi f largiatur, oro, summus ille et eternus omnium rerum conditor. Amen.

Ego in praesentiarum tibi extempore conscripsi «Studiorum rationem sive hominis adicti [!] studiis institutionem» 3 principio, ut studia illa tua iuvarem,

a-b Der einleitende Gruß steht unten auf dem Titelblatt des Manuskripts «Studiorum ratio sive hominis addiccti [!] studiis institutio ad Wernherum Lithonium presbyterum».
c Rand mit Textverlust beschnitten.
d divitiarum [?]gestrichen, tum darübergeschrieben, divina am Rande nachgetragen.
e ad übergeschrieben.
f vor tibi gestrichen mihi.
1 Siehe oben S. 45, Anm. 1.
2 Lukian von Samosata, Somnium (greek greek greek greek greek greek 10, in: Lucianus, hg. v. Julius Sommerbrodt, vol. I/1, Berlin 1886, S. 4.
3 «Studiorum ratio sive hominis addicti studiis institutio ad Wernherum Lithonium presbyterum», Kopie in: Bern Burgerbibliothek, Ms 657, 1ff. Der Druck (Zürich 1594, hg. v. Huldrych Zwingli; HBBibl 712) datiert wegen eines Vermerkes auf dem zugrunde liegenden Manuskript die Schrift auf das Jahr 1527 (vgl. Huldrych Zwingli in der Einleitung, f. a 4v. «In Epigraphe libri inuenies, anno salutis humanae 1527»); vgl. Staedtke 288f.

deinde, ut votis tuis 4 satisfacerem; nosti enim, quam anxie hoc ipsum a me g postulaveris. Feci ergo quod potui, tu vero videris, a quo rem tantam postulaveris. Me certe non fugit, quod viribus multo gravius subierim onus, quippe qui nec per etatem similem (que tamen hic in primis requirebatur) possideam prudentiam, neque maturam adhuc et multiiugem h eruditionem assequutus sim, neque exercitatione assidua i usum mihi paraverim k . Quia tu iubes, scribo, et uni l tibi scribo, qui omnia brevi consulere novit m .

Vale, Wernhere dulcissime etc.

Calend. maii anno 1528, Capelle.

Heinricus Bullingerus,

[to]tus tibi deditus n .

g aus ame korrigiert.
h aus multigem korrigiert.
i nach assidua ein zweites a gestrichen.
k das Zweite a von paraverim übergeschrieben.
l unleserliches Wort gestrichen, uni darübergeschrieben.
m aus movit korrigiert.
n Unterschrift am mit Textverlust beschnittenen unteren Rande von derselben Hand quer hingesetzt.
4 Nicht nachweisbar.

29

BULLINGER AN
AMBROSIUS BLARER
Kappel,
4. Juni 1528

Gedruckt: Heinrich Bullinger, De origine erroris in divorum ac simulachrorum cultu, Basel 1529, f. A 2r. - v. (Widmung); Blarer BW I 160 f

Zusammenfassung von Vorgeschichte und Zweck des Werkes «Vom Ursprung des Irrtums bei der Heiligen- und Bilderverehrung», Widmung an Blarer.

Ambrosio Blaurero, sanctae constantiensis ecclesiae doctori fidelissimo, Heinrychus Bullingerus gratiam optat et vitae innocentiam a domino.

Scripsi, dilectissime frater, ante annos aliquot 2 per privatam exercitationem nonnulla ad Lactantii illius imitationem de erroris origine 3 deque uno vero summo deo, eius providentia et cultu, item de multis ac falsis diis et superstitione 4 , ad quae nunc primum redii ac nonnulla retractavi, posteaquam a missarum origine 5 vidi fidelibus conatus nostros non admodum displicere. Atque eo etiam libentius feci istud, quo frequentius pontificii nobis ingerunt sacrosanctam et longis retro saeculis observatam religionem, ut vel temporum supputatione et eorum scriptorum convincantur authoritate, quibus plurimum fidunt stolidissimi. Si enim saperent, satis superque iam olim adversus vanissimam esset superstitionem disputatum etiam ex prophetarum ac apostolorum oraculis, ut ac nostra

1 Ambrosius Blarer, 1492-1564, geb. in Konstanz, 1505 in Tübingen immatrikuliert, trat in das Benediktinerkloster Alpirsbach (Schwarzwald) ein, studierte jedoch noch weiter, freundete sich in Tübingen mit Melanchthon an und wurde 1512 Magister artium. Vor allem durch die Vermittlung seines Bruders Thomas (s. unten S. 182, Anm. 9) lernte er Luthers Schriften kennen, die ihn für die Reformation gewannen. Am 5. Juli 1522 verließ er das Kloster und kehrte nach Konstanz zurück. Obwohl er bald mit den Führern der Reformation in Zürich, Basel und Straßburg Verbindung aufnahm, konnte er sich erst 1525 zur regelmäßigen Predigt in Konstanz entschließen, bald jedoch wirkte er darüber hinaus in der Schweiz (s. z. B. unten S. 190) und in Süddeutschland. Von 1534 bis 1538 arbeitete er von Tübingen aus an der Einführung der Reformation in Württemberg, amtete vorübergehend in Augsburg und ab 1540 wieder in Konstanz. Infolge des Interims mußte er 1548 in die Verbannung gehen und ließ sich in Winterthur nieder. Von 1551 bis 1559 diente er als Pfarrer in Biel, wohnte dann bis zu seinem Tode wieder in Winterthur und hatte von 1562 bis 1564 eine Pfarrstelle in Leutmerken (Kt. Thurgau) inne. Von 1533 bis zu seinem Tode blieb er mit Bullinger in einem intensiven brieflichen Verkehr. — Lit.: Schl. 1303-1336, 52737-52742 sowie die Beiträge in: Der Konstanzer Reformator Ambrosius Blarer 1492-1564. Gedenkschrift zu seinem 400. Todestag, hg. v. Bernd Moeller, Konstanz und Stuttgart (1964), bes. S. 193-204: Joachim Staedtke, Blarer und Bullinger.
2 Vgl. unten S. 180,13.
3 De origine erroris in divorum ac simulachrorum cultu, gedruckt bei Thomas Wolff, Basel 1529, HBBibl 11; HBD 12, 6f spricht irrtümlicherweise vom Druck im August 1528, s. dazu unten Nr. 30 und 32. Laktanz wird in der Schrift Bullingers mehrere Male als Autorität angeführt, z. B. f. C 3v., D 5v., F 1r., F 2v., G 2v. Zum Laktanzverständnis Bullingers vgl. oben S. 72, Anm. 6.
4 Vgl. die Kapitelüberschriften des Buches: «Quod unus tantum deus sit, vivus ille et aeternus, omnium subsistentium essentia. [In diesem Abschnitt wird die Providenz Gottes behandelt.] Quod solus hic deus adorandus sit, solus invocandus, solus colendus. Quod primitiva ecclesia huic uni deo haeserit, unum invocaverit, solum coluerit, et divis et simulachris neglectis. Quomodo pullulaverit divorum cultus, et a quibus coeperint simulachra statui et propugnari. Quod idem sit cultus et eadem superstitio, idolorum apud gentes, et divorum apud christianos.»
5 De origine erroris in negocio eucharistiae ac missae, 1528, s. HBBibl 10.

instructione minime opus haberent. Sed sacra aut in dubium vertunt miseri aut depravationem obiitiunt invidi, tandem vero ad catholicos et vetustissimos, ut aiunt, ecclesiae ritus tanquam ad sacram confugiunt ||A 2v. ancoram 6 . In qua tamen re non minus peccant, quam cum ipsa domini dei verba torquent, lacerant penitusque conculcant, quippe cum sacrosancta fidelium ecclesia neque divos coluerit unquam neque simulachra habuerit neque iis initiata fuerit sacris ac ceremoniis, quibus interim illi se omnino christianos videri volunt. Id quod hoc nostro opusculo luculenter demonstrabimus ad gloriam ac laudem dei coeli et domini nostri Jesu Christi, qui una cum patre et spiritusancto unus solus ac verus deus regnabit in sempiternum, amen. Hunc autem nostrum conatum nunc quidem post quinquennium fere recognitum, at in ipsa pene incoeptum pueritia certe ardentissimo in deum animo, uni tibi, Ambrosi dulcissime, dedico 7 , ut dignum habeas amicitiae ac societatis pignus, lucubraciunculam videlicet, qua unius dei et domini nostri Jesu Christi gloriam propugnamus, per cuius charitatem ineffabilem in christianam coivimus societatem; neque enim is es, qui alias nostra egeas institutione ipse in rebus summis eruditissimus et in gloria dei vindicanda fidelitate ac fortitudine ex aequo suspitiendus, id quod etiam testatur constantissima constantiensis ecclesia fide, patientia, puritate ac dilectione clarissima. Iamque vale et pietatem, ut facis, doce nosque ama, frater charissime.

Ex Capella Tygurinorum, quarta junii, anno ab orbe redempto 1528 a.

a irrtümlich: 1228.
6 Adagia, 1, 3, 43 (LB II 130 C-D).
7 Bullinger hatte ursprünglich die Absicht, die Schrift Wilhelm von Zell zu widmen, Staedtke, aaO, S. 194.

30

AMBROSIUS BLARER AN
BULLINGER
Konstanz,
1. September 1528

Autograph: Zürich ZB, Msc F 62, 63 1 fol S., leicht beschädigt, mit Siegelabdruck Zusammenfassende Übersetzung: Blarer BW I 163

Bedankt sich für Widmung und Zusendung des Manuskriptes von Bullingers Schrift «De origine erroris in divorum ac simulachrorum cultu», das er nun zurückschickt, gibt Ratschläge zur Drucklegung und betont seine Freundschaft mit Bullinger.

Gratia tecum.

Remitto ad te librum 2 illum tuum quidem, sed iam meum quoque factum tua dedicatione, charissime Heinryche, simul ac gratiam habeo diligentiae tuae non meo solum, sed omnium pie studiosorum nomine, quos tibi, mihi crede, tam sancto labore singulari quodam beneficio unice devinxisti, tametsi prius quoque devinctissimos. Ego profecto, posteaquam hunc magna voluptate et aviditate pellegi, non dignum modo, sed necessarium propemodum iudicavi, qui omnium manibus versaretur, quandoquidem hinc plane intelligent vel simplicissimi, in quam caducum murum inclinent isti quidam impudentes et inepti vetustatis iactatores, qui se putant a omnium errorum suorum felicissimum patrocinium ab illis petere posse, qui Christi et apostolorum temporibus — — —p[rox]imiores [?] b fuere, cum re diligentius perpensa adeo nos non premat illor [ um au]thoritas c , ut consentiat etiam nobiscum doctrinae ipsorum veritas, unde multa et inevitabilia tela in adversarios mutuemur. Fac igitur maturetur utilissimi libri omnibus profutura editio, nam quod ad typographum adtinet d , non inviderem ingens hoc lucrum Spitzenbergio 3 nostro, nisi multorum magis quam sui unius rationem haberem. Formulas habet parum elegantes, quarum hic ad te specimen mitto, praeterea hebraicis ac grecis characteribus omnino destituitur, et quanquam meditatur iam instructiorem officinam, incertum est tamen pro hominis infelicitate, quando illa paretur. Nolim vero sui [!] compendii causa tot studiosorum expectationem diutius remorari, sed liberum tibi facio, ut vel Wolfio 4 vel alii cuipiam librum hunc quamprimum excudendum committas, modo emendatior prodeat quam superior ille 5 , qui tua recognitione e opus habuit. Caeterum, mi

a putant am Rande nachgetragen.
b Durch Abreißen des Siegels entstand ein Loch im Papier, dadurch fehlt ein Wort vor und ein Teil von p ---imiores.
c Der eingeklammerte Teil fehlt infolge des Loches.
d Am Rande eine Bemerkung von J. H. Hottinger.
e vor recognitione gestrichen emendatione.
1 Siehe oben S. 179, Anm. 1.
2 De origine erroris in divorum ac simulachrorum cultu, s. oben S. 179, Anm. 3.
3 Jörg Spitzenberg, Buchdrucker in Konstanz von 1527 bis um 1535, s. Josef Benzing, Die Buchdrucker des 16. und 17. Jahrhunderts im deutschen Sprachgebiet, Wiesbaden 1963. — Beiträge zum Buch- und Bibliothekswesen, Bd. XII, S. 250.
4 Thomas Wolff, Buchdrucker in Basel von 1519 bis 1533, s. Benzing, aaO, S. 32. Das Werk erschien tatsächlich bei Wolff im Jahre 1529.
5 De origine erroris in negocio eucharistiae ac missae, 1529, s. HBBibI 10.

dulcissime frater, nunc temporis spatio velim nolim excludor, quo minus ad te multa pro animi votis scribere possim. Sed paucis sic habe me, quantuluscunque sum, tuum esse nec unquam mihi quicquam gratius et iucundius fuisse tua illa syncera amicicia f , qua me tibi iunxit comunis in Christum, communem servatorem, ardor, iunxerunt itidem aliae honestissimae rationes cum occulta quadam, sed efficaci animorum consensione. Utinam sit aliquando, quo tibi per occasionem aliquam pectus hoc tui amantissimum declarare pariter et totum effundere possim! Nunc Christo me christianice commenda, in quo bene vale.

Ex Constantia nostra, calendis septembris. Saluta meis verbis venerabiles abbatem 6 et oeconomum 7 vestrum. Mox plura ad te scripsero; nunc casu incidi in tabell[ionem] Tyguricensem 8 . Salutat te germanus frater meus Thomas 9 . 28.

Tuus Ambrosius Blaurerus.

[Adresse auf der Rückseite:] Heinrycho Bullingero apud Ceepellam [!] Tygurinorum, amico tanquam fratri charissimo.

f Am Rande eine Bemerkung von J. H. Hottinger.
6 Wolfgang Joner, s. oben S. 481, Anm. 4.
7 Peter Simler, s. oben S. 53 f, Anm. 2.
8 Der Name ist nicht bekannt.
9 Thomas Blarer, nach 1499-1567, jüngerer Bruder des Reformators Ambrosius Blarer, studierte 1514-1519 Jurisprudenz in Freiburg, dann in Wittenberg, wo er zum begeisterten Anhänger Luthers wurde. Seit 1523 wirkte er in Konstanz als Ratsherr für die Reformation, später wurde er Bürgermeister. Wie sein Bruder mußte er nach dem Interim die Stadt verlassen und flüchtete auf das Gut Griesenberg (Kt. Thurgau), wo er bis zu seinem Tode blieb. Mit Bullinger stand er von 1533 bis zu seinem Tode in brieflicher Verbindung, s. die oben S. 179, Anm. 1, angegebene Literatur sowie Schl. 1342-1343. 52745.

31

[BULLINGER AN
BARBARA MAY ]
[1528, 1529]

Autographe Abschrift oder Konzept: Zürich ZB, Msc F 47, 270r. —271r. 3 fol. S., sehr gut erhalten Ungedruckt

Beantwortet ihren ratsuchenden Brief und bestärkt sie in ihrem Entschluß, nicht mehr ins Kloster zurückzukehren: das Nonnenleben sei nicht Gottes Wille, sondern nur menschliche Erfindung. Übersendet das Lobgedicht eines Zürchers auf die Stadt Bern und bittet um eine Schrift von Niklaus Manuel, tröstet sie und ihre Familie wegen des Unglücks ihres Bruders.

Jesus Christus, gottes und a Mariae son verliche 3 üch sinen göttlichen geist, daß ir inn 4 alein erckennind das einig oberist gut 5 sin damitt ir in einem guten glückseligen jar gantz selencklich 7 läbind. Amen.

a Von hier an zahlreiche Unterstreichungen und einige Randbemerkungen von J. H. Hottinger.
1 Barbara May, aus vornehmer Berner Familie, Tochter des Glado (Claudius) May, Dominikanerin im Inselkloster Bern. Am 29. September 1523 besuchten die drei reformatorisch gesinnten Geistlichen Dr. Thomas Wyttenbach, Dr. Sebastian Meyer und Berchtold Haller (s. unten S. 205, Anm. 1) das Kloster und unternahmen den mißlungenen Versuch, Barbara und andere Insassen von der Sinnlosigkeit des klösterlichen Lebens zu überzeugen. Die heftige Äußerung Hallers, die Klosterfrauen wären des Teufels, wenn sie ihr Seelenheil allein auf ihren Orden und ehelosen Stand gründen wollten, rief den Widerspruch von Frau Venner Brüggler, Barbaras Großmutter, und anderer hervor; dies führte zu einer Klage beim Rat und beinahe zur Ausweisung der drei Prädikanten (Anshelm V 24ff). Barbaras Vater, ein Förderer der Reformation, gab ihr bei ihrem Eintritt ins Kloster eine reiche Aussteuer, suchte seine Tochter jedoch bald zum Austritt zu bewegen. Nach seinem Tode im Jahr 1527 schrieb Johannes Cochläus in seiner Streitschrift «An die Herren Schultheis und Radt zu Bern widder yhre vermainte Reformation», 1528, die Tochter des Claudius sollte Gott danken, daß er sie von einem solchen Vater erlöst habe, der sie so oft zum Austritt aus dem Orden habe bewegen wollen. Mit dem Durchbruch der Reformation in Bern begannen die Dominikanerinnen ihr Kloster zu verlassen und erhielten ihre Aussteuern zurück; die erste Quittung, die nach erfolgtem Austritt dem Vogt des Klosters ausgehändigt wurde, stammt von Barbara May, datiert vom 24. August 1528. Im nächsten Jahr heiratete Barbara Ludwig Ammann, den Sohn des ehemaligen Zürcher Stadtschreibers. —Bullinger könnte Barbara May bei seinem Aufenthalt anläßlich der Berner Disputation persönlich kennengelernt haben. Die Einleitung dieses Briefes läßt jedenfalls darauf schließen, daß sie sich mehrmals brieflich an Bullinger gewandt hat. —Lit.: Gottlieb Studer, Zur Geschichte des Insel-Klosters, in: AHVB IV, 1858-1860, H. 2, S. 48-53; Pestalozzi 54. 629; A. von May, Bartholomeus May und seine Familie. Ein Lebensbild aus der Reformationszeit, in: Berner Taschenbuch 1874, Jg. 23, S. 135ff. 167f; Stammblätter der Berner Familie von May, 1967, Nr. 5, Bern StA.
2 Der Neujahrsgruß Bullingers am Anfang dieses Schreibens weist auf eine Jahreswende hin. Auch erwähnt er Barbaras Klosteraustritt. Weil dieser im August 1528 erfolgte (s. oben Anm. 1), muß die Entstehungszeit des Schreibens in die zweite Hälfte Dezember 1528 oder auf die ersten Tage Januar 1529 fallen. Diese Datierung wird durch die Bemerkung über Niklaus Manuel als Venner (gewählt am 7. Oktober 1528, s. unten Anm. 100) erhärtet.
3 verleihe.
4 ihn.
5 Zu diesem die Gotteslehre Bullingers geradezu beherrschenden Begriffs. Heinrich Bullinger, Das höchste Gut, übers. u. hg. v. Joachim Staedtke, Zürich 1955, S. 7-30.
6 zu sein.
7 selig (vgl. SI VII 699).

Üwer letst warlich wyses, früntlichs und mir gantz anmütig 8 schryben 9 hat mich, geliepten und dugentrychen 10 wolgebor[en] frowen, uß der massen 11 wol gefröuwt, und so vil me, so vil geneigter ich üch mir alle zyt befind 12 . Ouch von üweren getrüwen brüderen 13 hör b , daß sy üch wol bedenckend 14 und es üch uß der maassen wol gadt. Das kan mich warlich nitt gnug und one end fröwen, besonders daß ir das kloster verlassen habend 15 . Daran söllend ir gantz ghein rüwen 16 haben, ist min ernstliche pitt, ja vil me gott dancken, daß er üch erlöst hat. Hie gedenckend jetzund der trostlichen worten Christi unsers heylands und siner apostlen. Christus spricht Mathaei 15 [9]: «Vergäbens eerend sy mich mitt menschen satzungen 17 .» Nun ist das gwüß, daß üwer klosterläben und üwer orden ein menschen satzung ist. Dann Dominicus 18 ist wol vor 400 jaren xin 19 , und hat man darvor von Christus purt 20 tusendt jar von keinem sölichen orden gewüst, ja üwer statt Bernn ist ettwas elter dann üwer orden 21 . Dorumb üch nüt rüwen sol an dem stand, der so nüw ist von menschen angerycht 22 , usset 23 gottes wort, und in dem ir gott nüt gedienet hettind, lut 24 siner worten. Imm Evangelio Luce am 17 [20f] spricht der herr abermols, das rych gottes stande nitt in 25 usseren dingen. Also Paulus zuon Römeren am 14 [17]: das rych gottes sye «fryd, fröud und grechtigheit imm heyligen geist». So ists ye nitt kutten, orden, sibenzyt 26 oder derley münchenthumbs 27 . Aber 28 spricht er Ioan. am 8 [12]: «Ich bin das liecht der wellt. Wer mir volgen wirt nitt in der finsternuß wandlen.» Item der vatter züget 29 vom himel 30 Mathaei 17 [5]: «Das ist min lieber son, imm 31 loosend 32 »; und Paulus Colloss. 2 [3]: «In imm sind alle schetz der wysheyt»; und 1. Cor. 1 [30]: «Christus ist uns von gott zur wysheyt gäben»; item Mathaei 23 [10]: Christus ist unser einiger 33 meister. So dem nun also ist und

b aus hören korrigiert.
8 angenehmes (SI IV 582).
9 Der Brief blieb nicht erhalten.
10 tugendreiche.
11 überaus.
12 finde.
13 Sie hatte acht Brüder, der älteste war Bendicht May (Schweizerisches Geschlechterbuch, Jg. 2, 1907, S. 328).
14 für euch sorgen, beistehen (SI XIII 678).
15 Vor dem 24. August 1528 (s. oben Anm. 1).
16 Reue.
17 Geboten.
18 Dominikus, Stifter des Dominikanerordens (etwa 1170-1221).
19 gewesen.
20 von Christi Geburt an.
21 Bern wurde 1191 gegründet.
22 eingerichtet (SI VI 408f).
23 ohne, außerhalb.
24 laut.
25 bestehe nicht in, beruhe nicht auf... (vgl. SI XI 540).
26 die kanonischen Horen, Gebetszeiten (SI VII 46f).
27 mönchische Sachen.
28 wiederum, weiter (SI I 40).
29 bezeugt.
30 vom Himmel herab.
31 ihm.
32 höret auf ihn.
33 alleiniger.

Christus die einig wysheit ist, das einig liecht, der recht meister, der die seeligheit alein gipt und weist 34 worumb ers gibt, hette er doch billich 35 der örden gedacht 36 , wo sy not 37 werend zum heyl. Er hat iren aber nienen 38 gedacht, wie die heyligen gschrifft züget, die doch alles verfasset 39 , das notwendig zum heyl ist: loan. 20 [31]; 2. Timo. 3 [14ff]. So ist ouch das klosterläben nitt not zum heyl, zuo dem daß es, wie obgemellt 40 , dusent 41 jar nach Christus purt erst uffgrycht ist. Dorumb habend ghein duren 43 dran, fröwend üch üwer christenlichen fryheyt, und daß Paulus spricht 1. Cor. 3 [21]: «Alle ding sind üwer», verstadt ussere libliche ding, menschen uffsetz 44. Item 1. Cor 7 [23]: «Ir sind thür erckoufft, werdent nitt der menschen knecht.» Lieber läsend ouch das ander 45 capittel zun Collosseren [2,8ff] und das 4. cap. der Ersten c epistel Pauli zum Timotheo [1 Tim 4,1 ff]. Imm 5. cap. wil er schlechts 46 nitt, daß man junge frowen in glübd uffnemme der reinigheit 47 ; sy söllind fromm sin, kinder zühen 48 , huß hallten und nitt fuulen 49 under einem valschen schyn deß geists 50 . Läsend die ding eigentlich 51 mitt urteyl, so erfindent ir, daß das warlich nitt ein gotsdienst ist, damitt man bishar umbgangen ist, sunder das, deß man wenig ||270v. geachtet hat: glouben, liebe, unschuld, dugend, sorgsamme 52 , hushaben 53 , barmhertzigheyt, dultmut 54 , frid, kinder zühen, von sünden ston 55 , das recht 56 annemmen, lutergheyt 57 , warheyt. Wie aber die ding in klösteren geballten, ist darby 58 schyn 59 , daß man die gantzen summ 60 nun gebunden hat an götzenwerck, messen, schryen oder singen unverstandne ding, wachen, brummlen, spysen, kleider etc., alles ussere ding, deren doch die seel nitt besonderbars erfröwt 61 ist, noch gott vereeret, dann es was nitt sin gebott, noch der nechst erbesseret 62 ,
c vor Ersten gestrichen and [er].
34 weiß.
35 billigerweise.
36 die Orden erwähnt.
37 nötig.
38 nie, nirgends (SI IV 761f).
39 umfaßt, enthält.
40 obenerwähnt.
41 tausend.
42 aufgestellt, gegründet, gestiftet (vgl. SI VI 4030.
43 Bedauern.
44 Anordnungen (SI VII 1529).
45 zweite.
46 einfach, schlechterdings.
47 Keuschheit (SI VI 992); öfters bei Zwingli (s. vor allem Z I 227ff).
48 erziehen.
49 faul sein, faulenzen.
50 in einem nur dem Anschein nach geistlichen Leben.
51 genau.
52 Sorgfalt, Fleiß.
53 Haushalt führen.
54 Geduld, Langmut (SI IV 5840.
55 abstehen, sich enthalten.
56 das Richtige, Gute.
57 Lauterkeit.
58 dabei (SI IV 908).
59 offenbar (SI VIII 798).
60 das Ganze, nämlich den Gottesdienst.
61 erfreut, erbaut.
62 in besseren Zustand versetzt; gemeint ist die ökonomische Lage.
dann er sy 63 mee 64 engallt 65 mitt ggeben 66 und stüren 67 etc. 68 , ye daß üch an dem verlassnen stand 69 nützid 70 duren 71 sol. Sinnend vil me jetzund, wie ir jetzund wellend in gottes huld läben, all üweren trost, hertz, mut 72 und sinn in dem einigen gott setzen, der alles erschaffen hat, der sinen son, unseren herren Jesum für unns ggeben hat, der ouch üch mitt seel und lib 73 erschaffen hat; daß ir ja den selben alein anrüffind, üch imm alein übergäbind und bittind mitt dem propheten David imm 5. Psal. [9]: «O gott, leyt mich in diner grechtigheit, mach mir dine wäg richtig 74 und lycht». Flissend üch 75 , daß ir niemands beleidigind, daß ir yederman, so vil an üch stadt, guts thügind, das die armen üwer geniessind 76 , daß ir üweren lib dem geist underthügind 77 und üwerem herren Jesu nachvolgind in demut, güte, liebe, gedullt, verzyhung, reinigheyt, zucht und erbergheyt 78 : so wirt alle hochfart, zorn, haß, uffsatz 79 raach und was unrecht ist, niergend 80 by üch bliben. Habend ir die hoch gaab 81 von gott, so blibend also 82 gott stiff 83 und stät 84 mitt hertzlichem anbauten 85 : 1. Corinth. 7 [7f]; habend ir sy nitt, so thünd das üch aber gott mitt sampt sinen apostlen heist Mathaei 19 [4ff], 1. d Corinth. 7 [1ff], 9 [5], 1.Timoth. 3 [1ff], 4 [3ff], 5 [9ff], Titum 2 [4], Hebraeos 13 [4]. So ir dann also in gotsforcht läbind, so werdint ir gott vil baß 86 gefallenn, dann hettind ir trissig wyler uff 87 ! Nemend min trost und instruction imm besten an, dann ichs uß getruwem früntlichem gmüt gethon hab.

Hie antwurtend jetzund selbs, was ir thun wellind; ob ir das Wygerhuß 88

d 1 aus 2 korrigiert.
63 dessen (SI VII 1014).
64 mehr.
65 hatte Nachteile, Kosten (SI II 279).
66 Schenken.
67 Spenden (SI XI 1286. 1360).
68 denn er (der Nächste, der Mitmensch) hatte deswegen mehr Kosten mit Schenken und Spenden etc.
69 nämlich als Nonne.
70 nichts.
71 reuen.
72 Gemüt, Wille (SI IV 581).
73 Leib.
74 gerade (SI VI 464).
75 trachtet fleißig danach (vgl. SI I 1211).
76 einen Nutzen von euch haben.
77 unterwerfen (SI XIII 403).
78 Ehrbarkeit.
79 Feindschaft, Haß (SI VII 1537).
80 in keiner Beziehung.
81 Ergänze: der Jungfrauschaft, der Enthaltsamkeit (vgl. 1 Kor 7,7).
82 so, nämlich jungfräulich.
83 ohne Wanken.
84 beständig (SI XI 1818).
85 Beharrlichkeit.
86 besser.
87 als wenn ihr dreißig Schleier aufhättet!
88 Ein Haus mit diesem Namen ist in der Stadt Bern nicht bekannt. Die in der Reformationszeit manchmal erwähnte Familie Wyo, Wyen, Wyger in Bern (vgl. ABernerRef, Reg.) war zu unbedeutend, um als Namensgeber und Besitzer eines Hauses zu gelten, das die Tochter des reichen Glado May erwerben wollte. Möglicherweise bezeichnet das Wort hier einfach ein «Weierhaus», d. h. ein Herrenhaus oder Schloß mit Wasser umgeben (vgl. SI II 1735). Es liegt nahe, dabei an das Schloß Holligen vor den Toren Berns zu denken, das damals noch ein Weierschloß und Eigentum der Familie von Diesbach war. Näheres läßt sich nicht

kouffen und ein Bernner werden wellind. Lügend 89 und verantwurtends wyslich.

Deß mechtigen uuszugs halb und erlicher 90 lüten ins feld verordnet sind wir ouch sust berycht 91 worden, aber nitt so häll alls ir das gethon 92 . Loben den allmechtigen gott, daß er die sinen nitt verlaast. Gloub ouch, er werde ein eerliche, hochverrümpte 93 statt Bernn fürhin 94 erbauten (wo sy by imm bstond 95 , alls ich nitt zwyfflen)96 wie bishar, und sy mitt grossen eeren und gut begaaben etc. Ich schicken üch hie ein lied, ist der statt Bernn ze lieb gemachet von dem handel 97 ||271r. von einem Zurycher 98 , und bitten, ir wellind mir umb das helfen 99 , das Venner Walter 100 hiervon gemachet hat 101. 88f

ermitteln; jedenfalls kam das Schloß nicht in den Besitz von Barbara May (freundliche Auskunft von Dr. H. Specker, Bern StA).
89 Sehet zu.
90 ansehnlicher.
91 unterrichtet.
92 Da der Brief von Barbara May wahrscheinlich in der ersten Hälfte Dezember oder schon im November geschrieben wurde, wird sie darin über die Unruhen im Berner Oberland berichtet haben, vgl. Hermann Specker, Die Reformationswirren im Berner Oberland 1528. Ihre Geschichte und ihre Folgen, Freiburg i. d. Schweiz 1951. — ZSKG, Bh. 9.
93 hochberühmte.
94 in Zukunft.
95 bleibt.
96 wie ich nicht zweifle.
97 Sache.
98 Weder das Lied noch der Verfasser lassen sich ermitteln. Wohl hatte der seit März 1528 in Bern wirkende Zürcher Johannes Rhellikan (s. unten S. 215, Anm. 55) im November 1528 ein Siegesgedicht über die erfolgreiche Niederwerfung des Oberländer Aufstandes geschrieben (der Text bei de Quervain 261 f), es ist jedoch unwahrscheinlich, daß Bullinger der Berner Patriziertochter ein lateinisches Gedicht hätte zukommen lassen. —Möglicherweise handelt es sich hier um jenes Gebetslied, das die ältere Tradition, wahrscheinlich fälschlich, Niklaus Manuel zuschrieb: «Ein Lied und gebeth uber das, Laß uns nit undertrucken, als ettlich den Frommen von Bern Ire Lüt hattent unghorsam gmacht. Das got durch sins Bunts willen Sig und oberhandt den Frommen von Zürch und Bern verlyhen wölle», 1528, gedruckt bei C. Grüneisen, Niclaus Manuel. Leben und Werke eines Malers und Dichters, Kriegers, Staatsmannes und Reformators im sechzehnten Jahrhundert, Stuttgart und Tübingen 1837, S. 451-453; s. noch ebenda S. 229 f; vgl. Rochus von Liliencron, Die historischen Volkslieder der Deutschen vom 13. bis 16. Jahrhundert, Bd. III, Leipzig 1867, S. 573.
99 dazu verhelfen.
100 Niklaus Manuel, 1484-1530, Maler, Dichter, Kriegsmann und Politiker, Förderer der Reformation. Seit 1510 Mitglied des Großen Rates, 1523-1528 Landvogt zu Erlach. Am 14. April 1528 wurde er in den Kleinen Rat gewählt, am 7. Oktober mit dem Amt des Venners der Gerberzunft betraut; damit erreichte er den dritthöchsten Rang im Staate. Im Oberländer Aufstand 1528 war er Bannerhauptmann und Kommandant von Thun, im Ersten Kappeler Krieg Venner bei den von Bern geschickten Truppen. In den Jahren 1528 bis 1530 betraute man ihn häufig mit verschiedenen heiklen Missionen. Eine wichtige Rolle spielte er als Vermittler zwischen den Glaubensparteien. — Lit.: Jean-Paul Tardent, Niklaus Manuel als Staatsmann, Bern 1967. —AHVB 51 (mit ausführlicher Bibliographie).
101 Es gibt zwei dichterische Werke, die dabei in Frage kommen könnten. Einmal das erwähnte Gebetslied (Anm. 98), das jedoch von der literaturgeschichtlichen Forschung aus sachlich-formalen Gründen nicht als Manuels Werk angesehen wird (s. Grüneisen, aaO; von Liliencron, aaO; Manuel, aaO). Zweitens das sog. Interlachnerlied: «Ein nüw Lied von der uffrur der landtlüten zu Inderlappenn in der herschafft Bern in üchtlandt, beschehen imm MDXXVIII jar», gedruckt bei von Liliencron, aaO, S. 573-576 und Ad. Fluri, Mathias Apiarius, der erste Buchdrucker Berns (1537-1554), in: Neues Berner Taschenbuch auf das Jahr 1897, S. 210 bis 216. Als Verfasser wird Manuel vermutet (s. von Liliencron, aaO; Theodor von Liebenau, Notizen über historische Lieder und Dichter schweizerischer Schlachtlieder, in: ASG I, 276-279; Ad. Fluri, Das Interlachnerlied, in: Neues Berner Taschenbuch auf das Jahr 1904, S. 259-265). Zurückhaltender äußert sich Bächtold (Manuel CCXIV). — Bullingers Angabe bestätigt jedenfalls, daß Manuel tatsächlich Verfasser eines Liedes über den Oberländeraufstand

Es ist ouch mir üwers bruders 102 faal von hertzen leyd. Imm und üch allen widerfaart, das der prophet Salomon in Sprüchen am 3. cap. [12] spricht: «Wen gott liebet, den heimsucht er zun zyten». So ist ouch sellten fröud one leyd 103 ; beschicht von gott, daß wir sinen 104 nitt vergessind etc. Iren grutz ist mir träffenlich e 105 angnäm, embüten inen ouch hiemitt minen willigen dienst, minen früntlichen grutz und was ich inen liebs, eer und guts vermöchte 106 . Also ist ouch min pitt, ir wellind mir frow Catherinen 107 , üwere schwester früntlichen grützen etc.

Ich dancken ouch üwer müy 108 und arbeyt, besonders günstige 109 frow, daß ir üch so vil habend bemüyen mögen und mir biß in die langen nacht schryben. Kan wol verston, das ir vil mögend umb minet willen dulden, ouch mitt sömlichem 110 ein rechten gunst zuo mir tragend; derhalben ir mich allwägen alls ein guten fründt finden werdent, also ouch, daß ich mich nitt bald 111 mitt gunst, liebe und guthet 112 wirt überwinden"113 lassen"114 etc.

Das ir mir schrybind, der radt üch von mir ggeben sye trostlich und eerlich, fröwt mich nitt ein wenig, dann ich üch gern das radten wellte, das üwer nutz, fug 115 und eer. Wyters schrybens halben wundert mich alein; dann thund ir wie ich, so schlahend ir vil an 116 in abwäsen 117 , die üch doch in bywäsen 118 vor f fröüd und vile der hendlen g nitt mee zuo sinn kummend, zuo dem, das die

e von hertzen gestrichen, träffenlich darübergeschrieben.
f-g von vor bis hendlen übergeschrieben.
101f war; die Vermutung, daß das «Interlachnerlied» von ihm stammt, gewinnt somit viel an Wahrscheinlichkeit.
102 Gemeint ist wahrscheinlich Jakob May, etwa 1493-1538, der als abenteuerlustige und kriegsliebende Natur galt und 1527 als einer der wenigen Überlebenden nach der erfolglosen Belagerung von Neapel aus päpstlichen Diensten heimgekehrt war. Er wurde ein überzeugter Anhänger der Reformation, nahm am Zweiten Kappeler Krieg als Hauptmann teil und gab seines Unmutes wegen der Haltung Berns vor der Truppe offen Ausdruck; er stellte sich hinter den Feldprediger Franz Kolb (s. unten S. 215, Anm. 54), der in einer erbitterten Predigt die Berner beschimpft hatte (s. HBRG III 213-215; von May, aaO, S. 158 bis 161. 17Sf; Stammblätter der Familie von May, aaO). Bullinger lernte ihn sicherlich während der Berner Disputation kennen; er widmete ihm eine (verlorengegangene) deutsche Schrift, die er in seinem Schriftenverzeichnis unter folgendem Titel aufführt: «De universa ratione scripturae sanctae ad lacobum a Madiis Bernensem» (HBD 14, 27 f; Zimmermann 232). — Welches Unglück die Familie May und besonders den Bruder Barbaras zu dieser Zeit getroffen hat, läßt sich nicht feststellen.
103 Kirchhofer 149.
104 ihn.
105 außerordentlich.
106 Demnach kannte er mehrere Mitglieder der Familie May.
107 Catharina May, Gattin des Heinrich von Hünenberg (Stammblätter der Berner Familie von May, aaO). Bullinger lernte sie wahrscheinlich während der Berner Disputation kennen.
108 Mühe.
109 wohlwollende, mir gewogene.
110 solchem.
111 nicht leicht, nicht so schnell (SI IV 1195).
112 Guttat, Wohltat.
113 übertreffen (Lexer II 1680).
114 ich werde mich nicht leicht an Geneigtheit, Liebe und Gutes-Tun (der Adressatin gegenüber) übertreffen lassen.
115 etwas Angenehmes (SI I 700).
116 so plant ihr viel (SI IX 386).
117 Abwesenheit.
118 Anwesenheit.

gschrifft wolbedacht, yffrig und wys ist. Daß ir ouch sprächind, ir wellend imm nachsinnen, thund ir wyslich, dann man spricht: «Wol besinnen verhont 119 nie ghein sach 120 .» Aber zum ersten thuon, und darnach radt suchen oder besinnen ist ein dorheyt. Dorumb Salustius [!]sprach: «Ein yedes ding soll mitt ryffem radt vorbetrachtet werden und, so es dann erraten 121 , sol es unverzogen dappfferlich zehand genommen werden.» 122 Besähend ouch die welt nun wol; sy last sy anesähen und doch nitt schnell erduren 123 . Alle wellt ist vallsches voll, dorumb thund ir imm recht 124 und zum wysisten, daß ir üch imm end in gottes willen ergäbend. Dann wer in gott vertruwt, wirt nitt ze schanden, spricht sin heyliger prophet Isaias [49, 23].

Zum letsten ist min trungenliche 125 früntliche pitt, ir wellend min schryben guoter meinung empfahen, dann, so es zuo dem üweren gelegt, ist es gar kleinfüg 126 . Gedenckend, daß man spricht, die lüt, so glich nitt wol reden könnind, syend gar nitt ze betriegen geschickt h 127 , sunder die früntlichosten, alls die vil hefftiger imm hertzen und der thaat syend dann die wort lutend 128 .

Hiemitt dancken ich üch aller eeren und alles guts, embüt 129 mich das ze widergellten 130 , wie ich könde und mir müglich. Gott sye mitt üch.

h vor geschickt gestrichen nitt.
119 verdirbt (SI II 1365).
120 Der Spruch läßt sich nirgends belegen.
121 beschlossen (SI VI 1602).
122 De coniuratione Catilinae I.
123 prüfen, erforschen (SI XIII 1298f).
124 tut ihr recht daran.
125 dringliche (Grimm II 1457).
126 geringfügig (SI I 701).
127 geeignet.
128 Vgl. Wander I 345.
129 erbiete.
130 vergelten.

32

AMBROSIUS BLARER AN
BULLINGER
Konstanz
11. August 1529

Autograph: Zürich StA, E II 357,1 1 fol. S., sehr gut erhalten, mit Siegelabdruck Zusammenfassende Übersetzung: Blarer BW I 194

Berichtet von seiner Krankheit und Genesung, gratuliert zur Berufung nach Bremgarten, gibt Ratschläge und Ermahnungen zum Pfarramt und bedankt sich für ein Exemplar des ihm gewidmeten Buches «De origine erroris in divorum ac simulachrorum cultu».

Gratia tecum.

Non solum quod peregre fui aliquamdiu, mi Bullingere, verum etiam quod totum fere sesquimensem egrotavi 2 , in caussa fuit, ut nec praecipuo tibi nec aliis optimis amicis quicquam scribere potuerim. Febris me apud Herisaugiam 3 acerbissime invaserat et ita, ut huius non ferendis cruciatibus, si carnem spectes, propemodum enectus sim. Sed reddidit me rursum mihi pariter et a ecclesiae nostre, quae hoc anxie precabatur, clementissimus pater, qui utinam det in suam gloriam, quicquid reliquum est vitae mee, totum impendi. Alioqui quorsum adtinet vel multis etiam seculis superstites esse, si solis nobis male ociosi et, ut ille ait, telluris inutile pondus 4 , ita vivamus, ut aliorum etiam piae sedulitati incommodemus?

Atque hic quidem vehementer ac supra quam dici possit, tibi gratulor honestissimam hanc et vere christianam vocationem 5 , quae totum te sibi vendicat ac aliis vivere, id quod prius quoque faciebas, pertinacissime cogit, hac praesertim

a et übergeschrieben.
1 Siehe oben S. 179, Anm. 1.
2 Die schwere Krankheit Blarers geht auch aus Briefen Zwinglis (21. Juni 1529, Blarer BW I 192, Z X 177,20 und Bucers (8. Juli 1529, Blarer BW I 193) hervor.
3 Nachdem Pfarrer Joseph Forrer sein Amt in Herisau verlassen hatte, warb man um einen neuen Pfarrer. Zur Überbrückung erklärte sich Konstanz mit einem einmonatigen Aufenthalt Ambrosius Blarers in Herisau einverstanden. Am 26. Mai 1529 dürfte Blarer noch in Konstanz gewesen sein (vgl. Blarer BW I 188f), doch schon am 30. Mai 1529 predigte er in Herisau. Am 2. Juni schreibt er an Vadian und drückt die Hoffnung aus, «ut apud Abbatiscellam ostium nobis aperiat dominus» (Vadian BW IV 184; Blarer BW I 191). Noch in der ersten Junihälfte dürfte Blarer erkrankt sein, denn Zwingli wünscht ihm in der Antwort auf einen (verlorenen) Brief am 21. Juni baldige Genesung (Blarer BW I 191 f; Z X 177), dasselbe tut Bucer in einem Brief vom 8. Juli 1529 (Blarer BW 1193). Wahrscheinlich blieb Blarer wegen seiner anderthalbmonatigen Krankheit länger als die vorgesehene Zeitspanne in Herisau. Zu Blarers Aufenthalt s. Kessler, Sabbata 316,30-33; Historischer Bericht, was sich zur Zeit der sel. Reformation im Lande Appenzell zugetragen habe; beschrieben durch Herrn Walther Klaarer, in: Simler I 810 sowie die andere Fassung der Klarerschen Reformationsgeschichte in: Appenzellische Jahrbücher, Zweite Folge, 8. H., I. Abt., 1873, S. 89; Willy Hirzel, Walter Klarer 1499-1567. Ein Bahnbrecher der Reformation im Lande Appenzell, Herisau 1967, S. 26.
4 Telluris pondus (terrae onus), Ausdruck für einen nutzlosen Menschen, von Achill auf sich selbst bezogen, in: Ilias XVIII,104 (vgl. Odyssee XX,379), s. Adagia 1,7,31 (LB II 274 B-C).
5 Bullinger trat am 1. Juni 1529 sein Pfarramt in Bremgarten an, s. Blanke 120 und oben die Einleitung, S. 25.

plena periculis tempestate, qua vix ulla pastorum vigilantia et circumspectio par esse potest tot gravissimorum luporum imposturis, ut ne quicquam interim de vi et potentia illorum dicam, quibus, quo agunt apertius, hoc minus nocere possunt. O mi frater, quid non malarum artium experitur versutissimus satan cum suo illo crudelissimo complicio, quo Christi regnum labefactet? Et quod peius mihi dolet, successum aliquem apud multos videmus impiissimorum conatuum. Tu totis animis adnitere, ut susceptam provinciam pulchre non solum administres, sed ornes etiam, quandoquidem pro datis tibi egregiis dotibus felicissime hoc potes. Esto exemplar fidelium in sermone, in conversatione, in dilectione, in spiritu, in fide, in puritate, recte secans sermonem veritatis. Unum solum nudum ac crucifixum Christum [1 Kor 2,2] et, quae in hunc est, fidem perpetuo doce, exorsus tamen a resipiscentia b, quo vulgus hominum sensu aliquo peccatorum suorum tangatur ac porro esuriat et sitiat verbum gratiae, hoc est evangelium de Christo. Nam dum quidam prepostere docent, nihil plane promovent, nisi quod malos peiores reddunt, atque hinc illa scelerum licentia, quae evangelii titulo se venditat, quaeve sursum ac deorsum omnia movet. Sed quid ego ista ad te, cuius synceritas, modestia, zelus c et exactum in rebus christianis iudicium nec doctore nec monitore opus habent? Ignosces tamen, mi frater, cum huc me rapiat immodica forte ecclesiarum sollicitudo, simul autem et charitas lubenter persuadeat omnia te in partem optimam accepturum.

Librum 6 tuum mihi dicatum germanus Thomas 7 , ubi rediissem, diligenter exhibuit, pro quo summas tibi gratias ago. Invenio non parum multa, quae etiam doctissimus quisque mirabitur (nihil adulor) iuvenem adeoque adulescentem praestare potuisse; maiora tamen his expectamus, quae dominum largiturum non dubitamus, quandoquidem, que hactenus dedit, tam bene et christianice collocasti.

Bene vale, charissime frater, et sic age, ut, cum apparuerit summus d ille pastorum princeps, tu illi creditas tibi oves bona fide adnumerare possis; cui me quoque sedulo et pie commendes, obsecro. Salutem tibi adscribere iubet Thomas 8 frater.

Ex Constantia, 11. augusti 29.

Tuus Ambrosius Blaurerus.

[Adresse auf der Rückseite:] Heinrycho e Bullingero, parocho apud Bremgarten, erudito et syncerissimo fratri suo in Christo. Premgarten.

b vor resipiscentia gestrichen p [?].
c zelus am Rande nachgetragen.
d vor summus gestrichen ill.
e aus Heinricho korrigiert.
6 De origine erroris in divorum ac simulachrorum cultu, s. oben S. 179, Anm. 3.
7 Thomas Blarer, s. oben S. 182, Anm. 9.
8 Thomas Blarer, s. oben S. 182, Anm. 9.

33

BULLINGER AN
HULDRYCH ZWINGLI
[Bremgarten ],
24. November 1529

Autograph: Zürich StA, E II 339, 210 1/2 S. 4°, sehr gut erhalten, mit Siegelabdruck Gedruckt: S VIII 375 f; Z X 339

Bittet um Unterstützung für einen alten Mann und dessen auch Zwingli bekannten kranken Sohn Johannes Gingi.

Gratiam et pacem a domino.

Fovet hic miserandus senex filium domi (quem nosti Ioannem Gingium 3 ) paralisi deiectum, cum interim ab hoc exigatur docendi offitium. Ceterum cum non ignoret, quanti referat, quem suis praefitiat, nemini arduum hoc negotium citius concredidit, atque tibi, Zuingli doctissime, quippe qui pro ista tua vigilanti ecclesiarum cura et possis et velis adminiculari. Sunt enim illic apud vos plurimi ad hasce res eidonei. Obsecramus itaque, ut te nobis, imprimis vero ovibus Christi hac in re impendas, denique boni consulas temeritatem nostram, qua severiora tua audemus interturbare studia 4 . Dominus Jesus te nobis diu servet incolumem.

24. novembris 1529.

Tuus H. Bullingerus

[Adresse auf der Rückseite:]Huldrycho Zuinglio, fratri charissimo.

1 Siehe oben S. 67, Anm. 6.
2 Bullinger schrieb diesen Brief zweifellos aus Bremgarten, wo er seit dem 1. Juni 1529 Pfarrer war; dort hielt man seine Anwesenheit zu dieser Zeit für so wichtig, daß er auf die Teilnahme am Marburger Gespräch im Oktober 1529 verzichten mußte (HBD 18,10-14; Pestalozzi 60f).
3 Johannes Gingi unterschrieb im Januar 1528 als «kilchherr zu Schöftlen» (Schöftland, Kt. Aargau) die Thesen der Berner Disputation (ABernerRef 1465, S. 596). Die Familie Gingi war im unteren Reußtal ansässig (Z X 339, Anm. 2).
4 Vom weiteren Verlauf dieser Angelegenheit ist nichts bekannt.

34

HULDRYCH ZWINGLI AN
BULLINGER
Zürich,
22. Juni 1530

Autograph: Zürich StA, E I 3. 1, Nr. 63 1 S. 4°, sehr gut erhalten, mit Siegelabdruck Gedruckt: S VIII 470; Z X 640 f

Empfiehlt ihm den durch Bremgarten nach Basel reisenden Andreas Karlstadt.

Gratiam et pacem a domino, charissime Heymryche. Hic, quem vides, Carolstadius 2 est, homo sane talis, qualem se Luterus esse credit, cum tamen non sit alius, quam ipse Carolstadium esse predicat 3 . Eum deduci ad iter, quod Basileam 4 pergit, facito. Strennue pauper est, quapropter, qui quid potestis, iuvate et opitulamini, non ut nostra hauriatis, sed ut de nostro quid ei refectionis obveniat.

Vale et Gervasio 5 salutem nostro nomine iubeto.

Tiguri, 22. die junii diluculo 1530.

Huldrych Zuinglius tuus.

1 Siehe oben, S. 67, Anm. 6.
2 Andreas Bodenstein, nach seinem Geburtsort Karlstadt genannt, etwa 1480-1541, studierte 1499-1504 in Erfurt und Köln, kam 1505 nach Wittenberg, promovierte 1510 zum Dr. theol. und wurde Archidiakon. Infolge seiner Augustinlektüre wurde er ein entschiedener Anhänger Luthers. Zusammen mit diesem disputierte er 1519 in Leipzig gegen Eck. Durch die Ereignisse in Wittenberg während Luthers Wartburgaufenthalt kam es zwischen ihm und dem Reformator zum Bruch. Karlstadt wurde nun Pfarrer in Orlamünde und bemühte sich besonders um die Aktivierung der Laien. Unter Mithilfe Luthers wurde er mit seiner Familie 1524 aus Sachsen vertrieben und führte daraufhin ein Wanderleben. Über Straßburg und Basel kam er 1530 nach Zürich, wo er als Diakon und Korrektor wirkte. Von einer nur viermonatigen Tätigkeit als Pfarrer in Altstätten im sankt-gallischen Rheintal unterbrochen, blieb Karlstadt bis zum Sommer 1534 in Zürich. In enger Gemeinschaft wirkte er mit den Zürcher Pfarrern, die ihn gegen Luthers Angriffe in Schutz nahmen. Von 1534 bis zu seinem Tod war Karlstadt als Professor für Altes Testament in Basel tätig. Zwischen 1532 und 1541 hat Karlstadt mehrere Briefe mit Bullinger gewechselt. —Lit.: Emil Egli, Aus Carlstadts Predigten in Zürich, in: Zwa I 94-96; E. Freys und H. Barge, Verzeichnis der gedruckten Schriften des Andreas Bodenstein von Karlstadt, in: Centralblatt für Bibliothekswesen, Jg. XXI, 1904, S. 153-179. 209-243. 305-331 (Nachdruck: Nieuwkoop 1965); Hermann Barge, Andreas Bodenstein von Karlstadt, 2 Bde., Leipzig 1905 (Nachdruck: Nieuwkoop 1968); zum frühen Einfluß Karlstadts in der Schweiz vgl. Oskar Vasella, Zur Biographie des Prädikanten Erasmus Schmid, in: ZSKG 50, 1956,353-366; Schl. 9616-9649. 55359-55368.
3 Die heftigsten Ausfälle Luthers gegen Karlstadt finden sich in der Schrift «Wider die himmlischen Propheten, von den Bildern und Sakrament», 1525, WA XVIII 37ff; vgl. Barge, aaO, II 266ff.
4 Karlstadt ging von Zürich aus nach Basel, um dort seine Angehörigen abzuholen. Am 25. Juni ist er in Basel anwesend, Z X 645,5; s. Barge, aaO, II 423f.
5 Gervasius Schuler (Scholasticus), etwa 1495-1563, in Straßburg geboren, erhielt nach dem frühen Tode des Vaters seine Ausbildung in der Schweiz. Seit 1520 als Diakon in Zürich, 1525-1528 auf Empfehlung Zwinglis als Pfarrer in Bischweiler (Elsaß), wo er wegen seines Eintretens für eine milde Behandlung der Teilnehmer am Bauernkrieg abgesetzt wurde. Als Nachfolger von Dekan Heinrich Bullinger wurde er im Jahre 1529 Pfarrer in Bremgarten. Von dort zusammen mit Heinrich Bullinger im November 1531 vertrieben, hielt er sich vorübergehend in Zürich auf und wandte sich dann nach Basel. Ende 1533 folgte er einem Ruf nach Memmingen und blieb dort bis 1548. Vorübergehend als Archidiakon in Zürich tätig,

Carolstadius ad nos transmigrabit 6 , donec ei divina bonitas prospiciat. Liberos abit adductum, quorum tres habet, et eos mares 7 .

[Adresse auf der Rückseite:] Heimrycho Bullingero, Brangarti 8 evangeliste, fratri suo charissimo a.

a darunter von Bullinger: Hand: H. Zuinglius.
5f ging er 1550 als Pfarrer nach Lenzburg, wo er 1563 starb. Heinrich Bullinger nennt Schuler einen frommen und gelehrten Mann (HBD 17,9); die beiden wirkten in Bremgarten in gutem Einvernehmen und blieben zeitlebens freundschaftlich verbunden, wie der umfangreiche Briefwechsel zeigt. — Lit.: HBD 18,25; 20,21; 127,5; HBRG II 61; III 9.266f; Z VIII 215, Anm. 4; Z X 90f. 640, Anm. 2; [F. W. Culmann], Skizzen aus Gervasius Schuler's Leben und Wirken in Zürich, Bischweiler, Bremgarten, Basel, Memmingen und Lenzburg, von 1520-1563, Straßburg 1855; A. Mary, Gervasius Schuler und sein Wirken in Bischweiler, in: Feier des 400jährigen Reformations-Jubiläums am 28. Juni 1925 in Bischwiller, Ansprachen und Festpredigt (Bischweiler 1925), S. 3-9; Hänny (S. 51: Schriftenverzeichnis); Blanke 118ff; Pfister Nr. 124. 631.633. 633a, S. 200; Pfarrerbuch 516; HBLS VI 251.
6 Mitte Juli traf Karlstadt mit seinen Angehörigen in Zürich ein, Z XI 24,4f; 34,1; s. Barge, aaO, II 424.
7 Vermutlich hießen die drei Knaben Johannes, Andreas und Adam, Barge, aaO, II 518f.
8 Bremgarten.

35

LEO JUD AN
BULLINGER
Zürich,
11. Juli 1530

Autograph: Zürich ZB, Msc F 62, 340 2/3 fol. S., sehr gut erhalten, mit Siegelabdruck Ungedruckt

Lehnt Bullingers Wunsch ab, sich gegen das Urteil zu wenden, das über Pfarrer Hans Rudolf Ammann ausgesprochen wurde, und weswegen ihm Bullinger wahrscheinlich Vorwürfe machte.

Gratiam et vite innocentiam per Christum.

Recte tu quidem, mi Heinrice, sed sero nimis mones atque eum, cui haec sententia parum placet 2 . Quid dicam? Si iudices 3 damno, parum officiosus sum et periculo me expono, si laudo, culpe socius ero, si dissimulo, parum candidus et dexter iudicor, si scribo me non interfuisse iudicio, dum ferretur sententia, arrogantiae notam quis inpinget. Nihil igitur restat nisi deum anxiis precibus pulsare, ut omnibus nobis id donet, ne adfectibus praecipites feramur, quod hic factum si siet, parcat. Non nihil autem et ab eo 4 peccatum est, quem mihi commendas, qui, ut audio, socorditer contionem a suam instituit, frigide adversarie

a vor contionem ein Buchstabe gestrichen.
1 Siehe oben, S. 55, Anm. 1.
2 Im Hintergrund dieser und der folgenden Ausführungen Juds steht eine - schließlich vor Gericht ausgetragene -Auseinandersetzung um die Sonntagsheiligung im Knonauer Amt. Pfarrer Hans Rudolf Ammann von Knonau (s. unten, Anm. 4) wurde am 30. Juni 1530 wegen Sonntagsarbeit verurteilt, appellierte jedoch daraufhin an den Zürcher Rat. Bullinger dürfte sich nach dem 30. Juni mit der Bitte an Leo Jud gewandt haben, seinen Einfluß in Zürich zugunsten Ammanns geltend zu machen, doch bestätigte der Rat schließlich das Urteil. Unter «sententia» dürfte der verurteilende Richterspruch vom 30. Juni 1530 zu verstehen sein, s. Ulrich Gäbler, Ein übersehenes Stück aus Zwinglis Korrespondenz. Hans Rudolf Ammann an Huldrych Zwingli (26. Juni 1530), in: Zwa XIII 227-230.
3 Außer dem Geschworenenrichter Hans Urmi waren bei der Knonauer Verhandlung zugegen: «Jacob Schürer von Knonaw, Hanns Hönnger von Mettmastetten, geschworen richter unnd annder erber lüt», Zürich StA, Landvogtei Knonau 1405-1542, A 128, Mappe 1; AZürcherRef 1684.
4 Gemeint ist Hans Rudolf Ammann, etwa 1480-1552, 1518 Leutpriester in Knonau, 1522, zusammen mit dem Pfarrer von Rifferswil wegen Häresieverdachtes und üblen Betragens vor das geistliche Gericht zitiert, doch vom Zürcher Rat in Schutz genommen. Ammann legte dazu eine ausführliche Verteidigungsschrift vor (AZürcherRef 271), doch wird er exkommuniziert. Als standhafter Anhänger der Reformation ist er öfters in Auseinandersetzungen mit Innerschweizern verwickelt (z. B. ASchweizerRef I 2228). Dem Knonauer Vogt Hans Berger diente er als Schreiber (s. z. B. AZürcher Ref 1374; ASchweizerRef III 112. 1122). Ammanns Wirken in der Gemeinde und sein Lebenswandel blieben nicht unangefochten. Das zeigt neben dem Anlaß unseres Briefes sein hilfesuchendes Schreiben an Zwingli vom 14. Mai 1528 (Z IX 476-478) und vor allem eine Ehebruchsgeschichte (Max Stiefel, Die kirchlichen Verhältnisse im Knonauer Amt nach der Reformation 1531-1600. Ein Beitrag zur landschaftlichen Reformationsgeschichte. Diss. phil. Zürich, Affoltern am Albis 1947. S. 82-85; AZürcherRef 1941, S. 853f), welche zum Ausschluß aus der Synode im Jahre 1533 führte. Doch schon im Herbst desselben Jahres wurde Ammann wieder in die Synode aufgenommen und amtete von 1535 bis zu seinem aus Altersgründen erfolgten Rücktritt 1547 als Pfarrer in Kilchberg. Er starb am 14. August 1552. Obwohl Ammann nicht frei von persönlichen Fehlern war, zählte er doch zu den wertvollsten Stützen der Zürcher Reformation auf der Landschaft. — Lit.: [August Ferdinand Ammann u. a.], Geschichte der Familie Ammann von Zürich, Zürich 1904, S. 175. 178-186.

partis argumenta repulit, queque maxime loqui oportuit, neglexit. Scis, quos stimulos et aculeo[s] oratio habet ad excitandos animos iudicum. Sed hic factum doleo, quod Plinius Secundus in «Epistolis» scribit: «Minor», inquit, «vis b bonis quam malis inest, ac sicut c greek greek greek greek greek greek greek. Ita recta ingenia debilitat verecundia, perversa confirmat audacia» 5 . Ego vero hominem admonui 6 , ut gnaviter et strenue coram senatu dicat et priorem ignaviam resarciat. Quod si priorem sententiam confirmaverit senatus, utcumque ipsi peccarint, nihil tamen dubito divina hunc providentia pessima meretrice 7 liberatum nihil habere, quod vel doleat vel queratur.

Tu vale optime, frater.

Ex Tiguro, 11. iulii 1530.

Leo Jud tuus.

[Adresse auf der Rückseite:] Heinrico Bullingero, fratri suo charissimo.

b ein zweites vis gestrichen.
c nach sicut gestrichen etc.
5 Gaius Plinius Caecilius Secundus (d. Jüngere), Epistulae IV, 7,3; das griechische Zitat stammt aus Thukydides, Peloponnesischer Krieg II, 40,3.
6 Die näheren Umstände sind nicht bekannt.
7 Vgl. Jos. 2,1ff.

36

JOHANNES OEKOLAMPAD AN
BULLINGER
Basel,
4. Oktober [1530]2

Autograph: Zürich StA, E II 335, 2052 1 fol. S., sehr gut erhalten, mit Siegelabdruck Gedruckt: Johann Jakob Herzog, Das Leben Oekolampads und die Reformation der Kirche zu Basel, Bd. II, Basel 1843, S. 300-302; Oekolampad BA II 785

Auf Bullinger: Wunsch gibt er eine Auslegung von Joh 14,9.

Salve in Christo, mi frater.

Vigilii libros 3 legi et approbavi semper. Miror a autem, quare petas a me exponi istud: «Philippe, qui videt me, videt et patrem meum» [Joh 14,9], quum antea a multis declaratum sit 4 Porro dum fateris triadis unitatem, intra metam, quam et ipse amo, me contines. Certum est Christum non de corporali visione loqui; pater enim, quum spiritus sit b5, carnalibus oculis non videtur.

a am Rande von fremder Hand: Joh. 14, versus 9.
b sit übergeschrieben.
1 Johannes Oekolampad (Husschin), 1482-1531, Basler Reformator, s. Oekolampad BA; Ernst Staehelin, Das theologische Lebenswerk Oekolampads, Leipzig 1939. —QFRG XXI; Hans Rudolf Guggisberg, Art. Oekolampad, in: RGG IV 1567f; Erwin Iserloh, Art. Oekolampad(ius), in: LThK VII 1125f; Schl. 16529-16567. 57258-57262. —Mit Oekolampad ist Bullinger bereits am 27. Oktober 1525 bekannt geworden (HBD 10, 5-7); die näheren Umstände dieser ersten Begegnung sind nicht bekannt. 1528 nahmen sie beide an der Berner Disputation teil, wo sich ihre Beziehung zweifellos vertiefte (ABernerRef 1465. 1466; Pestalozzi 52). Bullingers Schriften «De origine erroris in negotio eucharistiae ac missae» (HBBibl 10) und «De origine erroris in divorum ac simulachrorum cultu» (HBBibl 11) sind wahrscheinlich beide auf Betreiben Oekolampads 1528 und 1529 in Basel gedruckt worden (Staedtke 289f); Lavater 7v. berichtet, daß Bullinger in diesem Zusammenhang eine Reise zu Oekolampad unternommen habe. Die beiden trafen sich auch 1530 an einem Theologengespräch in Zürich (s. Oekolampad BA II 1024). Rückblickend in seiner «Vita» (HBD 128, 18), zählt Bullinger Oekolampad zu seinen intimsten Freunden. Oekolampad übte auf Bullingers Abendmahlslehre einen nicht unbedeutenden Einfluß aus (s. Staedtke 249.254.287f).
2 Die in der Vorlage fehlende Jahreszahl kann durch eine Bemerkung Bullingers zu Joh 14,9 in seinem «Scholion in Evang. loannis» (1530) ergänzt werden: «Huius lectionis et sententiae nobiscum etiam est lo. Oecolampadius, qui in epistola, quem ad nos scripsit 4. Octob. 1530, sic habet.. .» (Zürich ZB, Msc F 11, 224r.).
3 Gemeint ist zweifellos Vigilius von Thapsus (etwa 500), dessen «libri quinque contra Eutychetem» (MPL LXII 95ff) Bullinger 1539 herausgab (HBD 27, 25; HBBibl 113). Bei diesem Werk handelt es sich wahrscheinlich um die pseudovigilianische Schrift «De trinitate libri duodecim» (MPL LXII 237ff); diese war 1528 in dem von Johannes Sichard in Basel herausgegebenen «Antidotum contra diversas omnium fere seculorum haereses» unter dem Namen des Athanasius erschienen. Das dritte Buch behandelt vornehmlich die Stellen aus Joh 14, s. Oekolampad BA II 785, Anm. 3.
4 Den Anlaß zu dieser Anfrage Bullingers gab wohl die Ausarbeitung seiner Evangelienkommentare, mit der er damals beschäftigt war (HBD 20,7f); die Scholien zum Johannesevangelium, in welchen er die von Oekolampad erhaltene Auskunft tatsächlich benützt hat (s. oben Anm. 2), beendete er am 13. November 1530 (Zürich ZB, Msc F 11, 258v.). Es ist darum eher unwahrscheinlich, daß seine Anfrage durch das Gespräch zwischen Oekolampad und Zwingli im September 1530 über den Antitrinitarier Michael Servet veranlaßt worden wäre, vgl. Oekolampad BA II 785, Anm. 2.
5 Vgl. Joh 4, 24.

De cognitione igitur sermo est. Iam sublimior est divina natura, quam ut maiestas eius nobis in sua essentia cognobilis. Sic solus filius patrem novit 6 . Sufficit igitur nunc parvitati nostre ineffabilem dei bonitatem agnoscere, quam agnoscentes credimus, iustificamur 7 beatique efficimur. Quorsum enim quam in bonitatem c fertur fides? Quis cum fide in benignissimum deum beatus non est? In hac igitur cognitione proficiamus, et crescet in nobis etiam charitas, et variarum virtutum exuberabit abundantia. Itaque ad patrem per filium sic pervenire licebit 8 . Et si cognoverimus, quantum nos dilexerit filius, qui d pro nobis passus est, cognoscemus etiam, quantum nos diligat pater, qui tantum filium pro nobis tradidit 9.

Videamus igitur, an contextus verborum pati hanc sententiam queat. Dicit: «Vado parare vobis locum» [Joh 14,2]; utique in domo patris ipse nos reconciliando et apud patrem patrocinando sic parat e , quod praedestinando paratum. Rediturum autem se indicans et glorie sue participes nos facturum subdit: «Iterum veniam, ut ubi ego sum, ibi et vos sitis» [Joh 14,3]. Opus ineffabilis benignitatis et misericordie, sua humilitate ad gloriam et sua morte ad vitam nos provehere. Quis in hoc non videt amorem summum? Iam autem edocti erant d [e] h [oc]f , summam dei gloriam esse, ad quam transiret g, proinde patrem, ad quem iturus erat, cognoscebant quodammodo, et viam ad illam per Ihesum [!] crucifixum sciebant, tametsi sibi ipsi Thomas h ignotus clamat: «nescimus» [Joh 14,5]. Exponit autem Christus et ait: «Ego sum via, veritas et vita» [Joh 14,6]. An non, quum in me ista cognoscitis, quod veritas sum et veritatis doctor, vita et vite author, iure ad patrem dux et via i ero? Videtis tot in me bona opera et miracula, agnoscetis et in morte benefaciendi studium. Quis unquam indulgentissimum patrem sic declarabit atque ego, qui non minus mon quam ille ad mortem pro vobis me tradere paratus, ut eius amor colliquescat? Certe etiam nunc ex operibus potentie venistis ad agnitionem aliquantam illius et vidistis; non enim illa sunt carnis. Hic Philippo nondum satisfactum, ad terrena spectanti k et crassa imaginanti amplior dictorum confirmatio datur. Addit enim: «Tanto tempore vobiscum sum» [Joh 14,9], benefaciens et miracula operans divina, et adhuc talia rogatis? Ecce ego, ut nature divine candor sum et character substantie patris, ita et benefaciendo patrem refero. Ecce habes aditum ad patrem, cuius tam perspicua opera in me vides. Nonne vides bonitatem patris in me et bonitatem meam in patre? Id sane vel opera testantur, quibus ego vos ad patrem sic adduco 10 .

c vor bonitatem gestrichen fe.
d vor qui gestrichen cognoscem.
e vor parat unleserliche, eventuell auch durchgestrichene Abbreviatur.
f Herzog, aaO, und Ernst Staehelin (in Oekolampad BA II 501) lösen diese Abbreviatur mit «discipuli» auf.
g ad quam transiret am Rande nachgetragen.
h Thomas am Rande nachgetragen.
i et via übergeschrieben.
k nach spectanti eine unleserliche Silbe gestrichen.
6 Vgl. Mt 11,27.
7 Vgl. Röm 3,28.
8 Vgl. u. a. Eph 2,18.
9 Vgl. Joh 3,16.
10 Vgl. Joh 14, 10f.

Hec mihi sententia non videtur inutilis, non reiicio tamen interim quae Bucerus 11 vel Cyrillus 12 annotant. Audiam tamen et de hac re te disserentem uberius 13 .

Vale et venerabili domino abbati 14 Capelle meo commenda.

Basilee, 4. octobris.

Oecolampadius.

[Adresse auf der Rückseite:] Heinrycho Bullingero, ecclesiaste Primeguardie 15 , dilecto fratri 1 .

l unter der Adresse von Bullingers Hand: Ioan. Oecolampadii manus.
11 Gemeint ist entweder Bucers im April 1528 erschienene «Enarratio in evangelion lohannis» oder seine im März 1530 erschienenen «Enarrationes perpetvae in sacra quatvor evangelia, recognitae nuper & locis compluribus auctae», Bibliographia Bucerana Nr. 20.28; vgl. Oekolampad BA II 785, Anm. 4.
12 Im Kommentar des Cyrill von Alexandrien zum Johannesevangelium (MPG LXXIII-LXXIV).
13 Diese Bemerkung deutet darauf hin, daß Bullinger die Auskunft für eine ausführlichere Arbeit über das Johannesevangelium benötigte, s. oben Anm. 4.
14 Wolfgang Joner, s. oben, S. 481, Anm. 4.
15 Bremgarten.

37

BULLINGER AN
WERNER [STEINER]
Bremgarten,
31. Oktober 1530

Autographe Abschrift: Zürich ZB, Msc A 82, 237r. - v. 2 fol. S., Fragment Ungedruckt

Beantwortet Steiners Anfrage wegen der Gelübde und betont, es komme weniger auf deren starre Erfüllung als auf Inhalt und Zweck an. Es gebe ja auch gottlose Gelübde, wie die Hl. Schrift beweise.

— — — qui a , si pollicitationem suam stultam et incogitatam aut vino inscripsisset 2 aut remisisset, posteaquam cerneret voti atrocitatem, minus peccasset et venia dignus erat; nunc vero cum atrocem etiam pollicitationem opere, iam non nescius quid ageret, crudeliter perficit, scelus etiam designavit.

Verum equidem esse fateor id omnino opere complendum esse, quod semel voveris, idem enim suadet veritatis honestas et decus, mendatii item et inconstantiae infamia, sed si interim votum eiusmodi sit, ut opere perfectum in nephas non abeat aut infamiam inurat. Quod si aut infamat aut scelus est, praestat quidem verbis tantum peccasse, quam male sana facta malis iungere verbis.

Habemus autem huius rei typum in sacris fortissimum illum et prudentissimum Hebreorum imperatorem Iephthae. Is enim deo vovebat parricidium, sed nescius, quod rem usqueadeo funestam voveret. At ubi depraehendit, an non prudentius et melius egisset, si a parricidio sibi temperasset? Nemo negat, cum etiam losephus Judaeus alias factum Iephthae plurimum accuset 3 , quod eius sacrifitium sive votum deo non fuerit charum neque legitimum, quin et apud omnes ecclesiasticos inolevit Iephthae quidem in vovendo fuisse stultum, sed in solvendo etiam impium. Notissima enim omnibus est ista Hieronymi sententia 4 . Hic vero audi, quam constanter in voto pergat Iephthae: «Aperui», inquit, «os meum ad dominum, et aliud facere non potero» [Ri 11,35]. Sic enim sibi persuaserat nullo alio argumento nisi quod vovisset, non secus atque tu iam iam obiecisti te omnino vovisse, unde etiam incunctanter preastandum sit. Interim rectius fecisset Iephthae, si hoc, quod per votum fecit, non fecisset. Iccirco velimus nolimus conditionem admittunt haec legis verba: Quicquid voveris verbo, facto adimplebis 5 ; hanc videlicet: si iuste, sancte et legitime voveris. Neque enim frustra additur: «Si voveris domino deo tuo» [Dtn 23,21]. Nam quod impium est vel illegitimum, deo gratum non est, ergo votum non est; proinde melius fuerit ab impio facto abstinere, quam stulta verba seu vota impie perficere.

a Anfang fehlt; oben aRvB als Überschrift: [De vovendi] ratione epistola.
1 Siehe oben S. 45, Anm. 1.
2 «In den Schornstein schreiben»; vgl. Adagia 1, 7, 1 (LB II 262 E).
3 Flavius Josephus, Antiquitatum Iudaicarum V, 266, in: Flavii Josephi Opera, ed. Benedictus Niese, vol. I, Berlin 1955 2 , S. 344, 7-11.
4 Hieronymus, Adversus Jovinianum, I, 23 (MPL XXIII 252f).
5 Siehe Num 30,3; Dtn 23,21.

Iam vero quod attinet locum Psal. 75: «Vovete et reddite» [Ps 76,12] mutile citatur a plerisque, corrupto etiam sensu. Palam enim loquitur propheta de muneribus deo offerendis, quae res externarum est et ceremoniarum. Sic enim hortatur propheta ad offerendum sacrifitia: «Vovete et reddite domino deo vestro, omnes, qui in circuitu eius sunt, afferte munera» [Ps 76,12]. ||237v. Et b sane frequens est hoc verbum in scripturis: «votum reddere», quod significat pendere et solvere quod promisimus rerum videlicet externarum. Votum enim veterum obligabat ad res externas, quae tota vovendi ratio abrogata est. Non quod vovere non possimus eo quo supra diximus modo, sed quod votis nemo suffragari amplius potest iis scripturis, quibus solent. Nam omnes legis victimae, hostiae, oblationes et sacrifitia terminata sunt in Christo, porro veterum vota maxime in iis inerant oblationibus, una ergo cum ipsis abolita. Christianorum oblatio est innocentia, beneficentia et oratio: Rom. 12 [1], Heb. 13 [15f]. Quod si syncerius lustres veterum prophetarum libros, comperies vota plerumque pro iis rebus accipi et non pro externis perpetuo ritibus.

De Nazaraeis vero vel alii ex eruditioribus et pientioribus sic responderunt, dominum multa praecepisse filiis Izrael, quibus ipse nec egebat nec delectabatur, sed fieri sibi iubebat, ne demoniis fierent, sed et eum ritum non minus esse abolitum quam omnem vovendi rationem 6 . Quod autem Paulus votum 7 suscipit, id quidem charitatem magis docet quam vovendi ritum, testamur Acta apostolorum [21,23 ff] et simile pene factum: circumcisionem Timothei 8 , de qua et in Galatis cap. 2 [3].

Ceterum locus 1. Timoth. 5 [3ff] pro nobis, nihil contra nos facit. Praecipit enim Paulus Timotheo, ne cito aut temere suscipiat eas, quae per stultitiam simulant adeoque vovent castimoniam; scire enim se, quod multa mendaciter polliceantur neque vero ipsas praestare quod polliceantur. Unde postmodum, cum vivendi statum immutent, enascatur greek 9 , iuditium sive condemnatio (ein fürzug 10 ), quod primae isti pollicitationi non fecerint satis. Prius itaque quam polliceantur, ab instituto stulto arcendas tradit; unde nos liquido intelligimus condemnationem hoc loco non accipi pro condemnatione animae, sed pro infamiae macula. Legatur ex integro locus Pauli, et aparebit, quibus suffragetur!

Haec sunt, Vernhere, frater dilectissime, quae in praesentiarum de votis habuimus eaque tibi - qualiacunque tandem sint, si non compta, certe non prorsus impia - dedicamus et oramus, ut haec paucula boni consulas.

Vale et Pellicanum 11 , praeceptorem nostrum, plurimum salvere iubebis.

Pridie calendas novemb. 1530.

Tuus Heinrychus Bullingerus,

Bremgarti.

b Oben aRvB als Überschrift: De votis.
6 Zwingli, De vera et falsa religione commentarius (Z III 828,38-829,3): «Multa enim praecepit dominus filiis Israel, quibus ipse nec egebat nec delectabatur; sed fieri sibi iubebat, ne daemoniis fierent, ut fuerunt varii oblationum ritus. Sic et de Nazaraeis sentiendum est».
7 Siehe Apg 18,18.
8 Bullinger irrt sich, in Gal 2 wird von Titus gesprochen.
9 Siehe 1 Tim 5,12.
10 das Ziehen vor Gericht, Anschuldigung (Grimm IV/I, 1 959).
11 Konrad Pellikan (Kürschner), 1478-1556, trat 1493 in das Franziskanerkloster seiner Geburtsstadt Rufach (Elsaß) ein, studierte in Tübingen, wurde 1501 Priester, 1502 Lektor

der Theologie und später Guardian im Barfüßerkloster Basel. 1504 erschien sein Lehrbuch der hebräischen Sprache. Im Jahre 1523 ernannte ihn der Basler Rat zum Professor der Theologie. Von 1525 bis zu seinem Tode wirkte Pelikan als Professor der griechischen und hebräischen Sprache in Zürich und hatte wesentlichen Anteil an der Arbeit in der Prophezei und bei der Zürcher Bibelübersetzung. — Lit.: Hans Rudolf Guggisberg, Art. Pelikan, in: RGG V 208; Henri Meylan, Erasme et Pellican, in: Colloquium Erasmianum. Actes du Colloque International réuni à Mons du 26 au 29 octobre 1967 à l'occasion du cinquième centenaire de la naissance d'Erasme, Mons 1968, S. 245-254; Paul L. Nyhus, Caspar Schatzgeyer and Conrad Pellikan: The Triumph of Dissension in the Early Sixteenth Century, in: Archiv für Reformationsgeschichte, 61. Jg., 1970, S. 179-204; Schl. 17054-17066.57540. In Kürze erscheinen sollen die beiden Dissertationen: Robert Lutz, Conradus Pellicanus Rubeacensis. Eine biographische Studie über den Franziskanermönch und Humanisten Konrad Pellikan aus Rufach; Christoph Zürcher, Konrad Pellikans Wirken in Zürich, 1526-1556.

38

[ULRICH STOLL] AN
BULLINGER
Rheineck,
30. Juni 1531

Autograph: Zürich StA, A 230, 1, Nr. 159 a 1/3 fol. S., sehr gut erhalten, mit Siegelspur Gedruckt: ASchweizerRef III 821

Meldet, daß die Lage im Rheintal äußerlich ruhig sei, im geheimen jedoch rege politische Aktivität herrsche, namentlich in Feldkirch.

Frid und gnad vonn gott.

Lieber M. Heinrich, wüssend a min gessuntheit 2 und gegen üch min willig dienst zu aller zitt. Und füg üch zu wüssenn 3 das es gantz still ist jetz by uns, aber fill bratick 4 lofft allennhalb umm; denn ich hab min spech 5 uff jetz fergangen suntag 6 zu Feldkilch gehebt, da ist merckt xin, wie dan fill frömdfolcks da hinn kumpt, da hand sy 7 fonn stund an 8 botschafft 9 gehann. Möcht ich

a darüber in der Ecke des Briefes alte Foliozahl: 330 oder 336.
1 Ulrich Stoll (genannt Seebach), um 1480-1542, seit 1510 Zwölfer bei den Zimmerleuten, 1521 Kriegsrat beim Zürcher Heer im Dienste Leos X., seit 1523 Zunftmeister, 1528 Pfleger in Bubikon. Er begleitete Zwingli mit einer Zunftdelegation auf dem Weg zur Berner Disputation und ermöglichte ihm mit 50 Mann den von den Katholischen verwehrten Durchzug durch Bremgarten. 1529 führte er ein Fähnlein an, das in Muri und Bremgarten die Evangelischen schützen sollte. Häufig wurde er als Verordneter eingesetzt, mehrmals im Zusammenhang mit Zürichs Reformationsplänen in der Ostschweiz. Seit Ostern 1531 wirkte er als Verweser des Landvogts im Rheintal (s. Theodor Frey, Das Rheintal zur Zeit der Glaubensspaltung, Diss. phil. Freiburg/Schweiz, Altstätten 1946, S. 166ff), von 1532 bis 1534 als Landvogt in Sargans. Stoll gehörte als absoluter Anhänger Zwinglis zu den führenden Männern der Zürcher Reformation, s. Jacob 270-272; HBLS VI 564. — Ulrich Stoll läßt sich zweifelsfrei als Absender unseres Briefes ermitteln, einerseits auf Grund seiner Handschrift (vgl. u. a. Zürich StA, A 230, 1, Nr. 188), anderseits weil er am 17. Juli 1531 Zwingli in ähnlicher Weise berichtet (Z XI 533-535) und sich auch in anderen Briefen als Schwager Zwinglis bezeichnet (z. B. Z XI 535,8; 563,24).
2 wißt, daß ich gesund bin.
3 Nachricht von etwas geben (SI I 702).
4 Machination, Anschlag, Intrige, Umtrieb (SI V 568f). Zur Sache s. Frey, aaO, S. 169ff und unten Anm. 7.
5 Späher, Kundschafter (SI X 78). Im Brief an Zwingli vom 17. Juli 1531 nennt Stoll Hans Wiederkehr als Kundschafter in Feldkirch (Z XI 533,2), dieser war ihm als Überreuter beigegeben, s. Z XI 429, Anm. 2.
6 25. Juni 1531.
7 Es ist nicht klar ersichtlich, wer mit dem «sy» gemeint ist. Im erwähnten Brief an Zwingli berichtet Stoll: «Also sind dem hernn von Tobel am selben sontag [25. Juni 1531] brieff zukomen, aller brichtt, wie es zu Bremgarten dess ersten tags gangen etc. Da rechnend ir, in was il ab dem tag er alle andre kontschaft hab» (Z XI 533,4-7). Wahrscheinlich meint Stoll auch in unserem Brief, daß die Fünförtischen stets Boten in Feldkirch haben, die Mark Sittich von Hohenems mit Nachrichten versorgen, besonders über die wichtigen Verhandlungen zwischen Zürich und Bern sowie den V Orten in Bremgarten (vgl. EA IV/1b 1034ff); in Z XI 533, Anm. 5 wird «dess ersten tags» fälschlicherweise auf die am 11. Juli beginnende Tagsatzung in Bremgarten bezogen, was zeitlich unmöglich ist.
8 von diesem Augenblick an, sogleich (SI XI 1055).
9 Gesandtschaft, Abordnung (SI IV 1905).

lidenn 10 , das es M. Urchy 11 , mim liebenn schwager 12 von üch wurd angezögt 13 , den der tüffell ist unrüwig.

Datum uff fritag nach Peter Pally im 31. jar, zu Rineg 14 .

Machend fast 15 an der kronneg 16 .

Grützenn mir her schulthes Mutschly 17 , üwer her fater 18 , wer üch lieb seyg und min her apt b 19 und pryger 20 zu Kapell, all lieb brudernn in got, amen etc. In ill, in ill.

[Adresse auf der Rückseite:] An Meister Heinrichen Bullinger, bredicant in Bremgarten, minem in sunder lieben herenn und fründ.

b apt am Rande nachgetragen.
10 es wäre mir recht, gedient.
11 Huldrych Zwingli.
12 Die genaue verwandtschaftliche Beziehung zwischen Stoll und Zwingli ließ sich nicht feststellen.
13 gemeldet (Grimm I 524).
14 Rheineck (Kt. St. Gallen), Sitz des Landvogtes, s. HBLS V 606f.
15 eifrig (SI I 1111).
16 Chronik (SI III 831). Die chronikalische Arbeit Bullingers ist erhalten: «Gemeiner Eydgnosschafft deß grossen und allten pundtes in ohren dütschen landenn harkummen, allte geschichten und trüw besondere und gemeine thaten, mitt kurtzer und warhaffter histori durch H. B. beschryben», Zürich ZB, Ms A 47; s. HBD 20,4f und Hans Georg Wirz, Heinrich Bullingers erste Schweizerchronik, in: Nova Turicensia. Beiträge zur schweizerischen und zürcherischen Geschichte, Zürich 1911, S. 235-290.
17 Hans Mutschli, gest. 1532, aus altem Brerngartner Geschlecht, war ein überzeugter Anhänger der Reformation und als Schultheß die treibende Kraft der Verbindung Bremgartens mit Zürich, er starb bald nach der Rekatholisierung der Stadt, s. ASchweizerRef IV 1187; HBRG 1439; II 160; III 165. 246f. 255. 262f. 2661. 308.314; Bucher 108.171.175 u. ö.; s. noch die Briefe Mutschlis an Bullinger vom 4. März und 11. Juni 1532.
18 Dekan Heinrich Bullinger, s. oben S. 134, Anm. 171.
19 Wolfgang Joner, s. oben S. 48f, Anm. 4.
20 Prior (vgl. SI V 302) Peter Simler, s. oben S. 531, Anm. 2.

39

BULLINGER AN
BERCHTOLD HALLER
Bremgarten,
6. Juli 1531

Abschrift mit autographer Unterschrift: Zürich ZB, Msc F 80, 212r. -215v. 7 1/2 fol. S., sehr gut erhalten Teildruck: Fast 173-180

Beantwortet ausführlich Hallers Fragen über die Verwandtschaftsgrade, welche auf Grund des mosaischen Gesetzes ein Ehehindernis darstellen, und über die Exkommunikation. Diese solle nicht durch Ausschließung vom HI. Abendmahl, sondern von der christlichen Obrigkeit durch öffentliche Strafen geübt werden.

Gratiam a et vitae innocentiam a domino.

Petis 2 a me, Berchtolde charissime, quod ipse mecum nunquam perpendi diligentius; gradus videlicet Moseos 3 cum affinitatis tum consanguinitatis b , qui cum sinuosis - mt et tu fateris -implicentur computationibus, levi manu semper perstrinxi. Soleo enim ab iis, quae sursum ac deorsum adeoque et in c gyrum evolvunt mentem, libentius referre pedem, maxime si nulla me urgeat necessitas. Quanquam, ut verum fatear, supputationem hic quoque meam habeam, sed vilem quidem illam, quam et libenter commonstrabo, non tam ut te doceam quam ut

a darüber am oberen Rande eine Überschrift von anderer Hand: Berchtoldo Hallero Bernati.
b Hier sowie weiter unten am Rande Bemerkungen und im Text zahlreiche Unterstreichungen von J. H. Hottinger.
c in von anderer Hand übergeschrieben.
1 Berchtold Haller, geb. 1492 in Aldingen bei Rottweil, besuchte die Schulen in Rottweil und Pforzheim, 1510 an der Universität Köln immatrikuliert, 1511 Magister (Köln, Matrikel II 657). Seit 1513 wirkte er an der Lateinschule in Bern, 1519 kam er als Prediger an das Berner Münster und wurde 1520 Chorherr. Haller stand mit Zwingli seit 1521 in Verbindung und empfing von ihm wesentliche Anregungen. 1526 nahm er an der Badener Disputation teil; bei der Berner Disputation 1528 spielte er eine führende Rolle. Der Versuch, 1530 in Solothurn die Reformation einzuführen, scheiterte. Zusammen mit Capito schuf Haller 1532 die Berner Kirchenordnung (Berner Synodus), im selben Jahr wurde er zum Dekan des Berner Kapitels ernannt. Der stets kränkelnde Reformator Berns starb am 25. Februar 1536. Obwohl Haller in seinem theologischen Denken in bedeutendem Maße von anderen abhängig war, konnte er doch wegen seiner Gewissenhaftigkeit und Umsicht als maßgebender Theologe und Kirchenmann der Reformation in Bern zum Durchbruch verhelfen und ihren dauernden Bestand sichern. Die Anfänge der Verbindung zwischen Haller und Bullinger sind nicht feststellbar, sicherlich haben sich die beiden jedoch an der Berner Disputation persönlich kennengelernt. Nach Bullingers Amtsantritt in Zürich entwickelte sich ein reger brieflicher Gedankenaustausch, doch ist der größte Teil der Briefe Bullingers nicht erhalten geblieben. Bullinger widmete Haller 1533 seinen Römerbriefkommentar (HBD 22,21 f) und zählt ihn unter seinen Freunden auf (HBD 128,18). — Lit.: ABernerRef passim; Carl Pestalozzi, Bertold Haller. Nach handschriftlichen und gleichzeitigen Quellen, Elberfeld 1861. — LSRK IX; Strasser passim; Lengwiler 77.83; Otto Erich Strasser, Art. Haller, in: RGG III 40; Oskar Vasella, Art. Haller, in: LThK IV 1334; Christian Neff, Art. Haller, in: ML II 237; HBLS IV 62; Schl. 7855-7865. 46663-46665. 53030; s. auch unten 229f. 234ff. 242ff.
2 Ein entsprechender Brief Hallers ist nicht erhalten.
3 Bullinger hält sich bei der Aufzählung der ehehindernden Verwandtschaftsgrade im wesentlichen an die Zürcher Ehegerichtsordnung vom 23. April 1530 (AZürcherRef 1664), Haller war Mitglied des nach dem Vorbild des Zürcher Ehegerichts aufgebauten Berner Chorgerichts und hatte deshalb an der Sache ein besonderes Interesse, s. Köhler, Ehegericht I 78 ff. 319 ff.

a te discam; ea etenim lege communicabo tibi nostra, ut tu vicissim et tua proponas, nam expendenda produco.

Recensentur igitur hae nominatim personae Levit. 18 [6ff], quae a connubio arcere videntur certam hominum turbam. Primas tenent parentes, pater atque mater, sequitur noverca. Ab hac est soror eaque legitimo sive illegitimo thoro, a patre tantum sive a matre nata sit. Hinc sequitur nepos una cum nepte, hoc est filia filii et filia filiae, postea vero soror germana, quam Hebreus vocat filiam uxoris patris [Lev 18,11]. Sequuntur ab hac amita et matertera, hoc est patris et matris soror, item patruus, id est frater patris, una cum uxore sua, nurus quoque et fratria, denique et privigna una cum liberis suis, quibus iungitur et glos, hoc est viri soror; personae, ni fallor, in universum 15.

Sed nulli dubium d plures etiam iis esse comprehensas, quas nobis contraria membra infallibili exponunt fide, cum eadem sit ratio idemque iudicium, ut etiam tu scribis, in similibus. Nam si non licet novercam ducere, certe nec vitrico nubere licet; si a sororis complexu arcetur frater, sive ea sit germana sive ex alterutro tantum parente prognata sive privigna, procul dubio nec sorori licet nubere fratri. Sic neque nepotum nobis copulari debent connubia, est autem nepos proprie filii nostri filius, neptis autem filia filiae nostrae. Hinc vero appellamus (ex lustiniani imperatoris sententia, Institut[ionum] imp[erialium] lib. 1. tit. de nuptiis)4 amitam patris nostri sororem, patruum fratrem et materteram matris sororem. Itaque simili ratione inter vetitas personas numeratur avunculus, id est frater matris una cum uxore sua; nam et patrui uxor prohibita est, sed idem gradus est eademque ratio patris atque matris, ergo et avunculus una cum uxore sua sunt inter prohibitas. Rursus consequitur et pari ratione prohibitos esse maritos amitae et materterae, nisi dispar sit ratio fratris et sororis; nam si coeundum non est cum uxore patrui, cur commisceretur puella cum marito amitae? Item nurus filii mei uxor est, quod si hanc ducere non possum, et gener et socer et socrus vetitae sunt personae. Est autem gener filiae meae maritus, socer uxoris pater, ut socrus uxoris mater. Iam si non commiscetur cum nuru sua pater, cur in complexum socrus admitteretur gener? Et glos mariti soror est; ei opponitur levir, mariti frater. Hic igitur et Baptista: «Non», inquit, «decet te uti, imo abuti uxore fratris» [Mk 6,18]. Proinde et fratria et sororius sub eodem continentur iugo. Sed haec fortassis obscurius; summam igitur rerum adeoque et personas plures 30 veluti in tabella oculis expono nunc contemplanda idque ad nostrae linguae usum, quo omnia sint et clariora et certiora: ||212v.

d nach dubium gestrichen et [?].
4 lustiniani Institutiones I, 10 (de nuptiis), recognovit Paulus Krueger, in: Corpus Iuris Civilis, Vol. I, Berlin 1954 16 , S. 4 «Item amitam licet adoptivam uxorem ducere non licet, item materteram, quia parentum loco habentur».

die mutter
der mutter schwester
deß vatters
Dem ledigen deß vatters bruder wyb
jüngling der mutter
sind diß die stieffmutter
personen die liblich schwester
namhaft zur von vatter und mutter
ehe die schwester vom
verbotten: vatter allein e
                   eelich oder uneelich,
das ist die stieff schwester.
der vatter der mutter brüder deß vatters deß vaters Also sind der mutter schwesterman der ledigen der stieff vatter dochter diß f der liblich bruder von personen zur vatter unnd mutter ehe der bruder vom vatter verbotten: allein oder muter allein, eelich oder uneelich, das ist der stieffbruder.

Item es sind ouch verbotten deß wybs schwöster und mans bruder oder bruders wyb unnd schwesterman.

deß sons dochter
So sind dem der dochter dochter
man die stieff dochter
verbotten der stieff dochter kind
diß volgend oder dochtern
personen: deß sons wyb
                  und die schwyger 5 .
deß sons son Her- der dochter son widerumb der stieff son sind ouch deß stieff sons kind dem wyb oder sön verbotten: der dochter man und der schwächer 6 .

Haec digessimus ad hunc modum docendi et perspicuitatis gratia, non quod putem eos decere gradus liberum tantum et non virum quoque. Quod igitur discrevi, facilitatis causa discrevi, nec opus putavi ad vivum resecare et ad amussim secernere consanguinitatis gradus ab affinitate. Quis enim nescit affines esse, qui non sanguinis, sed matrimonii nexu iuncti sunt? Unde posthac quivis nullo negotio videbit, quid sub affinitatis et quid sub cognationis titulum referendum sit, estque hoc nostrum, Berchtolde mi, exiguum illud vileque de gradibus affinitatis et cognationis iudicium, ubi interim scio te longe alia expectasse. Verum cum non licet exhibere tibi, quod volumus, age, quod possumus, accipe et haec nostra boni consule.

Quod vero excommunicationem attinet, de qua nuper, quid sentirem, rogasti 7 , ego excommunicationem nihil video esse aliud quam publicae honestatis morumque christianorum publicam et christianam custodiam, nam corda solus iudicat altissimus 8 . Simonem enim Magum, quem in ecclesiam baptismo acceperat

e In zwei weiteren zeitgenössischen Abschriften ist auch der andere Nebensatz vorhanden, der hier offenbar vergessen wurde: oder muter alein (Zürich ZB, Msc C 86a, 3v.; Zürich StA, E II 342, 8v.).
f vor diß gestrichen verbotten.
5 Schwiegermutter, meist die Mutter der Frau (SI IX 1793f).
6 Schwiegervater (SI IX 1797).
7 Trotz verschiedener Bemühungen (z. B. am Tag der Burgrechtsstädte in Aarau am 27. September 1530, EA IV/1b 783ff) war die Ausübung der Kirchenzucht in der deutschen Schweiz nicht einheitlich geregelt. Die von Bullinger hier vertretene Auffassung wurde von Haller Oekolampad mitgeteilt, worauf sich dieser ausführlich mit ihr auseinandersetzte (Oekolampad BA II 925a, s. auch unten 242f) und die Frage des Bannes mit Haller in Aarau am 1. August 1531 besprach (s. Oekolampad BA II 901). Zur Auseinandersetzung um die Kirchenzucht s. Köhler, Ehegericht I 354ff; Z XI 158ff. 177ff; Fast 139ff; Ley 143ff; Staehelin 506ff (vgl. dazu Hans Walter Frei, Johannes Oekolampads Versuch, Kirchenzucht zu üben, in: Zwa VII 494-503).
8 Siehe 1 Sam 16.7.

Philippus 9 , non reiicit Petrus priusquam proderet impiis signis mentem impiam 10 . Sic neque Ananias neque Saphyra 11 neque Demas 12 neque alii pseudochristiani ante tempus excludebantur. Et apostolus Paulus: «Quorundam», inquit, «hominum peccata ante manifesta sunt praecedentia ad iudicium, quosdam vero sequuntur, sed ista veluti greek videri poterant» [1 Tim 5,24 f]; neminem enim aliud sentire credo quam publica eaque ||213r. offendentia crimina excommunicatione esse plectenda, ubi videlicet nihil proficias admonitione fraterna, aut ubi eiusmodi designatum sit flagitium, ut impune transiri non possit, ne scilicet in malum abeat exemplum. Cuius equidem rei magna sunt inditia in 1. Pauli ad Corinth. cap. 5 [1 ff]. Hoc imprimis excutiendum videtur, apud quem sit excommunicationis authoritas et quis sit modus eius.

Scio sane plaerosque catabaptistarum misere in hac re tumultuari, quod puniendi scelerum potestas honestatisque custodia (id enim excommunicationis nomine intelligo) magistratui committitur. Mox enim horrore quodam intonant: «Si vos non audierit», inquit Christus, «dicite ecclesiae» [Mt 18,17], atque magistratus non est ecclesia 13 . Nec vident terque quaterque 14 prophani Christum synechdocha 15 esse usum. Quod si negarint illi, expectabimus nos, dum illi ecclesiam convocarint, cui libellos porrigant adversum contumaces. Sed de particulari -inquiunt -ecclesia loquitur. Proinde vicimus nos Christum videlicet usum esse synechdocha, ut nunc frustra illi adhaereant literae occidenti; quid, quod mox sequitur in iisdem domini verbis? «Ubi duo vel tres in nomine meo congregati fuerint, ero in medio illorum» [Mt 18,20]. Ideoque si Christus excommunicationem particulari commisit ecclesiae (ut et ipsi fatentur) et duo aut tres, duodecim item et viginti quatuor conficiant ecclesiam particularem, quid vetat, quod Christus non item magistratui commiserit excommunicationis authoritatem, si congregetur in nomine Christi? Cur enim nos tantopere laboramus, ut non nisi e christianis deligatur congregeturque magistratus, nisi ut eius curae tuto committi possit publicae honestatis custodia? Nam et alias dei minister est authore apostolo [Röm 13,4 u. ö.], nempe ut ea, quae decora sunt, pulchra, honesta et sancta, plantet, promoveat et tueatur, contraria vero tollat.

Quid, quod integrior ac maior erit penes magistratum excommunicationis authoritas quam apud promiscuam plebem, quae, ut iudicio caret, sic affectibus plaerunque ducitur g ? Neque vero et omnes sumus christiani, qui interim in ecclesia Christi recensemur ferimusque suffragia. Quid itaque agas apud eos calculorum suffragiis, quos idem morbus tenet, quem tu cupias extinctum? Si ergo nunc de eius, qui peccavit, exclusione aut mulcta quaeras, verebitur hic ne eodem

g ducitur von anderer Hand.
9 Siehe Apg 8,13.
10 Siehe Apg 8,18-23.
11 Siehe Apg 5,1-10.
12 Siehe 2 Tim 4,10.
13 Bullinger wendet sich hiermit auch gegen Oekolampad, der nach dem Protokoll der Burgrechtstagung von Aarau über den Bann am 27. September 1530 sagte: «Item Christus hab nit geseyt: <so du din bruder zum anderen mal und selbander gestrafft hast, verklag in der oberkeyt>; er sagt aber: <der gemeyn> [Mt. 18,17]», Oekolampad BA II 782, S. 495; s. auch Z XI 129,13ff.
14 Vgl. Adagia, 2,9,5 (LB II 665 A).
15 «Verwendung eines Wortes für ein anderes, von diesem in quantitativer Beziehung verschiedenes Wort», Z XIII 848; Lausberg 572ff.

iuguletur laqueo h 16 , quem illi necteret, pulchre itaque dissimulabit appellabitque misericordiam, aut tumultu excitato comitiis ac vaframentis ecclesiam infecta re dissolvet. Videmus enim quotidie, quo res nostrae decidant, si unus atque alter protrahatur, ut pristina vita posita meliorem vivat, fuitque id ab omnibus seculis certo observatum optima quaeque a minima semper populi parte suscepta esse, at inter paucos eosque selectos floruisse honestatem. Quid enim, si unus atque alter ex magistratibus degeneret aut in transversum subdola agat consilia? Deponatur etenim e fastigio et surrogetur in eius locum syncerior, id, quod in promiscua plebe fieri non potest. Huc facit, quod Exod. 12 [3]legimus dominum praecepisse Mosi et Aharon: «Loquimini ad universum coetum filiorum Israel»; et paulo post, ubi hoc domini mandatum scribit impletum: «Vocavit», inquit, «Moses ||213v. omnes seniores filiorum Israel» [12,21]. Unde liquido claret et ecclesiam non impie usurpari pro certa hominum turba; ex quibus omnibus illud consequitur excommunicationis authoritatem sancto senatui non per rapinam (ut quidam aiunt)17 , sed pie deferri. Patrocinatur istis quidem nostris vetustissimus ille et longe eruditissimus Tertullianus, qui in «Apologetico» adversus gentes cap. 39 de christiana disciplina verba faciens 18 : «Coimus», inquit, «ad divinarum literarum commemorationem, si quid praesentium temporum qualitas aut praemonere cogit aut recognoscere. Certe fidem sanctis vocibus pascimus, spem erigimus, fiduciam figimus, disciplinam praeceptorum nihilominus inculcationibus densamus. Ibidem etiam exhortationes, castigationes et censura divina. Nam et iudicatur magno cum pondere, ut apud certos de conspectu dei, summumque futuri iudicii praeiudicium est, si quis ita deliquerit, ut a communicatione orationis et conventus et omnis sancti commercii relegetur. Praesident probati quique seniores, honorem istum non pretio, sed testimonio adepti. Neque enim precio ulla res dei constat» etc. Quibus Tertulliani verbis liquido claret excommunicandi authorita[te]m eo tempore, hoc est in primitiva ecclesia, fuisse apud certos vita, moribus pietateque insignes viros, non apud promiscuam ecclesiae turbam.

Verum ita, dicis, evicerunt pontificii; affirmant enim consiliorum suorum statuta ecclesiae esse statuta. «Ubi enim duo vel tres conveniunt» [Mt 18,20], ibi ecclesia. Convenere autem non raro trecenti ac quadringenti episcopi, fuerunt ergo ecclesia dei. Iam «si quis ecclesiam non audierit, sit tibi», inquit dominus, «tanquam ethnicus et publicanus» [Mt 18,17]. Sed falluntur, nam ut nunc sileam non omnem coetum esse sanctum, nec nostram ecclesiam, cuius Christus meminit in Math. [18,20] coire, ut sanctiones adversus scripturas sanciat; vera enim dei ecclesia vocem pastoris solam audit et agnoscit i . Clarissime edixit Christus: «si convenerint in nomine meo» [Mt 18,20]; porro illi convenere «in nomine proprio» (ut loan. 5 [43] ait Christus), ergo non convenere in nomine Christi.

h gladio gestrichen, laqueo von anderer Hand darübergeschrieben.
i vor agnoscit gestrichen audit.
16 Vgl. die Redensart «cum suo ipsius gladio iuguletur», s. Otto 154, Nr. 759.
17 Bullinger wendet sich gleichermaßen gegen die Täufer wie gegen Oekolampad. Zur täuferischen Gegnerschaft gegen die Übertragung der Banngewalt in die Hände der Obrigkeit s. z. B. die Schleitheimer Artikel II und IV, in: Flugschriften aus den ersten Jahren der Reformation, Bd. II, Leipzig 1908 (Nachdruck: Nieuwkoop 1967), S. 307f. 311-313; Z VI/I 111, 26ff. 129, 25ff; IX 111, 20-22; s. noch unten Anm. 43.
18 Tertullian, Apologeticum, XXXIX, 3-5 (CChr I 150,9-21).

Testamur hac in re pontificum decreta. Quod vero episcopus sibi soli sumpsit excommunicationis authoritatem, eaque tyrannidem suam exercuit ac vindicavit, impudentius est quam quod responsionem mereatur. Sed haec obiter.

Restat, ut de excommunicationis modo disseramus, quanquam non videam, quid post Christum copiosius aut venus adferri possit; is enim gradibus quibusdam locatis: «Si», inquit, «peccaverit in te frater tuus» [Mt 18,15] et quae sequuntur, nam notus alias locus, qui docet post admonitiones fraternas contumaci nequicquam inculcatas infligendam esse exclusionem, ut inquam is poenam sceleris et contemptus luat, qui admonitiones fraternas contempserat k. Sed Christus (inquiunt) «si», ait, «te non audierit, sit tibi veluti ethnicus et publicanus» [Mt 18,17] et Paulus inquit «tradatur satanae» [1 Kor 5,5], non dicit: tradatur magistratui ad poenam. Quibus respondemus Christum ||214r. quidem istis omnibus nihil aliud voluisse quam eum publice mulctandum esse, qui spretis commonitionibus amicis inhoneste 1 perrexerit vivere. Esse enim ethnicum et publicanum est recenseri haberique inter facinorosos, quibus nihil neque officii neque synceri tuto committere ausis; ut nos solemus moechos, ebrios aliosque palam flagitiosos honore et trabea exutos publice dedecorare; porro hoc quid aliud est quam publica mulcta? Sic etiam fatemur Paulum scripsisse «tradatur satanae», sed eundem quoque addidisse: «ad interitum carnis» [1 Kor 5,5]; unde necessario consequitur non modo Christum ipsum, sed apostolum quoque non de aliqua animae interna loqui perditione, sed de externo quodam ritu adeoque et externa mulcta. Nam in 2. ad Corinth. 2. cap. [6]: «Sufficit», ait, «istiusmodi homini greek greek greek», hoc est mulcta sive correctio ea; nam «greek greek greek», authore Budaeo 19 «utrunque dicitur pro eo, quod est mulctare et in aliquem animadvertere», et «greek [!] est supplicii aestimatio et animadversionis modus» 20 . Rursus «greek», eodem authore, «significat reprehendo» 21 et greek est censum agere et aestimare» 22 . «"greek quoque infamia notati dicuntur» 23 et qui «velut fortunis omnibus eversi», ut apud Demosthenem 24 est, «civilia iura retinere non poterant» 25 . «Licebat igitur greek impune interficere, ut praesidii legum exortes» 26 ; «quibus similes fuere, quos Latini prisci intestabiles vocarunt, ut Horatius 27 : <intestabilis et sacer esto>» 28 et «Caius 29 iureconsultus: <Cum lege>, inquit, <quis intestabilis esse iubetur, eo pertinet ne

k aus contempserit korrigiert.
l vor inhoneste gestrichen nihil.
19 Gulielmus Budaeus, Commentarii linguae graecae, Basel 1530, Sp. 249,40-42 (auch in: Opera, tom. IV, Basel 1557 (Nachdruck: 1969 2 ), Sp. 273,33-35).
20 Ebenda, Sp. 250,20-22 (Opera IV, Sp. 274,11-12).
21 Ebenda, Sp. 252,45 (Opera IV, Sp. 276, 23f).
22 Ebenda, Sp. 253, lOf (Opera IV, Sp. 276,34-36).
23 Ebenda, Sp. 254,44f (Opera IV, Sp. 278, 17f).
24 Demosthenes, Oratio XXI, 33 (gegen Meidias), zitiert bei Budaeus, aaO, Sp. 255,27 f(Opera IV, Sp. 278,53-279,1).
25 Budaeus, aaO, Sp. 255,29f (Opera IV, Sp. 279,10.
26 Ebenda, Sp. 256,4-6 (Opera IV, Sp. 279, 22-24).
27 Horaz, Satiren II, 3,181.
28 Budaeus, aaO, Sp. 256,9-12 (Opera IV, Sp. 279, 26-29).
29 Aus Gaius, Ad edictum provinciale XII, zitiert in: lustiniani Digesta XXVIII, 1,26, recognovit Theodorus Mommsen, retractavit Paulus Krueger, in: Corpus Tuns Civilis, Vol. I, Berlin 1954 16 , S. 411.

eius testimonium recipiatur>» 30 etc. Breviter m, videmus iam Paulum usum esse greek pro greek, hoc est mulcta hancque unam sufficere vult. Sufficiat itaque et nostris facinorosis magistratus - hoc est ecclesiae - mulcta pro sceleris ratione praefinita.

Atque hic sit ille noster excommunicationis modus, ut scilicet initio per familiarem amice moneatur peccator, deinde per unum atque alterum, ut rem videat geri seriam. Hos si contempserit, vocetur ac sistatur ecclesiae, hoc est magistratui et excommunicationi praefectis, quod si et hos neglexerit, poenam dependat. Atque hoc sit, iuxta domini verbum 31 , modus et finis excommunicationis: mulcta inquam indicta et depensa, ut ne quid nimis, sicut et Paulus 32 sentit. At nimium velle videntur, qui iubent, ut magistratus puniat flagitium idemque et ab excommunicationis praesidibus puniatur nihilominus interdictione videlicet coenae. Ideoque qui nunc putant nullibi excommunicationem esse posse, ubi non arceantur a sacra synaxi 33 peccatores, plus severi esse videntur minusque observare, quis excommunicationis et quis sit eucharistiae genius. Etenim excommunicatio propter malum exemplum est, ne illud impune porro grassetur, proinde posteaquam illud punitum est ac coercitum, defuncta est munere suo, nec latius diffunditur. Eucharistia vero propter peccatores est; iam si ab ea secludantur solique admittantur puri n, pro quibus, oro, effusus est sanguis Christi? An non pro ||214v. peccatis effusus est? Si ergo arceatur peccator, qui interim contumax non est, frustra effudit sanguinem Iesus. «Neque enim qui recte valent, medico indigent» [Mt 9,12]. Quid, quod ipsa eucharistia cum consolatione coniuncta est, annunciatur enim gratuita peccatorum remissio. Sed excommunicatio plus terroris habet, puniuntur enim peccata non equidem ad purificationem vel satisfactionem, ut scilicet tuto liceat postea accumbere mensae dominicae, sed propulsandum malum exemplum. Seperanda [!] ergo altera ab altera, ut singulae genuinum servent genium. Huic o vero nos satisfactum esse censemus, posteaquam facinorosus publice mulctatus atque coram ecclesia (ut sic dicam) confusus est. Post inflictam vero poenam et manumissum arbitramur synaxim illi liberam esse debere atque arbitrio fidei committendum cuiusvis, accedere malit, an abstinere. Neque vero misero in poenam et adflictionem vertendum esse, quod Christus instituerat ad consolationem et medelam.

Verum cur p , inquiunt, admitteretur prophanus? Atqui prophanationis poenas dependit, iam vero iudicio dei stat, non nostro, nostro enim satisfecit. Vis autem tu, o homo, qui alienum servum sic iudicas [Röm 14,4], et fidem eius iudicare? Nescis fidem non satisfactionis esse meritum, sed dei donum? [Eph 2,8]. Et quod dominus docet: «Si peccaverit in te frater tuus, increpa illum, et si penituerit, remitte illi. Et si septies in die peccaverit in te, et si septies in die conversus fuerit ad te dicens <poenitet me>, remittes illi» [Lk 17,3f]. Quae,

m Breviter von anderer Hand.
n vor puri gestrichen perf [?].
o huic aus hinc korrigiert.
p vor cur gestrichen C.
30 Budaeus, aaO, Sp. 256, 17-19 (Opera IV, Sp. 279,34-36).
31 Siehe Mt 18,15ff.
32 Vgl. 2 Kor 2,6, oben S. 210,22ff.
33 Zum Gebrauch des Ausdrucks vgl. Z III 802,38-803,2.

oro, intervalla, aut quot q , obsecro, annos (ut Nicena olim synodus 34 ) praefixit salvator Matheo 35 , Magdalenae 36 , Zacheo 37 —quemadmodum alias disputavimus adversus catabaptistas 38 — et eucharistia quid aliud est quam publica credentium panegyris? Accedunt enim, qui se Christi sanguine ablutos credunt et liberatori gratias agere volunt. Quis ergo prohibebit etiam eum a synaxi, qui iam iam mulctatus ob patratum flagitium participare mensae domini desyderat, fidit enim Christo et gratias agit? An vero nemo fidit Christo, nisi prius aliquot septimanis egerit poenitentiam? Ubi ergo nunc evangelii praedicatio, ubi nunc filius ille prodigus 39 , latro 40 item crucis interpres, sed et publicanus ille pharisaeo collatus, imo et praelatus 41 , ipse denique Zachaeus, Magdalene et Matheus? Proinde excommunicatio eucharistiae misceri non debet neque vero et is a sacra arceri mensa, qui aut publici criminis, imo perduellionis, contemptus, contumaciae et pertinaciae (quanquam is alias non cupiat huius coenae esse conviva) nondum convictus aut etiam convictus ac mulctatus est. Mulcta enim illi fuit excommunicatio, sed eucharistia per fidem illi posthac stat libera. Eadem fere ante nos summi iudicii purissimaeque religionis vir Zuinglius scripsit in «Amica ad Marthinum Lutherum exegesi» pag. 150 42 : «Unde et qui Tiguri sumus fratres» etc.

Quod vero alii 43 (ne illud forte sileatur) excommunicationis vocem obiiciunt, quasi illa excommunicatio et criminum correctio dici non possit, quae non item et a ||215r. sacra arceat synaxi: quippe excommunicatio dicitur, inquiunt, quasi

q aus quod korrigiert.
34 Siehe Conciliorum Oecumenicorum Decreta, ed. Centro di Documentazione, Istituto pe le Scienze Religiose - Bologna. Curantibus Josepho Alberigo, Perikle-P. Joannou, Claudio Leonardi, Paulo Prodi. Consultante Huberto Jedin. Basel - Barcelona -Freiburg - Rom - Wien 1962, S. 5ff.
35 Siehe Mt 9,9.
36 Die «große» Sünderin von Lk 7,36ff; s. Z VI/II 801; vgl. Johann Michl, Art. Maria Magdalena, in: LThK VII 39f.
37 Siehe Lk 19,2ff.
38 Siehe Heinrich Bullinger, Vom unverschämten Frevel ... 1531 (HBBibl 28), S. 135v. - 136r. «Und ist aber nit die Eucharistien verordnet zu absünderung / sunder der Bann / durch welchen ich die straaff verston der lastern /welcherley sy joch beschähen / durch den radt oder verordnet lüt. Und so der lasterhafft gestrafft ist / und der selb sündet dann / über das hin / das man das wort sant Pauli ußgeschruwen hat (Es soll sich aber der mensch bewären / und den zum tisch des Herren kummen) und das brot nimpt: Wer kan jms weeren? dan wer sicht jm in sin hertz / was andachts / dancks / und gloubens zu Gott er habe? Und darzu die straaff nitt also under uns Christen gehalten soll werde wie etwan von des Bapst Penitentiarijs gehalten. Dann Christus hat nie uff die langen interualla gesähen: Als er Mattheum / Zacheum / und Magdalenam brufft und bgnadet / warend sy eins wägs der kilche. Und so bald der mörder syn sünd erkant / und Petrus weynet / was er der kilchen / und ward uff kein zyt uffgezoge oder still gestellt». Zum Begriff catabaptistae s. Fritz Blanke in: Z VI/I 21f, Anm. 1.
39 Siehe Lk 15,11ff.
40 Der reumütige Schächer am Kreuz, Lk 23,40ff.
41 Siehe Lk 18,10ff.
42 Z V 727, 3ff.
43 Vgl. Oekolampad BA II 782, S. 494ff: «Dann er [Oekolampad] gab zu bedencken, wasz groszer frucht bringe die brüderliche straff, wo sy mit trüw und flisz geschicht, und der ban sy nüt dan ein brüderliche straff und ermanung ... Item die straff sig ouch die miltest und aller lidenlichst, erstreckt sich nit witer dann zu der uszschlieszung, wie wol dasselbig by den glöbigen grosz ist ...» und Schleitheimer Artikel VI, aaO, S. 311 «In der volkommenheit Christi aber wirt der Bann gebraucht alleyn zu eyner manung und außschliessung deß, der gesündet hat, on todt des fleyschs, alleyn durch die manung und den befelch, nit mer zusündigen [1 Kor 5,1ff].»

privatio communionis, hoc est coenae dominicae, quae sane apud vos esse non potest, qui mulcta magistratus estis contenti. Quod, inquam, ista proferunt, frustra proferunt. Fuit enim excommunicationis vox 44 veteribus in usu, quam interim in sacris haud facile invenias. Illi ergo, ut Bernae primi docuistis 45 verissime, vivebant inter eos, qui publica etiam crimina nulla perstringebant censura, cum interim ipsis neminem mulctare permittebatur, utpote apud quos nulla erat gladii potestas. Alia ergo tentandum [!] via, cum hac succedere negatum esset, quo scilicet nihilominus publicae consuleretur honestati. Hic igitur istis visa est eucharistiae et orationis publica interdictio commodissima esse via, quae ad publicam duceret honestatem et qua exportarentur ex sancto fidelium coetu contagione mortifera peccata. Idcirco suam illam criminum propulsatricem conservatricemque publicae honestatis dixere excommunicationem.

Neque enim ullibi ipse dominus docuit flagitia interdictione coenae esse punienda atque abolenda, qui ipsum etiam Iudam a coena non exclusit; nam etsi Hilarius proditorem excludat 46 , evangelistae tamen non excludunt, sed adseverant Christum una accubuisse cum duodecim, et Ioannes omnium apertissime: «Et coena facta», ait, «cum diabolus iam» etc. [Joh 13,2]. Nobiscum sentit et Augustinus 47 . Ergo Iudam etsi maxime monuerit, tamen a coena non exclusit; quin imo certo constat neque ipsos domini apostolos fractione panis sic usos. Nam Paulus in Corinthiis: «Quotiescunque», inquit, «commederitis panem hunc et de poculo hoc biberitis, mortem domini annunciabitis, donec venerit» [1 Kor 11,26]. Quibus verbis nullum hominum genus segregat, sed omnibus ex aequo proponit crucem domini, ut inquam morti eius fidant et gratias agant. Liberam itaque reliquit esseque voluit coenae festivitatem. Multo enim clarius subiungit: «Iam vero si quis indigne ederit hunc panem pretiosum aut peculiarem», id enim possunt graecanica praemodum greek 48 : «greek greek greek», «et biberit de poculo domini», en hic «poculum domini» vocat, non «poculum istud» ; «greek» ergo in priori membro posuit greek, 49 , «indigne, reus erit corporis et sanguinis domini», «greek greek» cum articulo, ut intelligamus corpus et sanguinem, non utique panis et vini transubstantiati [!], sed illius domini, qui in cruce pependerat; nam relationis naturam habet ad aliud. «Probet autem seipsum homo et sic de pane edat et poculo bibat» [1 Kor 11,27f]. En tibi clarissimam habes

44 Der Begriff kommt in der Vulgata nicht vor, zu den patristischen Belegestellen s. ThLL V/II 1279,61-70.
45 Siehe das gedruckte Protokoll der Disputation mit dem Täufer Hans Pfistermeyer: Ein Christenlich gespräch gehallten zu Bern Zwüschen den Predicanten vñ Hansen Pfyster Meyer von Arouw / den Widertouff / Eyd / Oberkeyt / und andere Widertöufferiche Artickel betreffende. Anno M. D. XXXI. an dem xix. tag Aprilis, Bl. D 2v. «Predicanten: ... Die Apostel sind under einer Heydnischen oberkeit gsin / die aber die laster / so ein Christ schuhen soll / nit gstraafft hand / als huren / suffen / füllen / brassen / gyt / lesterung und derglychen. Darumb diewyl ouch von nöten was / da die kilch angefangen / das sy die straaff der lastern under jnen ouch hettind / hand sy die warnungen unnd ußschlissungen müssen an die hand nemen / dan sy mochtend mit dem usserlichen schwert nit straffen / das jnen nit befolhe was / das ist die ursach deß bans by jnen gsin»; Haller nahm an dem Gespräch mit Pfistermeyer teil, Yoder I 132.
46 Hilarius von Poitiers, Commentarius in Evangelium Matthaei, cap. XXX, 2 (MPL IX 1065).
47 z. B. In lohannis Evangelium Tractatus LXII, 1ff (CChr XXXVI 483,1 ff).
48 Die Emphase ist eine «Andeutung, wobei die Worte einen tieferen oder genaueren Sinn erhalten, als sie zunächst auszudrücken scheinen», Z XIII 842; s. Lausberg I 578.905f.
49 Siehe oben Anm. 48.

apostoli sententiam non eam quidem esse eucharistiam, quae pro cuiusvis libito prohiberi aut etiam offerri possit alicui, sed quae cuiusvis arbitrio et probationi relinquitur. Quod enim obiici poterat ex 10. cap.: «Non potestis participare mensae domini et mensae daemoniorum» [1 Kor 10,21], adversus nostra non pugnat, sed et alterius sunt instituti ac status, ut ipse nosti. Sed haec hactenus.

Tu vero, mi Berchtolde, priusquam hinc ||215v. discedamus, obiter contemplare mihi, quid tandem hic eucharistiae usus et ille veterum excommunicationis modus, hoc est synaxeos et epitimeseos commixtio nobis pepererit. Inde enim suppullulavit nobis blasphema satisfactio, ritus item varii et stationes in ecclesiis seu templis diversae pro temporum intervalls poenitentibus praefinitae totaque illa hypocrisis theatrica, de qua si copiosiora velis, invenis apud Ruffinum «Ecclesiasticae historiae» lib. 10. cap. 6. 50 et iterum apud Sozomenum in Epiphanio «Tripartitae historiae» lib. 9. cap. 36 51 . Si igitur nos quoque laetam panegyrim effecerimus funestum quendam correctionis nervum, verendum ne et eucharistiae laethissimus fructus, gaudium et gratulatio ad pontificium quodpiam tormentum degeneret redeatque illa postliminio poenitentialis satisfactio, imo et operum fiducia, quemadmodum et apud veteres factum videmus, qui tamen ea mente eoque consilio procul dubio non coeperunt, quo tandem recidit. Interim nemini praeiudicamus, Berchtolde charissime, idque maxime volumus apud te testatum; nam meliora doctus quam libentissime cedam. Haec enim est mea de excommunicatione opinio, quam, ut petisti, iam iam exposui totam, partim ut gratificarer tibi, partim ut et tu, quid sentias, rescribas 52 ; iam enim tua expectamus.

Vale et Gasperum Megandrum r 53 nostrum, Franciscum 54 et Rhellicanum 55 , Heinrichum quoque Simlerum 56 nomine nostro plurimum salutabis.

Bremgarti, 6. iulii 1531.

Heinrychus Bullingerus tuus,

ut tu meus.

[Ohne Adresse.]

r Megandrum von fremder Hand übergeschrieben.
50 Rufin, Historiae ecclesiasticae X, 6, in: Autores historiae ecclesiasticae, Basel 1523, S. 222 und Eusebius Werke, Bd. II, Die Kirchengeschichte. Die lateinische Übersetzung des Rufinus, bearb. v. Theodor Mommsen, Leipzig 1908. —Die griechischen christlichen Schriftsteller der ersten drei Jahrhunderte, IX/2. S. 967,22-968,11.
51 Cassiodor-Epiphanius, Historia ecclesiastica tripartita IX, 35, in: Autores historiae ecclesiasticae, Basel 1523, S. 575 und CSEL LXXI 553,9-554,49.
52 Ein entsprechender Brief Hallers ließ sich nicht finden.
53 Kaspar Megander (Großmann), 1495-1545, in Zürich geboren, studierte seit 1515 in Basel (Basel, Matrikel I 326), und kam hernach als Kaplan an das Großmünster in Zürich. Megander zählt zu den frühesten und zeit seines Lebens entschiedensten Anhängern Zwinglis: 1522 war er Mitunterschreiber der Bittschrift an Bischof Hugo von Hohenlandenberg um Freigabe der Predigt und der Priesterehe (Z I 209,1). Megander heiratete 1524 (HBRG I 109) und wurde Prädikant am Spital. Zusammen mit Zwingli, Engelhart, Jud und Myconius verlangt er am 11. April 1525 beim Zürcher Rat die Abschaffung der Messe (HBRG I 263f); er wirkte am Täufergespräch in Zürich vom 6. November 1525 mit (HBRG I 295; Yoder I 73) und nahm an der Berner Disputation teil, wo er auch predigte (ABernerRef 1466; HBRG I 437). Im Februar 1528 wurde Megander nach Bern berufen, um eine Stelle als Pfarrer am Münster und als Professor an der theologischen Schule einzunehmen. Während des Ersten Kappeler Krieges rief Megander durch seine polemische

Predigt den Widerspruch der Obrigkeit hervor (ABernerRef 2533); im Zweiten Kappeler Krieg setzte er sich wiederum für die Pläne Zwinglis in Bern ein, was eine vorübergehende Einstellung in seinem Amt zur Folge hatte (ABernerRef 3232.3248.3279; Haller an Bucer, 16. Januar 1532, gedruckt in: Strasser 175f; vgl. unten S. 229, 18f; 236, 10ff; 243, 8f; neben anderen wurde er als Nachfolger Zwinglis vorgeschlagen (HBRG III 292; Blanke 154). Megander beteiligte sich an dem Täufergespräch mit Hans Pfistermeyer vom 19. April 1531 in Bern (Yoder I 132) und an der Täuferdisputation von Zofingen im Sommer 1532 (Yoder I 141). Maßgeblichen Einfluß nahm er auf die Erstellung der waadtländischen Kirchenverfassung 1537. Nachdem er wegen seines Widerspruches gegen Bucers Konkordienbemühungen 1537 aus Bern entlassen worden war, kam Megander als Archidiakon und Chorherr nach Zürich zurück. Hier ist er am 17. August 1545 gestorben (HBD 33,3f). Megander gab mehrere Zwinglischriften heraus (Finsler Nr. 80.84.104.105 a; Z XIII 289 f. 427; Edwin Künzli, Quellenprobleme und mystischer Schriftsinn in Zwinglis Genesis- und Exoduskommentar, in: Zwa IX 185ff); von den eigenen Werken sind in Druck erschienen: die 1528 gelegentlich der Berner Disputation gehaltene Predigt (vgl. Finsler Nr. 85), Auslegungen zum Galaterbrief (1533), Epheserbrief (1534), den Pastoralbriefen (1535) und ein Katechismus (vgl. dazu Karl Schweizer, Die Berner Katechismen im 16. Jahrhundert, in: Theologische Zeitschrift aus der Schweiz, Jg. 8, 1891, S. 90-96). Sicherlich kannten sich Megander und Bullinger schon während der Zürcher Zeit Meganders, später blieben die beiden in dauernder brieflicher Verbindung. Möglicherweise entwickelte sich zwischen ihnen nach Meganders Rückkehr eine freundschaftliche Beziehung, worauf die Patenstelle Meganders bei Bullingers 1543 geborener Tochter Veritas (HBD 32,2) und die Nennung unter Bullingers engen Bekannten (HBD 128,17) hinweisen könnte. — Lit.: Otto Erich Strasser, Art. Megander, in: RGG IV 828; Oskar Vasella, Art. Megander, in: LThK VII 238; HBLS III 770; Pfarrerbuch 308; Strasser passim; SchI. 14980-14983.48172.
54 Franz Kolb, 1465-1535, in Inzlingen bei Lörrach geboren, studierte seit 1492 in Basel, 1497 Magister artium (Basel, Matrikel I 220). Kolb wirkte 1497-1502 als Lehrer zu St. Martin in Basel, 1502-1504 als Kantor in Bern, 1504-1509 als Kantor und Prediger in Freiburg (Schweiz) mit einer halbjährigen Unterbrechung in Murten (1505), 1509-1512 als Prediger in Bern. Seit 1512 lebte Kolb als Kartäuser in Nürnberg und wirkte hernach bis 1525 in Wertheim (Franken), wo er die Reformation durchführte. Wegen seiner zwinglischen Abendmahlsauffassung mußte er die Stadt verlassen, begab sich zuerst nach Nürnberg und kam dann 1527 nach Bern zurück. An der Seite Hallers nahm Kolb in Bern bald eine führende Stellung ein. Er beteiligte sich an der Berner Disputation und dem Gespräch mit dem Täufer Hans Pfistermeyer (Yoder I 132). Als Feldprediger der Berner Truppen im Zweiten Kappeler Krieg versuchte Kolb die Berner zu einem energischeren Vorgehen zu bewegen (ASchweizerRef IV 648; HBRG III 213ff; s. S. 188, Anm. 102). Bullinger dürfte Kolb an der Berner Disputation zum ersten Male persönlich begegnet sein; im November 1531 verhandelte Kolb im Auftrage Berns mit Bullinger wegen einer eventuellen Amtsübernahme in Bern (s. unten 230, 7f; 232, 10f; 238,25; Zsindely 668.674). Später standen die beiden anscheinend nie in direkter brieflicher Verbindung. — Lit.: HBRG I 393; Ludwig Eissenlöffel, Franz Kolb, ein Reformator Wertheims, Nürnbergs und Berns. Sein Leben und Wirken, Diss. phil. Erlangen 1893; Köhler, ZL I 230.232ff; Lengwiler 77.82; Gottfried Seebaß, Das reformatorische Werk des Andreas Osiander, Nürnberg 1967. — Einzelarbeiten aus der Kirchengeschichte Bayerns, Bd. XLIV, S. 115ff; Oskar Vasella, Art. Kolb, in: LThK VI 369; SchI. 9988-9993.
55 Johannes Rhellikan (Müller), etwa 1478-1542, stammte aus Rellikon (Kt. Zürich), studierte 1522-1525 in Wittenberg. Nur ungern übernahm er 1525 eine Lehrstelle im Kloster Stein am Rhein (vgl. AZürcherRef 809; Z VIII 386(ff) und hoffte auf eine baldige Anstellung in Zürich (Z VIII 449f. 468f). Tatsächlich hielt er sich 1527 in Zürich auf, wo er Bullinger in Griechisch unterrichtete (HBD 11,11f). Im März 1528 wurde er mit Sebastian Hofmeister und Kaspar Megander vorübergehend an Bern abgetreten (s. Z IX 373.375; ABernerRef 2825). Dort war er als Schulmeister tätig, bis er 1538 nach Zürich zurückberufen wurde und in der Fraumünsterschule (anfänglich im «Kappelerhof», s. HBRG I 96) unterrichtete. 1541 wurde Rhellikan Pfarrer in Biel, wo er bald nach seinem Eintreffen starb. Rhellikan war ein geschätzter Hebraist und Gräzist und schrieb mehrere poetische Werke. Bullinger lernte ihn spätestens 1527 in Zürich kennen, als er bei ihm Schüler war. Nach 1531 korrespondierten sie häufig miteinander. — Lit.: Georg Finder, Epitaphien auf Huldreich Zwingli, in: Zwa II 430-432; Z VIII, Anm. 1; de Quervain 64ff. 261f; LL XV 243f, mit älterer Literatur; Otto Erich Strasser, Art. Rhellikan, in: RGG V 1088.
56 Heinrich Simler, ein Bruder des Peter Simler (s. oben S. 531, Anm. 2). Bullinger richtete 1525 seine Schrift «Von dem touff» an ihn (s. Anhang II, Nr. 6). Simlers Lebensdaten sind weitgehend unbekannt; Bullinger nennt ihn in seinem Schreiben von 1525 einen «burger zu Bern», in den amtlichen Schriften von Bern wird er jedoch nirgends erwähnt. Möglich ist
freilich, daß es sich bei dem in den Akten genannten «Symler» (ABernerRef 1377.1379) bzw. «Heinrich Symner» (Bern StA, Ratsmanual Nr. 282, S. 13, Eintrag vom 29. September 1542) um Heinrich Simler handelt. Jedenfalls scheint dieser Berner Zweig der Simler nicht lange bestanden zu haben; im Steuerrodel von 1556 ist dieses Geschlecht nicht vertreten (freundliche Auskunft von Herrn Dr. H. Specker, Bern StA). Bullinger kannte Simler wahrscheinlich seit der Berner Disputation 1528 persönlich. — Lit.: Pestalozzi 42f; Fast 18ff. 33. 210; Staedtke 273f.

40

WOLFGANG JONER
AN BULLINGER
Kappel,
3. Oktober 1531

Autograph: Zürich StA, A 230, 2, Nr. 76 1 fol. S., sehr gut erhalten, mit Siegelabdruck Regest: ASchweizerRef III 1474

Bittet Bullinger, den Überbringer dieses Briefes, einen Vertrauensmann, der in Luzern gewisse für Bremgarten ungünstige Nachrichten erfahren habe, zum Schultheiß zu begleiten: seinem mündlichen Bericht solle man Glauben schenken.

Gnad und frid von got dem vatter etc.

Erwirdiger und in sunders günstiger etc. Wüssend, das es uns 2 noch bis har wol gat 3 , doch mitt unruwen, gengenwirtigen [!] löufen 4 halb 5 . Hoff, gott werd es schier 6 zu end füren. Ich schrib üch uss sunderlichem 7 vertruwen, so ich alweg 8 zu üch hab. Denn ir mögend 9 villicht ouch wol wüssen, als 10 wir denn an dem anstoß 11 sitzend und in sorgen, und deshalb unsere herren mir ye zu ziten schriben, sorg und ufsehen zu haben, wes sich doch unsere fynd vermessind 12 . Das ich nun zum mengeren mal 13 getrüwlich 14 gethon 15 , und yetz aber einen guten, frummen 16 gesellen, der üch und mir bekant ist, zeiger dises briefs 17, gan Lucern geschickt; hat eins und das ander erfaren, und bringt etwas, das mines bedunckes 18 einer stat Bremgarten nachteilig mag sin. Und dorumm hab ich inn guter meinung zu üch geschickt, das ir inn angesicht 19 dises briefs für 20 den schultheißen 21 fürind, so wirt er üch wol müntlich sagen, was es ist 22 ;

1 Siehe oben S. 481, Anm. 4.
2 nämlich den Insassen des ehemaligen Klosters Kappel.
3 geht.
4 Zeiten, Vorgänge, Ereignisse (SI III 1112f).
5 halber, wegen.
6 schnell, bald (SI VIII 1183ff).
7 besonderem.
8 allewege, immer.
9 könnt.
10 da (SI I 199).
11 Grenze (SI XI 1592).
12 wagen, sich erlauben.
13 vielmal, öfters (SI IV 147).
14 getreulich, gewissenhaft.
15 Zu Joners Verdiensten um Zürich an der zugerischen Grenze s. Egli, Affoltern 108-110.
16 hier: gutgesinnten, vertrauenswürdigen.
17 Von der Person dieses Vertrauensmannes wissen wir nur soviel, daß er sich bei seiner Mission nach Luzern «von Aegre» (von Aegeri) nannte, wie aus dem gleichzeitigen Bericht Joners an Bürgermeister und Rat von Zürich hervorgeht (Zürich StA, A 230, 2, Nr. 75; Regest in: ASchweizerRef III 1473).
18 nach meiner Meinung (SI XIII 688).
19 beim Anblick, d. h. sobald der Empfänger den Brief gesehen hat (SI VII 258).
20 vor.
21 Hans Mutschli (s. oben S. 204, Anm. 17).
22 Näheren Aufschluß über den Inhalt dieser Warnung gibt der nach Zürich geschickte Bericht Joners, aaO: «Der [nach Luzern emigrierte ehemalige Schultheiß von Bremgarten, Johannes Honegger] hat mengerley mitt imm geredt von disen dingen, dann sich der bott von Aegre nampt, und under anderem seit er, es sygind noch wol by den LX burgeren zu Bremgarten,

dem söllend ir glouben geben, darmitt und ir üch künnind gehüten 23 vor zukünftigem unrat 24 .

Ich bitt, ir wellind 25 dis min schriben und zuschicken im besten ufnemen. Gott sy mitt üch.

Geben ze Cappell, am zinstag nach Michaelis 1531.

Wolfgangus, abt des

klosters zu Cappell.

[Adresse auf der Rückseite:] Dem erwirdigen, hochgelerten etc. Heinricho

Bullinger, yetz predicant der statt Bremgarten.

22f die im schribind und bittind, das er ir vatter sy und fürderung gegen den Fünf Orten, wo es yenen zu val kömme [wo immer es Gelegenheit gebe].» —Daraus geht klar hervor, daß Joner die Brerngartner darauf aufmerksam machen wollte, daß eine starke katholisch gesinnte Opposition in der Stadt durch Johannes Honegger (über ihn s. HBLS IV 286) heimliche Beziehungen zu den Fünf Orten unterhielt. Wie gefährlich dies für Bremgarten in seiner exponierten Lage kurz vor Kriegsausbruch gewesen sein mußte, läßt sich leicht denken (zur Lage Bremgartens s. Bucher 142ff).
23 hüten.
24 Not, Nachteil, Schaden (SI VI 1577 f).
25 wollt.

41

MARCUS BERSIUS AN
BULLINGER
[Basel],
27. November 1531

Autograph: Zürich ZB, Msc A 51, 10 2/3 fol. S., leicht beschädigt, mit Siegelabdruck Gedruckt: Füssli I 83 f; Übersetzung: Rudolf

Bericht über den Tod von Oekolampad und Hieronymus Bothanus, Mitteilung von Bullingers Berufung nach Basel und Bitte um seine baldige Antwort.

Pacem et gratiam per Christum.

Cunctis nostris afflictionibus accedit adhuc alia omnium tristissima simul et perniciosissima; nam Oecolampadius noster, totius pietatis ac eruditionis unica columna et omnium ecclesiarum vigilantissimus pastor, mortem oppetiit 24 . novembris 2 , quem dolorem si iustis ac dignis lachrymis persequi vellem, omnes me mee deficerent vires. Sed quid aliud fidelibus aut cogitandum vel loquendum quam id lobi: «Dominus dedit, dominus abstulit, sicut domino» etc. [Hi 1,21]. Nec te latere potest piissimi et studiosissimi Hyronymi [!] nostri Potani 3 [!] miserabilis interitus, quo factum est, ut ecclesia nostra duobus nunquam satis poenitendis, episcopo et ministro, sit orbata.

In his doloribus constituti, tui potiss[imum], eruditissime Heinrice, meminimus, ut quibus nedum tua eruditio, verumetiam et pietas, fervor spiritus, modestia ac dexteritas spectata sint; gratiss[imum]itaque nobis foret, si quamprimum advolares, ut si forte animo tuo collibitum fuerit ecclesie nostre inservire, ut coram de ea re conferre ac dispicere liceret 4 . Ne te offendat, optime vir, nomen meum

1 Marcus Bersius (Bertschi), 1483-1566, geboren in Rorschach (Kt. St. Gallen); dort und wahrscheinlich in St. Gallen erhielt er seine erste Ausbildung. Bersius immatrikulierte sich 1505 in Leipzig und 1512 in Basel, wo er seit 1520 als Leutpriester zu St. Theodor, ab 1523 zu St. Leonhard wirkte. In den Kämpfen um die Reformation erwies er sich als eine mutige und doch umsichtige Persönlichkeit: 1525 trat er für die sozial Benachteiligten ein, was ihm drei Wochen Untersuchungshaft einbrachte, Mitte 1525 schaffte er die Messe in St. Leonhard ab, 1528 nahm er an der Berner Disputation teil (ABernerRef 1465, S. 592). Bersius verkehrte in den Basler Gelehrtenkreisen, ohne sich jedoch selbst schriftstellerisch hervorzutun. Zu seinen Freunden zählten u. a. Zwingli, Vadian, Myconius (s. unten S. 226, Anm. 15) und Johannes Zwick. Neben Oekolampad und Myconius war Bersius der wichtigste Prädikant Basels zur Reformationszeit. Zur Zeit dieses Briefes war er mit Bullinger noch nicht bekannt (s. Brieftext); aus späterer Zeit ist nur ein Brief Bullingers an Bersius und Myconius, vom 22. März 1536, erhalten geblieben. — Lit.: Eberhard Zellweger-Wieland, Der erste reformierte Pfarrer zu St. Leonhard in Basel und seine Tafeln (Konrad Witz?), in: Gottesreich und Menschenreich. Ernst Staehelin zum 80. Geburtstag. Hg. v. Max Geiger, Basel (1969), S. 90-95; s. noch ABaslerRef, Reg.; Vadian BW, Reg.; Z VII 480f; X 5; LL III 292f; HBLS II 198.
2 Zu Oekolampad s. oben S. 197, Anm. 1; er starb am 23. November 1531, Oekolampad BA II 715.
3 Hieronymus Bothanus, gest. am 24. Oktober 1531, von Masmünster (Oberelsaß), 1525-1529 Diakon zu St. Martin, 1529-1531 Pfarrer zu St. Alban in Basel. Der gelehrte junge Mann und treue Gehilfe Oekolampads bei der Einführung der Reformation fiel als Feldprediger der Basler in der Schlacht am Gubel. — Lit.: ABaslerRef II 245.290.675; III 217.558; Oekolampad BA, Reg.; HBRG III 204; LL IV 234; HBLS II 323.
4 Zur Geschichte von Bullingers Berufung nach Basel s. Rudolf und Zsindely 669 ff.

tibi fortasse incognitum a aut nullius neccessitudinis [!] familiaritas; satis amici sunt et famili[a]b , quos Christi spiritus et eadem studia conglutinant. Hac fiducia ingenue fretus [?]c inprimis edes meas invisere poteris ac fratris hospiciolo frui; fac tamen, ut interea animum tuum cognoscamus.

Vale.

27. novembris anno 31.

Tuus Marcus Bersius,

ecclesie apud Divum Leonardum minister.

[Adresse auf der Rückseite:] Eruditione et integritate spectato viro domino Heinrico Bullingero, fratri suo dilecto etc. d

a Ende von fortasse und Anfang von incognitum wegen abgerissenem Siegel am Rande kaum lesbar.
b der Rand beschädigt.
c der Rand beschädigt.
d darunter von fremder Hand: Marci Bersii Basiliensis manus, 27. novembris anno 1531. Oecolampadii, Potani mors; vocatur Basileam.

42

BÜRGERMEISTER UND RAT VON BASEL AN
BULLINGER
Basel,
28. November 1531

Original: Zürich ZB, Msc A 51, 9 1/2 fol. S., sehr gut erhalten, mit Siegelabdruck Gedruckt: Füssli I 84f; Rudolf 1

Berufung Bullingers nach Basel.

Unsern gunstlichen grutz zevor.

Lieber Meister Heinrich, demnach unns angelangt, wie ir leyder schwebender leuffen halben 2 zu Bremgarten abgewichen 3 und, alls wir besorgen, nit vil platzes me da haben werden, gelangt an üch unnser früntlichs begern 4 , ir wöllend üch zu unns alher thun 5 ; wöllend wir üch mit billichem stannd 6 , damit ir das evangelion Christi, ob gott will 7 , mit vil frucht in unser statt verkünden mügen, versehen 8 . Daran thund ir zevor 9 gott unnd unns angenems wolgefallen 10 . Üwere antwort by disem bringer begerende.

Datum zinstags, den 28. tag novembris anno etc. 31°.

Adilberg [!]Meyger 11 , burgermeister

unnd rath der stat Basel 12 .

[Adresse auf der Rückseite:] Dem ersamen Meister Heinrichen Bullinger, etwan 13 predicanten zu Bremgarten, unnserm guten fründth, jetz zu Zürich a .

a darunter von fremder Hand: anno 1531, 28. novembris, Basel begert H. Bullingers.
1 Wiedergabe des Textes in modernisierter Form.
2 wegen der unsicheren, hängigen (SI IX 1721) Vorgänge, Ereignisse (SI III 1112f).
3 geflüchtet; zur Sache s. die Einleitung S. 25.
4 Wunsch.
5 hierher begeben.
6 mit einer angemessenen (Prädikanten-) Stelle (SI XI 961 f).
7 so Gott will; s. Jak 4,15.
8 versorgen (SI VII 570).
9 zuerst, vor allem (SI I 933).
10 Gefallen, Gefälligkeit.
11 Adelberg Meyer zum Pfeil, 1474-1548, Tuchmann, vor 1510 Mitglied der Safranzunft, 1514 Ratsherr, 1521-1548 Bürgermeister, häufig Gesandter. Im Juli 1531 wandte sich Zwingli brieflich an ihn (Brief ist verloren, s. Z XI 550). Als Bürgermeister führte Meyer die Reformation mit Mäßigung und in versöhnlichem Sinne durch. — Lit.: ABaslerRef, Reg.; Oekolampad BA, Reg.; Basler Chroniken, Bd. VI, bearb. v. August Bernoulli, Leipzig 1902, S. 383-386; HBLS V 98.
12 Zu Bullingers Berufung nach Basel s. Rudolf und Zsindely 669ff.
13 einst (SI I 594).

43

BULLINGER AN
AMBROSIUS BLARER
Zürich,
30. November 1531

Autograph: St. Gallen, Stadtbibliothek (Vadiana), Ms 32, Nr. 77 1/2 fol. S., sehr gut erhalten, mit Siegelabdruck Übersetzung: Blarer BW I 293

Empfiehlt Gervasius Schuler, der mit ihm zusammen aus Bremgarten vertrieben worden sei.

Gratiam et vitae innocentiam a domino.

Etsi hactenus tibi, Ambrosi charissime, nihil scripserim post binas, ni fallor, aut ternas litteras 2 , attamen animo me tuo excidisse non valeo vel cogitare. Vera enim amicitia et charitas christiana adeo non minuitur coepta, ut vel magis indies augeatur. Hac vero fretus commendo tibi Gervasium nostrum Scholasticum 3 , symmistam meum, qui ante dies aliquot una mecum e patria nostra a Bremgarten pulsus nunc apud Tygurinos degit [in] exilio. Vir est et eruditione et pietate, fide fidelitateque b praeclarus, cui tuto (si quae esset) ecclesiam posses commendare praeclaram. Patria Argentoratensis est, uxorem 4 praeterea habet et filiolas, ni fallor, duas. Bremgarti hactenus docuit Christum pure; nunc per tumultum bellicum una mecum expulsus est. Ego interim et pan addictus exilio Tyguri vivo, expectaturus, quem rebus eventum daturus sit deus. Scimus autem et prophetas et apostolos, ipsum denique caput Christum et persequtiones pertulisse et praedixisse 5 . Unde et patienti animo ferimus omnia, scientes, quod cum eo glorificabimur, cum quo nunc patimur 6 . Quod si Gervasii opera tibi opus fuerit, Leoni 7 nostro aut mihi scribas 8 .

Vale et dominum ora pro nobis et nostra infoelici Helvetia.

1531 die Andreae, Tyguri.

Hein. Bullingerus tuus.

[Adresse auf der Rückseite:] Ambrosio Blaurero, Esslinge praedicanti evangelion, amico et fratri charissimo.

a nostra am Rande nachgetragen.
b te von fidelitateque übergeschrieben.
1 Siehe oben S. 179, Anm. 1.
2 Diese früheren Briefe sind nicht mehr alle vorhanden. Von Bullinger erhalten ist die gedruckte Epistel vom 4. Juni 1528 (s. oben Nr. 29), von Blarer die Briefe vom 1. September 1528 und 11. August 1529 (s. oben Nr. 30 und 32).
3 Gervasius Schuler, s. oben S. 193 f, Anm. 5.
4 Schulers erste Frau war eine geborene Lübegger, die er um 1520 in Zürich kennengelernt hatte; sie starb wahrscheinlich Ende 1545 in Memmingen (Hänny 16.28).
5 Vgl. u. a. Mt 5,10-12; 1 Petr 2,20f.
6 Siehe Röm 8,17.
7 Leo Jud, s. oben S. 55, Anm. 1.
8 Die Antwort Blarers ist nicht erhalten. Er konnte Schuler zwar keine Anstellung verschaffen, doch war es seinem Einfluß zu verdanken, daß dieser 1533 nach Memmingen berufen wurde (vgl. Blarer BW I 436. 440f. 4431. 4521; Hänny 23f).

44

BULLINGER AN
BÜRGERMEISTER UND RAT VON BASEL
Zürich,
2. Dezember 1531

Autographe Abschrift: Zürich ZB, Msc A 51, 14 ¾ fol. S., sehr gut erhalten Gedruckt: Rudolf 1

Bedankt sich für seine Berufung, auf die er jedoch erst später eine endgültige Antwort geben könne.

Eersamme fürsichtige wyse gnädig und liebe herren, min willig dienst und was ich üch ze gefallen wüste sye üch bevor 2 .

Allß mir üwer ersamm wyßheyt in miner trübsall so trostlich und trüwlich zuschrypt 3 , daß ich mich zu üch fügen 4 , wellend ir mich mitt billichem stand 5 , da ich das evangelion Christi predgen möge, versähenn 6 , weyß ich üwer ersammen wyßheyt hohen danck; will ouch sömlicher 7 trüw, eeren und gutem, so vil und mir müglich, ind eewigheyt nitt vergässen, sunder mich zu yedenn und allen zyten beflyssen 8 , sömlich früntschafft mitt höchstem flyß, liebe und gunst zu beschuldenn 9 . Demnach wil ich üwer wyßheyt trungenlichen 10 gebätten habenn, ir wellend mir minen verzug 11 zu argem oder zorn nitt uffnemmen 12 , das ich den bottenn nitt grad abgefertiget 13 hab; dann ich inn alein der hoffnung uffgehept 14 , daß ich ein entliche 15 antwurt gäben möchte. Nun aber schickend sich mine händell also 16 , daß ich nitt hab nach minem willenn und fürnemmen 17 mögen 18 handlen 19 . Will üch also, allß günstige herren und mine besonders [!] getrüwen, zum aller höchsten gepetten haben, ir wellind mich, der ich sust 20 inn vil wäg verrungen 21 , nitt überylen; will ich üwer wyßheyt, wo nitt innet 22 acht tagen doch uff das aller längst innet 14 tagen, eintwäders selbs antwurt gäben

1 Wiedergabe des Textes in modernisierter Form.
2 im voraus, zuerst, vor allem.
3 Siehe oben Nr. 42.
4 begeben (solle), SI l 702.
5 mit einer angemessenen Stelle.
6 versorgen.
7 einer solchen.
8 befleißigen.
9 vergelten (SI VIII 660).
10 dringend, eindringlich.
11 Verzögerung.
12 nicht verargen.
13 mit einer Antwort zurückgeschickt.
14 aufgehalten (SI II 895).
15 endgültige.
16 nehmen meine Angelegenheiten eine solche Richtung, lassen sich ... so an (SI VIII 511).
17 Vorhaben, Absicht (SI IV 746).
18 können.
19 Vom Zürcher Rat wurde ihm nämlich nahegelegt, vorerst keine Berufungen zu beantworten, sondern die Entscheidung Zürichs abzuwarten (s. HBRG III 293; Zsindely 670).
20 sonst.
21 in vieler Hinsicht geplagt (vgl. Lexer II 448).
22 innerhalb.

oder mitt bottschafft zytlich und gepürlich hallten 23 ; will ouch sömliches uffschlags 24 hohen danck und getrüwe früntschafft wüssen.

Damitt will ich üch gott befelhenn; der welle üch mitt wyßheyt und uffrächte 25 lang zu sinen eeren behallten 26 .

Datum samstags deß 2. decembriß 1531, Zürych.

Ü[wer]wysheyt alle zyt williger

Heinrych Bullinger.

[Adresse auf der Rückseite:] Den ersammen, frommen, fürsichtigen und wysen Adilbergen Meyern 27 , burgermeister und radt der statt Passell [!], minen g[nädigen] und lieben herren a.

a darunter von fremder Hand: anno 1531, H. Bullingers antwort auf den bruf der stat Basel.
23 eine Botschaft zeitig und in angemessener Weise zukommen lassen.
24 für diesen Aufschub, diese Bedenkzeit (SI IX 208ff).
25 Standhaftigkeit (SI VI 220).
26 erhalten, bewahren (SI II 1238).
27 Adelberg Meyer, s. oben S. 221, Anm. 11.

45

JOHANNES RHELLIKAN AN
BULLINGER
Bern,
3. Dezember 1531

Autograph: Zürich ZB, Msc F 62, 459 1 fol. S., sehr gut erhalten, mit Siegelabdruck Ungedruckt

Teilt den Verlust von Bullingers durch Niklaus von Wattenwyl geschickten Brief mit, gratuliert zu seiner und Gervasius Schulers gelungener Flucht aus Bremgarten, bedauert das Schicksal der zurückgebliebenen Evangelischen, aber auch das ihrer Verfolger, die der sicheren Strafe Gottes nicht entgehen würden, und berichtet über Forderungen der Berner Landschaft.

Salutem et conscientiae pacem per Christum Iesum, dominum ac servatorem nostrum.

Literae tuae, quas proxime ad me scripsisti, mihi non sunt redditae 2 , doctissime Bullingere, eamque ob causam non est, quod earundem responsionem heic expectes. Quominus autem eas acceperim, D. Nicolai Vadivillii 3 incuria fuit in culpa. Quum enim milites ex Bremgartina expeditione rediissent eumque salutarem, resalutato me dicebat: «Bullingerus quidem epistolam tibi reddendam mihi dedit, sed nescio, an in reliquo literarum fasciculo adhuc sit necne.» Ibi tum ego: «Quaeso, operam des, ut requiratur.» At interim bonus ille vir eam mihi non misit. Proinde, si quid tum scripseras, quod me vel Megandrum 4 scire referat, oratum te volo, ut id in proximis tuis ad me literis a repetas. Ex hoc nuntio, qui hasce tibi perferet 5 , audivi te una cum Gervasio 6 , collega tuo, adeoque tota familia Tigurum profugisse propter Quinquepagorum tyrannidem, que nunc, proh dolor, plusquam

a Hier und weiter unten am Rande Bemerkungen von J. H. Hottinger zum Inhalt.
1 Siehe oben S. 215, Anm. 55.
2 Bullingers Brief ist nicht erhalten.
3 Niklaus von Wattenwyl, gest. 1551, ältester Sohn des Schultheißen Jakob von Wattenwyl, Priester, Dr. des kanonischen Rechtes, seit 1508 Chorherr am St. Vinzenzenmünster in Bern. Bald stieg er zu hohen geistlichen Würden auf, u. a. als Propst in Lausanne (1516), Domherr in Konstanz (1517) und von Basel (1518), Abt zu Montheron (Kt. Waadt), Propst in Bern (1523), er galt 1522 als möglicher Nachfolger von Matthäus Schiner als Bischof von Sitten, doch begann zu dieser Zeit seine Hinneigung zur Reformation. Schon vorher hatte er einige Lutherschriften kennengelernt (s. Feller 113). Zwingli wandte sich 1523 brieflich mehrmals an ihn (Z VIII 101-107) und widmete ihm die Schrift «Von göttlicher und menschlicher Gerechtigkeit» (Z II 458ff). Am 1. Dezember 1525 verzichtete von Wattenwyl auf seine geistlichen Würden und heiratete 1526 Clara May, die Schwester der Barbara (s. oben S. 183, Anm. 1). Während der Berner Disputation stellte er Zwingli sein fürstlich ausgestattetes Haus in Bern zur Verfügung. Er präsidierte die Disputation von Lausanne und war seit 1539 Mitglied des Chorgerichtes in Bern. Bullinger kannte ihn sicherlich seit der Berner Disputation. Diese Briefstelle läßt darauf schließen, daß von Wattenwyl sich im Zweiten Kappeler Krieg mit den bernischen Truppen bis zu ihrem Rückzug im Freiamt bzw. in Bremgarten aufhielt. Bullinger benutzte diese Gelegenheit, um seinen Brief nach Bern zu schicken. Aus späterer Zeit ist ein Brief Bullingers an ihn erhalten geblieben. — Lit.: ABernerRef, Reg.; Z VIII 101, Anm. 1; A. von Wattenwyl, Art. Niklaus von Wattenwyl, in: SBB IV 214-216; Feller 138; Blösch, Art. Niklaus von Wattenwyl, in: ADB XLI 249f; HBLS VII 431.
4 Kaspar Megander (Großmann), s. oben S. 214 f, Anm. 53.
5 Vielleicht ein amtlicher Kurier aus Zürich.
6 Gervasius Schuler, s. oben S. 193, Anm. 5.

turcice apud Bremgartinos ac Mellingenseis 7 saevit 8 . Gaudeo itaque atque congratulor quidem tibi ac tuis, quod greek greek greek greek, greek greek greek greek 9 exoptatissima praeda elapsi sitis. E diverso non possum non reliquorum fratrum, qui isthic manserunt, vicem dolere, quod velint-nolint papisticam abominationem recipere cogantur 10 . Imo vero multo magis hi b mihi videntur c deplorandi, qui sua perfidia eos in tantum periculum coniecerunt. Tametsi enim sursum ac deorsum externa illa nostrae religionis misceantur, tamen ex Christi ore scio neminem posse ullam oviculam ipsi eripere [Joh 10,28]. Utinam tanti facinoris authores commissa sua agnoscant ac in viam redeant; nisi enim hoc fiat, gravissimas deo, omnium scelerum ultori, poenas dabunt. Gaspar Megander, Franciscus 11 ac Bertoldus 12 tibi multam salutem adscribere iusserunt. Salutabis et tu vicissim meo nomine Leonem 13 14 15 , Pellicanum , Myconium , Binderum 16 , Collinum 17 et Amanum 18 , Rodolphum denique Thumisium 19 cum
b aus ii korrigiert.
c nach videntur gestrichen magis.
7 die Bewohner von Mellingen im Freiamt (Kt. Aargau).
8 Zu dem auf das Freiamt und Bremgarten ausgeübten Druck der fünförtischen Truppen und zur Rekatholisierung der beiden Städte s. Bucher 171-176.
9 Gemeint sind die fünförtischen Truppen.
10 Siehe Bucher, aaO.
11 Franz Kolb, s. oben S. 215, Anm. 54.
12 Berchtold Haller, s. oben S. 205, Anm. 1.
13 Leo Jud, s. oben S. 55, Anm. 1.
14 Konrad Pellikan, s. oben S. 201 f, Anm. 11.
15 Oswald Myconius (Geißhüsler), 1488-1552, geboren in Luzern, besuchte die Schule in Rottweil, studierte 1510-1514 in Basel, wurde dort Lehrer zu St. Theodor, dann zu St. Peter, 1516 Schulmeister am Großmünsterstift in Zürich. Hier bemühte er sich mit Erfolg um die Wahl Zwinglis. Seit 1519 Schulmeister in Luzern, dort wurde er 1522 wegen seiner reformatorischen Gesinnung ausgewiesen und kam als Nachfolger Leo Juds nach Einsiedeln. 1523 kehrte er wieder nach Zürich als Lehrer am Fraumünster zurück. Myconius war einer der engsten Mitarbeiter Zwinglis. Nach dessen Tod wollte er nicht mehr in Zürich bleiben (zur Zeit dieses Briefes hielt er sich zweifellos noch dort auf), zog nach Basel und wurde am 22. Dezember 1531 Pfarrer zu St. Alban. Im August 1532 trat er die Nachfolge Oekolampads an. Bis zu seinem Tode wirkte er als Antistes und Professor. Temperamentvoll und empfindlich, nahm er im Abendmahlsstreit, in Verbindung mit Bucer und Calvin, eine vermittelnde Stellung ein. Myconius verfaßte einige, nur z. T. erhaltene, religionspolitische und theologische Schriften, u. a. das Basler Glaubensbekenntnis von 1534, ferner die erste Biographie Zwinglis. Er besorgte die Herausgabe von Oekolampads Predigten und Vorlesungen sowie des Briefwechsels Oekolampads und Zwinglis. Bullinger lernte ihn vermutlich um 1523/24 in Zürich kennen. Die reiche Korrespondenz nach 1531 zeugt von Freundschaft und Zusammenarbeit, die freilich 1549-1551 etwas getrübt wurde, weil die Basler zu den Verhandlungen um den Consensus Tigurinus nicht beigezogen wurden. — Lit.: Willy Brändly, Oswald Myconius in Basel, in: Zwa XI 183-192; Otto Erich Strasser, Art. Myconius, in: RGG IV 1230; Oskar Vasella, Art. Myconius, in: LThK VII 716; Schl. 16212-16216.16560. 55186.57192-57196.
16 Georg Binder, gest. 1545, aus Zürich, studierte 1513-1519 bei Vadian in Wien, zuletzt als Baccalaureus, und brachte als einer der ersten Lutherschriften in die Eidgenossenschaft. In der zweiten Hälfte 1519 wurde er an Stelle von Myconius Schulmeister am Großmünsterstift. Persönlich Zwingli treu ergeben, zog man ihn 1522 im Fastenhandel auch zur Rechenschaft (AZürcherRef 233), er unterstützte Ludwig Hätzer bei der Bearbeitung der Akten zur Zweiten Zürcher Disputation und übersetzte Zwinglis «Subsidium sive coronis de eucharistia», 1525 (Z IV 456f). Binder machte sich als Lehrer und Schuldramatiker vielfach verdient. Bullinger muß ihn bereits 1523/24 in Zürich kennengelernt haben. — Lit.: Z VIII 372, Anm. 12; HBLS II 247; Oskar Eberle, Art. Binder, in: NDB II 243, mit weiterer Lit.
17 Rudolf Collin (Clivanus, Am Bühl, Zum Bühl), 1499-1578, geboren in Gundolingen (Kt. Luzern), erhielt seine Ausbildung in der Stiftsschule Beromünster, in Luzern bei Johannes
uxore d 20 , cui dicas, velim, patris 21 ac fratris 22 sui interitum in domino mihi multum dolere.

Dum epistolam hanc iam finiturus eram, in mentem mihi venit agricolarum Bernatium conventus, quem hic habent 23 de quo tametsi pauca cognoverim, tamen, quidquid mihi scire licuit, huc ceu coronidis vice subiicere placuit. Aiunt eos inter reliqua postulata sua a senatu populoque postulare, ut iunioribus vel a

d cum uxore übergeschrieben.
19f Zimmermann (Xylotectus) und in Basel bei Heinrich Glarean. 1517 bezog er die Universität Wien, wurde Vadians Schüler, kehrte 1519 in die Schweiz zurück und lernte in Zürich Zwingli kennen. 1519-1521 studierte er mit Johann Jakob Ammann (s. unten Anm. 18) in Mailand; heimgekehrt übernahm er das Amt des Schulmeisters im Kloster St. Urban (Kt. Luzern) und erhielt 1522 eine Chorherrenpfründe in Beromünster. Wegen seiner evangelischen Haltung zog er 1524 nach Zürich, wo er bis 1529 den Seilerberuf ausübte. 1524 beteiligte er sich an dem Zug der Zürcher zur Unterstützung Waldshuts und 1525 an einem Feldzug Herzog Ulrichs von Württemberg. Collin erwarb das Zürcher Bürgerrecht, heiratete und wurde 1526 mit seinem Freund Ammann als Griechischlehrer an der Großmünsterschule angestellt. 1528-1531 erfüllte er zahlreiche kirchliche und diplomatische Missionen. In Begleitung Zwinglis nahm er an den Religionsgesprächen von Bern und Marburg teil. Als Vertrauensmann des Reformators wurde er nach 1531 der Vormund von Zwinglis Kindern. Collin veröffentlichte Übersetzungen des Euripides und des Demosthenes ins Lateinische sowie drei Leichenreden u. a. auf Bullinger. Die von den Zeitgenossen geschätzten poetischen Werke blieben ungedruckt; seine Autobiographie in: Misc. Tig. I/11-29. Bullinger lernte ihn vermutlich um 1524 in Zürich kennen und studierte 1527 bei ihm Griechisch (HBD 11,12). Collin war bei Bullingers letzter Begegnung mit Zwingli in Bremgarten anwesend (HBRG III 49). — Lit.: HBRG I 428; II 224; Konrad Furrer, Rudolf Collin. Ein Charakterbild aus der Schweizerischen Reformationsgeschichte, in: ZWTh V, 1862, 337-399; Z VII 339 f, Anm. 1; HBLS I 337; Alfred Hartmann, Art. Collinus, in: NDB III 325, mit weiterer Lit.
18 Johann Jakob Ammann, 1500-1573, aus Zürich, studierte 1517-1519 bei Glarean in Paris, im Sommer 1519 bei Beatus Rhenanus in Basel, seit Herbst desselben Jahres zusammen mit Collin Jurisprudenz in Mailand. 1521 hielt er sich in Basel und Zürich auf, wo er 1524 Chorherr wurde. Zwingli, Myconius und Glarean rühmen ihn als guten Schüler. Nach dem Tode Ceporins beauftragte man 1526 ihn und seinen Freund Collin mit der griechischen Lektion an der Großmünsterschule; außerdem wirkte er als Professor der Logik und Rhetorik, später auch der lateinischen Sprache. Anfang 1526 nahm er mit Sebastian Hofmeister in zürcherischem Auftrag am Religionsgespräch von Ilanz (Kt. Graubünden) und 1528 an der Berner Disputation teil. Seit 1533 war er Schulherr. Ammann verfaßte zwei dialektisch-rhetorische Schulbücher (1559). Bullinger lernte ihn um 1523/24 kennen; 1527 war Ammann einer der Griechischlehrer Bullingers (HBD 11,12) und wurde 1552 Pate von dessen Enkelin Verena (HBD 43,13).— Lit.: Z VII 198, Anm. 1; LL I 193f; HBLS I 344.
19 Johann Rudolf Thumysen, gest. 1552, Sohn des Zunftmeisters Rudolf Thumysen (s. oben S. 148, Anm. 72), seit 1517 Kaplan in Kilchberg (Kt. Zürich), 1523 Pfarrer in Regensdorf (Kt. Zürich), 1526 Kaplan bzw. Helfer am Fraumünster in Zürich. — Lit.: AZürcherRef 1414. 1714, S. 733; Pfarrerbuch 566; LL XVIII 368.
20 Die Ehefrau ist nicht bekannt.
21 Zunftmeister Rudolf Thumysen (s. oben S. 148, Anm. 72), er fiel bei Kappel.
22 Zwei seiner Brüder sind bei Kappel gefallen: 1. Großhans Thumysen, Haffengießer, 1528 Ratsherr, Stadtfähnrich, als solcher nahm er 1529 an dem Zug nach Rüti (Kt. Zürich) und Uznach (Kt. St. Gallen), 1531 am Müsserkrieg und am Zweiten Kappeler Krieg teil. — Lit.: HBRG III 130.142; LL XVIII 368; HBLS VI 736; Jacob 278, Anm. 10. 2. Junghans Thumysen, «vortrager des [Hauptmann] Göldlis fendli», beteiligte sich in der Kappeler Schlacht an der Rettung des Stadtbanners und fiel wahrscheinlich unmittelbar nachher, HBRG III 130f. 143; HBLS VI 736.
23 Um den Forderungen der Landschaft zuvorzukommen, bekräftigten Berns Rät und Burger am 27. November 1531 ihren Willen zum Festhalten an der Reformation (s. Anshelm VI 126,9-11; de Quervain 175ff). Trotzdem ging die Obrigkeit im sogenannten Kappeler Brief auf die Eingaben der Landschaft ein (s. de Quervain 231ff; Feller 233f).

Svevis vel a Gallis, quos ipsi Grischeneier 24 vocant, oriundis senatu motis ac Bernates antiqui ac clari generis in eorum locum subrogentur 25 , deinde ut liberi sint a minoribus decimis 26 gallinis saturnalibus 27 et officiis servilibus dominis suis nobilibus praestandis 28 , tertio ut forum illud iudiciale, quo matrimonii causae discutiuntur, abrogetur 29, quarto rumor est eos a senatu causam quaesituros istius belli 30 , cur videlicet tanto cum sumptu alter ursus 31 solidum mensem Zofingae et Arovie delituerit hostemque aggredi noluerit 32 . Haec in praesentia de agricolis per rumores audio; ubi compositis rebus certiora cognovero, tibi quoque impartiam.

Vale.

Ex Berna, 3. decembris anno 1531

Tuus Joan. Rhellicanus.

[Adresse auf der Rückseite:] Henricho Bullingero, Tiguri nunc exulanti, amico ac fratri suo in Christo charissimo.

24 Ursprünglich die Einwohner von Gressoney (am Monte Rosa, Italien), die als Krämer die Schweiz durchzogen; deshalb auch übertragen: Krämerseelen, gewinnsüchtige Leute, SI II 815 f. Mit «Grischeneier» waren in erster Linie die beiden Familien italienischen Ursprungs, Manuel und May gemeint (Feller 166.233).
25 Entspricht dem 6. Artikel der Eingabe des Landvolks, 5. und 6. Dezember 1531. Die Obrigkeit verwahrte sich aber im 7. Artikel des Kappeler Briefes gegen jeden Eingriff in die Behördenwahl, de Quervain 237.
26 Die Aufhebung des kleinen bzw. jungen Zehnten wurde nur z. T. bewilligt, de Quervain 233.239; vgl. Richard Feller, Der Staat Bern in der Reformation, Bern 1928. — Gedenkschrift zur Vierjahrhundertfeier der Bernischen Kirchenreformation, Bd. II, S. 209 f.
27 Gemeint ist die jährliche Abgabe eines «Fastnachts»- oder «Weihnachtshuhnes» (freundliche Auskunft von Herrn Prof. Dr. Karl S. Bader, Zürich; zum Ausdruck s. SI II 1375). Den Erlaß der «Fastnacht-Hühner» hat das Landvolk bereits 1528 verlangt (s. de Quervain 92). — Diese Forderung wurde in der Eingabe vom 5. Dezember 1531 nicht gestellt.
28 Auch diese radikale Forderung wurde offenbar fallengelassen.
29 Das Chorgericht wurde am 29. Mai 1528 ins Leben gerufen und eine Ordnung des «Chor- und Ehegerichts» im Mandat vom 8. März 1529 aufgestellt, s. de Quervain 43 f; Köhler, Ehegericht I 319 f. Das Gericht setzte sich aus folgenden Mitgliedern zusammen: In der Stadt zwei Prediger, zwei Vertreter des Kleinen und vier (ursprünglich zwei) des Großen Rates; auf der Landschaft in jeder Kirchgemeinde zwei vom Landvogt ernannte Gemeindeglieder und der Pfarrer. Diesem Gericht oblag die undankbare Aufgabe der Sittenüberwachung, worin es von den Pfarrern nachdrücklich unterstützt wurde, weshalb sich der Groll des Volkes besonders gegen die Geistlichen richtete. Von einer Abschaffung des Chorgerichtes war in der Eingabe nicht mehr die Rede, wohl aber von der Entfernung aller Prädikanten. Nach anfänglichem Zögern wurde diesem Wunsch entsprochen; erst 1536 wurden die Pfarrer wieder in das Gericht berufen, s. de Quervain 24ff. 56ff. 232ff; Köhler, Ehegericht I 308-357; Feller 246f.
30 Siehe de Quervain 234.237.
31 Mit dem «zweiten Bär» sind die mit dem zweiten Banner in das Gebiet des Aargaus entsandten bernischen Truppen gemeint, vgl. Feller 227.
32 Davon findet sich nichts in der Eingabe.

46

BERCHTOLD HALLER AN
BULLINGER
[Bern],
6. Dezember 1531

Autograph: Zürich ZB, Msc A 51, 15 2/3 fol. S., sehr gut erhalten, mit Siegelabdruck Gedruckt: Füssli I 85-89

Teilt ihm die Berufung nach Bern mit und beschwört ihn, unter Hinweis auf die kritische kirchliche Lage in Bern, sie anzunehmen.

Gratiam et pacem a domino.

Quod temporum nostrorum calamitatem conquerar, Heinrice charissime, epistola non patitur. Ex amicorum et in senatu nostro primatum iussu nuncium hunc ad te amandavimus, cum patriam deserere coactus sis - dominus novit, cuius culpa factum - et nunc a Basiliensibus 2 simul et Tigurinis, ut certo apud nos fertur, vocationem paratam habeas 3 . Precantur te fratres cordatissimi, qui sunt Berne, quominus[?] a et eorum quoque, etsi nihil de te meriti, vocationem minime contemnas; en enim tibi iam dudum parata est. Habet Basilea doctos innumeros, quos et Tigurum; Berna sola, que tamen est populosissima, 187 parrochiarum, neminem habet. Megander 4 a contionibus quiescere iussus est; causam proculdubio accepisti 5 . Quod si admittatur, ut opto, nihilominus certissima et paratissima est tua vocatio. Franciscus 6 senio indiem deficit, Bertoldus 7 podagra, hernia et mole corporea sic gravatur, ut plus satis. Proinde in tota ditione nullos ferme habemus, qui vel lectione vel linguarum vel scripture cognitione aliquid possint. Cum itaque tantam gentem et lucrifacere et Christo servare per dominum possis, nisi nolis esse christianus, te nobis non negabis. Volunt itaque et primates ex senatu et civibus item et plebe certi esse, Bullingerum futurum Bernatem, quare hoc nuncio certiores tui reddas, ut speramus omnes. Audio ab adversariis bibliothecam tuam devastatam 8 ; nihil turberis: apud nos omnia reperies necessaria, nec quippiam de conditione diffidas. In summa: precamur, speramus, immo volumus Bullingerum nostre vocationi indulgere; respondeat nec aliud quam quod velit noster esse. Interim ubi animum tuum intellexerimus,

a Die unklare Abbreviatur könnte möglicherweise auch quorum bedeuten.
1 Siehe oben S. 205, Anm. 1.
2 Siehe oben Nr. 42.
3 Dazu s. Zsindely 668ff.
4 Siehe oben S. 214f, Anm. 53.
5 Die Ursache der Spannung zwischen dem Zürcher Megander und der Berner Obrigkeit lag in dessen heftiger Agitation gegen die V Orte sowie in der scharfen Kritik an der Haltung Berns im Zweiten Kappeler Krieg begründet, s. ebenda.
6 Franz Kolb, s. oben, S. 215, Anm. 54.
7 Haller.
8 Dies entsprach nicht der Wahrheit; Bullinger berichtet selbst, daß ihm an seinem in Bremgarten zurückgelassenen Eigentum durch die fünförtischen Besatzungstruppen «kein schad beschah, onet das er umm allen wyn kamm» (HBRG III 268). Die Rückgabe und Überführung seiner Bücher nach Zürich erfolgte nach Verhandlungen mit Bremgarten gegen Ende 1531 (HBD 21, 15-18).

senatus noster te legittimo nuncio et litteris vocabit, ut et Tigurinis et omnibus commodius satisfacere possis. Hec vero, quae scribo, cordi tuo scripsero, que volebam ante bellicum hunc tumultum tecum contulisse. Nihil dubites de me; officiosissimum habebis suppedaneum Bertoldum tuum, immo si libet fratrem germanum. Habebis etiam propiciam plebem in urbe, quae te pleraque novit et audivit 9 . Nec deerit senatus, quorum [!] magna pars, etiam quos papistas credimus, te maxime cupit. Exacerbati sunt exacerbatione, quam proculdubio didicisti a Francisco 10 , quod nihil verearis. Modestia dominus plus per me egit quam acerbitate.

Vale et pro votis nostris rescribe, quod si non feceris, certe me moriturum brevi mallem quam ita destitutum, quod etiam spero. Rursum vale.

6. decembris anno 31.

Tuus ex animo minimum nummisma

Bercht. H.

[Adresse auf der Rückseite:] Heinrico Bullingero docto iuxta atque pio, fratri suo semper charissimo b

b darunter von fremder Hand: 6. decembris 1531, Bullingerus vocatur Bernam; B. Halleri manus.
9 Nach Bullingers eigenem Zeugnis hat er in Bern während der Disputation 1528 nicht gepredigt (s. HBRG I 436f). Fest steht jedoch, daß die bernischen Abgeordneten an der Tagsatzung vom Juni, Juli und August 1531 in Bremgarten Bullingers zum Frieden mahnenden Predigten oft beigewohnt hatten (HBRG III 292; Blanke 150f). Auch die bernischen Truppen, die zum Schutze Bremgartens im November 1531 dort stationiert waren, hatten Gelegenheit genug, den Prediger Bullinger zu hören und kennenzulernen (s. HBRG III 230. 256f. 292).
10 Kolb (s. oben S. 215, Anm. 54) war Feldprediger der bernischen Truppen und verhandelte bereits im November mit Bullinger in Bremgarten über die Möglichkeiten einer Amtsübernahme in Bern (s. Zsindely 668).

47

[BULLINGER AN
BÜRGERMEISTER UND RAT VON BASEL]
[Zürich,
nach dem 9. Dezember 1531]

Autographe Abschrift oder Konzept: Zürich ZB, Msc A 51, 13r. 1 S. 4°, sehr gut erhalten Gedruckt: Rudolf 2

Lehnt die Berufung nach Basel wegen seiner Wahl in Zürich dankend ab und empfiehlt an seiner Stelle Gervasius Schuler.

Wie ich üw[er] ersam[en] wysh[eit] vor vergangner tagen ein zyl 3 14 tagen zugemutet 4 hab 5 darinn ich ü[wer]w[ysheit] ein entliche antwurt gäben möge, hat sich darzwüschend ein ersammer radt miner h[erren] von Z[ürich] erckant 6 : sidmal ich inen mitt eydspflicht, von Cappel har langend 7 , verbunden, söhe ich still ston 8 und niemands nützid 9 zu sagen biß uff wyterenn bescheyd 10 . Darzwüschend habend mich beyde rät einhällencklich 11 zuo iro prädicanten erwellt ann deß abgestorbnen M[eister] H[uldrych] Z[wingli]12 seligen statt. Welchs ich ü[wer]w[ysheit] himitt [!] kundtthun, damit ir nitt wyter verzyhind 13 , und sag üch ouch, ersamme und wyse herren, minen höchsten danck; üwer trüw und liebe, so ir zuo mir gehept 14 will dero den tag und ich lieb [!]15 zu gutem nimmer vergässen. Und bitten üch hieby zum höchsten, gnädigen herrenn, ir wellind üch zöugernn disers brieffs 16 an min statt lassen befolhen sin; dann er ze Bremgarten lütpriester gewäsen, sich eerlich und gepurlich 17 getragen hat, ist ouch der maß berycht 18 und gelart inn dem handel gottes, daß ir in allwäg 19 mitt imm versorget werind.

Hiemitt etc. a

a auf der Rückseite Bemerkung von fremder Hand: anno 1531; auch an Basel: eröfnet sein waal zu einem predikanten [in] Zürich.
1 Die Wahl Bullingers in Zürich, über die er hier berichtet, fand am 9. Dezember statt (s. HBD 21, 10-14; Blanke 154f). Es ist allerdings möglich, daß er diesen Brief erst unmittelbar nach der Ratssitzung vom 13. Dezember schrieb, als er auch den Bernern seine endgültige Antwort gab (s. Zsindely 672).
2 Wiedergabe des Textes in modernisierter Form.
3 Endtermin.
4 von euch verlangt.
5 Siehe oben Nr. 44.
6 beschlossen.
7 herrührend, herstammend (SI III 1333).
8 zuwarten (SI XI 730).
9 nichts.
10 Siehe HBRG III 293; Bullinger leistete im April 1528 den Synodaleid in Zürich und war dadurch verpflichtet (s. Blanke 150).
11 einhellig, einstimmig (vgl. SI II 1140).
12 Siehe oben S. 67, Anm. 6.
13 verzögert werden.
14 gehabt.
15 so lange ich lebe.
16 den Vorzeiger dieses Briefes: Gervasius Schuler (s. oben S. 193 f, Anm. 5).
17 gebührend, geziemend (SI IV 1532) benommen.
18 unterrichtet.
19 jederzeit, immer.

48

SCHULTHEISS UND RAT VON BERN AN
BULLINGER
Bern,
11. Dezember 1531

Original: Zürich ZB, Msc A 51, 16 1/2 doppelfol. S., sehr gut erhalten, mit Siegelabdruck Gedruckt: Füssli I 88f; ABernerRef 3255

Berufung Bullinger: nach Bern.

Unnsern früntlichen gruß unnd alles gutt zuvor 1 , wolgelerter, wyser, sonders lieber unnd gutter fründ.

Uns zwifelt gar nüt, du tragest noch gutt wüßen 2 , was Meister Frantz Kolb 3 unser predicant, mit dir zu Bremgarthen geredt 4 , desglichen was dir der Berchtold Haller 5 , ouch unser predicant, nechster tagen zugeschryben 6 . Dwyl nun erstbemeltem Berchtolden vonn dir schriftlich antwurt daruff zukhomen 7 , daruß vermerckt wyrt 8 , mit was fürworten 9 und gedingen 10 unser eydgnoßen von Zürich dich unnd ander verkhünder gottes wortt binden wellend, die äben 11 schimpiflich a und unsers bedunckens 12 keinem prophettenn 13 anemlich 14, deßhalb wir uß günstiger meynung, die wir zu dir tragen 15 von wegen dins erbaren wandels und christenlicher leer, dich hiemit pittlich anzesuchen verursachet 16 , ob es dir anmütig 17 und als 18 gern by uns sin wilt, als wir diner person begeren 19 und

a am Rande von fremder Hand: NB. quid hoc?
1 im voraus.
2 erinnerst dich noch gut.
3 Siehe oben S. 215, Anm. 54.
4 Kolb hielt sich als Feldprediger im November 1531 in Bremgarten auf (HBRG III 263).
5 Siehe oben S. 205, Anm. 1.
6 Siehe oben Nr. 46.
7 angekommen, eingetroffen. —Bullingers Antwortbrief an Haller, den er wahrscheinlich am 9. Dezember schrieb (s. Zsindely 672), blieb nicht erhalten.
8 ersichtlich, zu vernehmen ist (vgl. Wörterverzeichnis in Anshelm VI 346).
9 Vorschriften (ebenda 350).
10 Bedingungen (ebenda).
11 ziemlich, recht (SI I 45).
12 nach unserer Meinung.
13 Nämlich: keinem Verkünder des Gotteswortes, keinem evangelischen Prediger.
14 annehmbar. — Gemeint ist Art. 4 im «Meilener Verkommnis», das am 28. November 1531 von den Vertretern der Landschaft und am 9. Dezember vom Zürcher Rat angenommen wurde (s. HBRG III 287 und Blanke 137ff. 148). Der Text des Artikels wurde Bullinger und seinen Amtsbrüdern, die am 9. Dezember vor dem Bürgermeister und den Räten erschienen waren, gleich nach Bekanntgabe von Bullingers Wahl zum Nachfolger Zwinglis mitgeteilt. Demnach hatten sie sich fortan nicht nur jeder Einmischung in politische Angelegenheiten zu enthalten, sondern auch in der Predigt ein Schelten der Leute als «gottloß» oder «bößwillig» zu vermeiden. Bullinger erkannte die Tragweite dieses die Verkündigung beschränkenden Beschlusses. Deshalb machte er die Annahme des ihm angebotenen Amtes von einer genauen und befriedigenden Erläuterung dieser Bestimmung abhängig. Den Predigern wurde eine viertägige Bedenkzeit eingeräumt. Diese Vorgänge hatte Bullinger nach Bern berichtet, was zum Anlaß dieser zweiten Berufung wurde (s. Zsindely 672f).
15 von dir haben.
16 veranlaßt (wurden), SI VII 121.
17 angenehm.
18 so, ebenso wie ... (SI I 197).

haben wellend, das du dich mit disem unserm harumb allein zu dir abgevertigotten pottenn verfügest 20 , unser khilchen in verkhündung gottes wort vorzestan; wellend wir mit dir dermaß diner libß 21 narung und wolhaltung halb verkhomen 22 , das du ein gut benügen 23 vonn unns haben solt.

Datumb in yl 24 11. decembris anno etc. 31°.

Schultheis und rat zu Bern.

[Adresse auf der Rückseite:] Dem wolgelerten wysen Meister Heinrich Bullinger, verjechernn 25 gottes wort, jetz zu Zürich, oder wo er betretten 26 wirt, unserm liebenn und guten fründ b.

b oberhalb und unter der Adresse von fremder Hand: 11. decembris anno 1531; ein stad Bern begert H. Bullingers, NB.
19 wünschen.
20 zu uns begibst.
21 Leibes.
22 übereinkommen (SI III 277).
23 Genüge, Zufriedenheit (Wörterverzeichnis, Anshelm VI 338; vgl. noch SI IV 701).
24 Eile.
25 Verkünder, Bekenner, Ausleger (vgl. Wörterverzeichnis in Anshelm VI 345; SI III 50.
26 angetroffen.

49

BERCHTOLD HALLER AN
BULLINGER
[Bern],
11. Dezember [1531]

Autograph: Zürich StA, E II 360, 65 1 fol. S., sehr gut erhalten, mit Siegelabdruck Ungedruckt

Bedauert Bullingers Absage an Bern, ist empört über die Forderung des Zürcher Rates zur Einschränkung der freien Predigt, beschwört Bullinger, diese Forderung zum Anlaß zu nehmen, um doch nach Bern zu kommen, und berichtet vom Abkommen zwischen der Berner Landschaft und der Regierung über Kirchenfragen sowie von Meganders Schwierigkeiten wegen seiner Kritik an der Obrigkeit.

Gratiam et vite innocentiam a deo per Christum.

Ach, lieber Heinrich, ich kan voll bekümertem herzen wäder tütsch noch latin schriben, so ich so ein unverhoffte 2 antwurt 3 von dir enpfahen 4 , zu dem, daß ich schon bettligerig 5 , bruder Caspar 6 still gestelt 7 , dem alten Frantzen 8 allein alle sach ze schwär und in allem 9 Bern nitt einer funden 10 , der ein predig versähen 11 künd 12 hac rerum omnium et hominum turba!

Ich hab geläsen das unbillich anmuten 13 , so für den fierden artickel verfasset 14 , nitt gnugsam künnen verwundren und vertruren 15 , daß es uff ein sömlichen 16 propheten 17 eim volck darzu kumpt 18 , et, ut libere tecum loquar, ter miser sum quaterque 19 ; citius mendicatim et ostiatim victum congererem, quam ut illi assentirem. Tyrannis est plus quam papistica, quam vix e nostrorum manibus eruimus, et nunc illi non solum suis ecclesiis et ministris incommodant, immo et nostris exemplum et ansam quasi ex praescripto praefigunt. Apud nostrates unica acerbitas non in vitia, non impietatem etiam qualemcumque, sed concitandorum animorum in arma etiam optimis odiosum fecit quorundam evangelium, ubi modestia unius Heinrici Bullingeri omnia recuperari possint. Tacui ego, nolens prophetias extinguere, probare negligens, quod ex vero propheta Zuinglio omnia esse crederem.

1 Siehe oben S. 205, Anm. 1.
2 unerwartete.
3 Bullingers Brief ist nicht erhalten.
4 empfangen.
5 Hallers Krankheiten s. oben S. 229,20 f.
6 Megander, s. oben S. 214f, Anm. 53.
7 mit Predigtverbot belegt. — Dazu s. oben S. 229, Anm. 5.
8 Franz Kolb, s. oben S. 215, Anm. 54.
9 im ganzen (SI I 167).
10 findet sich keiner, ist nicht einer bekannt (SI I 847).
11 besorgen, sein Amt (das Predigen) ausüben (SI VII 868f).
12 könnte.
13 den unbilligen Wunsch, die Zumutung (vgl. SI IV 586).
14 Ergänze: ist. —Art. 4 des Meilener Verkommnisses (ausführlicher s. oben S. 232, Anm. 14).
15 darüber trauern.
16 solchen.
17 Huldrych Zwingli.
18 daß es mit einem Volk soweit kommt.
19 Vgl. Adagia, 2, 9, 5 (LB II 665 A).

In summa sic se res nostra habet: unser puren 20 ex toto agro hend ir bottschafft 21 ze Bern gehept 22 und wie wol ex suggestione antichristi vil ungschickts welle [!] verschaffen 24 jedoch invertit dominus potentissime omnium a impiorum consilia 25 Die von Bern mitt all ir lantschafft habend sich einhellig vereinbaret, bi gottes wort, angenumner reformation mandaten ze beliben und nütt darin geendret, dann daß ad declinandam invidiam et ne functio pastorum reddatur odiosa, allen predicanten abgenummen 26 , imm land kein eegoumer ze sind 27 , sunder das den amptlüten by eiden inknüpft. 28 . Si wellend ouch nitt ire pfarrer halten wie dinget 29 schmidknecht von eim b 30 Johannis uff den andren, ouch den puren nitt gwalt gaben, si ze entsetzen 31 , wenn es inen gliebt 32 , sunder alle hendel 33 der pfarren 34 form c chorgricht oder in sinodis ze handlen 35 geordnet 36 Es habend wol unser puren nitt wellen 37 das wort «gottlob» nitt dulden 38 , aber min herren hend 39 es inen nitt gstattet 40 . Es habend ouch unser herren unß dick 41 gebetten in eim gsässnen rat 42 , was unß gegen inen anlig 43 , söllend wir inen brüderlich anzeigen 44 dess glychen sy ouch. Utinam deus dedisset conventum ante bella hec misera 45 et licuisset ad saturitatem omnia tibi loqui, quae scribere non datur.

a vor omnium etwas gestrichen.
b auch als ein lesbar.
c auch als forn lesbar.
20 Bauern.
21 ihre Boten, Abgeordnete.
22 gehabt.
23 Einfältiges, Dummes (SI VIII 527).
24 ausrichten, zustande bringen (SI VIII 337).
25 Ausführlicher s. oben S. 227 1, Anm. 23-32.
26 Ergänze: die Verpflichtung.
27 Ehegaumer (SI II 304) zu sein, d. h. im Chorgericht mitzuwirken (s. oben S. 228, Anm. 29).
28 den Amtsleuten bei ihrem Eid eingeschärft, befohlen (SI III 756).
29 gedingte, angestellte (SI XIII 548).
30 einem.
31 abzusetzen.
32 beliebt.
33 Geschäfte, Angelegenheiten.
34 der Pfarreien (SI V 1169).
35 zu verhandeln.
36 verordnet.
37 nicht wollen.
38 In der Eingabe des Landvolkes vom 5. Dezember heißt es, die Prädikanten sollten «ouch der schmütz und scheltworten sich gar und ganz ab zethun», de Quervain 231.
39 haben.
40 In der Antwort der Obrigkeit (de Quervain 236) wird die ganze Angelegenheit der künftigen Synode überlassen. Es heißt zwar, die Pfarrer sollten ermahnt werden, künftig von Scheltworten abzusehen, doch wird hinzugefügt, daß sie aus dem Gotteswort predigen sollten «was zustraff der lastern, und leer der beßrung dienen mag». Das Wort «gottloß» wird nicht erwähnt. Im 27. Kapitel der Akten der Synode vom 9. bis 14. Januar 1532 wurde dann schließlich betont: «Es sollen auch die Pfarrer das Schwerdt göttlichen Worts gleich schneiden lassen und niemands verschonen ...; sie sollen frey heraussagen, was sie nach göttlichem Wort zur Besserung dienlich finden, es gefalle oder mißfalle» (Samuel Fischer, Geschichte der Disputation und Reformation in Bern, Bern 1828, S. 499).
41 öfters.
42 in vollzähligem Rat, einer Plenarsitzung (SI VII 1750).
43 am Herzen liegt (SI III 1210).
44 mitteilen.
45 Der Zweite Kappeler Krieg.

In summa: ich bitt dich, min hertz und bruder, wellist ursach 46 suchen, wie dir wol müglich und och billich, das du zu unß kerist 47 ; hab die artickel 48 ze wort 49 , wellist inen kein inbruch 50 thun, sunder by yrem ratschlag 51 bliben lassen, aber dir sy nitt fuglich 52 , die anzenämen, nitt umb dinett willen, sunder umb aller kilchen gottes willen. Dann gwiss: wie si 53 ein spiegel aller kilchen sind gsin, also wend 54 si ein spiegel aller apostat[arum] gen 55 , das alle stett nahi faren 56 werdend. Ich sagen das, daß mitt unser gmeind gutt ist ze reden und handlen, modo prudenter, non praecipitanter, modo ex zelo secundum scientiam, non ex propria et quam vocant bona intentione, sed veritate, citra notam fellis.

Hoc vereor, Megandrum (novit deus, quam ex corde amem d hominem et ipse vicissim me), etiam si mansurus sit apud nos, parum dei gloriam promoturum; tam exacerbati sunt sua plus quam libera et apostolica acerbitate 57 . Pius in eo est animus, vite synceritas, eruditio non contemnenda; sed dum omnia nobis licent, cogitandum num omnia expedirent 58 . Das ist sin span 59 . Do unser herren zum lettsten den lendern 60 hend die proband 61 wellen lassen gon uff gfallen Tigurinorum zu gon 62 , hätt er geredt palam in contione: «Ir rätt und burger hend gehandlet schantlich und unerlich, das ir vor gott noch vor der welt mitt keinen eeren nimmer mögend verantwurten, und üwere wiber hettind wislicher und eerlicher ghandlet, wärind ir die wil hinder die kuncklen 63 gessessen!» —Tu vel uno verbo indica, nunc e [!] hec functionem nostram deceant in tantula re.

In summa abermals: versich dich 64 alles guts ze Bern; kumpst du, so wirt din bruder zu eim salve [?]f 65 von stund an 66 versähen 67 , ze nächst by der statt, wo nitt, so weiß ich nitt, wie imm jetzmal beschicht 68 , dann unser armen ist ouch vil. Ich bitt dich umb gotswillen: kumm, kumm, kumm, kumm! Der bott 69 sol dich

d anem [?]gestrichen, amem darübergeschrieben.
e Sinngemäß sollte hier num stehen.
f eventuell salvere [?].
46 Grund, Begründung, Gelegenheit, ratio, occasio (SI VII 118f).
47 dich zu uns begibst (SI III 435).
48 nämlich des Meilener Verkommnisses (s. oben S. 232, Anm. 14).
49 benütze die Artikel als Vorwand.
50 Abbruch.
51 Beschluß (SI IX 242).
52 ziemt es sich nicht (vgl. SI I 703).
53 die Zürcher.
54 wollen.
55 geben.
56 ihrem Beispiel folgen, sie nachahmen (SI I 901).
57 Gemeint ist Meganders erbitterte Kritik an der Politik Berns.
58 Siehe 1 Kor 10,23.
59 Streit, Zwist (SI X 279ff).
60 den V Orten.
61 Proviant, Lebensmittel.
62 Sinngemäß: «Als unsere Herren zuletzt den V Orten die Lebensmittelzufuhr, sofern die Zürcher zustimmten, gestatten wollten ... ». Zur Proviantsperre s. Feller 217ff.
63 Spinnrocken (SI III 364f).
64 erwarte, mach dich gefaßt auf... (SI VII 566).
65 Begrüßung (SI VII 862).
66 sofort.
67 sorgen für ..., besorgen, providere (SI VII 568).
68 geschieht.
69 Bote, der amtliche Kurier von Bern (s. oben S. 233, 1f).

ilents 70 selbs fergen 71 . lustam et sanctam habes occasionem; quod si non veneris, ego cogitabo vel Bernam vel officium relinquere.

Vale et fac, ut venientem letus salvere possim. Scio, levabis me podagra!

11. decembris g, hora octava noctu.

Du glichst dem ernst 72 . Ego scio Megandrum plus Tiguri quam apud nos profuturum.

Tuus Bertol. H.

[Adresse auf der Rückseite:] An Meister Heinrich Bullinger, jetz ze Zürich h .

g nach decembris von fremder Hand eingesetzt 1531.
h darunter von Bullingers Hand: domini Berchtoldi Halleri Bernatis.
70 schnell, in Eile.
71 herbeischaffen, bringen (SI I 1003f).
72 Wahrscheinlich: Du bist dem Ernst [der Lage]gleich, d. h. ebenbürtig, gewachsen.

50

BULLINGER AN
SCHULTHEISS UND RAT VON BERN
Zürich,
14. Dezember 1531

Autograph: New York, The Pierpont Morgan Library 1 fol. S., sehr gut erhalten, mit Siegelabdruck Teildruck: Pestalozzi 78 f 1

Bedankt sich für seine Berufung, teilt jedoch mit, daß er in Zürich bereits gewählt sei und Zürich die Freiheit der Predigt nicht beschränken wolle.

Edlen, vestenn, ersammen, frommen, fürsichtigen, wysen a , gnedige und lieben herren, min willig dienst und was ich üch ze guten und gefallen wüste bevor 2 .

Erstlich sagen ich gott danck durch Jesum Christum [Röm 1,8], das er üwer ersamm wyßheyt in sinem wort behallten hatt, und bitten inn 3 von hertzen, er welle üch fürohin 4 sterckenn.

Demnach das üwer wyßheyt mir kleinfügem 5 , unnwirdigem und unverdientem so demütig und trostlich zuschrybend 6, minen ouch zu üwerem predicanten begärend, sag ich ü[wer]w[yßheyt] hohen danck, will ouch üwer eeren trüw und liebe ind eewigheyt nitt vergässenn, sunder mitt allem vermügenn 7 , wo ich möchte und könde, mitt trüw, ghorsamme und bestem flyß beschulden 8 . Wellt 9 ouch, das es gott also 10 gefügt hätte, das ich üch, minen gnedigen herren vonn Bernn hätte dienen mögen 11 , zuo denen ich alle zyt, allß 12 zu wysen, gotsförchtigen und getrüwen, ein besonderbar 13 hertz getragen hab. Dann hett es ouch nitt gheines bittens bedörffen, und noch nitt 14 , wo ich ü[wer] w[yßheyt] willfaren möchte.

Nun aber hatt es gott also gefügt, daß mich mine herren vonn Zürych b angenommen 15 habend, denen ich vonn ettwas 16 jaren har mitt eydspflicht, allß 17 ich ouch M. Frantzen 18 ze Bremgarten c eigentlich 19 vorgemeldet 20 hab 21 , verbunden

a wysen übergeschrieben.
b Zürych unterstrichen.
c M. Frantzen und Bremgarten unterstrichen.
1 Wiedergabe des Textes in modernisierter Form.
2 zu allererst, vor allem.
3 ihn.
4 weiterhin.
5 Geringem, Unbedeutendem.
6 Siehe oben Nr. 48.
7 Vermögen, Fähigkeit.
8 vergelten.
9 (ich) wollte.
10 so.
11 können.
12 wie (SI I 198).
13 besonderes.
14 auch jetzt noch nicht.
15 in Dienst genommen (SI IV 739).
16 einigen.
17 wie.
18 Kolb, s. oben S. 215, Anm. 54.
19 genau.
20 vorher berichtet.
21 Siehe oben S. 232, Anm. 4.

bin 22 . So habend sy ouch iro predicanten alle zyl dem göttlichen wort uffgenommen 23 und fry befolhenn ze predgenn d 24 , luth 25 der gschrifft h[errn] Berchtolden e 26 zugeschickt 27 . Dorumb bitt ich, üwer ersamm wyßheyt welle nützid 28 an mich zürnen, dann ich eerenhalb nitt hab anders handlenn mögen. Wellind mich ouch nützid minder 29 üch befolhenn haben; dann hatt es glich 30 jetzund die gestallt 31 , will ich doch allwäg ein Berner und der üwer sin mitt gunst und trüwen diensten, wo ich kan.

Deß botten halb, hat er nützid versumpt 32 , sunder ylends 33 und getrüwlich 34 gesternn zwüschend 7 und 8 morgens 35 die brieff überantwurt.

Damitt sye ü[wer]w[yßheyt]gott befolhen, der welle üch in eeren, fryden und wolstand lang behallten 36 .

Datum Zürych, 14. decembris anno 1531.

Ü[wer]w[yßheyt]underthäniger

Heinrych Bullinger.

[Adresse auf der Rückseite:] Den edlen, vesten, frommen, fursichtigen und wysen herren schuldheyssenn und radt der statt Bernn, minen gnädigen unnd liebenn herrenn.

d Im Konzept vom Vortag (Zürich ZB, Msc A 51, 17) lautete dieser Satz: «So habend ouch mine herren den prädicanten uff hütt 37 das göttlich wort der maß gefryet 38 , daß wir nützid me klagend...»
e Berchtolden unterstrichen.
22 Siehe oben S. 231, Anm. 10.
23 jede dem göttlichen Wort gesetzte Begrenzung (zyl) weggenommen, aufgehoben (vgl. SI IV 737).
24 Am 13. Dezember sprach Bullinger im Namen der Prediger beim Rat vor. Einerseits gab er das verlangte Versprechen, daß sich die Zürcher Pfarrerschaft in politische Geschäfte zukünftig nicht mehr einmischen werde, anderseits hielt er aber an der freien Predigt des göttlichen Wortes fest. Diese Forderung wurde schließlich vom Rat in aller Form akzeptiert; die Vertrauenskrise war überwunden (s. Blanke 157ff; Zsindely 672f).
25 laut
26 Haller, s. oben S. 205, Anm. 1.
27 Die Schrift enthielt wohl den Text der von Bullinger vor dem Rat vorgetragenen Erklärung der Prediger und der vom Stadtschreiber übermittelten Zusage des Rates (gedruckt: HBRG III 293-296). Das Schreiben an Haller blieb nicht erhalten.
28 nichts.
29 nichts desto weniger.
30 zwar, obgleich (SI II 596).
31 denn, obgleich die Sache jetzt so steht, ...
32 versäumt.
33 in Eile.
34 getreu.
35 Also unmittelbar nach der Abgabe der Erklärung vor dem Rat und zu Anfang der darauffolgenden außerordentlich langen Verhandlungen innerhalb des Rates (von 7 bis 11 Uhr: HBRG III 296). — Der Weg von Bern nach Zürich dauerte durchschnittlich zwei Tage, die Ratsboten ritten meist einen Tag und eine Nacht (Tardent 22f). Da die Briefe am 11. geschrieben wurden, derjenige Hallers sogar am Abend, ritt der Bote wohl erst am nächsten Morgen ab und konnte darum Bullinger nicht vor dem frühen Morgen des 13. Dezember erreichen. Die Briefe kamen jedoch früh genug an, um Bullinger in seiner festen Haltung gegenüber dem Rat zu bestärken.
36 erhalten, bewahren (SI II 1238).
37 heute.
38 freigegeben.

51

GERVASIUS SCHULER AN
BULLINGER
[Basel],
18. Dezember 1531

Autograph: Zürich StA, E II 361, 328 3/4 fol. S., sehr gut erhalten, mit Siegelabdruck Ungedruckt

Obwohl er noch nichts Sicheres über seine Anstellung in Basel weiß, billet er Bullinger, seine in Zürich gebliebene Frau zu ermutigen, und übermittelt Nachrichten und Grüße aus Basel.

Gratiam et pacem.

Basileam misisti, charissime frater, sicque litteris tractasti, ut plane non peregrinari, sed in animi delitiis michi vivere videar, tametsi nondum ex voto michi successerit iuxtaque id, quod magno desiderio tu quoque michi eventurum speras. Sic tamen spe fruor, ut indotatus abire neutiquam verear 2 Quod vero iam tibi quid certi significem, non habeo. Interim sese michi obtulit nuncius 3 quem nolui vacuum abire; si per occasionem liberiorem licuerit, scribam. Tu interim perge, ut coepisti, atque uxorem meam 4 satis ampliter adflictam consolare; brevi me non absque foenore uberioris fortunae rediturum nuncia nomine meo. Dominus faxit, ut omnia interim aequo animo feramus, strenui in offitio atque suscepta provintia, bonam militiam deferentes 5 usque in diem expeditionis nostre.

Nichil habeo novarum, que scribam rerum. Basilienses pridie Argentinam perrexerunt, letum nuncium deferentes votique plane compotes facti 6 , quemadmodum Rudolphus Fry 7 , vir pius, retulit fratribus. Speramus propediem omnium rerum conditorem tam lamentabilem casum magno potentie sue foenore reparaturum. Cuius causa negotii et tu quoque omnes conatus animi accomodare ne desinas neque formides. Ego pro mei spiritus dono orationibus tam sanctis conatibus numquam deero.

1 Siehe oben, S. 193f, Anm. 5; Nr. 43.
2 Tatsächlich erhielt er eine Stelle als Diakon zu St. Leonhard in Basel (s. oben S. 193f, Anm. 5).
3 Unbekannt.
4 Siehe oben, S. 222, Anm. 4.
5 Vgl. 1 Tim 1,18.
6 Diese Gesandtschaft wird in den Aktensammlungen nicht erwähnt. Möglicherweise stand sie in Zusammenhang mit Basels Verhandlungen mit den V Orten, die am 22. Dezember 1531 zum Friedensschluß führten (EA IV/1b, 1575); wahrscheinlich suchte Basel in Straßburg Verständnis für diese Politik, vgl. u. a. Hermann Escher, Die Glaubensparteien in der Eidgenossenschaft und ihre Beziehungen zum Ausland, vornehmlich zum Hause Habsburg und zu den deutschen Protestanten 1527-1531, Diss. phil. Zürich, Frauenfeld 1882, S. 300-302 und Ferdinand Schmid, Die Vermittlungsbemühungen des In- und Auslandes während der beiden Kappeler Kriege, Diss. phil. Zürich, Basel 1946, S. 79.
7 Hans Rudolf Frey, etwa 1475-1551, von Mellingen (Kt. Aargau), Kaufmann, seit 1501 Bürger von Basel, zünftig zu Safran und zum Schlüssel, seit 1529 Zunftmeister zum Schlüssel und Ratsherr. 1521 verweigerte er die Annahme französischer Pensionsgelder. Er war einer der Vorsitzenden der ersten evangelischen Synode in Basel vom Mai 1529 (ABaslerRef III 558). 1529 begleitete er Oekolampad zum Marburger Gespräch und trat zu Zwingli in ein freundschaftliches Verhältnis. Frey war Abgeordneter an Tagsatzungen 1529/30 (s. EA IV/1b 298; Z XI 160, Anm. 16) und 1531 Hauptmann der Basler in der Schlacht am Gubel. Ob ihn Bullinger schon damals persönlich kannte, ist ungewiß. Ein Brief von Frey an Bullinger vom 4. Januar 1536 ist erhalten geblieben. — Lit.: Z X 288f, Anm. 5-6; Oekolampad BA I 363, Anm. 1; HBLS III 244.

Vale, delitie mee [!], charissime frater, mearum adflictionum in orationibus tuis ne obliviscaris.

Datum 18. die decembris anno 1531.

Gervasius Scolasticus,

ex animo tuus.

Saluta fratres in Christo, maxime Erasmum 8 meum, qui miris conatibus animi adflictiones meas onere liberavit. Salutat te Marcus Berzius 9 fratrum studiosus.

[Adresse auf der Rückseite:] Heinricho Bullingero plane meo in domino.

8 Wahrscheinlich Erasmus Schmid (Fabricius), etwa 1495-1546, geboren in Stein am Rhein (damals zürcherisch, heute Kt. Schaffhausen), 1509 an der Universität Freiburg immatrikuliert, 1513/14 Magister (Freiburg, Matrikel I 189). Vorübergehend wirkte er als Schulmeister in Sitten. 1516 setzte er seine Studien an der Universität Basel fort (Basel, Matrikel I 330), bald danach wurde er zum Priester geweiht und ließ sich -vermutlich ohne feste Anstellung - in Stein am Rhein nieder. 1518 nahm Schmid mit Zwingli Verbindung auf (Z VII 84-86) und erhielt eine Chorherrenpfründe am Großmünsterstift in Zürich, ohne jedoch vorerst Stein zu verlassen. Ungefähr seit 1520 übten die Schriften Luthers und Karlstadts auf ihn einen großen Einfluß aus und bewirkten sein radikales Eintreten für die Reformation. Nach der Übersiedlung nach Zürich 1522 schloß sich Schmid Zwingli an: er unterschrieb die Eingabe an Bischof Hugo von Hohenlandenberg vom 2. Juli 1522 (Z I 208,22) und nahm an der Ersten Zürcher Disputation teil (Z I 566,8ff). Vermutlich im folgenden Jahr kehrte Schmid als Prädikant nach Stein zurück. Wegen seiner führenden Rolle im Ittinger Sturm 1524 wurde er zeitweilig aus zürcherischem Gebiet verbannt (AZürcherRef 1450). 1528 erhielt er seine Chorherrenpfründe zurück (AZürcherRef 1450; vgl. HBRG III 291). Nach 1528 versah er die Pfarrstelle in Zollikon (AZürcherRef 1492.1714, S. 730. 1757, S. 752. 2002, S. 884). 1535-1538 amtete Schmid als Pfarrer in Reichenweier (Elsaß), vgl. Vadian BW V 253; er kam dann als Archidiakon am Großmünster wieder nach Zürich, wo er kurz vor seinem Tode das Bürgerrecht geschenkt bekam. Bullinger zählt Schmid unter seinen Freunden auf (HBD 128,17). Ein Gedicht Schmids auf Zwinglis Tod ist erhalten geblieben. —Lit.: Georg Finsler, Epitaphien auf Huldreich Zwingli, in: Zwa Il 421; HBD 34,4f; Blarer BW, Reg.; Z VII 84, Anm. 1; Bopp Nr. 1297; Frieda Maria Huggenberg, Ein Helfer Zwinglis. Zum Jubiläum von Stein am Rhein im Frühjahr 1957, in: Reformatio, Jg. 6, 1957, S. 97-102; Oskar Vasella, Zur Biographie des Prädikanten Erasmus Schmid, in: ZSKG L, 1956, 353-366; Oskar Vasella, Der Ittinger Sturm im Lichte österreichischer Berichte (1524), in: Reformata reformanda, Festg. f. Hubert Jedin zum 17. Juni 1965. Hg. v. Erwin Iserloh und Konrad Repgen, I, Münster Westf. (1965). — RGST, Suppl. bd. I/1, S. 365-392; HBLS VI 205; Pfarrerbuch 506; s. oben, S. 104, Anm. 27.
9 Siehe oben, S. 219, Anm. 1.

52

BERCHTOLD HALLER AN
BULLINGER
[Bern],
28. Dezember [1531]

Autograph: Zürich StA, E II 343, 44 1/3 fol. S., sehr gut erhalten, mit Siegelabdruck Gedruckt: Füssli I 89-91

Entschuldigt sich wegen seiner früheren Klagen und Fragen, berichtet über neue Bestrebungen hinsichtlich der Exkommunikationsordnung in Bern, bittet um Bullinger: Hilfe für Megander und um Nachrichten über den angeblichen Zuzug von Zürcher Söldnern nach Frankreich.

Gratiam et pacem a domino.

Non dubito, cordatissime Huldrice [!], quin a Funckio Bernate 2 meas acceperis litteras 3 quibus ita morosum atque molestum tibi proculdubio me facio, quod malis Berchtoldum nunquam novisse, quam sua ignorantia a suisque neniis et quaestiunculis ita onerari et urgeri; sed certe charitas erga me tua iam dudum mihi perspecta a cogitationibus huiusmodi retrahit. Quod igitur in multis tuo consilio tuaque ingenii dexteritate [!] b indigeo atque expostulo, non graveris vel per Funckium vel hoc nuncio 4 respondere; singula enim sunt, quae movebuntur, quibus citra longam meditationem satisfacere nequeo.

Hac hora accipio a parochis quibusdam, quod ministri excommunicationem verbi a senatu impetrare nituntur 5 . In promptu sunt, quae olim ad me scripseras ea de re 6 , que item ante annum Oecolampadius 7 in comitiis Aroensibus legatis christiane olim civitatis obtulerat 8 . Locutus sum et ego Aroe prima augusti huius

a Aus sue ignorantie unvollständig korrigiert: das zweite e blieb.
b vor dexteritate gestrichen tua [?].
1 Siehe oben, S. 205, Anm. 1.
2 Wahrscheinlich Meister Hans Funk, geb. vor 1470 in Zürich, gest. vor 1545, hervorragender Glasmaler. Seit 1499 in Bern wohnhaft, nahm er 1504 am Zürcher Freischießen teil (Glückshafenrodel I 182); 1519 Mitglied des Großen Rates in Bern (ABernerRef 495. 1102). Funk gilt als bedeutendster bernischer Glasmaler seiner Zeit; er lieferte Scheiben zu profanen und kirchlichen Zwecken. Den Rückgang seines Gewerbes in der Reformationszeit verspürte er zunächst kaum; er nahm auch weiterhin Bestellungen aus benachbarten katholischen Orten an. Funks Leben endete tragisch: 1539 erstach er im Streit einen Glasmaler, floh nach Zürich und lebte dort in Verbannung. Er starb möglicherweise bereits 1539/40, jedenfalls vor seiner Frau, die 1545 als Witwe erscheint. Ob ihn Bullinger bereits 1528 in Bern kennengelernt hat, oder erst bei der Übergabe von Hallers Brief, läßt sich nicht sagen. — Lit.: Hans Lehmann, Die Glasmalerei in Bern am Ende des 15. und Anfang des 16. Jahrhunderts, in: Anzeiger für schweizerische Altertumskunde, NF, Bd. XVI, 1914, S. 306-324; Bd. XVII, 1915, S. 45-65. 136-159. 217-240. 305-329; Bd. XVIII, 1916, S. 54-74. 135-153. 225-253; HBLS III 360; Schl. 6843-6845.
3 Der Brief ist nicht erhalten geblieben.
4 Unbekannt.
5 Nämlich auf der auf den 9. Januar 1532 festgesetzten Synode. — Zur Frage des Bannes und zur Vorgeschichte dieser Aktion s. oben S. 207, Anm. 7.
6 Siehe oben Nr. 39.
7 Siehe oben S. 197, Anm. 1.
8 Der Text des Protokolls über das auf dem Burgrechtstag in Aarau vom 27. September 1530 gehaltene, die Kirchenzucht betreffende Referat Oekolampads ist u. a. gedruckt: Oekolampad BA II 782 (weitere Angaben über Manuskripte und Drucke s. ebenda, Anm. 1).

anni cum Oecolampadio 9 , et certe eo veneramus, quod ritus noster in mulctandis malis non adeo absurdus illi videbatur, nisi quod contendebat suum scripture et verbo viciniorem alienumque esse debere a functione nostra, quod ordinatis a magistratu iudicibus assideremus; sic enim ecclesie adimi auctoritatem et totam reiici in magistratum, nosque et verbum nostrum ob hanc judiciariam functionem odiosos reddi. At ego spero senatum nihil immutaturum, nisi prius a fratribus etiam aliarum ecclesiarum consilia susceperimus 10 .

Megander 11 noster adhuc quiescit, ad cuius causam probe diluendam te quoque expecto 12 Velim tamen priores litteras omnino igni commendares, ne per alios, quibus id tu crederes, male de me suspicari posset; nolim enim quempiam facile offendere 13 .

Ceterum audimus hic et Tigurinos Gallorum regi milites admisisse; quod si ita fuerit, statim actum erit per totam Helvetiam de verbo dei. lusserat dominus Imm Hag 14 , ut a te veritatem percontarer 15 . Obsecro igitur per communem nobis Christum, respondeas ad omnia. Pellicanum 16 urge, ut et ipse credat, si que fuerint annotationum suarum excuse 17 .

9 Zur Besprechung zwischen Oekolampad und Haller s. Oekolampad BA II 901.
10 Von einem weitern Vorstoß in dieser Angelegenheit ist nichts bekannt, vgl. u. a. Kurt Guggisberg, Bernische Kirchengeschichte, Bern (1958), S. 153. 179.
11 Siehe oben S. 214f, Anm. 53.
12 Meganders Streit mit der Obrigkeit (s. oben S. 229,18f und S. 236,10ff) wurde schließlich durch die Vermittlung Wolfgang Capitos auf der Berner Synode vom 9. bis 14. Januar 1532 geschlichtet (ABernerRef 3279; vgl. Guggisberg, aaO, S. 1470; Otto Erich Strasser, Capitos Beziehungen zu Bern, Leipzig 1928. —QASRG IV, S. 77-82).
13 Bullinger scheint diesem Wunsch entsprochen zu haben; der letzte, diesem vorausgegangene Brief ist jedenfalls nicht erhalten geblieben.
14 Sicherlich Peter Im Haag, gest. 1564, Sohn des Ratsherrn Gilg Im Haag, wurde 1514 Mitglied des Großen Rates, 1517 des Kleinen Rates, war 1518-1522 Landvogt zu Bipp. 1528 wurde er Bauherr, dann Venner für je vier Jahre: 1529, 1536, 1546 und 1554. Im Haag war am Oberländerfeldzug 1528 (s. Z IX 584,2), an beiden Kappeler Kriegen und den darauffolgenden Friedensverhandlungen sowie an zahlreichen Ratsabordnungen beteiligt (ABerner Ref. Reg.). Als Freund der Reformation stand er zu Zwingli in freundschaftlicher Beziehung (s. Z XI, Reg.); seine Ehrlichkeit und große Erfahrung werden von Zwingli anerkennend erwähnt (Z IX 401,3). Im Haag war einer der beiden Berner Abgeordneten, mit denen sich Zwingli im August 1531 am Ende der Tagsatzung in Bremgarten vertraulich unterhalten hatte (HBRG III 48). Über seinen Tod schreibt Johannes Haller in seiner Chronik: «Den 3. October 1564 starb Herr Peter im Hag, alt Venner,... ein frommer gottsförchtiger Mann und der ersten einer, so das Evangelium hie helfen fürderen», (zitiert Z IX 115, Anm. 11). Als Abgeordneter auf den Tagsatzungen vom Juni, Juli und August 1531 berichtete Im Haag den zürcherischen Gesandten in vertraulichen Gesprächen über die Verhandlungen, politischen Auseinandersetzungen und Gegensätze im Berner Rat. Da diese Informationen jedoch durch eigene Parteinahme gefärbt und gewissermaßen gefälscht waren, trugen sie dazu bei, daß in Zürich die Politik Berns verkannt und für Zürich günstiger dargestellt wurde, als sie in Wirklichkeit war. Bullinger kannte Im Haag wahrscheinlich seit der Berner Disputation von 1528. Im Sommer 1531 traf er ihn wohl öfters während der Tagsatzung in Bremgarten; das letzte Gespräch der Berner mit Zwingli fand in Bullingers Haus statt (s. oben). Im Zweiten Kappeler Krieg hielt sich Im Haag als Venner mit den bernischen Truppen wieder in Bremgarten auf (HBRG III 184).—Lit.: HBRG 11192; Peter Lauterburg, Die Informationstätigkeit der zürichfreundlichen Berner. (Zwei Beispiele aus dem Jahr 1531), in: Zwa XII 207-221; LL IX 375; HBLS IV 337.
15 Die Nachricht war falsch; Zürich hielt an seinem in weiten Kreisen unpopulären Verbot des Reislaufens fest.
16 Siehe oben S. 201f, Anm. 11.
17 Wie auch andere, drängte Haller auf die Herausgabe von Pellikans Kommentaren zum Alten Testament, von diesen erschien im August 1532 der erste Band (freundliche Mitteilung von Herrn Christoph Zürcher, Biel).

Vale et perpetuo barbariei parce.

28. decembris.

Tuus ex animo et ad aram

B. Hallerus c

[Adresse auf der Rückseite:] An Meister Heinrich Bullinger, predicanten ze

Zürich, sinem günstigen und eerenden herren.

c daneben eine Bemerkung von späterer Hand über den Abdruck bei Füssli.

53

HEINRICH LÜTHI AN
BULLINGER
[Winterthur],
31. Dezember 1531

Autograph: Zürich StA, E II 355, 35 1 fol. S., sehr gut erhalten, mit Siegelabdruck Ungedruckt

Beglückwünscht ihn zu seiner Wahl zum Nachfolger Zwinglis und bittet um Unterstützung für den in seiner Gemeinde durch die katholische Opposition hart bedrängten Amtsbruder Michael Schlatter.

Heinricho Bullingero Heinrichus Luthius Christum felicitatem ex animo optat.

Vehementer equidem non ita pridem duplici nomine exhilaratus sum, simulatque rumor certus apud nos increbuisset, Zuinglii 2 te (cuius immatura mors propemodum me enecat) apud Thugurinos [!] predicandi evangelii provinciam hui duram sane, at honestam in te susceperis [!]; partim ob ecclesie tue felicitatem, quod sciam illi optime consultum, cui tam fidus ac vigilans pastor dei bonitate obvenerit, partim quod a sperem nos, qui in agro Thigurino evangelium praedicamus, haud mediocriter fortunatos, qui alium patronum nacti sumus, ad quem rebus dubiis aut si quid alias urgeat, confugere liceat tanquam ad extremam, quod aiunt, anchoram 3 . Tu vero pro virili dabis operam, qui munus tuum sic exornes atque talem agas episcopum, qualem te fore plerique sibi pollicentur, scilicet prudentem, purum, incorruptum, publice pacis mire studiosum, modestum, qui tua modestia vel male sanos atque repugnantes ad veritatem amplectendam inducturus sis, que sane sepenumero plus potest quam quorundam importuna vehemencia ac peccatores insectandi mordacitas. Prudencia quadam nosti temperandam esse orationem, ut nec libertas exeat in convicium, ne [c] levitas sapiat adulacionem aut metum.

a vor quod gestrichen ob.
1 Heinrich Lüthi (Luthius, Lucius), gest. 1552 oder 1555, aus Wädenswil (Kt. Zürich), studierte seit dem Sommersemester 1511 in Basel (s. Basel, Matrikel I 308) und wurde Magister. Vielleicht ist er jener «her Heinrich», den der Rat von Schwyz, nachdem er dort ein Jahr lang Priester gewesen, Ende 1518 Zwingli als Helfer empfahl (Z VII 121f). Lüthi war wahrscheinlich bereits 1520 Helfer am Großmünster, wo er 1521-1523 mehrfach bezeugt ist. Auf Zwinglis Empfehlung kam er im Sommer 1523 nach Winterthur, zunächst als Verweser, seit 1525 als zweiter Pfarrer, und wirkte bei der Durchführung der Reformation wesentlich mit. 1523 beteiligte sich Lüthi an der Zweiten Zürcher Disputation, 1528 an der Berner Disputation; 1531 zog er mit der Mannschaft von Winterthur in die Schlacht von Kappel mit. Bullinger und Lüthi kannten sich spätestens seit der Berner Disputation. Mehrere Briefe von Lüthi an Bullinger sind erhalten. — Lit.: HBRG I 131.429; Bosshart 276,18, Anm.3; Wyss 81; Z VIII 78 f, Anm.2; IX 40, Anm. 1; Hans Vogel, Ein Freund Zwinglis an der Winterthurer Stadtkirche, in: Sonntagspost. Wöchentliche Beilage zum «Landboten und Tagblatt der Stadt Winterthur», Jg. 81, Nr. 44, 3. November 1961, S. 1f; Pfarrerbuch 415; HBLS IV 722.
2 Siehe oben, S. 67, Anm. 6.
3 Vgl. Adagia, 1, 1, 24 (LB II 35f).

Porro, Heinriche humanissime, rogavit me eciam atque eciam Michael Schlatterus 4 homo in litteris et divinis et humanis impense doctus, quod se tibi commendem; quod eo lubencius nuper epistolio ad se dato me facturum recepi, quod sciam optimos quosque tibi alias esse commendatissimos. Ipse vero sibi persuasit tue humanitati aliisque qui istic sunt fratribus meo testimonio se fieri commendatiorem. Quo circa hominis fidei deesse nolui, quandoquidem erudicio illius et pietas in Christum digna est, que ab omnibus vere piis deametur, foveatur. Quod si b apud te minus mea valebit authoritas, sarciet c forte familiaritas, quae tibi cum illo ab hinc iam aliquott [!] annis intercessit, cum uterque Thiguri grecis litteris navaretis [!] operam 5 , magna certe laude, nec minore fructus accessione. Hic noster frater sane eo est in loco, ubi plerique veritati reclamant, propediem aram denuo extructuri, mox eciam sacra facturi 6 Iam percontantur de sacrificulo aliquo, quem ubi nacti fuerint, mox suam impietatem d auspicabuntur, homines male feriati. Quod si evenerit, quod omnino metuit eventurum, proximum erit, ut aut suam annuam pensionem, quae vix sibi sufficit, cum sacrificulo partiri aut penitus locum mutare cogatur e, quo fit, ut bonus vir mops sit omnis cum consilii tum auxilii. Cui te ita adesse velim, ut senciat non nihil ad se consolacionis ob mei commendacionem accessisse, maxime si aliquando intelligas hunc nostrum Michaelem a praedicandi munere amotum, quod f est in proclivi, tum saltem eam humanitatem declares, quam soles contra omnes. Alia condicione opus habebit, qua liceat vite necessitatem cum uxore ac liberis sustinere.

b aus sit korrigiert.
c das t am Ende von sarciet daruntergeschrieben.
d nach impietatem gestrichen suam.
e cogatur auf einem am Rande angeklebten Papierstück nachgetragen.
f vor quod gestrichen tum saltem.
4 Michael Schlatter, gest. 1556, von Wädenswil (Kt. Zürich), hielt sich 1527 zum Studium in Zürich auf (s. weiter unten Z. 9f). 1529-1533 wirkte er als Pfarrer im Thurgau, möglicherweise in Frauenfeld (vgl. Z X 382,9 f; Sulzberger 1 f) und stand nach dem Zweiten Kappeler Krieg unter einem wachsenden Druck der katholischen Opposition in seiner Gemeinde (vgl. unten Z. 11ff und Schlatter an Bullinger, Frauenfeld, 9. August [1533], Zürich StA, E II 375, 725), dem er schließlich weichen mußte. Seit 1534 war Schlatter Pfarrer in Wädenswil, trat jedoch 1540 zurück, weil seine Gemeinde die Altäre trotz langjähriger evangelischer Predigt nicht abbrechen wollte (Synodalakten, 11. Mai 1540, Zürich StA, E II 1, 249r.; Albert Keller, Zum Gedächtnis der Einführung der Reformation in Richterswil, 12. Mai 1529, Richterswil 1929, S. 14f. 17). Es ist darum eher unwahrscheinlich, daß Michael Schlatter mit dem 1538/39 in Thun wirkenden gleichnamigen Schulmeister identisch sein könnte (gegen Lohner 358. 360. 472). 1540 wurde Schlatter Pfarrer zu St. Jakob in Zürich, 1541 oder spätestens Anfang 1542 Pfarrer in Biel (vgl. Meier und Rat zu Biel an die Zürcher Geistlichen, 27. März 1542, Zürich StA, E II 359, 2799), wo er 1551 mit seinem Amtskollegen Jakob Funkli in Streitigkeiten geriet und sich zu Bullinger begab, wohl um sich nach anderen Möglichkeiten umzusehen. Er wurde 1552 nach Köniz (Kt. Bern) berufen und Ende 1552 zum Helfer am Münster in Bern gewählt (s. bes. Johannes Haller an Bullinger, 14. Dezember 1552, Zürich StA, E II 370, 183), wo er bis zu seinem Tode amtete. Schlatter war mit Bullinger spätestens seit 1527 bekannt; zahlreiche Briefe von ihm an Bullinger sind erhalten. — Lit.: Eduard Bähler, Dekan Johannes Haller und die Berner Kirche von 1548 bis 1575, in: Neues Berner Taschenbuch auf das Jahr 1924, Jg. 29, Bern 1923, S. 58-62; Pfarrerbuch 504; HBLS VI 194.
5 Bullinger hielt sich vom 23. Juni bis 14. November 1527 zur Fortsetzung seines Studiums in Zürich auf (HBD 11,8-13).
6 Zum hier nicht genannten Ort s. oben Anm. 4.

Vale feliciter ac deus optimus maximus diu servet te nobis incolumem.

In profesto circumcisionis Christi, cum g modo 1532 h annus esset pro foribus.

Salutabis meis verbis coniugem tuam 7 una cum tota familia, quibus hunc natalem et plurimos alios quam felicissime agant, totis opto animis, tuorum vero studiorum eterna cum laude perpetuo florentem gloriam, quam ut i fingendo et cudendo in k reipublicae christiane profectum subinde augeas, dii faxint.

[Adresse auf der Rückseite:] Erudito viro domino Heinricho Bullingero, apud Thigurinos facundissimo verbi divini preconi, domino et amico incomparabili.

g vor cum etwas gestrichen.
h vor 1532 wahrscheinlich gestrichen an [nus].
i ut übergeschrieben.
k in irrtümlich doppelt.
7 Anna Adlischwyler, s. oben S. 126, Anm. 1.

ANHANG I

II NN

CHRISTOPH STILTZ AN
JOHANNES ENZLIN
Wildberg,
31.Januar 1526

Abschrift Bullingers: Zürich ZB, Msc A 82, 98v. —100r. 3 1/2 fol. S., sehr gut erhalten Ungedruckt

In Beantwortung der Briefe Bullingers und Enzlins lehnt Stilt~deren reformatorischen Standpunkt ab und versucht einzelne Punkte zu widerlegen: Die Rechtfertigung aus Glauben allein, die Ablehnung der Messe, die ungünstige Beurteilung von Erasmus' Schrift «De libero arbitrio». Er wirft den Reformatoren Uneinigkeit und Streitsucht vor und wendet sich vor allem gegen Zwinglis symbolische Abendmahlsauffassung.

Christophorus a Stiltz loanni Enslino presbytero suo salutem in Christo Jesu domino nostro.

Litteras tuas 3 una cum alteris 4 aliena manu descriptas accepi legique. In quibus animum in me tuum sentio quidem et amplector, verum institutum tuum non undiquaque probo, vel quod tu tuique similes vobis ipsis plus satis tribuitis, vel quod ceteros pre vobis quasi umbellas contemnatis; illos, inquam, qui pulmentum a vobis intritum exedere nolunt. Omnibus modis contemnis M. Ioannem Hagnoverum 5 Tigurinum, id quod Paulus, imo Christus vester non docuit. Quid autem? Nempe ut humilitate, tollerantia [!], familiaritate, atque (ne omnia prosequar) christiana mansuetudine et exemplo eos, qui mali sunt aut certe Christum non noverunt, meliores reddamus et Iesum vindicem nostrum etiam moribus illo dignis, nedum ore expri-||99 r. mamus. Multa scribis de verbo dei, quod si tu tuique similes tantam gratiam a deo patre nacti estis, ut etiam Divus Hieronymus, Augustinus ceterique id genus homines et eruditi et pii prae vobis nihil sint. Unde, queso tibi, a

oben aRvB als fortlaufende Überschrift: Copia epistolae Christophyli Stiltzii Ferimontani.
1 Siehe oben, S. 85, Anm. 2.
2 Siehe oben, S. 85, Anm. 1.
3 Nicht erhalten.
4 Oben Nr. 13. 5
Grund für das negative Urteil Enzlins könnte die zurückhaltende Einstellung Hagnauers gegenüber der Reformation gewesen sein. Johannes Hagnauer (Hagnower), Magister, seit 1501 Chorherr am Großmünster (Regesten zur Schweizergeschichte aus den päpstlichen Archiven 1447-1513, gesammelt und hg. v. Bundesarchiv in Bern, H. 6, Die Pontifikate Alexanders VI., 1492-1503 und Pius' III., 1503, bearb. v. Caspar Wirz, Bern [1918], Nr. 728, S. 276f), später auch Schenkhofer (Vinarius) und Pfleger (AZürcherRef 889. 1833). Er stimmte 1518 gegen Zwinglis Berufung als Leutpriester (Farner II 304), auf der Zweiten Zürcher Disputation 1523 zeigte er mit wenigen Worten seine Zustimmung zum Votum Hubmaiers gegen die Bilder an (Z II 764,1ff), 1526 zusammen mit dem Chorherrn Erhard Wyß wegen seines Widerstandes gegen die Reformation des Stiftes eingesperrt, doch bald wieder freigelassen (AZürcherRef 1064; Theodor Pestalozzi, Die Gegner Zwinglis am Großmünsterstift in Zürich, Diss. phil. Zürich 1918, S. 81 ff; Jacques Figi, Die innere Reorganisation des Großmünsterstiftes in Zürich von 1519 bis 1531, Diss. phil. Zürich, Affoltern am Albis 1951, S. 62), auf der Synode vom 19. Mai 1528 wurde seine reformationsfeindliche Haltung festgestellt («M. Hans Hagnower ist widerig dem helgen Gotteswort; ouch hat er einen zuogang mit lüten, die dem Gottswort widerstrebent», AZürcherRef 1414, S. 621), er starb am 11. Oktober 1539. Außer der erwähnten Literatur s. noch: Leo Weisz, Quellen zur Reformationsgeschichte des Großmünsters in Zürich, in: Zwa VII 69 f. 79. 87; Jakob Wipf, Michael Eggenstorfer, der letzte Abt des Klosters Allerheiligen, und die Anfänge der Reformation in Schaffhausen, in: Zwa IV 161-163; Die Statutenbücher der Propstei St. Felix und Regula (Großmünster) zu Zürich, hg. v. Dietrich W. H. Schwarz, Zürich 1952, S. 309. 326; Pfarrerbuch 318.

haec superstitio? An non credam Hieronymo, et vobis credam? Ille Christum etiam factis expressit et suam doctrinam confirmavit, vos vero non facta Christo digna, sed fidem (nescio qualem) etiam sine operibus praefigitis. Sed audi, mi fili, non me, imo Christum in evangelio loquentem: «Ex operibus eorum cognoscetis eos» [Mt 7,16], et iterum: «Luceat», inquit, «lux vestra coram hominibus, ut videant vestra bona opera glorificentque patrem vestrum, qui est in coelis» [Mt 5,16]. An nescis, si fisi fuerimus deo, opera bona ultro consequi? — quae quidem non a nobis, imo a deo patre proficiscuntur per Iesum Christum. Sed quid ego talia, vel sexcentis negotiis distractus!

Conquereris de me, quod non scripserim; at ego conqueror et expostulo, quod tu non rescripseris. Ceterum nihil est quod loanni Hagnover 6 scripserim, quam quod institutum tuum displiceat; non, inquam, quod uxorem duxeris, quod quidem Christus non prohibuit, sed quod sic duxeris, ut ipsi adhereas, Christum vero dimittas. Qui sic inquies? Nempe quod eo dementiae delapsus es, ut cum ceteris non sacrifices, hoc est missam, ut dicitur, aut legas aut decantes. Hui, iam plenis lateribus paratus es et iam quasi exurgis in me, scio; sed ausculta per Christum Iesum, mi fili. Christum in missa non offerimus aut sacrificamus, qui semel pro peccatis nostris oblatus est, sed preces nostras, quae extra consecrationem effunduntur ad patrem, etiam ipso Luthero teste; ipsum lege de sacramento altaris 7. Quod si Lutherus non suffitiat (id quod tamen apud nos increbuit), ecce iam tuo te iugulo gladio 8 , nec quicquam est, quod possis praetexere, quam fidem tuam, nescio quam, non secus ac Rütlingius quidam coriarius 9 , qui in Tagerscheim 10 cum rusticis inter pocula disputans de fide, ut fit, coram me et ceteris adseruit non esse infernum nec infernum ex scriptura posse probari, cumque ego adsererem ex scriptura, eo perversitatis delapsus, ut etiam negaret regnum coelorum. Vide, mi fili, quam facile credimus ac a vero recedimus. Verum est quod refero, etiam 20 testibus aut plus probabile.

Porro suboriuntur quidam rumores apud nos, quod Lutherus, Pomeranus, Zuinglius, Matheus Alber Rütlingensis et fortassis quidam alii digladientur inter sese mutuo etiam pessimis convitiis 11 Lutherus adserit missam 12 , ceteri contemnunt,

6 Siehe oben, Anm. 5; der Brief an Hagnauer ist nicht erhalten, die Beziehungen zwischen Stiltz und Hagnauer ließen sich anderweitig nicht aufhellen.
7 Wahrscheinlich bezieht sich Stiltz auf Luthers «Sermon von dem neuen Testament, das ist von der heiligen Messe», 1520, wo unter anderem gesagt wird «Was sollen wir den opffern? Uns selb und allis was wir haben mit vleyssigem gepeet, wie wir sagen <dein will geschehe auff der erden als ym hymel>, Hie mit wir uns dargeben sollen gottlichem willen, das er von und auß uns mache, was er wil noch seynem gottlichen wolgefallen, dartzu yhm lob und danck opffern auß gantzem hertzen fur sein unaussprechliche süsse gnade und barmhertzickeit die er uns in dißem sacrament zugesagt und geben hat. Und wie woll solchs opffer auch aussen der meß geschicht und geschehen sol, denn es nit nötlich und weßenlich zur meß gehört, wie gesagt ist, ßo ists doch köstlicher, fuglicher, stercker unnd auch angenhemer, wo es mit dem hauffen und in der samlung geschicht, da eyns das ander reytzt, bewegt und erhitzt, das es starck zu gott dringt und damit erlanget on allen zweyffel, was es wil», WA VI, 368,5-16; s. den Abschnitt «Gebetsopfer» bei Vilmos Vajta, Die Theologie des Gottesdienstes bei Luther, Göttingen 1959 3. — Forschungen zur Kirchen- und Dogmengeschichte, Bd. I, S. 295-309.
8 Siehe Otto 154, Nr. 759.
9 Der hier beschriebene Vorfall ließ sich anderweitig nicht nachweisen.
10 Dagersheim, Kreis Böblingen, Baden-Württemberg.
11 Zu den Auseinandersetzungen zwischen Luther, Bugenhagen, Zwingli, Alber u. a. über das Abendmahl s. Köhler, ZL I 61 ff.

confessionem etiam auricularem ille admit-||99v tit 13 , hi consternunt. Cui credam? Ubi scriptura illa facilis, quam vel idiotae intelligere debent, ut homines illi doctissimi non intelligant aut certe non consentiant? Sed quid effecerunt suis illis temere scriptis? Nonne plus quam 10000 virorum in exitium promoverunt? Quot viduas, quot orphanos fecerunt? O bone Jesu, succurre imbecillitati humanae! Non tamen eam culpam in ipsos reiicio [!], sed pro maiori parte in perperam intelligentes. In summa tamen hoc unum prae ceteris displicet in Lutheranis universis, quod convitiis lacessunt singulos; quasi b in hoc uno certamen susceperint c .

Sed quid ago? Tute me compulisti talia scribere illa tua eleganti satisque pia epistola 14 , quam tuo nomine quidam eruditus homo conscripsit, cui et meo nomine salutem dicas, rogo, in Christo, atque hortare, ut stilum illum suum exerceat in gloriam Christi, non hominum. Familiariter scripsit, sed in hoc uno duriusculus videtur, quod mihi tribuit me Divo Hieronymo aut «patribus spiritum ita tribuere, ut nihil fere reliqui faciam deploratissimi nostri aevi hominibus». Non ita sane stat mea sententia, imo nulli hominum quicquam tribuo, ni sua probarit ex scriptura. At Hieronymum et Augustinum reliquosque patres, qui scripta sua etiam exemplo et vita homine christiano dignis confirmaverunt, praefero iis, qui fidem etiam sine operibus bonis astruunt, quasi homini christiano sufficiat credidisse sine consequentibus operibus. Verum hoc Christus non docuit, ut supra patuit. Ceterum, quod scribit, vos propterea non cantaturos palinodiam, nec ego propter vos palinodiam canam, nisi probaveritis vestra scripturis, sed non adseretis, opinor, omnia.

Et haec quidem de Erasmo nostro, cuius opusculum «De libero arbitrio» mirum est quam contemnat, non tamen eiusmodi nervis, ut mihi persuadere d possit, ut Erasmum aut culpem aut contemnam. Adserit libellum hunc «nedum impium sed blasphemum», non autem addit rationem; hoc est, quod sibi plus tribuit quam Erasmo. At ego nulli quicquam impudentius tribuo, Christo omnia tribuo. Verum Erasmus noster illis verbis fucatis nondum cecinit palinodiam, quamvis ille dicat eum plus curare de numero quam de energia, hoc est efficatia. Quod si hoc verbo aliquid probavit: «Ubi vero Gordii aliquis se offert nodus, deus bone, quam misere se misellus torquet Erasmiolus» — iam plane convictus est meus Erasmus. Pollicetur quidem scripturas, nullas autem profert, quasi sibi

b nach quasi gestrichen de [?].
c aus susceperient [?] korrigiert.
d aus persuadeat korrigiert.
12 Luther behält zwar den Namen «Messe» bei und läßt diese als Gabe Gottes gelten, wendet sich aber scharf gegen ihren Opfercharakter, s. Vajta, aaO, S. 43ff.
13 Siehe z. B. «De captivitate Babylonica ecclesiae praeludium», 1520: «Occulta autem confessio, quae modo celebratur, et si probari ex scriptura non possit, miro modo tamen placet et utilis, imo necessaria est, nec vellem eam non esse, immo gaudeo eam esse in Ecclesia Christi, cum sit ipsa afflictis conscientiis unicum remedium», WA VI 546,11-14. Luther anerkennt die guten Seiten der Privatbeichte, doch macht er mehrere Einwände gegen die traditionelle Ohrenbeichte geltend, s. den Abschnitt «Ohrenbeichte - Privatbeichte» bei Erich Roth, Die Privatbeichte und die Schlüsselgewalt in der Theologie der Reformatoren, Gütersloh 1952, S. 42ff.
14 Oben Nr. 13, zu der folgenden Auseinandersetzung mit Bullingers Brief s. die Erläuterungen oben S. 85-88.

etiam sine scriptura credendum sit. || 100r. Erasmum non defendo, qui hominem non novi, nec eum culpo, qui par efficere nequeam. Porro de libero arbitrio illis relinquo questionem, qui pulmentum intriverunt, atque nihil omnino est, quod non boni consulam, quam si convitiis incesseris optime de nobis meritos. Quod si Erasmum adeo in theologia spernit, cur non spernit et alios, qui novos ritus in re arduissima etiam sine scripturis inducunt? Veluti Zuinglius tuus, cuius libellum seu epistolam de eucharistia 15 vel praecursu videre licuit, et casu incidi in locum, ubi de cardine rei 16 disserit et adducit duos, ut opinor, locos, ubi «est» ponitur pro «significat», ac continuo infert «est» in hac propositione «Hoc est corpus meum» [Mt 26,26; 1 Kor 11,24] poni pro «significat» 17 . Ceterum pari ratione consequetur, quod «est» in hac oratione «loannes Enslin est homo niger» etiam poneretur pro «significat» sensusque esset: «Ioannes Enslin bedeut ein schwartzen menschen». Ex hoc consequeretur te non esse nigrum, et tamen es niger, ni cutem novam una cum fide nova indueris. Simili consequentia sequerentur sex mille propositiones, et in summa sequeretur, quod «est» non significaret «est» et iam deesset vocabulum, quo mentis adfectum exprimeremus, nisi malis «existit» aut «forem». Et, ut sophistam interim agam, ex singularibus non consequitur universale 18 . Quod si sacramentum solumodo significat corpus Christi, cur non etiam sequeretur quemvis panem significare corpus Christi, si in nomine Iesu sumatur, quando utrumque iuxta non sit corpus Christi.

In hunc fervorem adigit me irreverentia sacramenti, nec tamen negotia, quibus in diversum distrahor, sinunt me prosequi quod incoepi, nec iam quicquam est, quod praetexam, quam Christum Iesum in evangelio Paulumque Corinthiis in 1. cap. 11, [23ff] scribentem. Quod si non adsumunt, sinant me credere meo e more, et credant ipsi suo more.

Vale et resipisce.

Ex oppidulo Ferimontano, ultima ianuarii anno virginei partus 1526.

e aus suo korrigiert.
15 «Ad Matthaeum Alberum, Rutlingensium ecclesiasten, de coena dominica Huldrychi Zuinglii epistola», 1524, gedruckt März 1525, Z III 322ff.
16 Adagia, 1, 1, 19 (LB II 33 F); Otto 76, Nr. 351; an der von Stiltz angeführten Stelle benützt Zwingli selbst den Ausdruck «cardo rei», «Nos [345] cardinem huius rei in brevissima syllaba versari arbitramur: videlicet in hoc verbo <est>, cuius significantia non perpetuo pro <esse>accipitur, sed etiam pro <significatur»>, Z III 344,9-345,3.
17 Z III 344, 9 ff.
18 Siehe oben S. 111, Anm. 72.

ANHANG IIANHANG II*

II 1

BULLINGER IM NAMEN VON WOLFGANG JONER AN
RUDOLF ASPER
Kappel,
30. November 1523

Autographe Abschrift: Zürich ZB, Msc A 82, 45r.—50r. 11 fol. S., sehr gut erhalten Ungedruckt

Im Namen von Abt Joner fordert er dessen durch die Reformationsfreundlichkeit Joners entfremdeten Freund Asper auf, die alte Freundschaft wieder herzustellen und ihm (d. h. dem Abt) auf dem Wege zum Verständnis und zur Anerkennung des reformatorischen Schriftprinzips zu folgen. Er schildert diesen Weg als seine eigene Erfahrung, wie er von den Scholastikern, besonders den Dekretisten, durch die Kirchenväter endlich zur Heiligen Schrift vorgestoßen sei, gibt eine theologische Begründung der «sola scriptura» und verteidigt diese gegen römisch-katholische Einwände.

II 2

BULLINGER
AN JAKOB [FREY?]
[Kappel],
16. November 1524

Autographe Abschrift: Zürich ZB, Msc A 82, 53r.—56r. 7 fol. S., sehr gut erhalten Ungedruckt

Ein für den Adressaten auf Wunsch Rudolf Weingartners verfaßtes Schreiben über das Abendmahl, worin sich Bullinger vor allem gegen die Deutung des Herrenmahls als Meßopfer wendet.

II 3

BULLINGER
AN VERENA HUSER UND
ANNA KOLIN
[Kappel],
13. März 1525

Autographe Abschrift: Zürich ZB, Msc D 139, lr.—5v. 10 S. 4°, sehr gut erhalten Ungedruckt

Widmung bzw. Begleitbrief mit Anweisungen zur Lektüre seiner Kappeler Vorlesungen über den Römerbrief, die er nun zuschickt und sie damit zur fleißigen Beschäftigung mit der HI. Schrift ermuntern will.

II 4

BULLINGER AN
ANNA SUIDER
Kappel,
15. Juli 1525

Abschrift: Zürich ZB, Msc J 290, 127r.-137v. 22 S. 4°, sehr gut erhalten Ungedruckt

Auf Wunsch mehrerer befaßt er sich ausführlich mit der Abendmahlsfrage: er polemisiert gegen die Transsubstantiationslehre und den Opfergedanken in der Messe, gibt eine umfassende Auslegung von 1 Kor 11,17-30, und ermahnt die Empfängerin wie auch andere Leser des Schreibens, nur der HI. Schrift und sonst niemandem zu glauben.

II 5

BULLINGER AN
WERNER STEINER UND BARTHOLOMÄUS STOCKER
[Kappel],
10. Dezember 1525

Autographe Abschrift: Zürich ZB, Msc A 82, 81r.-89v. 181/2 fol. S., sehr gut erhalten Ungedruckt I

Auf Wunsch der beiden als Empfänger genannten Pfarrer in Zug bzw. der dortigen kleinen evangelischen Gemeinde legt Bullinger seine Abendmahlsauffassung dar: einer ausführlichen exegetisch-dogmatisch-politischen Auslegung der Einsetzungsworte folgt eine dringliche Ermahnung an die Zuger, den «Götzendienst» der Messe abzuschaffen und das evangelische Abendmahl einzuführen.

II 6

BULLINGER AN
HEINRICH SIMLER
Kappel,
[Herbst 1525]

Autographe Abschrift: Zürich ZB, Msc A 82, 75r.-81r. 12 fol. S., gut erhalten Gedruckt: Simler II 90-112

Eine Darstellung vom Ursprung und Wesen der Taufe auf Grund der wichtigsten Bibelstellen, mit Betonung der Notwendigkeit der Kindertaufe, mitunter mit heftiger Polemik gegen die in Simlers Umgebung in Bern wirkenden Täufer.

II 7

BULLINGER AN
PAUL BECK
Kappel,
1526

Autographe Abschrift: Zürich ZB, Msc A 82, 116r.-119r. 6 1/2 fol. S., sehr gut erhalten Ungedruckt

Auf eine Anfrage von Beck nimmt Bullinger ablehnend zur Lehre vom Seelenschlaf Stellung; die Seelen der Verstorbenen schlafen nicht, sie leben mit Christus, die Leiber dagegen werden am Jüngsten Tage durch ihn auferweckt.

II 8

BULLINGER AN
RUDOLF [WEINGARTNER]
[Kappel,
Ende 1526?]

Autographe Abschrift: Zürich ZB, Msc A 82, 119 r. -122v. 7 fol. S., Fragment Ungedruckt

Auf Weingartners Anfrage wegen der Höllenfahrt Christi und wegen des «Erstickten» von Apg 15, 20 und 29, gibt Bullinger zunächst eine ausführliche Auslegung von 1 Petr 3, 19-20 u. a.; der Glaubenssatz: «Descendit ad inferos» sagt nach Bullingers symbolischer Auslegung nicht mehr, als daß Christi Erlösungswerk auch den früher Verstorbenen zugute kam. Von den Ausführungen über das «Erstickte» ist nur der Anfang erhalten geblieben.

II 9

BULLINGER AN
PETER SIMLER
[Kappel],
18.Januar 1527

Autographe Abschrift: Zürich ZB, Msc D 4, 2-4 3 fol. S., sehr gut erhalten Ungedruckt

Bullinger berichtet, daß die diesem Widmungsbrief folgende Auslegung des Galaterbriefes und anderer Paulusbriefe aus seinen Vorlesungen hervorging, ergibt einen Einblick in seine Methode der Schriftauslegung, widmet Simler die Arbeit und schließt mit einleitenden Worten zum Galaterbrief.

II 10

BULLINGER AN
WOLFGANG JONER,
PETER SIMLER UND
ANDREAS HOFFMANN
Kappel,
27. Dezember 1527

Gedruckt in: H. Bullinger: De origine erroris in negocio Eucharistiae ac Missae, 1528, Bl. 1v.

Die Leser sollten das nachstehende, von den Adressaten dieses Widmungsbriefes dringend gewünschte Werk aufmerksam und kritisch lesen, und durch die darin erfolgte Enthüllung von Irrtümern zur wahren Frömmigkeit geführt werden.

II 11

BULLINGER AN
JOHANNES BULLINGER
[Bremgarten,
Sommer? 1530]

Gedruckt in: H. Bullinger: Von dem unverschampten fräfel, 1531, S. CLXXIIf.

Die diesem Widmungsbrief nachfolgende Schrift habe er auf Wunsch des Adressaten verfaßt, um diesen in seiner Überzeugung hinsichtlich der weiteren Gültigkeit des biblischen Zehnten zu bestärken.

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